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Montag, 27. August 2012

Namensbeitrag

Altmaier: Wir brauchen einen Klub der Energiewendestaaten

von:
Peter Altmaier
Quelle:
Financial Times Deutschland

Immer mehr Länder setzen auf die Produktion von Solar- und Windenergie. Damit der globale Ausbau gelingt, ist eine weitaus stärkere internationale Kooperation notwendig, schreibt Bundesumweltminister Altmaier in der Financial Times Deutschland.

Wir stehen vor einem Paradigmenwechsel, der das Wirtschaften des 21. Jahrhunderts grundlegend von dem des vergangenen Jahrhunderts unterscheiden wird. In einer Welt von bald acht Milliarden Menschen wird es keine Alternative mehr dazu geben, Wirtschaftswachstum vom Verbrauch natürlicher Ressourcen zu entkoppeln, wenn wir nicht unsere elementaren Lebensgrundlagen auf diesem Planeten gefährden wollen. Die Wirtschaft der Zukunft wird - im Zusammenspiel mit der digitalen Revolution - weitaus intelligenter und effizienter mit Rohstoffen und Ressourcen umgehen, als wir das in der Vergangenheit getan haben.

Wir sind auf dem Weg hin zu einer nachhaltigen Wirtschaftsweise, einer "Green Economy". 2011 wurden erstmals weltweit mehr Wind- und Solarparks, Wasserkraftwerke und Biogasanlagen errichtet als Kohlekraftwerke. Die Umwelt- und Effizienztechnologien haben weltweit Wachstumsraten von fünf bis sechs Prozent pro Jahr.

Ohne Zweifel stehen wir bei dieser Entwicklung erst am Anfang. Noch immer werden viel zu viele für das Klima schädliche Treibhausgase emittiert, noch sind die Schäden an der Umwelt gravierend, ja verheerend. Noch gibt es zu viele Entscheider, die in Nachhaltigkeit und Umweltschutz einen Gegensatz zu Wachstum und wirtschaftlicher Entwicklung sehen. Aber wir sind überzeugt, dass gerade die Erfahrung der schärfsten Wirtschafts- und Finanzkrise seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs weltweit immer stärker die Augen dafür öffnet, dass eine nicht nachhaltige Wirtschaftsweise keine Zukunft mehr hat.

Nur mit einer Wirtschaftsweise, bei der Klimaschutz und Wachstum zwei Seiten einer Medaille sind, werden wir eine stabile und zugleich gerechte und humanitäre Weltordnung schaffen können.

Ich bin davon überzeugt, dass der Kern dieser Transformation die Umstellung unserer Energieversorgung und -nutzung ist, denn diese Frage war und ist die Kernfrage wirtschaftlicher Entwicklung. Die erneuerbaren Energien sind der Schlüssel für die Energieversorgung von morgen. Zugleich sind sie ein Motor für wirtschaftliche Entwicklung und neue Arbeitsplätze - über 3,5 Millionen Menschen arbeiten weltweit bereit in dieser Branche. Nicht umsonst steigt daher das Interesse an den erneuerbaren Energien weltweit massiv an. 118 Staaten haben bereits nationale Ausbauziele, darunter auch Ölproduzenten wie die Vereinigten Arabischen Emirat, Saudi-Arabien, Katar, Kuwait, Oman oder Libyen. Auch große Schwellenländer wie China, Südafrika oder Brasilien setzen massiv auf den Ausbau der erneuerbaren Energien. Und in Japan zeichnet sich nach der Katastrophe von Fukushima ebenfalls eine Trendwende ab.

Trotz der Finanzkrise gab es allein 2011 fast 20 Prozent Zuwachs bei den weltweiten Investitionen in erneuerbare Energien. Immer mehr Staaten erkennen, dass durch den Ausbau der Erneuerbaren teurer Energieimport durch heimische Wertschöpfung ersetzt werden kann. Und gerade die deutsche Wirtschaft profitiert als Exportnation zudem vom globalen Ausbau: Allein die Windanlagenhersteller haben einen durchschnittlichen Exportanteil von 65 Prozent.

Ich bin überzeugt, dass die Erneuerbaren, vor allem die Fotovoltaik, in wenigen Jahren in den sonnenreichen südlichen Ländern marktfähig sein werden. Deutschland kann bis dahin mit intelligenten Systemlösungen Technologiepartner werden. Marktfähigkeit ohne Subventionen ist das wichtigste ökonomische Ziel für den Ausbau der Erneuerbaren.

Die hohen Erwartungen an Irena Die Zukunftschancen auf diesem Wachstumsmarkt sind beeindruckend. Ein zentrales Anliegen muss es sein, gerade die Schwellen- und Entwicklungsländer beim Ausbau von Ökostrom noch stärker zu unterstützen, denn immer noch sind 1,4 Milliarden Menschen in den Entwicklungsländern an keinerlei Energieversorgung angeschlossen. Ihnen fehlt damit der elementare Zugang zu wirtschaftlicher Entwicklung und mehr Lebensqualität. Hier können die erneuerbaren Energien einen ganz zentralen Beitrag für mehr Gerechtigkeit in der Einen Welt leisten - zumal gerade der globale Ausbau der Erneuerbaren zu einer bedeutsamen Reduktion der Kosten für die technischen Anlagen führt.

Entscheidend ist, dass die Staaten, die auf dem Weg in ein neues Energiezeitalter vorangehen wollen, enger kooperieren. Wir brauchen eine Art Avantgarde, einen "Klub der Energiewendestaaten", die vorangehen und zeigen, welche Chancen in der Energiewende stecken. Um diesen Prozess voranzubringen, haben wir schon 2009 die Internationale Organisation für Erneuerbare Energien (Irena) mit Sitz in Abu Dhabi gegründet

Irena ist Schnittstelle für die internationale Zusammenarbeit, ist treibende Kraft für Innovationen und nicht zuletzt wichtige Stimme in der Weltöffentlichkeit. Nicht umsonst hat die Organisation auch eine Schlüsselrolle dabei, die Uno-Initiative "Sustainable Energy for All" (Nachhaltige Energie für alle) umzusetzen und das globale Ziel, den Anteil der erneuerbaren Energien bis 2030 auf 30 Prozent weltweit zu verdoppeln, voranzubringen. Dass der neuen Organisation bereits weit über 100 Staaten beigetreten sind, zeigt den großen Erfolg, aber auch die großen Erwartungen, die weltweit mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien verbunden werden.

Irena ist damit ein Signal dafür, dass der Aufbruch in ein neues Energiezeitalter weltweit begonnen hat. Es ist ein Symbol dafür, dass die Regierungen dabei zusammenarbeiten und bereit sind, voneinander zu lernen. Und es ist ein beispielhaftes Instrument, um einer großen politischen und wirtschaftlichen Vision Gestalt zu geben. Wir wollen Vorreiter sein

Die Energiewende ist die große Chance zu beweisen, dass die Entkopplung von Wachstum und Ressourcenverbrauch gelingen kann - und das nicht nur in den Industrieländern, sondern weltweit Die Bundesrepublik Deutschland will mit ihrer Energiewende dabei Vorreiter sein. Wir sollten optimistisch sein: Angesichts der hohen technologischen Entwicklungsdynamik wissen wir heute noch gar nicht, was durch Innovationen künftig noch alles möglich sein wird. Mit jedem Erfolg bei der Energiewende zeigen wir, dass es eine Alternative zum Weiter-so gibt

Wir sind überzeugt, dass dies auch nicht ohne Folgen für die zukünftigen Verhandlungen um ein neues Weltklimaabkommen bleiben wird. Die Zukunft gehört der Einheit von Ökonomie und Ökologie.

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