Navigation und Service

Inhalt

Dienstag, 12. April 2011

Wirtschaft

Ein Pakt für mehr Managerinnen

von:
Rainer Brüderle
Quelle:
in "Financial Times Deutschland"

Selbstbewusste Managerinnen wollen gar nicht erst in den Verdacht geraten, ihre Karriere als Quotenfrau gemacht zu haben, schreibt Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle. Er setzt daher auf einen partnerschaftlichen Ansatz - statt auf Bürokratie und Zwang.

In Deutschland wächst eine neue Generation von Managerinnen heran. Das ist keine Überraschung. Denn noch nie gab es so viele erstklassig ausgebildete Frauen wie heute. An der Schule haben die Mädchen schon seit Längerem die Nase vorn: 56 Prozent der Abiturienten sind weiblich. Und an den Universitäten machen Frauen mit 52 Prozent nicht nur mehr, sondern häufig auch bessere Abschlüsse als ihre Kommilitonen.

Das spiegelt sich auch in besseren Jobchancen wider. Frauen stellen in Deutschland mittlerweile fast 46 Prozent aller Erwerbstätigen. Das ist im internationalen Vergleich ein hoher Wert. Zugleich übernehmen Frauen zunehmend Führungsverantwortung. Gerade in Zeiten eines drohenden Fachkräftemangels sind die Firmen auf die Talente ihrer hoch qualifizierten Mitarbeiterinnen angewiesen.

Die Zahlen über die Zusammensetzung bei Top-Posten spiegeln diesen Trend leider noch nicht wider. Trotz einiger weiblicher Neuzugänge der letzten Monate finden sich in den Führungsetagen Deutschlands nach wie vor hauptsächlich Männer. In den Vorständen und Aufsichtsräten der DAX-30Unternehmen liegt der Frauenanteil insgesamt bei knapp unter zehn Prozent. Deshalb wollen viele große Konzerne jetzt handeln. BASF beruft im Mai eine Mitarbeiterin in den Vorstand, die Deutsche Telekom hat sich freiwillig verpflichtet, bis 2015 30 Prozent der Führungspositionen mit Frauen zu besetzen, und der Deutsche-Bank-Aufsichtsrat wird ab Mai fast zu einem Drittel aus Frauen bestehen. Den Konzernen geht es dabei nicht um weibliche Farbtupfer in den Führungsriegen, sondern schlicht um eine bessere Performance. Studien zeigen, dass ein Mangel an Diversität innerhalb des Managements Unternehmen weniger innovativ macht. Firmen mit einem hohen Frauenanteil in der Führungsebene erwirtschaften nachweisbar höhere Gewinne.

Nach geeigneten Bewerberinnen braucht man meist gar nicht lange zu suchen. In der sogenannten zweiten Reihe stehen häufig zahlreiche talentierte Nachwuchsmanagerinnen bereit, sodass wir in den nächsten Jahren beim Anteil von Frauen in Führungspositionen hoffentlich eine sprunghafte Entwicklung sehen werden.

Auf diesem Weg wollen wir die Unternehmen unterstützen. Ich setze dabei auf einen partnerschaftlichen Ansatz - statt auf Bürokratie und Zwang. Liberale Frauenpolitik braucht keine planwirtschaftlichen Vorgaben. Sie baut auf die Qualifikation, die Stärken und die Leistungsbereitschaft von Frauen. Unsere selbstbewussten Managerinnen wollen gar nicht erst in den Verdacht geraten, ihre Karriere als Quotenfrau gemacht zu haben. Und Firmeneigentümern vorzuschreiben, wem sie die Leitung ihres Unternehmens anvertrauen dürfen, ist schon aus verfassungsrechtlichen Gründen fragwürdig.

Ich schlage deshalb einen Pakt für mehr Frauen in Führungspositionen vor, der sich am erfolgreichen Vorbild des Ausbildungspakts orientiert. Dieser Pakt, mit dem Zehntausende neue Lehrstellen geschaffen werden konnten, hat gezeigt, wie effektiv freiwillige Vereinbarungen der Wirtschaft mit der Bundesregierung sein können.

Mit dem neuen Pakt schaffen wir eine partnerschaftliche Plattform, auf der sich die Unternehmen unter anderem selbst auf Zielmarken für den Anteil von weiblichen Führungskräften verpflichten können. Die Ziele können dabei je nach Betrieb ganz unterschiedlich sein. So dürfte es zum Beispiel einer Personalberatung deutlich leichter fallen, schnell ausreichend qualifizierte Frauen zu finden, als einer Maschinenbaufirma.

Damit diese Anstrengungen transparent werden und es nicht nur bei bloßen Ankündigungen bleibt, sollen die Fortschritte laufend durch objektive Monitoringstellen überprüft werden. Die Ergebnisse werden beispielsweise auf einem Internetportal veröffentlicht. So kann sich jeder darüber informieren, welche Ziele sich die Unternehmen gesteckt haben und ob sie diese erreichen. Auch die Einführung eines Gütesiegels für Firmen mit einer besonders erfolgreichen Frauenförderung ist denkbar.

Unser Ziel ist es, dass Arbeitnehmerinnen mit einem Mausklick herausfinden können, welche Unternehmen sich glaubhaft dafür einsetzen, die Karrieren von Frauen zu unterstützen. Diese Transparenz bietet auch den Finnen ganz neue Möglichkeiten. Im Werben um Spitzenpersonal können sie sich auch durch gute Aufstiegsmöglichkeiten für Frauen erfolgreich von ihrer Konkurrenz abheben.

Ein weiterer Ansatzpunkt ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. In diesem Bereich hat die Bundesregierung zusammen mit den Ländern einiges bewegt, der Ausbau der Krippenplätze schreitet voran. Aber in der modernen Arbeitswelt brauchen wir flexiblere Betreuungszeiten. Gerade wer Führungsverantwortung trägt, wird manchmal auch ein paar Minuten länger gebraucht. Dann muss auch einmal eine spontane Abendbetreuung möglich

sein. Deshalb sollte es bei den Anbietern für Kinderbetreuung mehr Vielfalt und Wettbewerb geben, damit sich die Angebote künftig stärker an den Wünschen und Bedürfhissen der Kunden orientieren.

Gefordert sind aber auch die Arbeitgeber. So liegt zum Beispiel im Ausbau der betrieblichen Kinderbetreuung noch ein immenses Potenzial. Vor allem aber ist an vielen Stellen ein Bewusstseinswandel erforderlich. Denn heute wird von Führungskräften häufig wie selbstverständlich erwartet, dass sie dem Unternehmen rund um die Uhr zur Verfügung stehen. Mit der Erziehung von Kindern ist das auch bei besten Betreuungsangeboten kaum zu vereinbaren. Deshalb täten die Unternehmen gut daran, auf allen Ebenen familiengerechte Arbeitszeiten zu ermöglichen. Kind oder Karriere? Diese Frage sollte sich in Deutschland niemand mehr stellen müssen - egal ob Frau oder Mann.

Von: Rainer Brüderle in Financial Times Deutschland.

Seitenübersicht

Beiträge