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Montag, 27. Mai 2013

Bahr-Interview

"Der Arztberuf ist immer noch attraktiv"

Interview mit:
Daniel Bahr
Quelle:
Sueddeutsche Zeitung

Im Interview mit der Süddeutschen Zeitung bringt Gesundheitsminister Daniel Bahr seine Wertschätzung für den Arztberuf zum Ausdruck. Gleichzeitig betont er den Veränderungsbedarf im Berufsbild - hin zu geregelten Einkommen und Arbeitszeiten sowie besserer Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Das geplante Anti-Korruptionsgesetz ist ein weiteres Thema.

Arzt misst Blutdruck Bahr: "Wir haben die Aufgabe, das Gesundheitswesen bezahlbar zu halten" Foto: Jens Komossa

Das Interview im Wortlaut:

Süddeutsche Zeitung (SZ): Wenn Sie im Berufsleben noch einmal anfangen könnten, würden Sie Arzt werden wollen?

Daniel Bahr: Ich habe damals den Medizinertest gemacht und hätte Arzt werden können. Mich hat aber das sehr verschulte Studium davon abgehalten.

SZ: Aber den Beruf finden Sie gut?

Bahr: Die Arbeit als Gesundheitsminister mache ich sehr gerne. Aber grundsätzlich finde ich den Arztberuf großartig. Immer wenn ich den Arbeitsalltag in einer Klinik oder bei Notärzten begleite, bin ich begeistert. Ärzte erhalten sehr direktes Feedback für ihre Leistung, und die Wertschätzung ist sehr hoch. Das zeigen uns doch auch die Umfragen.

SZ: Komisch, die Ärzteschaft scheint den Eindruck zu haben, dass sich das Ansehen ihres Berufs im Sinkflug befindet. Sie gibt 15 Millionen Euro für Werbung aus, um es zu verbessern.

Bahr: Das überrascht mich auch. Denn der Arztberuf findet eine enorme Anerkennung. Die vielen Studien oder manche überzogene Kritik der Krankenkassen hat für Unruhe gesorgt. Das scheint mir auch berufspolitisch begründet zu sein. Die Funktionäre klagen seit vielen Jahren lautstark über miserable Arbeitsbedingungen und schlechte Bezahlung. Jede Berufsgruppe hat gute Argumente, warum sie für ihre Anliegen wirbt. Aber natürlich muss jede davon aufpassen, ob sie ihren Beruf nicht zu schlecht darstellt.

SZ: ...und der Nachwuchs ausbleibt...

Bahr: Der Arztberuf ist immer noch attraktiv. Auch im Vergleich zu anderen akademischen Berufen kann man als Arzt gutes Geld verdienen, und man hat eine vielfältige Tätigkeit.

SZ: Die Ärztefunktionäre klagen aber beharrlich über zu wenig Geld.

Bahr: Nicht alles Wünschbare ist auch finanzierbar. Wir haben die Aufgabe, das Gesundheitswesen bezahlbar zu halten - vor allem angesichts der demografischen Entwicklung und des medizinisch-technischen Fortschritts. Klagen nehme ich ohnehin eher über das komplexe Vergütungssystem und nicht über die Höhe wahr.

SZ: Die Bundesärztekammer fordert in der privaten Gebührenordnung einen Inflationsausgleich von 30 Prozent. Ist das mit Ihnen zu machen?

Bahr: Ich kenne keine Berufsgruppe, die einen kompletten Inflationsausgleich bekommt. Ich hätte die ärztliche Gebührenordnung gerne erneuert. Aber private Krankenversicherer und Ärzteschaft konnten sich bei den Vorarbeiten leider nicht verständigen.

SZ: Was muss sich am klassischen Modell des Arztes in der Praxis ändern?

Bahr: 70 Prozent der Medizinstudenten sind Frauen, und die, aber auch die jungen Männer, haben eine andere Einstellung. Sie suchen nach geregelten Einkommen und Arbeitszeiten. Sie wollen eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

SZ: Das passt aber nicht zu den Bedingungen, die junge Ärzte vorfinden.

Bahr: Die derzeitigen Strukturen im Gesundheitswesen entsprechen einem überholten Gesellschaftsbild, wo der Mann 60 Stunden arbeitet und sich die Frau um Familie und die Kinder kümmert. Das muss sich ändern. Mit dem Versorgungsstrukturgesetz haben wir einiges auf den Weg gebracht, aber da muss noch mehr passieren.

SZ: An Kliniken sind viele junge Ärzte aber auch nicht glücklich.

Bahr: Stimmt. Ich kenne keinen Bereich, der so stark von Hierarchien geprägt ist wie zum Beispiel eine deutsche Universitätsklinik. Ein modernes Arbeitsklima und kluges Führungsmanagement sehen anders aus.

SZ: Die Mediziner ächzen unter viel Bürokratie, die den Spaß an der Arbeit versaut.

Bahr: Wir haben Bürokratie reduziert. Laut Jahresbericht haben unsere Maßnahmen im Gesundheitsbereich die größte Entlastungswirkung aller Ministerien erzielt. Da bin ich stolz drauf.

SZ: In Teilen der Ärzteschaft herrscht große Aufregung ob des Anti-Korruptionsgesetzes. Werden Ärzte an den Pranger gestellt?

Bahr: Ich bin sicher, dass es nur Einzelfälle sind, aber ich bin immer wieder überrascht: Wenn Beispiele korrupter Ärzte bekannt werden, fühlen viele Ärzte immer den gesamten Berufsstand angegriffen. In jedem Beruf gibt es schwarze Schafe, und wir müssen doch den Zustand abstellen, dass seit dem Gerichtsurteil des Bundesgerichtshofes Staatsanwälte nicht mehr gegen Korruption ermitteln können.

SZ: Die Länder haben einen eigenen Entwurf im Strafgesetz- und nicht im Sozialgesetzbuch, wie Sie es vorschlagen.

Bahr: Seit 20 Jahren wird über eine generelle Regelung für alle Freiberufler diskutiert, aber da gibt es viele berechtigte Bedenken. Das lässt die Initiative der SPD-regierten Länder außer Acht. Unser Weg ist schneller und besser umzusetzen. Ich will außerdem den freiberuflichen Arzt und keinen Arzt, der auf Anweisung der Krankenkasse seine Behandlungsentscheidungen trifft.

SZ: Die Privatärzte sind dann aber nicht von der Regelung erfasst.

Bahr: Der Privatarzt hat eben einen Vertrag direkt mit dem Patienten und nicht mit der Versicherung. Das ist ein wesentlicher Unterschied. Es gibt aber weniger als fünf Prozent Privatärzte. Alle anderen Ärzte behandeln gesetzlich und privat Versicherte. Was verboten ist, bleibt verboten und wird jetzt unter Strafe gestellt für alle medizinischen Berufe. Durch unsere Regelung wird eine Kultur entstehen, die alle schützt.

SZ: Die Ärzteschaft wird sich gegen die Bürgerversicherung und für die Trennung in gesetzliche und private Kassen aussprechen. Was halten Sie davon?

Bahr: Die Bürgerversicherung ist der Weg in die Einheitskasse. In Ländern, die so etwas haben, gibt es längere Wartezeiten und schlechtere Versorgung für die Menschen.

SZ: Dass Ihnen die Ablehnung der Bürgerversicherung gefällt, glauben wir gerne. Was ist mit dem dualen Markt?

Bahr: Ohne die Konkurrenz der beiden Systeme hätten wir eine schlechtere Versorgung. Beide, die gesetzliche und die private Kasse, haben Vorteile und Nachteile. Deshalb glaube ich, dass wir daran arbeiten sollten, die Vorteile beider weiterzuentwickeln und sie voneinander lernen zu lassen.

SZ: Es gibt derzeit hohe Finanzreserven im System. Nach Einschätzung der Regierung wird die hohe Beschäftigung anhalten. Die Überschüsse wachsen weiter. Müssen Sie nicht über eine Senkung des Beitragssatzes nachdenken?

Bahr: Der Satz ist im Gesetz festgeschrieben.

SZ: Das kann man ja ändern.

Bahr: Die FDP wollte den Satz nie so hoch haben, das war Bedingung aus der Union. Wir werden uns das nach der Wahl in Ruhe anschauen. Wir sollten froh sein, dass wir mal Überschüsse haben, und ich bin weder der Meinung, dass wir das Geld mit der Gießkanne verteilen sollten, noch bin ich der Meinung, dass wir den Beitrag senken müssen. Ich glaube, auch die Versicherten sind froh, dass wir mal eine gewisse Stabilität bei den Beiträgen haben.

SZ: Nächstes Jahr wird der Finanzminister erneut den Zuschuss kürzen.

Bahr: Das glaube ich nicht, denn die Ausgaben der Kassen steigen in diesem Jahr stärker als die Einnahmen.

Das Interview führten Guido Bohsem und Nina von Hardenberg für die Süddeutsche Zeitung

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