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Dienstag, 15. Dezember 2009

Bildung ist Zukunft!

Interview mit:
Annette Schavan
Quelle:
in "stern.de"

Über bessere Chancen und Voraussetzungen diskutieren Studenten, Schüler, Eltern und natürlich die Bildungsministerin in ganz Deutschland. Ihre persönlichen Ziele erklärt Annette Schavan in einem Interview mit der Online-Ausgabe des "Stern": Bis 2013 wird der Bund 13 Milliarden zusätzlich für die Bildung ausgeben.

Bildungsministerin Schavan mit Berliner Schülerinen vor einen auseinander gebauten Computer. Schavan (Mitte): 12 Milliarden zusätzlich für Bildung Foto: REGIERUNGonline/Kugler

Das Interview im Wortlaut:

stern.de: Frau Schavan, am kommenden Mittwoch treffen Sie sich mit den Vertretern der Länder zum zweiten Bildungsgipfel. Was wollen Sie erreichen?

Annette Schavan: Bis 2013 wird der Bund zwölf Milliarden Euro zusätzlich für Bildung geben. Wir wollen uns in Berlin darüber verständigen, wie wir künftig zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Bildung und Forschung investieren. Eines ist also klar: Wenn der Bund mehr Geld für Bildung gibt, werden die Länder ihren Anteil nicht runterfahren.

stern.de: Wofür soll das Geld ausgegeben werden?

Schavan: Die eine Hälfte für Bildung, die andere Hälfte für Forschung. Einen starken Akzent wollen wir bei der frühkindlichen Bildung setzen. Außerdem wollen wir lokale Bildungs-Bündnisse stärken, die gezielt Kinder fördern, die wir bisher nicht erreicht haben.

stern.de: In Deutschland gibt es 16 verschiedene Schulsysteme, weil jedes der 16 Bundesländer sein eigenes hat. Dabei wünschen sich Eltern vor allem ein einheitliches Schulsystem. Behindert der Föderalismus die Bildungspolitik?

Schavan: Wenn Landesregierungen finden, dass ihre wichtigste Aufgabe ist, Schulstrukturen so zu verändern, dass sie anders als beim Nachbarn sind, machen sie damit den Föderalismus kaputt. Und es führt dazu, dass alle Reformen, die sonst noch im Bildungssystem laufen, immer weniger auf Verständnis stoßen.

stern.de: Schulpolitik ist Sache der Länder. Sie als Bildungsministerin sind da doch total machtlos.

Schavan: Ich bin überhaupt nicht machtlos. Die meisten Länder in Europa sind föderal. Schulpolitik ist in nahezu keinem Land nationale Aufgabe. Frühkindliche Bildung, berufliche Bildung und Weiterbildung sind wichtige Felder der Bildungspolitik des Bundes. Und das mit einer finanziellen Investition, die es noch nie gegeben hat. Die ist im Koalitionsvertrag durchgesetzt. Das erwächst nicht aus Machtlosigkeit.

stern.de: Aber der Bund hat seit der Föderalismusreform 2006 in der Bildungspolitik immer weniger zu sagen und darf auch nur noch begrenzt investieren. War das so genannte "Kooperationsverbot" ein Fehler?

Schavan: Das Kooperationsverbot verkompliziert vieles, aber wird uns nicht davon abhalten, zu tun, was notwendig ist.

stern.de: Viele Eltern haben die ständigen Schulreformen satt. Sie wollen nicht, dass ihre Kinder zu Versuchskaninchen werden.

Schavan: Reformen müssen kommuniziert werden, auch mit den Eltern. Allerdings gibt es in Deutschland eine bemerkenswerte Ignoranz gegenüber gelungenen Reformen und zufriedenen Kindern in der Schule.

stern.de: Und warum wird in der Gesellschaft nicht über Bildung diskutiert?

Schavan: Weil immer über Strukturen diskutiert wird, statt über Bildungsinhalte. Das führt nicht zu mehr Akzeptanz - egal wie die Struktur aussieht. In Hamburg demonstrieren Eltern gegen sechs Jahre Grundschule, in München für sechs Jahre. Die Reformen stoßen auch deshalb auf Widerstand, weil die dahinter stehende Vorstellung von Bildung nicht kommuniziert wird, und weil mit Eltern darüber überhaupt nicht diskutiert wird.

stern.de: Was verstehen Sie unter Bildung?

Schavan: Zur Bildung gehören Wissen, Können, Einsicht und Erfahrung. Bildung ist nicht nur das, was Pisa misst, sondern bedeutet auch Persönlichkeitsbildung, Herzensbildung und Gewissensbildung.

stern.de: Nicht nur die Eltern sind sauer. Auch die Studenten gehen auf die Straße. Seit Wochen protestieren sie gegen die schlechten Studienbedingungen.

Schavan: Es haben nur zwei Prozent der Studierenden demonstriert. Deshalb würde ich sehr behutsam sein mit pauschalen Aussagen über die angeblich so breite Protestbewegung. Ich bekomme mittlerweile Rückmeldungen von Studierenden, die mir sagen: "Die Situation an der Uni war noch nie so gut." Problematisch ist, dass bei zehn bis 20 Prozent der Hochschulen, die Umstellung auf die neuen Abschlüsse nicht gut gelaufen ist. Da wird jetzt korrigiert. Der Bologna-Prozess ist entschieden worden, als internationaler Prozess, der mit neuen Chancen verbunden ist. Die schlechten Beispiele dienen den Kritikern, die schon immer fanden, dass Bologna Mist ist.

stern.de: Die Kritik an der Umsetzung der Bologna-Reform ist überhaupt nicht neu. Warum reagiert die Politik erst jetzt?

Schavan: Sie reagiert nicht erst jetzt. Allerdings ist die Politik jetzt im Gespräch mit den Hochschulen über eine konkrete Korrektur-Agenda. Das ist sehr positiv.

stern.de: Eine Sorge der Studenten ist, dass nicht jeder seinen Master machen kann, der möchte. Wird es eine Quote für den Master geben?

Schavan: Ich finde jede Festlegung auf Zahlen viel zu früh, weil wir noch nicht genug Erfahrungen haben. Die Hälfte der Bachelors von den Fachhochschulen geht in den Beruf. Die Forderung, dass alle einen Master machen, hat auch mit Unsicherheit über Berufschancen zu tun. Nirgends in den 46 Ländern machen alle einen Master. Es gibt bislang genügend Plätze. Deshalb brauchen wir keine Quoten, aber eine entsprechende Qualifikation durch den Bachelor.

stern.de: Wie viele junge Leute sollen in Zukunft studieren?

Schavan: In diesem Jahr studieren erstmals 43 Prozent eines Jahrgangs. Wir brauchen möglichst viele gut gebildete und hoch qualifizierte junge Leute, im Studium und in der beruflichen Bildung. Denn wir brauchen auch neue Facharbeiter.

Das Interview führte Catrin Boldebuck.

© www.stern.de

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