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Freitag, 15. Juni 2012

Namensbeitrag

Altmaier: Nur das Ende vom Anfang

von:
Peter Altmaier
Quelle:
Financial Times Deutschland

Der Ausbau der Fotovoltaik ist durch Fehler der Politik in Verruf geraten. Völlig zu Unrecht, denn Solarenergie ist ein wichtiger Zukunftsmarkt, den wir nicht China oder anderen Ländern überlassen sollten.

Ganz ohne Zweifel: Beim Ausbau der Fotovoltaik und der deutschen Solarwirtschaft wurden in den letzten Jahren Fehler gemacht. Die Fördersätze waren lange zu hoch, der Ausbau erfolgte unkoordiniert, und die Regeln des Marktes wurden weitgehend außer Kraft gesetzt. Das hat im Inland zu einem explosionsartigen Ausbau von Fotovoltaikanlagen geführt. Dadurch werden die Strompreise belastet und teils die Netzstabilität gefährdet.
Wenn nun aber einige die ganze Schuld an dieser Entwicklung den Unternehmen der Solarbranche zuschieben und gar ihre Existenzberechtigung infrage stellen, ist dies nicht nur ungerecht und falsch, sondern auch kurzsichtig. Das Überleben und der weltweite Erfolg der deutschen Solarindustrie sind keine Frage von Länder- oder Brancheninteressen, sondern eine Angelegenheit von gesamtwirtschaftlicher Bedeutung für Deutschland.
Die Solarenergie wird bereits Mitte dieses Jahrhunderts eine wesentliche Energiequelle der Menschheit sein. Die Internationale Energieagentur schätzt, dass die Solarenergie nach 2060 bis zu ein Drittel des globalen Energieverbrauchs decken könnte. Vermutlich zweistellige Wachstumszahlen weltweit und das über Jahrzehnte - solch ein Wachstumspotenzial kennen wir ansonsten nur noch aus der Computerbranche. Ein riesiger Zukunftsmarkt, auf dem derzeit die Claims abgesteckt und die Polepositions vergeben werden.
Der Gründe dafür liegen auf der Hand: Die Preise für Öl und Gas werden langfristig weiter steigen, wegen des Wirtschaftswachstums in Ländern wie China, aber auch wegen der Endlichkeit der Ressourcen. Die Sonne hingegen scheint immer. Sie erlaubt den Aufbau einer kostengünstigen, dezentralen und flexiblen Energieversorgung, die von teuren Öl- und Gasimporten unabhängig macht. Tatsächlich geht weltweit die Entwicklung der Fotovoltaik in einer Geschwindigkeit vonstatten, die wir aus keinem anderen Energiesektor kennen.
Dabei stehen wir erst am Anfang einer technologischen Revolution. Heutige Solarpanels werden uns dereinst erscheinen wie der Computer von Konrad Zuse im Vergleich zum iPad. Überall wird an Solarzellen gearbeitet, die kostengünstig auf Fassaden aufgebracht oder in Asphalt integriert werden können. Zusammen mit dezentralen Speichermöglichkeiten und intelligenter Steuerungstechnik ergeben sich Möglichkeiten, von denen die wenigsten eine Ahnung haben. Die Solartechnologie wird zu einem Alltagsprodukt werden.
Schon heute ist in Deutschland im privaten Bereich und in der Landwirtschaft die Netzparität erreicht. Das bedeutet, dass jeder Verbraucher Strom durch eine Solaranlage vor Ort günstiger erzeugen kann, als ihn der Strom aus der Steckdose kommt. Die Wirkungsgrade werden weiter steigen, die Produktionskosten und die Preise werden sinken, und die Nachfrage wird infolgedessen stark ansteigen.

Vielerorts herrscht Verzagtheit

Trotzdem herrscht vielerorts Verzagtheit, weil die deutsche Solarindustrie mitten in einem schwierigen Prozess der Neuorientierung steckt. Denn auch andernorts hat man das enorme Potenzial der neuen Technologie erkannt. Weltweit, aber insbesondere in China sind in den letzten Jahren schneller Solarfabriken gebaut worden, als die Nachfrage wachsen konnte. Einem Weltmarktvolumen von 27.000 Megawatt stand 2011 eine weltweite Produktionskapazität von etwa 60.000 Megawatt gegenüber. Die Preise sind in den Jahren 2009 und 2011 auch deshalb um jeweils mehr als 30 Prozent gefallen.
Daraus ergibt sich deutlich, dass das Schicksal der hiesigen Solarindustrie nicht in erster Linie von der Marktentwicklung in Deutschland abhängt: So hoch kann der Zubau gar nicht sein, so hoch nicht die Fördersätze, dass sie den enormen Anstieg der weltweiten Produktionskapazitäten aufnehmen und dadurch zu einer Stabilisierung der Preise führen könnten. Selbst bei einem Zubau von 6000 Megawatt und mehr in Deutschland in diesem Jahr könnte der Produktionsüberhang nicht abgebaut werden.
Deshalb ist es notwendig, dass wir mit einer kurzfristigen Reform des Energieeinspeisegesetzes EEG die Voraussetzungen für einen organischen, beherrschbaren und bezahlbaren Ausbau der Fotovoltaik schaffen. Bis heute haben wir in Deutschland bereits rund 27.000 Megawatt Solarstromleistung am Netz. Alle erneuerbaren Energien zusammen werden an immer mehr Tagen im Jahr den Strombedarf decken können.
Auf dem Fundament des EEG hat die Erneuerbare-Energien-Branche aus den Anfängen in der "Garage" eine Hochleistungstechnologie geschaffen: Noch 2006 prognostizierte ein Branchenmagazin, dass 2021 Solarstrom bereits für 21 Cent pro Kilowattstunde erzeugt werden könnte. Heute, neun Jahre früher, haben wir diese Grenze selbst bei kleinen Anlagen unterschritten.
Diese Entwicklung ist in dieser Geschwindigkeit weder nachhaltig noch bezahlbar. Würden sich die Installationsraten bei Fotovoltaik fortsetzen wie bisher, hätten wir die prognostizierte Zubaumenge für 2020 bereits im Jahr 2015 erreicht. Ende 2020 wären dann über 90 Gigawatt Fotovoltaikleistung installiert, obwohl der gesamte Strombedarf an einem sonnigen Sonntagnachmittag nur bei 35 Gigawatt liegt. Deshalb ist es wichtig, dass Bundestag und Bundesrat noch vor der Sommerpause durch eine Verabschiedung der EEG-Novelle Klarheit über die künftige Förderkulisse schaffen.
Als Bundesumweltminister strebe ich dabei eine Lösung an, die von einer möglichst breiten Mehrheit mitgetragen wird. Nicht unsere Ausbauziele waren falsch, sondern das ungeordnete Tempo des Ausbaus. Deshalb haben wir Degressionsmodelle vorgesehen, die die Förderung umso stärker kürzen, je schneller der Ausbau voranschreitet. Die aktuellen Turbulenzen ändern nichts daran, dass der Solarenergie als einer der Schlüsseltechnologien des 21. Jahrhunderts eine glänzende Zukunft bevorsteht: Ich möchte, dass die deutschen Unternehmen davon in besonderer Weise profitieren.
Damit die deutschen Unternehmen ihren Anteil an diesem Weltmarkt erhalten und auch ausbauen können, braucht es zwei Dinge: leistungsstarke Unternehmen und fairen internationalen Wettbewerb. Für beides setzt sich die Bundesregierung ein.
Klar ist: Deutsche Unternehmen werden - ebenso wie in anderen Branchen - ihre Stärken nicht in der Massenproduktion, sondern in Qualitätsprodukten und im Anlagenbau haben. Dafür sind Investitionen in Forschung und Entwicklung und die schnelle Anwendung der Erkenntnisse in der Produktion entscheidend für die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen.

Märkte allein reichen nicht

Das Bundesumweltministerium stellt jährlich 40 Millionen Euro für Forschung und Entwicklung zur Verfügung, weitere 100 Mio. Euro kommen aus der "Innovationsallianz Photovoltaik", die 2010 zusammen mit dem Bundesforschungsministerium gestartet wurde. Diese Mittel fließen gezielt in industriegeführte Verbundprojekte, die Forschung, Anlagenbau und Produktion verknüpfen. Die deutsche Industrie hat zugesagt, für diese Vorhaben Investitionen von 500 Mio. Euro einzusetzen. Mein Ministerium wird darüber hinaus ein Förderprogramm für Speicher auf den Weg bringen sowie die Forschung zur Systemintegration der erneuerbaren Energien ausbauen.
Wir haben bei der Fotovoltaik mit dem EEG eine sehr dynamische Entwicklung angestoßen. Im Kontext mit den anderen erneuerbaren Energien werden wir das Energiesystem völlig neu denken müssen. Diesen Umbau zu begleiten ist eine der größten Herausforderungen der Energiepolitik.
Als vor fast 40 Jahren der damalige bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß mit Vehemenz den Bau des neuen Münchner Großflughafens und mit Milliardenaufwand den Aufbau einer europäischen Flugzeugindustrie durchsetzte, galt dies vielen als persönliche und nutzlose Marotte eines passionierten Hobbyfliegers. Tatsächlich aber war es eine der klügsten und weitsichtigsten industriepolitischen Weichenstellungen der Nachkriegszeit. Sie sah die enorme Zunahme des globalen Luftverkehrs ebenso richtig voraus wie die Konzentrationsprozesse in der Flugzeugindustrie und die rasant voranschreitende technologische Entwicklung. Eine solche Herausforderung kann nicht immer durch die Kräfte des Marktes allein bewältigt werden: Hätten wir damals auf der reinen Lehre bestanden, so wären die europäischen Flugzeughersteller einer nach dem anderen verschwunden.
Was damals der Luftverkehr und später die Mikroelektronik war, ist heute neben der IT-Branche insbesondere die Solarwirtschaft: ein Entwicklungsbereich mit einem ungeheuren Potenzial. Anderswo hat man das längst erkannt und handelt entsprechend. Deutschland wäre mit dem sprichwörtlichen Klammerbeutel gepudert, wenn wir zuließen, dass eine junge und vielversprechende Branche wie die Solarindustrie ins Abseits gedrängt würde, ausgerechnet jetzt, da die internationale Entwicklung erst richtig beginnt.

Bundesumweltminister Peter Altmaier in der Financial Times Deutschland.

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