Navigation und Service

Inhalt

Montag, 23. November 2009

Interview

Bildungssparen für das Studium

Interview mit:
Annette Schavan
Quelle:
in "Rheinische Post"

Bundesbildungsministerin Annette Schavan wirbt in der "Rheinischen Post" für das so genannte Bildungssparen. Das Bausparen habe gezeigt, dass so etwas funktioniert, wenn der Staat eine Zulage zahlt oder die Beiträge steuerlich absetzbar macht.

Das Interview im Wortlaut:

Rheinische Post: Die Studentenproteste 2009 finden anders als die von 1967 die Zustimmung vieler Bildungspolitiker einschließlich der Bundesbildungsministerin. Spielt da auch das schlechte Gewissen mit?

Annette Schavan: Alle, die in den vergangenen Jahren Verantwortung getragen haben, sollten sich angesprochen fühlen. Auch ich.

Rheinische Post: Was ist denn falsch gelaufen?

Schavan: Die Studenten haben recht, wenn Sie eine bessere Qualität der Lehre erwarten. Hochschulen haben recht, wenn sie auf eine Unterfinanzierung seit 40 Jahren hinweisen. Wir haben jetzt die Chance, diese Fehler zu korrigieren. Deshalb stehen Bildung und Forschung ganz oben auf der Agenda der christlich-liberalen Regierung. Wir investieren so viel wie nie zuvor.

Rheinische Post: Jetzt kommen die Proteste erst einmal mit voller Wucht ...

Schavan: ... was mich nicht überrascht. Wenn allerdings die Abschaffung des Leistungsprinzips gefordert wird, müssen wir widersprechen Die Studenten sind vor allem über die vollgestopften Bachelor-Studiengänge erbost.

Rheinische Post: Was sagen Sie einem solchen Absolventen, wenn er dann noch nicht einmal seinen Master machen kann?

Schavan: Nicht jede Studentin und nicht jeder Student wird einen Master anstreben. Allerdings sollte nicht schon jetzt der Eindruck vermittelt werden, dass bei entsprechender Qualifikation der Zugang zum Masterstudium durch zu wenige Studienplätze erschwert wird.

Rheinische Post: Auch die Berufsaussichten für einen Bachelor sind schlechter. Ist es in Ordnung, dass ein Bachelor-Absolvent bis zu 20 Prozent weniger verdient?

Schavan: Die Kopplung von Abschluss und Gehalt war nie in Ordnung und wird es auch in Zukunft nicht sein. Dann müssen wir uns nicht wundern, wenn alle einen Masterabschluss anstreben.

Rheinische Post: Was muss passieren?

Schavan: Die Bezahlung der Absolventen muss sich nach ihrer jeweiligen Tätigkeit im Beruf richten. Die Zahl der Absolventen nimmt ab und die Berufsanfänger sind mobil. Es wird einen Wettbewerb um die besten Köpfe entstehen. Übrigens sind die Fachhochschulen, die auf Praxisorientierung besonderen Wert legen, sehr gut in der Umsetzung der Bachelor- und Mastergänge.

Rheinische Post: Was die Studenten vollends auf die Palme bringt, ist der eingeschränkte Wechsel zwischen den Universitäten. Warum kann ein Berliner Student nicht von der Freien auf die Humboldt-Universität wechseln?

Schavan: Die Hochschulen müssen für die Vergleichbarkeit ihre Studiengänge sorgen. Das ist ein zentrales Ziel der Bologna-Reform. Es mag für spezielle Studiengänge Ausnahmen geben, die müssen aber klar gekennzeichnet sein.

Rheinische Post: Eine Reform der Reform kostet Geld. Wo soll es herkommen?

Schavan: Bund und Länder haben vereinbart, zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Bildung und Forschung zu investieren. Der Bund allein investiert in den nächsten vier Jahren zwölf Milliarden Euro zusätzlich in diesen Bereichen.

Rheinische Post: ... bei der Exzellenzinitiative dagegen profitiert aber doch eher die Forschung?

Schavan: Beim Hochschulpakt wird pro Hochschulplatz finanziell zugelegt, um die Lehre zu verbessern. Das gilt auch für Eliteunis.

Rheinische Post: Gibt es für ausgezeichnete Hochschullehrer mehr Geld?

Schavan: Wieso muss jemand mehr Geld erhalten, wenn er gute Lehre anbietet? Gute Lehre gehört zu den Pflichtaufgaben.

Rheinische Post: Wie lange haben Sie studiert?

Schavan: Ich habe im Wintersemester 1974 begonnen und hatte meine Promotion im Wintersemester 1980 fertig, also zwölf Semester.

Rheinische Post: Die Studenten weisen Ihre Initiative - auch beim Bafög - als Heuchelei zurück. Reicht das alles nicht aus?

Schavan: Auch die Studenten sollten zur Kenntnis nehmen, dass bereits 2008 die Bedarfssätze um zehn Prozent und die Elternfreibeträge um acht Prozent erhöht wurden. Eine weitere Erhöhung ist zum 1. Oktober 2010 geplant. Gleiches gilt für das Nationale Stipendienprogramm. Das ist keine Heuchelei, das find Fakten.

Rheinische Post: Sie planen Bildungsschecks. Wem sollen die zugute kommen?

Schavan: Wir gehen anhand von Studien davon aus, dass 20 Prozent der 15-Jährigen in Gefahr sind, zu keinem Abschluss zu kommen. Das muss geändert werden. Wir wollen die Bildungsarmut bekämpfen,­ indem wir Bildungsschecks finanzieren. Damit wollen wir Kindern Zugang zu individueller Förderung und Bildung ermöglichen. Die Bildungsschecks sollen zum Beispiel für Hausaufgabenhilfe, für Musikunterricht und Sport eingesetzt werden können. Diese Kinder brauchen aber auch Erwachsene, die sich unabhängig von den Angeboten um sie kümmern.

Rheinische Post: Heißt das, jedes fünfte Kind schafft keinen Abschluss?

Schavan: Über die berufliche Bildung schaffen es viele dann doch. Wir fangen nicht am Punkt Null an. Durch die Programme der vergangenen Legislaturperiode haben wir es geschafft, die Zahl der Schulabbrecher zu verringern. Diesen Weg müssen wir weitergehen. Dafür verstärken Bund und Länder die Programme zur individuellen Förderung und zur Berufsorientierung.

Rheinische Post: Bildung ist teuer. Gerade ärmere Schichten können es sich nicht leisten. Müssen erfolgreiche Studenten und Schüler künftig reiche Eltern haben?

Schavan: Nein. Studierende aus einkommensschwachen Haushalten erhalten Bafög und können sich künftig um ein Stipendium bewerben. Bildung darf nicht Sache des Geldbeutels der Eltern sein.

Rheinische Post: Sondern?

Schavan: Langfristig könnte zu den bereits genannten Maßnahmen das Bildungssparen kommen. Hierfür sieht der Koalitionsvertrag einen Prüfungsauftrag für ein Zukunftskonto vor.

Rheinische Post: Schavan-Konto in Anlehnung an die Riester-Rente?

Schavan: Wie Sie es nennen, ist einerlei. Aber vom Prinzip her stelle ich mir etwas Ähnliches vor. Das Bausparen hat doch gezeigt, dass so etwas funktioniert, wenn der Staat eine Zulage zahlt oder die Beiträge steuerlich absetzbar macht. Das ist ein Anreiz, auch mit kleinen Beträgen etwas zu tun. Dafür werde ich mich einsetzen.

Das Interview führten Martin Kessler und Eva Quadbeck.

Seitenübersicht

Beiträge