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Sonntag, 3. Oktober 2010

In der Kultur ist die Einheit Alltag

von:
Bernd Neumann
Quelle:
Weser Kurier am Sonntag

Anlässlich des 20. Jahrestags der Deutschen Einheit ging Kulturstaatsminister Bernd Neumann in einem Namensbeitrag für den Weser-Kurier am Sonntag  auf die Themen Wiederaufbau, Bürgerengagement und die neuen Gedenkstätten ein.

Der Namensbeitrag im Wortlaut:

Jedem, der die Wiedervereinigung bewusst erlebt hat, sind die bewegenden Ereignisse und Bilder der friedlichen Revolution und des Mauerfalls auch heute noch lebhaft vor Augen. Die Wiedervereinigung hat mit dem 3. Oktober 1990 ihr festes historisches Datum. Zugleich hat sie eine ungeheuer vielfältige und noch heute andauernde Entwicklung auf den Weg gebracht. So ist es nach 20 Jahren Wiedervereinigung lohnend, kurz Bilanz zu ziehen.

 

In der Kultur begegneten sich von Anfang an Bundesbürger „Ost“ wie „West“ in ihrer Identität als Deutsche. Die Kultur war und ist ein Kernelement des deutschen Vereinigungsprozesses und hat uns immer verbunden. „In den Jahren der Teilung waren Kunst und Kultur – trotz unterschiedlicher Entwicklung der beiden Staaten in Deutschland – eine Grundlage der fortbestehenden Einheit der deutschen Nation“, heißt es im Artikel 35, Absatz 1 des Einigungsvertrags.

Die Kultur war über Jahrzehnte der Trennung eine unzerstörbare Klammer zwischen Ost und West. Sie hat sich als ein unentbehrliches, wesentliches, integratives Element unserer Gesellschaft erwiesen. Identität, Zugehörigkeit, Zusammenhalt, all das stiftet Kultur, damals wie heute. Auch aus diesem Grund bin ich sehr glücklich darüber, dass sich das Bild von den „blühenden Landschaften“ auf die Kulturlandschaft Ostdeutschlands so treffend übertragen lässt. Wer sich damals über Helmut Kohls Vision mokiert hat oder heute noch abfällig darüber spricht, der möge sich anschauen, was in den letzen 20 Jahren allein für die kulturelle Infrastruktur geleistet wurde! Dies gilt vielleicht am augenfälligsten für die wunderbar restaurierten Altstädte in ganz Ostdeutschland und natürlich auch für die international bedeutenden Sammlungen, Museen und Bibliotheken.

Flaggschiffe unserer Kulturnation wie die preußischen Sammlungen, die in Ost- und Westberlin getrennt wurden, oder die Akademien der Künste in Berlin wurden in Rekordzeit mit beeindruckenden Ergebnissen zusammengeführt und saniert. Nehmen wir die Sanierung der Museumsinsel in Berlin, die Umsetzung des Masterplans wird fast 1,4 Milliarden Euro kosten, die der Bund allein finanziert. Aber dieses Weltkulturerbe ist jeden Cent wert. Niemand kann sich der Anziehungskraft dieser einmaligen Museumslandschaft entziehen. Ihre fünf großen Häuser sind nun erstmals nach dem Krieg wieder alle geöffnet und zeigen die einstmals getrennten Schätze. Das Neue Museum – 1990 nicht viel mehr als eine Ruine – ist jetzt eine architektonische Perle in der internationalen Museumslandschaft. Man kann mit Fug und Recht sagen: Hier ist zusammengewachsen, was zusammengehört!

Mit großem Engagement haben sich Bund, Länder und Kommunen sowie viele private Initiativen in den vergangenen Jahren dafür eingesetzt, dass auch außerhalb Berlins der herausragende kulturelle Reichtum der neuen Länder wieder so zur Geltung kommt, wie es seinem Rang entspricht. Von der Ostsee bis zum Erzgebirge ist die Kulturlandschaft in ihrer Substanz neu erblüht. Vom Wörlitzer Park bei Dessau bis zum Fürst-Pückler-Park in Bad Muskau, von Sanssouci in Potsdam bis zur Dresdner Frauenkirche, vom Grassi Museum in Leipzig bis zum Meeresmuseum in Stralsund – überall kann man diese herausragende Gemeinschaftsleistung bewundern.

„Die Erfüllung der kulturellen Aufgaben einschließlich ihrer Finanzierung ist zu sichern, wobei Schutz und Förderung von Kultur und Kunst den neuen Ländern und Kommunen entsprechend der Zuständigkeitsverteilung des Grundgesetzes obliegen (Artikel 35, Absatz 3).“ - Was im Einigungsvertrag so juristisch harmlos anmutet, bedeutete eine völlige Umstellung der Kulturpolitik in den neuen Ländern.

Regelte in der DDR die Zentralregierung die Angelegenheiten der bedeutenden Kultureinrichtungen, so hatten und haben nun die neuen Länder und die Gemeinden die primäre Verantwortung für ihre Kultureinrichtungen. Dies entspricht dem „Föderalismusprinzip“, wie es die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland vorsieht. Länder und Kommunen entscheiden über die Schwerpunkte und inhaltlichen Ausrichtungen, über die Finanzierung und die inhaltlichen Konzepte. Das ist gut und richtig, denn der Bund kann und darf sich nur auf diejenigen Förderungen beschränken, die wegen ihrer herausragenden gesamtstaatlichen Bedeutung die Kulturnation Deutschland prägen. Aber es war damals schon klar, dass diese Umstellung zum Föderalismus ohne Hilfe des Bundes nicht zu schultern sein würde.

„Die kulturelle Substanz … darf keinen Schaden nehmen (Artikel 35, Absatz 2).“ - Hier hat sich der Bund als verlässlicher Partner gezeigt und mit dem „Substanzerhaltungsprogramm“ zur Sicherung bestehender Einrichtungen und dem „Infrastrukturprogramm“ zur Modernisierung der Infrastruktur allein von 1991 bis 1994 rd. 3,3 Milliarden DM bereitgestellt. Damit wurden wichtige Nothilfemaßnahmen durchgeführt, um die schlimmsten Schäden in den Kultureinrichtungen zu beseitigen – darunter undichte Dächer, kaputte Fenster, marode Fassaden und nasse Keller. Nur so konnten der unwiederbringliche Verlust von Bausubstanz verhindert und die wertvollen Ausstattungen und bedeutenden Sammlungen gesichert werden. Weitere Förderprogramme folgten.

Doch nicht nur der Staat hat seinen Beitrag geleistet – auch viele Menschen im In- und Ausland haben die historisch einmalige Situation verstanden und sich persönlich engagiert. Der Wiederaufbau der Frauenkirche in Dresden ist beispielhaft: Von den 180 Millionen Euro Gesamtkosten wurden fast zwei Drittel durch Spenden aufgebracht. Doch trotz des unglaublich hohen Engagements vieler engagierter Bürgerinnen und Bürger war der gewaltige Kraftakt zur Rettung der Kultureinrichtungen in den neuen Ländern nicht ohne Hilfe des Bundes zu schaffen. Es stellte sich bald heraus, dass die neuen Länder und Gemeinden allein keine Chancen hatten, den Bestand zu bewahren und fortzuentwickeln. Der Bund nahm sich der Förderung dieser „kulturellen Leuchttürme“ an, darunter die Staatlichen Kunstsammlungen und das Deutsche Hygienemuseum in Dresden und die Wartburg in Eisenach. Aber auch die Luther-Gedenkstätten in Sachsen-Anhalt, die Frankeschen Stiftungen zu Halle, die Kulturstiftung Dessau-Wörlitz, das Deutsche Meeresmuseum in Stralsund werden inzwischen regelmäßig gefördert.

Dabei geht es nicht nur um die Bewahrung des kulturellen Erbes, sondern um die Fortentwicklung der Einrichtungen zu zeitgemäßen Kulturvermittlern. Ein besonderes Beispiel für den Brückenschlag zwischen tradiertem Haus und modernem Kulturangebot ist das Deutsche Meeresmuseum in Stralsund. Nachdem sich gezeigt hatte, dass das wachsende Interesse der Besucherinnen und Besucher nicht nur an musealer Erlebniswelt ausgerichtet ist, wurde mit dem Ozeaneum ein neuer Blick auf die Unterwasserwelt der Ostsee und den Stand der Meeresforschung ermöglicht. Mehr als eine Million Besucherinnen und Besucher waren davon im vergangenen Jahr begeistert. Zu dessen Entstehen hat der Bund 30 Millionen Euro beigetragen. In diesem Jahr wurde das Ozeaneum mit dem Preis „Europäisches Museum des Jahres“ (European Museum of the Year Award 2010) und dem Architekturpreis „International Architectural Award“ ausgezeichnet.

In den nächsten Jahren werden die Einrichtungen, die dem Leben und Wirken Martin Luthers verpflichtet sind, vor großen Herausforderungen stehen, denn 2017 jährt sich die Reformation zum 500. Mal. Ich sehe es als wichtige Aufgabe des Bundes an, die Luther-Stätten bei notwendigen Baumaßnahmen zu unterstützen.

Um an das Unrecht der SED-Diktatur zu erinnern, hat sich mein Haus dafür eingesetzt, dass ein „Gedenkareal“ am authentischen Ort der Bernauer Straße – die durch die Mauer einst geteilt war – entsteht. Daneben werden auch weitere Projekte zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gefördert, etwa der „Tränenpalast“ an der Friedrichstraße in Berlin, der eine Ausstellung bekommen wird, die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen und verschiedene Grenzlandmuseen im gesamten Verlauf der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Wo wären die so notwendige Erinnerung und das Gedenken besser angesiedelt als an diesen authentischen Orten, die die Geschichte hautnah erfassbar machen? Sie schaffen die überzeugende Möglichkeit, die heutige Jugend, die die deutsche Teilung und deren Folgen eben nicht mehr aus dem unmittelbaren Erleben kennt, für dieses Thema zu sensibilisieren. Denn Aufarbeitung ist unverzichtbar, um die Unterschiede zwischen Diktatur und Demokratie zu erkennen.

Zudem soll mit einem Denkmal an einen der glücklichsten Momente der deutschen Geschichte erinnert werden: An die friedliche Revolution im Herbst 1989 und die dann im Oktober 1990 gewonnene staatliche Einheit Deutschlands. Heute, am 3. Oktober, wird das Preisgericht die Sieger des Wettbewerbes für das Freiheits- und Einheitsdenkmal auf dem Berliner Schlossplatz präsentieren. Der Bund schaut aber nicht nur auf seine Hauptstadt – in Leipzig erhob sich früher als in Berlin der von großer Zivilcourage getragene gewaltfreie Protest der Bürgerinnen und Bürger. Aus diesem Grund wird sich der Bund auch in Leipzig an einem Denkmal zur Würdigung der friedlichen Revolution beteiligen.

Die Bürgerinnen und Bürger in Deutschland haben in den vergangenen 20 Jahren mutig angepackt und sehr viel erreicht. Es ist eine große Freude, diesen Prozess der Erneuerung und Rettung unseres kulturellen Erbes seit fünf Jahren als Kulturstaatsminister in der Bundesregierung nach Kräften unterstützen zu können.

Sicher ist der Prozess des Zusammenwachsens noch nicht vollständig in allen Bereichen abgeschlossen. In der Kultur jedoch ist die Wiedervereinigung gelebte Wirklichkeit. In Verantwortung für den Erhalt des kulturellen Erbes wird sich die Bundesregierung deshalb auch weiterhin in Ostdeutschland und in Westdeutschland nachhaltig und umfassend engagieren, zum Wohle unserer Kulturnation.

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