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Montag, 6. Mai 2013

Aigner-Interview

"Reis und Weizen gehören nicht ins Casino"

Interview mit:
Ilse Aigner
Quelle:
Tagesspiegel

Im Interview mit dem Tagesspiegel zeigt sich Bundesagrarministerin Ilse Aigner entschlossen, die Entwicklung der Landwirtschaft weltweit voranzutreiben. Dabei sei es wichtig, "Transparenz auf den realen Märkten" zu schaffen, so Aigner.

Afrikanische Frauen beim Woerfeln von Reis. Aigner: "Der Zugang zu Land und die Entwicklung der Landwirtschaft ist die beste Entwicklungshilfe" Foto: B. Rocksloh-Papendieck

Das Interview im Wortlaut:

Tagesspiegel (TSP): Frau Aigner, von den sieben Milliarden Menschen auf der Welt leben eine Milliarde in Armut, 850 Millionen hungern. Warum ist nicht genug für alle da?

Ilse Aigner: Rein rechnerisch wären genug Nahrungsmittel da, um alle Menschen satt zu bekommen. Aber sie sind oft nicht dort, wo man sie braucht. Und es werden nach wie vor zu viele Lebensmittel verschwendet. Das klingt nach einem Luxusproblem. Bei uns in Europa ist es das auch. Aber in Afrika ist das anders. Da werden keine verwertbaren Lebensmittel weggeworfen, sondern die Verluste entstehen bereits auf dem Feld, bei der Lagerung oder beim Transport. Bis zu 60 Prozent der Ernte verdirbt. Wenn man die gesamte Ernte auf den Teller bringen würde, wäre im Kampf gegen den Hunger schon viel gewonnen.

TSP: 2050 wird es Hochrechnungen zufolge auf der Erde neun Milliarden Menschen geben. Ist der Hunger programmiert?

Aigner: Nein, aber es wird ein hartes Stück Arbeit, alle Menschen zu versorgen.

TSP: Wie kann das gelingen?

Aigner: Indem Verluste reduziert und gerade in den notleidenden Ländern Afrikas alle Flächen genutzt werden, die sich zur nachhaltigen landwirtschaftlichen Produktion eignen. Und man muss in allen Ländern der Welt vernünftige Strukturen schaffen. Wir brauchen korruptionsfreie, demokratische, rechtsstaatliche Regierungs- und Verwaltungsstrukturen, einen freien Zugang der Bevölkerung zu Land und Bildung.

TSP: Sie besuchen jetzt Äthiopien. Jedes Jahr verlassen eine Million Tonnen Lebensmittel dieses Land - Nahrungsmittel, die Chinesen, Saudis oder Inder dort für ihre Heimatländer oder den Weltmarkt anbauen. Währenddessen hungert die äthiopische Bevölkerung. Wie kann das sein?

Aigner: Hier werden zu Recht kritische Fragen gestellt. 2012 ist es uns gelungen, auf UN-Ebene freiwillige Leitlinien zu verabschieden, die den Zugang der Bevölkerung zu Land sicherstellen und die den Verkauf oder die Verpachtung von Land an ausländische Investoren zügeln sollen. Das ist ein wichtiger Schritt. Aber man sollte Investoren nicht generell verteufeln. Viele Länder in Afrika können von ausländischen Investitionen profitieren - wenn die Einnahmen etwa in Infrastruktur und Bildung für die eigene Bevölkerung fließen. Die Freiwilligen Leitlinien zeigen, wie ein Landtransfer aussehen muss, unter Berücksichtigung der Rechte der lokalen Bevölkerung. Sie müssen jetzt vor Ort umgesetzt werden. Das wird ein wichtiges Thema auf meiner Reise sein. Ich lasse hier nicht locker.

TSP: Wollen Sie die Entwicklungshilfe an die Umsetzung dieser Grundrechte knüpfen?

Aigner: Die Einhaltung der Leitlinien muss in Zukunft eine Bedingung für die bilaterale Zusammenarbeit mit Partnerländern sein und auch von internationalen Geberinstitutionen berücksichtigt werden. Der Zugang zu Land und die Entwicklung der Landwirtschaft ist die beste Entwicklungshilfe, die es gibt. Experten warnen, der Klimawandel führe dazu, dass Wetterextreme zunehmen und die Zahl der Missernten durch Dürre, Überschwemmungen und Stürmen steigt. Bis 2050 sollen sich die Preise für Nahrungsmittel verdoppeln. Eines ist klar: Wir müssen Verluste reduzieren und das ungenutzte Potenzial in der Landwirtschaft heben. Bisher liegen noch viele Flächen brach, nicht nur in Afrika. Das können wir uns nicht leisten. Hier geht es schließlich um Menschenleben!

TSP: Das heißt, wenn das Potenzial genutzt würde, müssten Lebensmittel also auch in Zukunft gar nicht teurer werden?

Aigner: Tendenziell werden die Lebensmittelpreise auf dem Weltmarkt steigen. Der Trend geht ganz klar nach oben. Das liegt an vielen Faktoren, vor allem an der wachsenden Weltbevölkerung, sich rapide verändernden Ernährungsgewohnheiten und an klimatischen Risiken. Man kann aber heute nicht seriös vorhersagen, wie hoch der Anstieg der Preise sein wird.

TSP: Treiben auch die Nahrungsmittelspekulationen die Preise in die Höhe?

Aigner: Kurzfristig kann Spekulation Preisschwankungen verstärken. Sie ist daher ein wichtiger Faktor. Gerade deshalb treffen wir auf europäischer und auf internationaler Ebene Gegenmaßnahmen.

TSP: Welche?

Aigner: Wir bauen auf internationaler Ebene das Informationssystem AMIS auf, das weltweit einen Überblick über die zu erwartenden Ernten und die Lagerbestände der wichtigsten Agrarrohstoffe geben soll. Damit wird Transparenz auf den realen Märkten geschaffen. Wir wollen aber auch auf den Finanzmärkten für Transparenz sorgen. Auf EU-Ebene wird gerade an der Mifid-Richtlinie gearbeitet, die für reine Finanztransaktionen Positionslimits festlegt. Die Richtlinie soll in diesem Jahr verabschiedet werden. Die Positionslimits gelten ausdrücklich nicht für die Bauern und die Agrarhändler, die Derivate und andere Finanzinstrumente brauchen, um ihre Preise längerfristig abzusichern. Warenterminmärkte sind notwendig. Aber einer exzessiven Spekulation muss man Grenzen setzen. Geplant ist auch eine Finanztransaktionssteuer für solche Deals. Indem wir exzessiven Spekulationen Grenzen setzen, werden die Ausschläge geringer.

TSP: Kakao, Weizen oder Mais sind von ihren Höchstständen derzeit weit entfernt. Löst sich das Spekulationsproblem nicht von selbst?

Aigner: Das ist nun mal das Wesen von Spekulation. Man kann die Preisentwicklung nicht vorhersagen. Deshalb brauchen die Landwirte ja die Möglichkeit, ihre Ernten jetzt schon zu einem festgelegten Preis etwa für den Herbst zu verkaufen. Das gibt ihnen Planungssicherheit.

TSP: Forscher der Uni Halle haben kürzlich eine Studie vorgelegt, nach der Spekulationen mit Nahrungsmitteln nicht schlecht, sondern gut sind, weil sie den Bauern Sicherheit geben. Sehen Sie das auch so?

Aigner: Die Bauern müssen weiter in der Lage sein, sich gegen Risiken abzusichern. Sie brauchen Planungssicherheit. Die Preise an den Warenterminbörsen haben aber auch eine Signalfunktion für die Märkte. Hier darf es durch eine übermäßige Spekulation nicht zu Verzerrungen kommen. Deshalb setze ich mich für eine Regulierung ein.

TSP: Die Commerzbank hat sich aus dem Geschäft zurückgezogen, die Allianz und die Deutsche Bank nicht. Wünschen Sie sich, dass sich auch diese Unternehmen nicht mehr an Spekulationen mit Agrarrohstoffen beteiligen?

Aigner: Investitionen in Agrarrohstoffe sind als Terminfinanzierung vernünftig. Agrarrohstoffe als reine Finanzanlageprodukte lehne ich ab. Zocker müssen die Finger von Nahrungsmitteln lassen. Reis und Weizen gehören nicht ins Casino. Mit der Existenzgrundlage von Milliarden Menschen spekuliert man nicht!

Das Gespräch führte Heike Jahberg für den Tagesspiegel.

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