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Freitag, 13. August 2010

Namensbeitrag

"Unsere historisch-kulturelle Gemeinsamkeit wurzelt tief"

von:
Thomas de Maizière
Quelle:
Frankfurter Allgemeine Zeitung

49 Jahre nach Beginn des Mauerbaus erinnert Bundesinnenminister Thomas de Maizière daran, dass die gemeinsame Geschichte der Deutschen in Ost und West nicht erst 1990 beginnt. Für die Jahre der Teilung heiße es, unterschiedliche Lebensleistungen anzuerkennen, schreibt de Maizière in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Von Thomas de Maizière, Bundesminister des Innern

Heute vor 49 Jahren, in der Nacht zum 13. August 1961, hat die DDR in Ost-Berlin eine Mauer gegen den Westteil der Stadt errichtet. Damit wurde das letzte Schlupfloch, das im Eisernen Vorhang bis dahin noch geblieben war, geschlossen.

Die Mauer wurde zum Symbol eines Zwangsregimes, das von der Bevölkerung nicht getragen wurde und nur überlebensfähig war, indem es die Menschen mit Gewalt zum Bleiben und Stillhalten zwang. Bis 1989 starben an der Berliner Mauer und der innerdeutschen Grenze rund eintausend Menschen bei Fluchtversuchen; eine weit größere Zahl wurde verwundet, Zehntausende wurden wegen versuchten illegalen Grenzübertritts verhaftet und verurteilt. Sie alle sind uns eine bleibende Mahnung, jede Form der Diktatur aus tiefstem Herzen um der Freiheit willen abzulehnen.

Die Mauer sollte ewig stehen. Sie fiel nach nur 28 Jahren. Sie wurde von Ost nach West geöffnet - nicht umgekehrt. Am 3. Oktober 1990 wurde dann die staatliche Einheit Deutschlands vollendet.

Laut einer Umfrage ist für 63 Prozent der Deutschen - 71 Prozent im Westen, 61 Prozent im Osten - die deutsche Einheit ein Grund zur Freude. Aber immerhin 17 Prozent -15 Prozent im Westen, 18 Prozent im Osten - sehen das Erreichte mit Sorge.

Entscheidend für das Zusammenwachsen unserer Gesellschaft ist die Einigkeit in der Vielfalt regionaler Identitäten. In unserer Nationalhymne singen wir von „Einigkeit und Recht und Freiheit", nicht von Einheit. Ich weiß nicht, was innere Einheit sein soll, aber ich weiß, dass wir nach Einigkeit „streben, brüderlich mit Herz und Hand". Hier sind wir noch nicht so weit, wie wir kommen wollen und müssen. Was wir dagegen gar nicht brauchen können, ist die Verfestigung abgegriffener Klischees vom Besserwessi und vom Jammerossi.

Einigkeit in der Vielfalt - es ist das Empfinden der Menschen als Thüringer, Sachsen, Saarländer und Hessen und zugleich als Deutsche, das uns Zusammenhalt gibt. Es ist unsere Stärke, aus regionalen Unterschieden positive Impulse für die Entwicklung unseres Landes zu gewinnen.

Die wieder gegründeten Länder im Osten Deutschlands sind mit der Bildung regionaler Identitäten schnell weit vorangekommen. Dennoch scheinen sich noch zu viele Deutsche aus den ostdeutschen Ländern als Bürger zweiter Klasse zu fühlen, und manche in den westdeutschen Ländern scheinen sie auch so anzusehen. Gibt es immer noch ein Sonderbewusstsein, Ostdeutscher zu sein, zu dem es im Übrigen in Westdeutschland kein Pendant gibt?

Was ist die Ursache solcher Differenzen? Es geht nicht um ewig gestrige Betonköpfe - die sind eine verschwindend kleine Minderheit. Wichtiger sind unterschiedliche Prägungen aus zwei Generationen andersartiger Erfahrungswelten. Und sicherlich ist seit dem Fall der Mauer manche Fremdheitserfahrung in Ostdeutschland auch erst neu entstanden - als Folge von konkreten Problemen, von Enttäuschungen über das angeblich fehlerfreie Leben im Westen und nicht zuletzt auch deswegen, weil im Einigungsprozess selbst nicht alles glatt lief.

Die Kombination des Begriffs „Beitritt" - verfassungsrechtlich richtig - mit dem an sich gut gemeinten Ziel der „Angleichung der Lebensverhältnisse" zusammen mit der würdelosen Prüfung der „Gleichwertigkeit" der Bildungsabschlüsse ließ den äußeren Eindruck entstehen, dass es hier nicht auf Augenhöhe zuging.

Im Osten Deutschlands sah man vorschnell darin ein Gebot des Westens, sich an dessen Vorgaben anzupassen. Viele taten dies nur zu gerne, die genau das heute kritisieren. Manche im Westen mögen es vielleicht auch genauso gemeint haben. Aber das entspricht nicht dem Geist der Wiedervereinigung und dem Gedanken einer pluralistischen Gesellschaft, wie sie für Deutschland typisch ist. Diese ist frei von Bevormundung und offen für Vielfalt; sie legt nicht eine „richtige" Biographie fest, sie akzeptiert und anerkennt unterschiedliche Lebensleistungen.

Wir sollten uns für die Zukunft zwei Grundeinsichten zu Herzen nehmen, um als Volk weiter zusammenzuwachsen.

Erstens: Durch den Sturz des SED-Regimes wird die Lebensleistung der Menschen in der DDR nicht entwertet. Wir brauchen keine Weichzeichnung der Diktatur. Unfreiheit und Unrecht müssen klar beschrieben und benannt werden. Aber wir brauchen einen genauen Blick für die Vielfalt der individuellen Erfahrungen und Leistungen der Menschen unter den Bedingungen eines Unrechtsstaates.

Die Deutschen in den ostdeutschen Ländern haben die Herausforderungen der Transformation - in ihrem Alltagsleben blieb kaum ein Stein auf dem anderen - mit unglaublicher Energie angenommen. Diese Leistungen werden in der Öffentlichkeit häufig zu wenig wahrgenommen. Sie verdienen, genauso wie die solidarische Hilfe durch die Deutschen in den anderen Ländern, höchste Anerkennung und Würdigung. Für die Zukunft müssen sie noch mehr Teil unseres kollektiven Gedächtnisses werden.

Zweitens: Wir müssen die Einsicht wiedergewinnen, dass unsere gemeinsame Geschichte nicht erst 1990 beginnt. Weimar und Wittenberg liegen nicht in Hessen oder Bayern. Unsere historisch kulturelle Gemeinsamkeit ist älter und wurzelt tiefer, und sie ist sehr stark mit den landesgeschichtlichen, regionalen und lokalen Gegebenheiten verbunden. Die Kraft, die zur friedlichen Revolution führte, entstammte dem zu jedem Zeitpunkt - der SED zum Trotz - lebendig gebliebenen Gefühl der Zusammengehörigkeit von uns Deutschen. Dieses Gefühl sollten wir auch heute pflegen und stärken: „Einigkeit und Recht und Freiheit".

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