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Montag, 30. November 2009

Interview

"Geht nicht gibt´s nicht"

Interview mit:
Ilse Aigner
Quelle:
In der Zeitung "Die Welt"

Im Interview mit der Zeitung "Die Welt" kündigte Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner Traktoren mit Elektromotoren, Ställe mit Solardächern und moderne Fütterungstechniken zur Verringerung des Methanausstoßes an. "Die Herausforderung der Landwirtschaft liegt darin, eine Balance zwischen der notwendigen Produktion von Nahrungsmitteln und der Klimabelastung zu schaffen.", betonte die Ministerin.

Das Interview im Wortlaut:

Die Welt (Welt): Frau Aigner, Sie sind jetzt fast auf den Tag genau ein Jahr und einen Monat Ministerin für Landwirtschaft, Ernährung und Verbraucherschutz. Hat das Amt Sie verändert? Gehen Sie mit anderen Augen durch den Supermarkt?

Ilse Aigner (Aigner): Natürlich! Ich schaue mir die Produkte viel genauer an und achte auf die Packungsgrößen. Ich lese die Zutatenliste, um zu überprüfen, ob etwa in einem Joghurt auch wirklich enthalten ist, was mit dem Foto auf der Verpackung suggeriert wird. Da gibt es einige schwarze Schafe in der Branche, gegen die ich vorgehen will. Auf einer Internetseite sollen künftig solche Kennzeichnungsverstöße und Betrugsversuche veröffentlicht werden. Wo Käse draufsteht; muss auch echter Käse drin sein.

Welt: Prüfen Sie nach dem aktuellen Kreditkartenskandal auch Ihre Kontoauszüge genauer?

Aigner: Meine Kontoauszüge habe ich mir schon immer sehr genau angeschaut. Ich komme aus einem mittelständischen Betrieb, und da bin ich es gewohnt, sehr sorgfältig mit dem Geld umzugehen. Ich rate jedem, die Buchungen auf seinem Girokonto genau zu prüfen. Leider gibt es hier zunehmend Betrügereien. Ein Problem ist die unerlaubte Telefonwerbung. Viele Verbraucher bemerken nicht einmal, dass sie am Telefon einen Vertrag abgeschlossen haben. Und dann wird Geld von ihrem Konto abgebucht.

Welt: Oft sind die Älteren davon betroffen. Wie wollen sie diese Bevölkerungsgruppe besser schützen?

Aigner: Die älteren Menschen verbringen mehr Zeit zu Hause und sind schon deshalb von diesen lästigen Werbeanrufen viel häufiger betroffen als Berufstätige. Sie können sich im Internet, bei den Verbraucherzentralen oder auch in den Volkshochschulen informieren. Auf den Internetseiten der Bundesnetzagentur, die auch Bußgelder verhängen kann, steht ein Beschwerdeformular zur Verfügung. Bei einem Werbeanruf kann der Betroffene auch einfach auflegen, denn Sicherheit geht vor Höflichkeit.

Welt: Das setzt aber sehr viel Information voraus. Bis 2005 gab es im Fernsehen den 7. Sinn, der in kurzen Spots über Verkehrsregeln informierte. Wie wäre es mit einem 7. Sinn zum Verbraucherschutz?

Aigner: Es gibt schon gute Verbrauchersendungen. Ich will aber auch niemanden bevormunden. Vielleicht sollte es statt eines weiteren Verkaufssenders einmal einen Verbraucherschutzsender geben. Gerade im wirtschaftlichen Verbraucherschutz sind mir gute Informationsangebote besonders wichtig.

Welt: Was planen Sie konkret?

Aigner: Die Qualitätsanforderungen an Finanzberater sollen erhöht werden. Noch in diesem Jahr sollen die entsprechenden Fachgespräche geführt und konkrete Vorschläge entwickelt werden. Ich erwarte, dass das Gesetz dann im ersten Halbjahr 2010 in das parlamentarische Verfahren gehen kann.

Welt: In wenigen Tagen beginnt der Weltklimagipfel in Kopenhagen. Umweltexperten fordern jetzt einen größeren Beitrag der Landwirtschaft zum Klimaschutz. Was können die Bauern tun?

Aigner: Es sollte immer bedacht werden: Die Land- und Forstwirtschaft ist zwar partiell Täter, aber auch Opfer. Sie ist insbesondere jedoch auch Teil der Lösung, denn sie bindet eine erhebliche Menge Kohlenstoff in Pflanzen und Böden. Jährlich werden in Wäldern 15 Millionen Tonnen CO2, mehr gebunden als freigesetzt. Das entspricht dem CO2-Ausstoß von gut 1,3 Millionen Deutschen und somit der Einwohnerzahl Münchens.

Welt: Wo ist die Landwirtschaft Täter?

Aigner: Landwirtschaft und Ernährung setzen auch CO2; frei. Dennoch wollen wir auf Milch und Käse nicht verzichten, und eine Kuh produziert nun einmal Methan. Da wird es auch in Zukunft keine endgültigen Lösungen geben. Mit modernen Haltungs- und Fütterungstechniken kann aber der Methanausstoß gesenkt werden. Selbst wenn wir in Deutschland komplett auf die Fleischproduktion verzichten würden, wäre das keine Lösung für das globale Klimaproblem.

Welt: Die intensive Landwirtschaft ist auch sehr energieintensiv. Ist Ökolandbau eine Lösung?

Aigner: Der Ökolandbau ist ein Segment, den wir mit 16 Millionen Euro im Jahr fördern. Er ist aber nur ein Teil der Antwort auf die Klimafrage. Die Herausforderung für die Landwirtschaft liegt darin, eine Balance zwischen der notwendigen Produktion von Nahrungsmitteln und der Klimabelastung zu schaffen. Und da sind wir auf einem guten Weg. Auf dem internationalen Agrarministertreffen zur Grünen Woche in Berlin werden wir im Januar 2010 genau über das Thema „Landwirtschaft und Klimaschutz" diskutieren. Wir haben 2008 ein eigenes „Institut für agrarrelevante Klimaforschung" eingerichtet. Dort wird unter anderem an Produktionsverfahren gearbeitet, die zur Senkung von Emissionen aus der Agrarwirtschaft beitragen können.

Welt: Die schwarz-rote Bundesregierung hat im Sommer die Steuer auf Agrardiesel gesenkt. Union und FDP wollen diese Steuererleichterung beibehalten. Das ist nicht gerade ein Anreiz, Energie zu sparen ...

Aigner: Beim Agrardiesel geht es zunächst einmal darum, Wettbewerbsnachteile für die deutschen Bauern zu beseitigen. In Frankreich etwa ist der Steuersatz für Agrardiesel noch viel niedriger als in Deutschland. Aber unsere Bauern produzieren inzwischen auch umweltfreundliche Energie. Sie verarbeiten die Gülle aus ihren Schweineställen oder andere landwirtschaftliche Reststoffe in Biogasanlagen zu Biogas. Die Verfahren müssen weiter optimiert werden.

Welt. Reicht das aus?

Aigner: Die großen Dächer der Ställe bieten noch riesige Flächen, um Fotovoltaik-Anlagen zu installieren. Und warum sollten in Zukunft nicht auch Traktoren und Mähdrescher von Elektromotoren angetrieben werden? Geht nicht, gibt's nicht. Da müssen die Bauern für Innovationen offen sein.

Welt: Bauern sind die Ersten, die Klimaänderungen zu spüren bekommen.

Aigner: Die Anpassung an den Klimawandel ist die andere Seite. Eine Antwort können besonders trockenresistente Pflanzensorten, die Verbesserung des Wassermanagements und schonende Bodenbearbeitung sein. In diesem Bereich wird sehr intensiv geforscht und gezüchtet. Aber auch die Wälder müssen an veränderte Klimabedingungen angepasst werden. Das ist umso wichtiger, als die Wälder zum einen Kohlendioxid speichern und mit dem Holz zugleich einen wichtigen nachwachsenden Rohstoff liefern.

Welt: Ist es schwer, die Interessen von Verbrauchern und Bauern in einem Ministerium unter einen Hut zu bringen? Verbraucher wollen möglichst billig einkaufen, Bauern verlangen möglichst hohe Preise.

Aigner: Kurzfristig kann ich das Interesse der Verbraucher verstehen. Viele müssen heute jeden Cent umdrehen. Natürlich könnten wir alle Nahrungsmittel auf dem Weltmarkt einkaufen. Das würde aber unsere Kulturlandschaft völlig verändern, und vor allem würden wir uns von anderen abhängig machen. Langfristig müssen die Verbraucher daher ein Interesse haben, eine qualitativ hochwertige Landwirtschaft in Deutschland zu erhalten. Und das hat eben seinen Preis.
 

Das Interview führte Claudia Ehrenstein

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