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Montag, 29. Oktober 2012

Namensbeitrag

Die deutsch-französische Freundschaft lebt durch die Kultur

von:
Bernd Neumann
Quelle:
"politik und kultur"

Vor 50 Jahren wurde der deutsch-französischer Élyséevertrag unterzeichnet. Kulturstaatsminister Bernd Neumann blickt in "politik und kultur" auf ein fünf Jahrzehnte deutsch-französische Freundschaft.

Der Namensbeitrag im Wortlaut:

Als Bundeskanzler Konrad Adenauer und der französische Staatspräsident Charles de Gaulle vor 50 Jahren – am 22. Januar 1963 – den Élysée-Vertrag besiegelten, bewiesen sie Mut, Weitsicht und Tatkraft. Mut, weil sie sich gegen den Zeitgeist stellten und trotz der in drei Kriegen 1870, 1914 und 1939 verhärteten "Erbfeindschaft" einander die Hand zur Versöhnung reichten.

Weitsicht, weil sie visionäre Ziele für eine gemeinsame Zukunft in Europa formulierten, die bis heute Geltung haben und all jene beflügeln, die am vielgestaltigen Netzwerk der deutsch-französischen Zusammenarbeit mitwirken. Tatkraft, weil sie sich nicht mit feierlichen Erklärungen begnügten, sondern Motoren konkreter Initiativen und Institutionen waren.

Wir kennen die berühmten Worte von Jean Monnet: "Nichts wird geschaffen ohne die Menschen; nichts hat Dauer ohne die Institutionen." Der Élyséevertrag hat Dauerhaftes geschaffen. Das gilt insbesondere für die Deutsch-Französischen Ministerräte, bei denen alle sechs Monate auch die Kultur auf der Agenda steht. Mit dem 40. Jahrestag des Élyséevertrages haben wir aus den früheren Gipfeltreffen gemeinsame Kabinettsitzungen der deutschen und der französischen Regierung gemacht.

Auf dem Gebiet der Kultur und Medien führte dies zu einer besonders fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen Deutschen und Franzosen. Die Gründung des gemeinsamen Kultursenders Arte unter Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl und Staatspräsident François Mitterrand war ein Meilenstein in den deutsch-französischen Beziehungen. Der Gründungsvertrag zwischen den elf alten Bundesländern und der Republik Frankreich wurde am Vorabend der deutschen Einheit am 2. Oktober 1990 unterschrieben.

Seitdem besticht diese einmalige deutsch-französische Einrichtung durch anspruchsvolle Programminhalte, die zu großen Teilen auf deutsch-französische und europäische Themen zugeschnitten sind und den kulturellen Dialog zwischen unseren beiden Staaten und in ganz Europa fördern.

Auch in Fragen der Digitalisierung arbeiten Deutschland und Frankreich eng zusammen. Gemeinsam sind wir die treibende Kraft der Europäischen Digitalen Bibliothek Europeana, in der wir die meisten Inhalte, den größten Finanzierungsanteil und zunächst mit Dr. Elisabeth Niggemann und nunmehr mit Bruno Racine als Direktoren unserer jeweiligen Nationalbibliotheken die Präsidenten der Europeana-Stiftung stellen. Die Europeana lässt die Vision des digitalen Zugangs zur Kultur für alle Bürgerinnen und Bürger Wirklichkeit werden.

In Sachen Digitalisierung und Urheberrecht ist die Abstimmung zwischen beiden Regierungen besonders eng. Geistiges Eigentum gilt es auch und gerade im digitalen Zeitalter zu schützen. Frankreich und Deutschland gehen hier Hand in Hand. Ich erinnere an das gemeinsame Vorgehen bei Google Books, das uns Erfolg vor dem New Yorker Gericht bescherte.

Ob in Fragen der kulturellen Vielfalt oder bei der Buchpreisbindung – wenn wir gemeinsam vorgehen, können wir Deutsche und Franzosen in der EU, in der Unesco und im globalen Kontext viel bewegen. Unsere Zusammenarbeit im Filmbereich ist besonders intensiv.

Gerade in Zeiten der Omnipräsenz von US-Blockbustern in unseren Kinos ist es wichtig, die Herstellung und Verbreitung europäischer Filme zu unterstützen; nur gemeinsam können wir im Wettbewerb gegen Hollywood bestehen. Das deutsch-französische Filmtreffen, das im November 2012 sein 10-jähriges Jubiläum feiert, ermöglicht es französischen und deutschen Produzenten, Erfahrungen auszutauschen und Kontakte zu knüpfen.

Im Rahmen des Minitraité werden seit 2001 jährlich drei Millionen Euro für die Herstellung deutsch-französischer Koproduktionen bereitgestellt. Seither wurden daraus 87 Filme mit deutscher und französischer Beteiligung gefördert – darunter künstlerisch so erfolgreiche Filme wie "Pina" von Wim Wenders sowie "Das weiße Band" und "Liebe", für die Michael Haneke in Cannes in den Jahren 2009 und 2012 mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde.

In den Jahren 2000 bis 2010 wurden 138 Filme mit französischer und deutscher Beteiligung realisiert. Besonders intensiv ist die Zusammenarbeit auch im Rahmen des Ateliers Ludwigsburg-Paris, das ebenfalls in diesem Jahr sein 10-jähriges Jubiläum feiert. Das einjährige Weiterbildungsprogramm vermittelt Deutschen und Franzosen umfangreiches, praxisbezogenes Wissen über die europäische Filmwirtschaft. In den letzten Jahren ist es immer wieder gelungen, das Publikum in Frankreich für deutsche Filme und in Deutschland für französische Filme zu begeistern.

Sage und schreibe 8,6 Millionen Kinobesucher in Deutschland hat jüngst der wunderbare französische Film "Ziemlich beste Freunde" von Olivier Nakache und Eric Toledano erreicht. Beim Austausch von Künstlerinnen und Künstlern arbeiten wir ebenfalls eng zusammen. Die Cité des Arts in Paris, Schloss Solitude bei Stuttgart und die Stiftung Genshagen bieten Künstlerresidenzen an. Der Galerienaustausch Paris – Berlin befördert den Austausch der Kunsthändler.

Deutschland und Frankreich wollen den gemeinsamen Kulturraum stärken und deshalb Mobilitätshindernisse weiter abbauen. Damit sind wir Vorreiter und Impulsgeber in der Europäischen Union. Das derzeit im Aufbau befindliche Informationsportal "Touring artists" wird dazu einen Beitrag leisten. Gemeinsam fördern wir die Verbreitung junger Autorinnen und Autoren im Nachbarland. Daher haben das französische Kulturministerium und der BKM den Franz-Hessel-Literaturpreis ins Leben gerufen, der alljährlich von der Villa Gillet und der Stiftung Genshagen ausgerichtet wird.

Mit dem Deutschen Übersetzerfonds unterstützen wir deutsch-französische Übersetzungswerkstätten. In den letzten zwei Jahren wurden mit Hilfe des Deutschen Übersetzerfonds knapp dreißig französische Autoren aus allen Jahrhunderten ins Deutsche übersetzt. Viele andere Einrichtungen helfen mit, damit Verlage die Kosten für Übersetzungen nicht alleine tragen müssen.

Hinzu kommen Projekte wie der "Impuls Neue Musik", mit dem wir Kooperationsprojekte in der zeitgenössischen Komposition fördern, oder das Projekt "Transfabrik", mit dem im Élyséejahr deutsche und französische Theater zusammen arbeiten. Unsere Museen und Ausstellungshäuser sind verwoben in einem dichten Netz enger und nahezu alltäglicher Zusammenarbeit.

Die kulturelle Bildung bildet einen besonderen Schwerpunkt unserer gemeinsamen Kulturarbeit. Seit 2009 bietet die Stiftung Genshagen als Zentrum kultureller Bildung in Europa eine Plattform für den deutsch-französischen Austausch von Experten der Kulturvermittlung, aber auch für konkrete grenzüberschreitende Projektarbeit mit Künstlern und Jugendlichen. Die Öffnung nach Polen hin zum Weimarer Dreieck setzt dabei einen besonders wichtigen Akzent.

All diese Initiativen zeugen von der Erfolgsgeschichte, die Deutschland und Frankreich in den letzten fünfzig Jahren gemeinsam geschrieben haben. Und sie beweisen: Die "kulturelle und geistige" Union zwischen unseren beiden Ländern ist das eigentliche Band, das uns verbindet. Sie schlug mit den französischen Hugenotten in Berlin und mit Heinrich Heine in Paris ihre Wurzeln.

Sie prägte die Freundschaft zwischen Voltaire und Friedrich dem Großen, zwischen Rilke und Rodin. Die "République des lettres" und das Land der Dichter und Denker waren einander unverzichtbar. Das gilt bis heute.

Geben wir uns nicht der Illusion hin, die Globalisierung mache diesen Dialog unter Freunden überflüssig. Das Gegenteil ist der Fall. Damit wirkliche Begegnung stattfindet, brauchen wir die Kraft der Ideen und den Reichtum der Künste. Der kulturelle Dialog ist die Wurzel der deutsch-französischen Verständigung. Er ist ein Pfeiler des Kulturraums Europa. Er ist unsere Stärke in Zeiten der Globalisierung, und er ist der wahre Kern des Projekts Europa – auch und gerade in Zeiten der Krise.

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