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Samstag, 8. Januar 2011

Bildung

Große Chance für viele Studienplatzanwärter

Interview mit:
Annette Schavan
Quelle:
in "Frankfurter Rundschau"

Ein früherer Studienbeginn infolge der ausgesetzten Wehrpflicht ist eine große Chance. Davon zeigt sich Bundesbildungsministerin Annette Schavan im Interview mit der Frankfurter Rundschau überzeugt. Bund und Länder seien sich einig, hierfür den Hochschulpakt auszuweiten.

Studenten des beginnenden Erstsemesters sitzen in einem Hörsaal. Bund übernimmt mit dem Hochschulpakt 50 Prozent der Kosten für neue Studienplätze Foto: picture-alliance/ ZB

Frankfurter Rundschau (FR): Frau Schavan, zu Beginn des kommenden Wintersemesters werden 60 000 neue Studienplatzanwärter erwartet. Ist das zu schaffen?

Annette Schavan: Dass Studenten wegen der Aussetzung der Wehrpflicht früher beginnen können, ist eine große Chance. Bund und Länder sind sich einig, den Hochschulpakt auszuweiten, um diese Chance zu nutzen. Haushaltslagen sind nie komfortabel. Aber zusätzliche Investitionen sind doch da am sinnvollsten, wo wir am besten Talente und Potenziale fördern können: in der Ausbildung begabter junger Menschen.

FR: Einige Länder haben große Schwierigkeiten die Schaffung zusätzlicher Studienplätze zu finanzieren.

Schavan: Der Bund kommt den Ländern mit dem Hochschulpakt bereits entgegen: Indem er 50 Prozent der Kosten für neue Studienplätze trägt, mit der Programmkostenpauschale für die Forschung an den Hochschulen und in der Förderung der Lehre. Das sind drei originäre Länderaufgaben, von denen ich aber überzeugt bin, dass sie für unser Land von so großer Bedeutung sind, dass wir sie gemeinsam schultern sollten.

FR: Die Studienplatzanwärter müssen sich keine Sorgen machen?

Schavan: Ich weiß, dass das eine anspruchsvolle Aufgabe für die Hochschulen ist. Aber wir können nicht einerseits in der Fachkräftedebatte klagen, dass wir dringend Naturwissenschaftler und Ingenieure brauchen und dann kapitulieren, wenn junge Leute ihr Studium früher beginnen können. Ich bin überzeugt, das ist zu schaffen.

FR: Hatte Sie der Verteidigungsminister eigentlich in seine Pläne eingeweiht?

Schavan: Ja, wir haben auch darüber gesprochen, ob man die Aussetzung der Wehrpflicht noch verschieben kann. Wir können den jungen Menschen aber nicht sagen: "Macht mal ein bisschen schneller Abitur" und sie dann im Regen stehen lassen.

FR: Fünf Bundesländer haben beschlossen, ihre Abiturprüfungen zu vereinheitlichen. Ist das ein erster Schritt zur Abschaffung des Bildungsföderalismus?

Schavan: Es ist eine Fortentwicklung. Es ist gut, dass sich so unterschiedliche Länder zusammengefunden haben, um zu mehr Gemeinsamkeit zu finden. Föderalismus in einer globalen Welt muss für Vergleichbarkeit und Mobilität sorgen.

FR: 16 Bundesländer entwickeln eigene Standards in der Bildungspolitik, um sich dann wieder auf einen gemeinsamen Standard zu einigen? Ist das ein sinnvolles Verfahren?

Schavan: Andersherum: Die gemeinsamen Bildungsstandards der Kultusministerkonferenz sind die Basis. Föderalismus funktioniert auf Dauer nur, wenn sich die Bildungspläne der Länder an diesen Standards orientieren. Ich bin überzeugt, die Vergleichbarkeit etwa der Abschlussprüfungen ist die Voraussetzung dafür, dass Eltern schulpflichtiger Kinder den Föderalismus akzeptieren.

FR: Sie wollen eine Allianz für Bildung initiieren. Kindern aus bildungsfernen Familien soll der Zugang zu Vereinen, Theatern und Bibliotheken ermöglicht werden. Einrichtungen, die allesamt über Geldmangel klagen. Hat das Aussicht auf Erfolg?

Schavan: Es hat große Aussicht auf Erfolg, weil diese Einrichtungen einen Bildungsauftrag für sich sehen und ihn auch erfüllen wollen. Die Pisa-Studie hat gezeigt, dass neben den Schulreformen das gesellschaftliche Klima für Bildung wichtig ist, um zu mehr Bildungsgerechtigkeit zu kommen. Mir geht es darum, bei Kindern und Jugendlichen Bildungshunger zu wecken. Es geht um Persönlichkeitsbildung, um ein weniger technokratisches Verständnis von Bildung. Musik, Theater und Literatur schaffen eine Grundlage, auf der vieles gedeihen kann.

FR: Wie soll das konkret aussehen?

Schavan: Wir wollen in den nächsten Jahren kontinuierlich lokale Bildungsbündnisse aufbauen. Die Schulen sollen sich vor Ort auf Partner verlassen können, sie sollen spüren, dass sie von der ganzen Gesellschaft unterstützt und getragen werden. Die Finnen haben uns das vorgemacht. Auch in unseren Städten und Gemeinden gibt es viele Angebote. Wir müssen sie stärker denen öffnen, die sie bislang kaum nutzen.

FR: Das ist ja auch Ziel des Bildungspakets. Wäre es nicht sinnvoller in Institutionen zu investieren und mehr Ganztagsschulen einzurichten?

Schavan: Das Bildungspaket ist die Antwort der Bundesregierung auf den konkreten Auftrag des Bundesverfassungsgerichtes. Es ist aber selbstverständlich nur Teil eines umfassenderen Bildungsprogramms, zu dem auch die pädagogische Weiterentwicklung von Ganztagsschulen gehört. Erst einmal müssen wir die Ganztagsschulen mit Leben füllen, die wir haben. Ganztagsschule bedeutet ein anderes Zeitmanagement, nicht vormittags Schule und nachmittags Angebote, die, weil sie freiwillig sind, am Ende nicht genutzt werden. Ein gutes Bildungssystem braucht Verbindlichkeit. Es kann nicht jeder machen, was er will.

Interview: Katja Tichomirowa

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