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Montag, 10. Mai 2010

Eine Investition in das Fundament unseres Gemeinwesens

von:
Bernd Neumann
Quelle:
in "Kulturelle Bildung" der BKJ

Namensbeitrag von Staatsminister Bernd Neumann für das Magazin „Kulturelle Bildung“ der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung e.V. (BKJ) über das Konzept des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien zur Kulturellen Bildung.

Der Namensbeitrag im Wortlaut:

I. Ein kulturpolitischer Schwerpunkt des BKM

Die Förderung von kultureller Bildung ist eine Investition in das Fundament unseres Gemeinwesens, denn sie ist die Grundlage dafür, dass sich die Menschen in Deutschland aktiv an der Gestaltung unserer Gesellschaft beteiligen können. Die Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur prägt Persönlichkeit und Identität, sie vermittelt Werte und Orientierung, sie nimmt Einfluss auf die individuelle Entwicklung – die Entwicklung der Sinne, der kreativen Fertigkeiten und die Stärkung der sozialen Kompetenz. So fördert beispielsweise gemeinsames Musizieren die soziale Bindung in Schulklassen maßgeblich. Kulturelle Bildung ist aber auch eine Schule der Toleranz, indem sie Verstehen ermöglicht und so die Integration fördert – mit Sicherheit eines der Schlüsselthemen unserer Gegenwart, dessen Bewältigung für die Zukunft unserer Gesellschaft Weichen stellen wird.

Angesichts dieser immensen politischen Bedeutung habe ich schon kurz nach meinem Amtsantritt das Thema kulturelle Bildung zu einem meiner politischen Schwerpunkte erklärt. Eine erste Bestandsaufnahme bei einer Tagung im November 2007 im Jüdischen Museum in Berlin zeigte auf, dass die Politik des BKM vor allem bei der Bündelung der landesweiten Initiativen ansetzen kann. Besonderer Bedarf besteht bei der Identifizierung und Präsentation von Beispielen für best practice, die auch für andere Projekte vorbildlich sein können.

Ich bin allerdings der Ansicht: Vorbildlich kann nur sein, wer bei sich selbst anfängt, Änderungen durchzusetzen. So haben wir alle Einrichtungen, die durch mein Haus gefördert werden, beauftragt, Maßnahmen der kulturellen Bildung durchzuführen und in den jeweiligen Aufsichtsgremien regelmäßig darüber zu berichten. Damit wollen wir auch ein Zeichen setzen für die Bedeutsamkeit der Arbeit von Museums-, Theater- und Konzertpädagogen, die oftmals selbst in den eigenen Institutionen nicht genügend gewürdigt wird. Kulturelle Bildung gehört zu den unverzichtbaren Aufgaben jeder Kultureinrichtung! Nicht nur an Eigeneinnahmen, eingeworbenen Drittmitteln oder der Wertschätzung in den überregionalen Feuilletons misst sich der Erfolg einer Kultureinrichtung, sondern sehr konkret auch daran, wie sie ihren kulturellen und damit auch sozialen Vermittlungsauftrag definiert und wie ideenreich sie diesen umsetzt.

II. Die Verantwortung des Bundes im föderalen Kontext

Ab und an wird die Frage gestellt, ob sich der Bund auf dem Feld der Kulturellen Bildung überhaupt engagieren darf. Meine Antwort ist sehr klar: Er darf nicht nur – er muss es sogar, wenn er seiner Verantwortung gerecht werden will. Begegnung mit Kunst und Kultur sind nicht nur von essentieller Bedeutung für die gesunde Persönlichkeitsentfaltung jedes Einzelnen, sondern ganz dezidiert auch für die Gestaltung der Zukunft Deutschlands als europäisch gewachsener Kulturnation. Natürlich gehört Bildung und damit auch die kulturelle Bildung zur besonderen Verantwortung der Länder; aber es ist doch gar nicht zu bestreiten, dass die Thematik von der Sache her auch eine gesamtstaatliche Aufgabe ist. Wenn wir wollen, dass unsere Theater, Museen und Opernhäuser – in die unsere Gesellschaft viel Geld investiert! – auch in Zukunft kundige Besucher haben, müssen wir bei Kindern und Jugendlichen ansetzen. Aufgrund der verfassungsrechtlichen Kompetenzverteilung liegt der Löwenanteil der Aktivitäten bei den Ländern und Kommunen. Dies betrifft insbesondere die kulturelle Bildung in Schulen, Kindergärten und kommunalen Einrichtungen wie Musikschulen, soziokulturellen Zentren und regionalen Kultureinrichtungen.

Der Bund konzentriert sich auf herausragende Projekte mit Pilotcharakter. Er unterstützt kulturelle Wettbewerbe, erprobt Weiterbildungskonzepte und fördert Forschungsvorhaben zur kulturellen Bildung. Und er ermutigt im Rahmen des Kinder- und Jugendplans des Bundesfamilienministeriums, Kinder und Jugendliche, unsere Gesellschaft aktiv und verantwortungsbewusst mitzugestalten.

Neben der Förderung von Projekten und Initiativen sehe ich es als eine wichtige Aufgabe an, dass wir in unserer Gesellschaft Rahmenbedingungen und ein geistiges Klima schaffen, in dem Kunst und Kultur wertgeschätzt werden und sich entfalten können. So setze ich mich dafür ein, dass Kunst und Kultur nicht Opfer der Gratismentalität im Internet werden. Wir müssen schon Kindern und Jugendlichen vermitteln, dass der Diebstahl von geistigem Eigentum ein strafbares Delikt ist und die Existenz von Künstlern, Kreativen und Kulturschaffenden gefährdet – und damit die Freiheit der Kunst selbst, die ein zentrales Gut unserer Demokratie ist.

III. Ziele und Schwerpunkte des BKM

Zu den Aktivitäten der Kulturellen Bildung im weiteren Sinne zählen zweifellos alle Initiativen zur Stärkung der Medienkompetenz, die von meinem Haus seit einigen Jahren erfolgreich unterstützt oder auf den Weg gebracht worden sind. Ich erinnere nur an Vision Kino, die Nationale Initiative Printmedien, Ein Netz für Kinder oder den Deutschen Computerspielpreis. Auch das Thema „geschichtliche Bildung“ kann man zur Kulturellen Bildung rechnen, wenn man einen weiten Kulturbegriff zugrunde legt.

Im Folgenden möchte ich nun die Ziele und Förderschwerpunkte meines Hauses auf dem Gebiet der Kulturellen Bildung im engeren Sinne vorstellen, nämlich bezogen auf die kulturell-künstlerische Vermittlungsarbeit. Diese konzentrieren sich auf drei Säulen:

  1. Sensibilisierung und Qualifizierung der vom BKM geförderten Einrichtungen;
  2. Zielgerichtete Unterstützung bundesweit vorbildlicher Modellprojekte;
  3. Bundes- bzw. EU-weite Vernetzung der Akteure.

Wichtigstes Kriterium unserer Förderungen ist die Nachhaltigkeit eines Projekts oder einer Initiative. Bereits seit 2008 werden die Zuwendungsbescheide an vom BKM geförderte Kultureinrichtungen mit dem Auftrag verknüpft, aktiv kulturelle Vermittlungsarbeit zu leisten, die insbesondere bislang unterrepräsentierten Zielgruppen gelten soll. Außerdem müssen Fragen der Kulturellen Bildung in den jeweiligen Aufsichtsgremien regelmäßig thematisiert werden.

Der auf meinen Vorschlag hin eingerichtete neue Fördertopf „Kulturelle Vermittlung“, der 2010 erstmals im Haushalt des BKM veranschlagt wurde, wird es uns zudem ermöglichen, einige besonders innovative, modellhafte Projekte zu fördern. Flankiert werden diese Bemühungen durch den im vergangenen Jahr erstmals verliehenen und mit insgesamt 60.000 Euro dotierten BKM-Preis Kulturelle Bildung. Mit diesem Preis werden bundesweit modellhafte, innovative Projekte ausgezeichnet. Auch dieses Jahr sind von Experten und Multiplikatoren der Kulturellen Bildung viele gute Vorschläge eingereicht worden, die demnächst von einer Fachjury bewertet werden. Die Preisverleihung ist für den Sommer 2010 im nahe Berlin gelegenen Schloss Genshagen geplant.

2009 wurde die Stiftung Genshagen zu einer Plattform für Kulturelle Bildung in Europa ausgebaut und mit einer internationalen Konferenz eröffnet. Die Stiftung hat seither die Aufgabe, europaweit den Dialog zwischen Fachleuten der Kulturellen Bildung zu pflegen und konkrete Kooperationsprojekte zu realisieren. Es erweist sich als besonderer Vorteil, dass hier auch Informationen über europaweit erfolgreiche Strategien und Projekte direkt an die vom BKM geförderten Einrichtungen weitergegeben werden können. Somit können alle voneinander lernen.

Eine Fülle von Initiativen und Projekten geht auch von der Kulturstiftung des Bundes aus, die von meinem Haus gefördert wird und deren Stiftungsratsvorsitzender ich bin. Das im Rahmen der Kulturhauptstadt Europas entwickelte Modellprojekt „Jedem Kind ein Instrument“ hat mittlerweile über das Land Nordrhein-Westfalen hinaus in andere Teile Deutschlands ausgestrahlt. Aber auch „Fonds Heimspiel“ und das „Netzwerk Neue Musik“ haben sich bestens bewährt. Besonders gespannt bin ich auf die kürzlich gestartete Initiative „AGENTEN – Für das Publikum von morgen“. Hierbei sollen Experten gemeinsam mit Schulleitungen Strukturen für ein fächerübergreifendes Angebot der Kulturellen Bildung entwickeln, mit Kultureinrichtungen vor Ort kooperieren und künstlerische Projekte mit den Schülerinnen und Schülern umsetzen.

Meine bisherigen Gespräche mit Politikern und Experten lassen mich hoffen, dass wir mit diesen Konzepten und konkreten Schritten auf dem richtigen Weg sind. Wir werden auch in Zukunft wichtige Impulse aufgreifen und bleiben offen für Vorschläge und Anregungen. Eines sollte jedoch klar sein: Alle Aktivitäten zur Kulturellen Bildung benötigen neben vielen Ideen, Hingabe und Begeisterung auch eine verlässliche und auskömmliche Finanzierung. Die Aufgabe der Kulturpolitik des Bundes besteht nicht darin, Kürzungen in Ländern und Kommunen zu kompensieren. Ich appelliere daher an alle Verantwortlichen, unserer gemeinsamen Verantwortung gerecht zu werden. Es geht um nicht weniger als das Fundament unseres Gemeinwesens.

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