Navigation und Service

Inhalt

Samstag, 14. September 2013

"Ich war und bin ein Bremen-Lobbyist"

Interview mit:
Bernd Neumann
Quelle:
Weser-Kurier

Im Gespräch mit der Chefredakteurin des Weser-Kurier, Silke Hellwig, sprach Kulturstaatsminister Bernd Neumann über seine Zeit im Bundestag und seine Zukunft in Berlin.

Das Interview im Wortlaut:

Weser-Kurier: Langweilt Sie der Wahlkampf auch so wie viele politische Beobachter?
Bernd Neumann: Ich teile diesen Eindruck nicht. Natürlich ist dieser Wahlkampf anders als die legendären Lagerwahlkämpfe vor 30 Jahren. Die meisten Themen, die ideologisch besetzt sind, sind in den vergangenen Jahren abgeräumt worden. Man denke nur an den Ausstieg aus der Atomenergie. Obendrein haben außer den Linken inzwischen alle Parteien schon mit allen anderen Parteien zusammenregiert, meist auf Landesebene. Die Politik ist pragmatischer geworden und weniger konträr. Ich empfinde das nicht als weniger spannend.

Weser-Kurier: Wenn die Grabenkämpfe ausgefochten sind, braucht die CDU doch nicht bangen, ob die FDP die Fünf-Prozent-Hürde überwindet. Sie kann sich auch gelassen auf eine große Koalition einrichten.
Neumann: Wir wollen Schwarz-Gelb fortsetzen. Wenn die FDP aber nicht mitregieren kann, wäre es doch töricht, eine große Koalition ganz grundsätzlich auszuschließen.

Weser-Kurier: Die FDP ist auch ein praktischer Partner: Einen eindeutigen Junior-Partner kann man einfacher über den Tisch ziehen – mit der SPD sähe das Machtgefüge ganz anders aus.
Neumann: Wir haben bis 2009 ordentlich mit der SPD zusammengearbeitet, obgleich sie mit uns bei den Stimmenanteilen fast gleichauf lag.

Weser-Kurier: Die CDU muss auch künftig mit den Sozialdemokraten zusammenarbeiten – Rot-Grün hat im Bundesrat eine deutliche Mehrheit.
Neumann: Das stimmt. Aber ich bin zuversichtlich, dass wir das hinbekommen. Eine grundsätzliche Blockadehaltung kommt bei den SPD-Wählern auch nicht gut an, dazu gibt es in diesem Land noch zu viel zu tun.

Weser-Kurier: Und der FDP können Sie und die CDU auch nicht helfen, sonst passiert Angela Merkel das Gleiche wie David McAllister in Niedersachsen, und es reicht für Gelb, aber nicht für Schwarz-Gelb.
Neumann: Die CDUs wirbt für die CDU. Das ist vollkommen ausreichend.

Weser-Kurier: Die Frage ist nur: wie? Der „Spiegel“ hat in seiner jüngsten Ausgabe „Angela, die Große“ auf den Titel gehoben und ihr vorgeworfen, sie versuche die Wähler einzulullen und einzuschläfern.
Neumann: Das ist ja Unsinn. Angela Merkel agiert nicht wie eine Königin von Deutschland und will das auch überhaupt nicht sein. Im Gegenteil - Sie hat ein unglaubliches Wahlkampfpensum und setzt sich, wo immer sie kann, mit Wählerinnen und Wählern auseinander. Ich glaube nicht, dass sich einer ihrer Vorgänger den ganz normalen Bürgern und Wählern so zugewandt hat.

Weser-Kurier: Angela Merkel ist nicht die Königin von Deutschland, aber sie ist die Königin der CDU. Kein Konkurrent, kein Nachwuchs - nirgends.
Neumann: Angela Merkel hat Erfolg und ist unumstritten. Aber anders als eine Königin wurde sie in alle Ämter gewählt. Sie wird anerkannt und es gibt in der Partei keine Querelen. Andere beneiden uns darum.

Weser-Kurier: Die Bremer CDU zum Beispiel?
Neumann: Vielleicht auch die Bremer CDU, aber sie ist ja auf dem besten Weg, sich mit dem neuen Landesvorsitzenden Jörg Kastendiek wieder zu finden.

Weser-Kurier: Zurück zur Bundes-CDU: Es gibt keine Nach-Merkel-Vision, oder?
Neumann: Das hat ja auch noch Zeit! Und es gibt in der Partei eine ganze Reihe von Talenten. Nach Helmut Kohl ging es auch weiter – und wer hätte vor 15 Jahren vorhergesagt, dass Angela Merkel einmal eine erfolgreiche Kanzlerin werden wird?

Weser-Kurier: Es gibt vielleicht eine Parallele zur CDU Bremen: Nach der Ära Neumann, die 29 Jahre währte, sind die bremischen Schwarzen ins Wanken, wenn nicht Torkeln geraten. Sie waren vielleicht einfach zu dominant. Das könnte der Bundes-CDU auch drohen . . .
Neumann: Nein, das glaube ich nicht, ich kann auch wirklich keine Parallele erkennen.

Weser-Kurier:. . . weil sich selbst Angela Merkel nicht 29 Jahre an der Spitze der CDU halten kann?
Neumann: Nein, weil die Situation der Bremer CDU eben sehr speziell ist. Ich habe talentierten Nachwuchs stets gefördert und wollte mich auch schon viel früher verabschieden. Ich bin immer wieder zur Kandidatur ermuntert und dann alle zwei Jahre gewählt worden. Dass der Übergang so schwierig verlaufen würde, habe ich nicht geahnt.

Weser-Kurier: Sie könnten womöglich wieder zurückkehren als Landesvorsitzender – Sie kandidieren nicht wieder für den Bundestag, sind im besten Pensionsalter und Geld verdienen müssen Sie auch nicht mehr. Oder wollen Sie als Kulturstaatsminister noch ein paar Jahre dranhängen?
Neumann: Diese Frage bekomme ich seit Monaten mehrfach am Tag gestellt.

Weser-Kurier: Und was antworten Sie?
Neumann: 27 Jahre im Bundestag sind genug. Aber mein Amt als Kulturstaatsminister hängt nicht an einem Mandat. Der eine Abschied ist also nicht gekoppelt an den anderen. Ich liebe dieses Amt. Es macht mir Freude. Und ich bekomme große positive Resonanz in der Kulturszene.

Weser-Kurier: Aha. Das heißt?
Neumann: Zunächst einmal müssen wir die Wahl gewinnen. Und ich muss mir in dieser Lebensphase gut überlegen, was ich noch machen will. Diese Überlegungen sind noch nicht abgeschlossen.

Weser-Kurier: Jetzt weiß ich auch nicht mehr als vorher.
Neumann: Ja, ich kann Sie trösten - es gibt noch gar nichts zu wissen!

Weser-Kurier: Ich würde sagen: Sie können gar nicht aufhören. Nie wieder mit Senta Berger oder Iris Berben auf einer Bühne stehen? Das Berliner Stadtschloss nicht mit eröffnen? Geht doch gar nicht.
Neumann: Ich möchte jetzt wirklich nicht mehr sagen, als ich schon gesagt habe.

Na schön. Fast 27 Jahre im Bundestag – was nähme in einem kurzen Resümee den größten Platz ein?
Der Mauerfall und die Wiedervereinigung. Ich war ja von Anfang an eingebunden. Helmut Kohl hatte mich im Frühjahr 1990 gebeten, das Parteienbündnis „Allianz für Deutschland“ zu beraten, das zur letzten Volkskammerwahl angetreten ist. Das war eine unglaublich bewegende und aufregende Zeit und hat alles davor und danach überstrahlt.

Darf ich mal ganz ehrlich sein? Ich finde 27 Jahre im Bundestag, das ist zu lang.
Wer sagt, was zu lang ist und was nicht? Der Bundestag braucht eine gute Mischung aus jungen und älteren Abgeordneten. Die Älteren sind wichtig, weil sie Erfahrung und ein politisches Gedächtnis haben, das man sich nicht anlesen kann. Und ich glaube nicht, dass ich in meinem Einsatz irgendwie nachgelassen habe.

Und was hat Bremen von seinem langjährigen Abgeordneten und Staatsminister Bernd Neumann gehabt, wenn ich so platt fragen darf?
Ich bin und war in all den Jahren ein unverhohlener Bremen-Lobbyist. Das meiste für Bremen konnte ich sicher in den Jahren als Parlamentarischer Staatssekretär im Bildungs- und Forschungsministerium und insbesondere in den vergangenen Jahren als Kulturstaatsminister erreichen. Das würde eine lange Liste ergeben, wenn man es aufzählte.

Seitenübersicht

Beiträge