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Freitag, 7. Dezember 2012

Interview

"Innovative Technologien für globale Herausforderungen"

Interview mit:
Annette Schavan
Quelle:
Frankfurter Allgemeine Zeitung

Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung spricht Bundesforschungsministerin Annette Schavan über den Forschungspreis "Nachhaltige Entwicklungen", bequeme Gewohnheiten und Nachhaltigkeit im Haushalt.

Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ): Frau Ministerin, erstmals vergibt das Bundesministerium für Bildung und Forschung in diesem Jahr den Forschungspreis "Nachhaltige Entwicklungen". Warum dieser Preis?

Annette Schavan: Den Forschungspreis habe ich im Wissenschaftsjahr 2012 - Zukunftsprojekt Erde ins Leben gerufen, um die Schlüsselrolle und die Verdienste der Forschung für eine nachhaltige Entwicklung deutlich zu machen. Denn eines ist klar: Wir können globale Herausforderungen wie Klimawandel, Ressourcenknappheit und Biodiversitätsverlust nur mit innovativen Technologien und Konzepten in den Griff bekommen. Der neue Forschungspreis soll die hervorragenden Leistungen deutscher Forscherinnen und Forscher auf diesem Gebiet würdigen.

FAZ: Der thematische Schwerpunkt des Preises lautet 2012 "Sustainability made in Germany". Welche Position nimmt Deutschland im internationalen Vergleich bei der Forschung zu Nachhaltigkeit ein?

Schavan: Deutschland ist hier in einer sehr guten Position - sowohl was die eingesetzten Forschungsmittel betrifft als auch bezüglich der Ergebnisse. Deutschland ist eines der wenigen Länder, das in den letzten Jahren seine Mittel für dieses Forschungsfeld erhöht hat - im Gegensatz zu vielen Ländern, die ihre Budgets unter dem Einfluss der Finanzkrise massiv gekürzt haben. International sind wir gut vernetzt. Das zeigt sich beispielsweise an der großen Beteiligung deutscher Forscher an den IPCC-Klimaberichten und an den internationalen Forschungsprogrammen. Neben der traditionellen Stärke in den Klima-, Polar- und Meereswissenschaften haben wir in den vergangenen Jahren auch die gesellschaftswissenschaftliche Forschung weiter ausgebaut. Und mit seinen hervorragend ausgebildeten Ingenieuren und forschungsstarken Technologiefirmen hat Deutschland bei der anwendungsorientierten Forschung die Nase ebenfalls vorne. Aber es gilt auch, dieses exzellente Wissen in handfeste Geschäftsmodelle zu übersetzen. Daran arbeiten wir - so habe ich gemeinsam mit meinem Kabinettskollegen Peter Altmaier im September im Rahmen der "Green Economy"-Konferenz den Startschuss für einen Prozess zur Weiterentwicklung der Forschung für eine zukunftsweisende Wirtschaft gegeben.

FAZ: Das vom BMBF ins Leben gerufene Rahmenprogramm "Forschung für nachhaltige Entwicklungen" (FONA) nennt als erstes Aktionsfeld Globale Verantwortung - Internationale Vernetzung. Wird sich der Forschungspreis künftig auch an internationale Forscherteams richten?

Schavan: Nachhaltigkeit ohne internationale Vernetzung ist schlichtweg unmöglich - die Probleme machen ja nicht vor nationalen Grenzen halt! Hier ist die Forschung für Nachhaltigkeit in Deutschland übrigens auch sehr gut aufgestellt Das BMBF fördert in diesem Themenbereich aktuell mehr als 500 Projekte in 62 Ländern auf fünf Kontinenten. Auch die Programme der DFG oder die außeruniversitäre Forschung haben eine starke internationale Komponente. Der Forschungspreis ist in diesem Sinne auch bereits jetzt für internationale Projekte offen, wobei ich mich natürlich besonders freue, wenn es sich dabei um Projekte mit deutscher Beteiligung handelt.

FAZ: Im Web-Auftritt von FONA heißt es, in den kommenden 10 bis 20 Jahren werde sich entscheiden, ob und wie die globalen Herausforderungen wie Klimawandel, Wasserknappheit, Biodiversitätsverlust, Bodendegradation und Rohstoffmangel gemeistert werden. De facto jedoch wurden 2011 neue Rekordwerte bei den weltweiten Kohlendioxid-Emissionen verzeichnet, der Regenwald wird weiter in großem Maßstab abgeholzt, auch in Deutschland werden beispielsweise immer mehr Flächen versiegelt. Glauben Sie, die Menschheit insgesamt kann überhaupt nachhaltig handeln?

Schavan: Es bestreitet niemand, dass die Herausforderungen immens sind und es sehr anspruchsvoll ist, hier wirksam gegenzusteuern. Nehmen Sie den letzten Indikatorenbericht 2012 zur Nationalen Nachhaltigkeitsstrategie, der eine gemischte Bilanz zieht: 19 Indikatoren sind bereits auf einem guten Weg, darunter die Klimaschutzziele, die Investitionen in Forschung und Entwicklung oder der Ausbau der erneuerbaren Energien. In anderen Bereichen, etwa beim Schutz der Artenvielfalt, stehen wir dagegen erst am Anfang unseres Weges.

FAZ: Fahrrad statt Auto, Urlaub daheim statt Langstreckenflug - es gibt viele Möglichkeiten, selbst nachhaltig zu handeln. Wie sehr hat Nachhaltigkeit auch mit Verzicht zu tun?

Schavan: Ich würde das nicht so pauschal darstellen. Jeder Einzelne kann im Alltag durch sein Einkaufsverhalten Anstöße für eine nachhaltige Entwicklung der Wirtschaft geben. Auch ich bemühe mich, als Konsument verantwortungsvoll zu handeln. Ich beziehe dazu zum Beispiel Naturstrom und fahre in meiner Freizeit viel Rad, etwa um Besorgungen zu machen. Beim Einkauf achte ich auf regionale Produkte und schaue auf Siegel und Zertifikate zum fairen Handel. Damit hat Nachhaltigkeit für mich weniger etwas mit Verzicht zu tun als damit, bequeme Gewohnheiten zu hinterfragen und Veränderungen im eigenen Leben zuzulassen. Wichtig ist, dass man nicht versucht, dogmatisch einen bestimmten Lebensstil als nachhaltig zu definieren.

FAZ: Kann Forschung uns aus diesem Dilemma befreien und uns die gleiche Lebensqualität wie heute verschaffen - aber so, dass wir nachhaltig leben?

Schavan: Viele Innovationen der vergangenen 20 bis 30 Jahre haben dazu geführt, dass wir heute die gleiche wirtschaftliche Leistung mit einem Bruchteil des Wasser-, Energie- und Materialeinsatzes erwirtschaften. Die Potenziale hierfür sind noch lange nicht erschöpft und werden uns noch weitere Steigerungen ermöglichen.

FAZ: Wie fördern Sie konkret nachhaltiges Handeln bei den Mitarbeitern Ihres Ministeriums?

Schavan: Das BMBF hat sich - wie übrigens die gesamte Bundesregierung - dazu verpflichtet, Nachhaltigkeit sehr konkret in Verwaltungshandeln umzusetzen. Da gibt es sehr viele praktische Ansatzpunkte, von der Mobilität über die Kantine bis hin zur energieeffizienten Gebäudesanierung. Auch beim Neubau unseres Ministeriums in Berlin haben wir besonderen Wert auf Nachhaltigkeit gelegt. So erfolgt die Energieversorgung des Gebäudes im Smart-Grid-Verfahren, also durch eine intelligente Vernetzung der einzelnen Anlagenkomponenten. Zur Versorgung werden eine gasbetriebene Brennstoffzelle, ein Blockheizkraftwerk und Photovoltaik-Module auf den Dächern und an der Fassade eingesetzt. Dadurch erfolgt eine weitgehend schadstoffemissionsreduzierte Eigenerzeugung. Doch das Engagement reicht über unser Haus hinaus. So sollen in Zukunft auch Forschungszentren ihren Ressourceneinsatz noch nachhaltiger gestalten. Denn mit mehr als 250.000 Mitarbeitern insgesamt verfügt die öffentlich finanzierte Forschung hier über eine Vorbildfunktion und enorme Hebelwirkung.

Das Interview führte Alexander Schneider für die Frankfurter Allgemeine Zeitung.

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