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Mittwoch, 12. Oktober 2011

Interview

Alle sollen ihren Beitrag leisten

Interview mit:
Angela Merkel
Quelle:
in "Zaman"

Am 2. November 1961 wurde das deutsch-türkische Anwerbeabkommen unterzeichnet. Seit 50 Jahren kommen türkische Frauen und Männer zum Arbeiten nach Deutschland. Viele, die damals als sogenannte Gastarbeiter für nur kurze Zeit kommen wollten, blieben hier, gründeten Familien. Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach mit der Zeitung "Zaman" über die Perspektiven von Zuwandererfamilien in Deutschland.

Portrait der Bundeskanzlerin Angela Merkel Foto: REGIERUNGonline/Schacht

Zaman: In der Präambel des Grundgesetzes   wird dem deutschen Volk die Aufgabe, “... als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen” gegeben.  Was kann der Beitrag der Deutschlandtürken für die Verwirklichung dieses Friedensauftrages sein? Können Sie konkrete Beispiele nennen?

Deutschland ist ein weltoffenes und friedliches Land und dazu haben alle, die hier leben, ihren Beitrag zu leisten. Das Zusammenleben ist immer ein Geben und Nehmen. Wir wollen Mitbürgerinnen und Mitbürgern, die zu uns gekommen sind, alle Chancen eines weltoffenen Landes eröffnen. Sie sollen am gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben teilhaben. Wir erwarten allerdings auch, dass sie das selbst wollen und sich aktiv darum bemühen, dass sie die deutsche Sprache erlernen und unsere Rechts- und Werteordnung achten.

Integration ist also immer eine Gemeinschaftsleistung  der Zuwanderer wie auch der Gesellschaft, die sie aufnimmt. Solche Gemeinschaft muss gelebt werden: in Familien und Freundeskreisen natürlich, aber auch am Arbeitsplatz, in der Nachbarschaft, an Schulen, in Vereinen. 

Zaman: Die Deutschlandtürken gründen Firmen, Unternehmervereine, Umwelt- und humanitäre Hilfsvereine, Bildungs- und Dialogvereine, eröffnen Schulen. In Köln und Stuttgart investieren sie in Schulprojekte insgesamt über 30 Millionen Euro. Welcher Bereich ist Ihrer Meinung nach am wichtigsten, wo sollten die Deutschlandtürken noch stärker als bisher ihre zivilgesellschaftliche Arbeit konzentrieren?  

Den Ausdruck “Deutschlandtürken” verwende ich nicht. İch sehe in ihnen Mitbürger, viele sind ja hier geboren und aufgewachsen und ganz selbstverständlich auch deutsche Staatsbürger geworden. Ansonsten haben Sie recht: Gerade die Angehörigen der zweiten und dritten Generation engagieren sich längst in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen. Besonders wichtig sind mir die zahlreichen Initiativen im Bildungsbereich, dort werden die entscheidenden Weichen für gelingende Integration gestellt. Und besonders kommt es dabei auf die Eltern an: Sie müssen verstehen, dass schulischer Erfolg für das Vorankommen ihrer Kinder unverzichtbar ist und die Kinder und die Lehrer darin unterstützen. 


Wichtige Brückenbauer bei der Integration sind für mich die Migrantenorganisationen, mit denen die Bundesregierung eng zusammenarbeitet. Wir haben sie von vornherein bei der Erarbeitung unseres Nationalen Integrationsplans eingebunden, denn für uns gilt bei der Integrationspolitik die Devise: Wir reden nicht übereinander, sondern miteinander Es freut mich, dass nun erstmals drei Migrantenorganisationen als Träger des Freiwilligen Sozialen oder Ökologischen Jahres anerkannt werden konnten, darunter an erster Stelle die Türkische Gemeinde Deutschlands.

Zaman: Für die erste türkische Gastarbeitergeneration ist Deutschland die zweite Heimat. Für die zweite und dritte Generation, die Deutschlandtürken, ist Deutschland zur Heimat geworden. Wenn sie gefragt werden, antworten sie oft, “Wir sind in Deutschland geboren und aufgewachsen. Unsere Eltern sind vielleicht Migranten wir sind es nicht.” Trotzdem sagen 48% der Deutschlandtürken,  dass sie in Deutschland als unerwünscht gesehen werden. Ist es angesichts dieser Tatsache nicht notwendig eine neue politische Sprache zu verwenden, die der post-Integrationszeit Rechnung trägt, anstelle  einer ausgrenzenden Dauer-Integrationsdebatte über Probleme und Missstände? 


Es ist völlig richtig, dass nicht nur über Probleme und Schwierigkeiten bei der Integration gesprochen werden sollte, sondern auch über die vielen Beispiele, wo uns ein gutes und selbstverständliches Miteinander schon gelingt. Und trotzdem: Probleme dürfen nicht verschwiegen werden, sonst verlieren wir das Vertrauen derjenigen in der Bevölkerung, die diese Probleme in ihrem Alltag erleben. Wir haben Misstände, die häufig aber auch soziale Ursachen haben: im Bereich Bildung, leider teilweise auch im Bereich der Kriminalität. Wir alle, in der Bundesregierung wie in den Migrantenorganisationen tragen Verantwortung dafür, dass junge Menschen in dieser Gesellschaft ihren Platz finden. Nach meiner Überzeugung ist die Frage, wie gut Integration in Deutschland gelingt, mitentscheidend für unsere Zukunft.

Zaman: Nach einer Studie des Allensbacher Instituts sind 59 % der türkischen Eltern der Meinung, dass Ihre Kinder an den Schulen nicht gleichberechtigt behandelt werden. Das bestätigen auch Alltagserfahrungen von Schülern mit Migrationshintergrund. Zudem verlassen  30% der Schüler mit türkischer Herkunft die Schule ohne Abschluss. Was läuft falsch in dem deutschen Bildungssystem und was müsste sich ändern? 


Das Bildungsniveau der jungen Migrantinnen und Migranten hat sich in den letzten Jahren verbessert, zufrieden können wir mit diesen Fortschritten aber noch nicht sein. Jeder muss wissen, dass Schul- und Berufsabschlüsse die Voraussetzung dafür sind, hier in Deutschland erfolgreich zu sein – das gilt im übrigen für alle jungen Menschen, egal, welcher Herkunft.  Gerade Kinder und Jugendliche aus Migrantenfamilien benötigen mehr gezielte Förderung, qualifizierte Begleitung und Angebote, die auf ihre individuelle Lebenssituation zugeschnitten sind. Lassen Sie mich aber auch noch einmal sagen: Die Förderung beginnt immer im Elternhaus, dort muss Lernen und Schule einen hohen Stellenwert haben. 


Wichtig ist Bildung von Anfang an. Kindertagesstätten und Kindergärten sind der richtige Ort, um frühzeitig die deutsche Sprache zu erlernen. Alle müssen wissen: Nur ein Kind, das zum Schulbeginn problemlos Deutsch spricht, kann dem Unterricht auch wirklich folgen. Jeder Rückstand zu diesem Zeitpunkt ist später kaum mehr aufzuholen. 


Es ist gut, dass mittlerweile in vielen Städten ehrenamtliche Bildungspaten im Einsatz sind; sie vermitteln Migranteneltern das Bildungssystem in Deutschland, begleiten deren Kinder in ihrer schulischen Entwicklung und beraten sie bei der beruflichen Orientierung. Noch mehr Menschen sollten sich dafür zur Verfügung stellen. 

Zaman: Sie haben als erste Kanzlerin bei einem Empfang im Bundeskanzleramt den Beitrag der ersten Gastarbeitergeneration für den Aufbau Deutschlands gewürdigt. Nun sind diese Menschen im Rentenalter und pendeln zwischen Türkei und Deutschland. In beiden Ländern haben Sie Verwandte die ihnen gerade im hohen Alter sehr wichtig sind.  Sollten, auch mit Rücksicht auf diese menschliche Dimension der bilateralen Beziehung, die Einreisebestimmungen für Türken nicht vereinfacht werden? Sehen Sie in der aktuellen Visumspraxis Handlungsbedarf ?


Zunächst einmal: Ich freue mich, dass wir in diesem Jahr gemeinsam das 50-jährige Jubiläum des Anwerbeabkommens mit der Türkei feiern können. Die, die damals kamen trugen damals zum Wohlstand in unserem Land ebenso bei wie zu seiner kulturellen Vielfalt, ihre Kinder und Enkel setzen das fort. Wir sind dankbar für die Aufbauleistung dieser Migranten der ersten Stunde. Es ist gut und selbstverständlich, dass die, die jetzt im Rentenalter sind, weiter intensiven Kontakt zu ihren Familien in der Türkei und in Deutschland halten. Die Visastellen an den deutschen Vertretungen in der Türkei wenden die Erleichterungsmöglichkeiten an, die das europäische Recht bietet. In Zukunft werden die Wartezeiten für Antragsteller deutlich reduziert. Sie können dann die Anträge auch bei anderen Stellen abgeben, oft ohne persönlich erscheinen zu müssen.

Das Interview führte "Zaman".

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