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Donnerstag, 2. Dezember 2010

Arbeitsmarkt

Fachkräftemangel bekämpfen

Interview mit:
Ursula von der Leyen
Quelle:
Handelsblatt

In den nächsten Jahren drohe ein enormer Fachkräftemangel, warnt Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen im Gespräch mit dem Handelsblatt. Deshalb ist es notwendig, inländische Arbeitskräfte, wie zum Beispiel Frauen, Migranten und Ältere, besser zu aktivieren. Aber auch gut qualifizierte Zuwanderinnen und Zuwanderer sind gefragt.

Zwei junge Frauen im Labor Qualifizierte Migranten gegen Fachkräftemangel Foto: Maro/version-foto.de

Handelsblatt: Frau von der Leyen, laut Wikileaks halten US-Diplomaten Sie für eine sehr beliebte Politikerin, die erfolgreich die Familienpolitik der CDU modernisiert hat...

Ursula von der Leyen: (lacht)... na, wenn das als streng vertraulich gehandelt wird, sollte ich mir eigentlich Sorgen machen ...

Handelsblatt: Vielleicht hat es ja sogar damit zu tun, dass Sie selbst schon in den USA gelebt haben. Was haben Sie da für Ihre Politik gelernt?

Von der Leyen: Sehr beeindruckt hat mich jedenfalls die Erfahrung, welch hohen Stellenwert man dort an der US-Westküste schon vor fast 20 Jahren der Vereinbarkeit von Beruf und Familie gegeben hat. Und man konnte auch sehr gut sehen, welcher Gewinn es für eine Region - Silicon Valley und Umgebung - sein kann, wenn sie zum Anziehungspunkt für hochqualifizierte Menschen aus allen Ländern wird.

Handelsblatt: Wie viel offener muss Deutschland für Zuwanderer werden?

Von der Leyen: Zuerst müssen wir unsere eigenen Interessen erkennen: Wenn wir nichts ändern, schrumpft die Erwerbsbevölkerung hierzulande binnen 15 Jahren um bis zu fünf Millionen Menschen. Uns droht ein enormer Fachkräftemangel. Dagegen hilft zweierlei: Wir müssen inländische Arbeitskräfte besser aktivieren - zum Beispiel Frauen, Migranten und Ältere. Und wir müssen heute die Weichen so stellen, dass der Zug der gut qualifizierten Fachkräfte, die zu uns passen, nicht an unserem Land vorbeifährt.

Handelsblatt: Zumindest die CSU würde auf den zweiten Teil - mehr Zuwanderung - gerne verzichten. Wie wollen Sie ihr das beibiegen?

Von der Leyen: Wir alle sollten uns die Brisanz von Fachkräftemangel klarmachen. Er verursacht enorme Kosten durch Produktionsausfälle und dadurch steigende Arbeitslosigkeit. Unternehmen investieren bei fehlenden Fachkräften weniger, weil die Kapitalrendite sinkt. Es wächst der Druck zur Automatisierung - dann fallen Arbeitsplätze für Geringqualifizierte weg. Und in anderen Bereichen droht Arbeitsverdichtung - was die Vereinbarkeit von Beruf und Familie weiter konterkariert. Das kommt auf das ganze Land zu, wenn wir nicht handeln- auch auf Bayern.

Handelsblatt: Nun biete schon das heutige Zuwanderungsrecht viele Zugangswege, sagen Kritiker. Wer kennt sich da nicht richtig aus?

Von der Leyen: Wir alle wissen insbesondere noch zu wenig darüber, in welchen konkreten Berufen und Regionen denn Fachkräftelücken drohen. Deshalb baue ich jetzt mit der Bundesagentur für Arbeit einen Jobmonitor auf, der uns künftig systematisch wichtige Informationen dazu liefern wird...

Handelsblatt:... was uns aber noch nicht mehr schlaue Köpfe bringt.

Von der Leyen: Deshalb ist das ja auch nicht alles. Ich lasse in meinem Ministerium eine Positivliste von Berufen erstellen, bei denen erwogen wird, die sogenannte Vorrangprüfung befristet auszusetzen. Dazu muss man nichts im Zuwanderungsrecht ändern, sondern nur die bestehenden Möglichkeiten ausschöpfen.

Handelsblatt: Die Arbeitsagenturen müssen dann nicht mehr in jedem Einzelfall prüfen, ob auch ein inländischer Bewerber verfügbar ist?

Von der Leyen: In der Tat. Schon davon verspreche ich mir eine starke Verbesserung. Die Unternehmen und ihre ausländischen Bewerber wissen dann direkt, woran sie sind. Ganz wichtig aber: Wegfall der Vorrangprüfung heißt nicht, dass auch die Arbeitsbedingungen nicht mehr geprüft werden. Zuwanderung darf kein Einfallstor für Dumpinglöhne und lausige Arbeitsbedingungen sein. Die Arbeitnehmer müssen geschützt bleiben - inländische wie ausländische.

Handelsblatt: Und woran entscheidet sich, ob ein Beruf auf die neue Liste kommt?

Von der Leyen: Wir messen in regelmäßigen Abständen nach objektiven Kriterien, in welchen Bereichen hohe Produktionsausfalle durch Fachkräftemangel drohen. Da fließt etwa die Relation zwischen offenen Stellen und Arbeitsuchenden im jeweiligen Beruf ein. Ein anderes Kriterium ist die Entwicklung der Vakanzzeiten - wie viele Wochen oder Monate suchen die Unternehmen im Schnitt, um die offene Stelle zu besetzen. Und wir prüfen, ob genug Absolventen auf dem Sprung sind in den potenziellen Mangelberuf. Denen wollen wir keine Wege verbauen.

Handelsblatt: Haben Sie schon Berufe identifiziert?

Von der Leyen: Ganz vorneweg und wenig überraschend: Ingenieure für Elektronik, Maschinen- und Fahrzeugbau. Gerade in der Autoindustrie ist der Mangel schon mit Händen zu greifen. Da müssen wir aufpassen, dass nicht deswegen ganze Abteilungen ins Ausland verlegt werden. Aber auch bei Ärzten haben wir schon eine deutliche Mangelsituation. Die konkrete Umsetzung der Positivliste könnte im ersten Quartal 2011 starten, wenn die Koalition einig ist.

Handelsblatt: Nur hapert es leider auch am Interesse qualifizierter Zuwanderer an unserem Land.

Von der Leyen: Teils, teils. Wir profitieren bereits von Europa. Die Zuwanderer, die aus EU-Ländern zu uns kommen, liegen mit ihrer Qualifikation über dem Durchschnitt der Gesamtbevölkerung. Heutige Realität ist aber auch: 59 Prozent der Zuwanderer in Kanada sind Akademiker, 40 Prozent in den USA und bei uns gerade einmal 22 Prozent. Da müssen wir besser werden, noch mehr Zuwanderung in unsere Sozialsysteme wollen wir nicht.

Handelsblatt: Daneben haben Sie selbst auf die ungenutzten Potenziale inländischer Arbeitskräfte hingewiesen ...

Von der Leyen:... ganz klar. Und ich lege auch großen Wert darauf, stets beides im Blick zu haben - wo genug Potenzial im Inland ist, muss das genutzt werden. Da lassen wir die Wirtschaft nicht aus der Verantwortung. Beispiel Pflege: Es gibt einen handfesten Mangel an Pflegefachkräften. Unbestritten. Andererseits gibt es viele arbeitslose Pflegehelfer, die nur zwei Jahre weitergebildet werden müssen zu Fachkräften. Hier muss gezielte Qualifizierung im Land erfolgen.

Handelsblatt: Von welchen Größenordnungen reden wir denn da?

Von der Leyen: Nehmen wir die Erwerbsbeteiligung von Frauen. Da liegen wir mit einer Quote von 65 Prozent zwar auf den ersten Blick schon recht gut. Ein zweiter Blick zeigt aber: Nur 40 Prozent der erwerbstätigen Frauen arbeiten auch Vollzeit. Deshalb ist das Thema „Vereinbarkeit von Beruf und Familie" so wichtig. Wir müssen durch Ganztagsschulen und mehr Kinderbetreuung die Chancen von Frauen am Arbeitsmarkt verbessern. Außerdem sorgen sie für bessere Bildungserfolge etwa bei benachteiligten Kindern, die wir lieber mit früher Bildung als Fachkräftenachwuchs fordern sollten, statt sie absehbar ohne Abschluss in eine Hartz-IV-Karriere driften zu lassen. Deswegen auch das Bildungspaket.

Handelsblatt: Und bei der "Rente mit 67"?

Von der Leyen: Hier zeigt sich in der Tat eine gute Seite der Anhebung des Renteneintrittsalters. Damit steigt die Zahl der verfügbaren Arbeitskräfte bis 2029 rechnerisch immerhin um etwa 1,2 Millionen. Das bedeutet umgekehrt übrigens auch: Wer die Anhebung des Rentenalters verschieben will, der treibt nicht nur die Sozialbeiträge hoch. Er verschärft auch den Fachkräftemangel und muss sich umso mehr Gedanken über zusätzliche Zuwanderung machen.

Handelsblatt: Warum tut sich gerade die CSU so schwer, wo doch der Fachkräftemangel in Bayern besonders ausgeprägt ist?

Von der Leyen: Ich verstehe gut, dass die Bilder von Massenarbeitslosigkeit und 30 Jahre verfehlter Integrationspolitik in unseren Köpfen noch sehr dominant sind. Und daraus müssen wir auch die Konsequenzen ziehen. Aber wenn der Mangel weiter zunimmt, werden die starken, weltweit aktiven Industrien in den Südländern Bayern und Baden-Württemberg unter den Ersten sein, die an die Tür der Politik klopfen und neue Lösungen fordern. Dass Automobilkonzerne oder Zulieferer aus Fachkräftemangel an ausländischen Standorten Beschäftigung aufbauen, kann kein Bundesland kaltlassen.

Handelsblatt: Frau Ministerin, wir bedanken uns für das Interview.

Das Gespräch führten Dietrich Creutzburg und Peter Thelen.

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