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Freitag, 5. April 2013

Schäuble-Interview

"Zypern ist und bleibt ein spezieller Einzelfall"

Interview mit:
Wolfgang Schäuble
Quelle:
Handelsblatt

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble betont im Handelsblatt den Einzelfallcharakter Zyperns und erklärt die Einlagen europäischer Sparer für sicher. Zudem sei die Inflationsrate im Euro-Raum so niedrig wie seit August 2010 nicht mehr. Einen Grund zur Sorge gebe es daher nicht.

Das Interview im Wortlaut:

Handelsblatt (HBL): Herr Minister, machen Sie sich Sorgen um Ihre Ersparnisse?

Wolfgang Schäuble: Meine Ersparnisse sind nicht so hoch, als dass sich Sorgen wirklich lohnen würden. Aber davon abgesehen sehe ich auch nicht, warum ich mir Sorgen machen sollte.

HBL: Weil Sparguthaben in der Euro-Krise offensichtlich nicht mehr sicher sind. In Zypern wurden die Einlagen über 100.000 Euro für das Rettungsprogramm herangezogen. Ursprünglich wollte die zyprische Regierung sogar kleine Guthaben belasten. Können Sie verstehen, dass das auch bei deutschen Sparern Ängste auslöst?

Schäuble: Es war nicht unsere Idee, Einlagen unter 100.000 Euro heranzuziehen, sondern ein Vorschlag der zyprischen Regierung. Ich möchte auch noch einmal betonen, dass Zypern ein Spezialfall war, der mit keinem anderen Land in der Europäischen Union vergleichbar ist. Die europäische Einlagenrichtlinie und die Sicherung für 100.000 Euro gelten in allen Ländern der EU.

HBL: Sie können also versprechen, dass bei einer möglichen Bankenpleite in Deutschland die Ersparnisse nicht angerührt werden?

Schäuble: Sie kennen die deutsche Einlagensicherung so gut wie ich. Es gibt sowohl bei den privaten Banken als auch Sparkassen und Genossenschaftsbanken umfangreiche Einlagensicherungen zusätzlich zur gesetzlichen Einlagensicherung, die die Sparguthaben der Bürgerinnen und Bürger bestens absichert.

HBL: Gilt die Aussage auch für Europa? Einige Politiker haben die Beteiligung von Bankkunden schon als Blaupause für mögliche weitere Rettungsaktionen bezeichnet.

In ganz Europa gilt, dass Einlagen bis 100.000 Euro abgesichert sind. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Staaten geht die Sicherung weit darüber hinaus. Insofern sind die Einlagen der Sparer auch in Europa sicher. Wir sind in Europa dabei, mit umfangreichen Reformen die Mitgliedstaaten, ihre Wirtschaft und ihre Finanzen besser und stabiler aufzustellen. Das gilt auch für den Finanzsektor. Vergessen Sie auch nicht die neuen Anforderungen durch die CRD IV, die die Banken stärken werden. Zypern ist und bleibt ein spezieller Einzelfall. Richtig bleibt aber auch, dass Chance und Risiko zwei Seiten einer Medaille sind.

HBL: Man kann sein Geld also beruhigt bei einer Bank in Spanien, Malta oder Luxemburg anlegen?

Schäuble: Sie werden von einem Finanzminister keine Anlagenempfehlung bekommen, und schon gar nicht für einzelne Anlageformen oder Institute Werbung erhalten. Aber man sollte schon anerkennen, dass der gesamte europäische Finanzsektor seit dem Ausbruch der durch die US-Bank Lehman Brothers begonnenen Krise deutlich an Krisenfestigkeit gewonnen hat. Es ist in den letzten Jahren viel passiert - angefangen bei einer verbesserten Aufsicht und endend bei den verbesserten Eigenkapitalregeln. Die Sparer leiden derzeit unter einem schleichenden Wertverlust. Bei einem Sparbuch sind die Zinsen so niedrig, dass sie nicht mal die Inflation ausgleichen. Man muss schon dumm sein, jetzt noch Geld zur Seite zu legen. Eine Niedrigzinsphase ist für viele ebenso eine Herausforderung oder Chance wie eine Hochzinsphase. Man muss immer sehr genau sehen, wie man sein Geld anlegt. Jede Situation hat Vor- und Nachteile. Eines ist aber sicher: Es kann nie von Schaden sein, vorzusorgen.

HBL: Fürchten Sie in den kommenden Jahren eine steigende Geldentwertung?

Schäuble: Die jährliche Inflation im Euro-Raum ging von 1,8 Prozent im Februar auf 1,7 Prozent im März zurück, was der niedrigste Wert seit August 2010 ist. Die Europäische Zentralbank erfüllt ihr Mandat für Geldwertstabilität sehr überzeugend. Alle Indikatoren weisen daraufhin, dass sich die positive Geschichte der Geldwertstabilität des Euros für den überschaubaren Zeitraum fortsetzen wird.

HBL: Gerade eine alternde Gesellschaft ist auf das Sparen angewiesen. Die Politiker haben die Bürgerjahrelang aufgefordert, zusätzlich für ihre Rente vorzusorgen. Stehen Sie da nicht in der Pflicht, die Sparer vor Wertverlust zu schützen?

Schäuble: Ein jeder hat seine ganz eigenen Vorstellungen, wie er im Alter leben will. Daher bleibt der Appell, dass man selbst zusätzlich zur gesetzlichen Rente vorsorgt, unverändert gültig.

HBL: Sind die Mini-Zinsen der Preis für die Krise in der Euro-Zone?

Schäuble: Geldstabilität ist ein hoher Wert. Einige Zentralbanken, gerade solche außerhalb der Euro-Zone, haben ein expansiveres Verständnis von Geldpolitik, als wir es in Deutschland haben. Aber im Großen und Ganzen, was die Wirtschaftskrise betrifft: Wir dürfen nicht vergessen, dass es die größte Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten war. In Deutschland führte sie zu einem Rückgang von mehr als fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Wir haben dies in Deutschland sehr gut abgefedert. Durch vernünftige Politik. Durch eine wachstumsfreundliche Konsolidierung. Durch die Reformen der vergangenen zehn Jahre. Und wir sind gerade dabei, auch Europa als Ganzes wieder besser aufzustellen.

HBL: Was empfiehlt der deutsche Finanzminister: Wo kann man sein Geld beruhigt anlegen?

Schäuble: Ein Finanzminister kann keine Anlageempfehlungen geben. Er sorgt aber dafür, dass die Rahmenbedingungen stimmen. Alle Indikatoren weisen daraufhin, dass sich die positive Geschichte der Geldwertstabilität des Euros für den überschaubaren Zeitraum fortsetzt.

HBL: Herr Schäuble, wir danken Ihnen für das Interview.

Das Interview führte Jan Hildebrand für das Handelsblatt .

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