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Sonntag, 15. November 2009

Keine Angst vor Schweinegrippe

Interview mit:
Philipp Rösler
Quelle:
in "Welt am Sonntag"

Vor der Schweinegrippe brauche niemand Angst zu haben, meint Gesundheitsminister Philip Rösler. Wichtig ist, sich an die Empfehlungen der Experten zu halten. Hygiene sei entscheidend, erzählte er in einem Interview mit der Welt am Sonntag. Den Impfstoff hält er für absolut vertrauenswürdig.

Das Interview im Wortlaut:

Welt am Sonntag (WamS): Herr Rösler, Sie sind viel unterwegs und treffen mit vielen Menschen zusammen. Haben Sie Angst, sich mit der Schweinegrippe zu infizieren und zu Hause Ihre Familie anzustecken?

Philipp Posier: Nein, ich habe keine Angst. Ich halte mich an die Empfehlungen der Experten, was Hygiene angeht: Ich wasche mir regelmäßig die Hände und versuche möglichst nicht mit den Händen Mund oder Nase zu berühren. Außerdem werde ich mich nächste Woche impfen lassen. Gegen die saisonale Grippe wurde ich bereits letzte Woche geimpft.

(WamS): Bei der Verteilung des Impfstoffs in den Ländern hat es in den vergangenen Tagen erhebliche Probleme gegeben. Welche Konsequenzen müssen aus diesen Erfahrungen gezogen werden?

Rösler: Die Verantwortlichen vor Ort in den Ländern arbeiten daran, die bestmögliche Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen. Nicht immer werden Wartezeiten zu vermeiden sein. Ich bitte die Bürgerinnen und Bürger um Geduld. Es sollten jetzt wirklich zuerst diejenigen geimpft werden, die als medizinische Helfer gebraucht werden, und dann das Schlüsselpersonal wie Polizei und Feuerwehr und diejenigen, die ein höheres Risiko tragen, wie zum Beispiel chronisch Kranke.

(WamS): Die Bekämpfung der Schweinegrippe liegt in der Verantwortung der Länder. Ist die derzeitige Aufgabenteilung zwischen Bund und Ländern effizient genug, um schnell reagieren zu können? Müsste im Fall einer Pandemie nicht der Bund die Organisation übernehmen?

Rösler: Bund und Länder arbeiten bei übergreifenden Fragen wie Impfstoffbeschaffung und Impfstrategie eng zusammen. Die Organisation der Impfungen muss regionalen Besonderheiten Rechnung tragen; sie ist deshalb Aufgabe der Länder. Richtig ist aber auch, dass wir ein Interesse an einer genauen Analyse der Impfungen haben. Nur so kann man für die Zukunft lernen.

(WamS): Zum Glück verläuft die Schweinegrippe bislang ja noch milder als zunächst befürchtet. Was macht das HINI-Virus so gefährlich, dass die Weltgesundheitsorganisation eine Pandemie ausgerufen hat?

Rösler: Es sind ein Reihe von Eigenschaften, die das Virus besonders macht. Das Virus ist ganz neu und nicht viele Menschen konnten bisher eine wirksame Immunität dagegen aufbauen. Das Virus hat sich außerdem sehr schnell über die Welt verbreitet und ist zu einer ungewöhnlichen Jahreszeit aufgetreten - im Frühling und Sommer. Schließlich sind vermehrt jüngere Personen betroffen. Das alles hat die Experten in der Ausrufung der Pandemie bestätigt.

(WamS): Inzwischen steigt die Zahl der neuen Schweinegrippe-Fälle sprunghaft an. Rollt eine zweite, möglicherweise viel gefährlichere Infektionswelle auf uns zu? Alle großen Grippepandemien des vergangenen Jahrhunderts breiteten sich in zwei Wellen aus.

Rösler: Die Fallzahlen steigen an und die Fachleute des Robert-Koch-Instituts sprechen von der zweiten Welle. Aber das Virus selbst hat sich nicht verändert, das Virus ist nicht gefährlicher geworden. Dennoch: Durch die Zunahme der Zahl an Infektionen rechnen Experten mit einer Zunahme schwerer Erkrankungen. Auch weitere Todesfälle können nicht ausgeschlossen werden.

(WamS): In Bayern gehen immer mehr Menschen über die Grenze und lassen sich in Österreich impfen. Beunruhigt Sie das nicht?

Rösler: Die Länder bekommen vom Hersteller demnächst mehr Impfstoff, das hat der Hersteller auf unserem Impfgipfel zugesagt. Das wird die Situation entspannen.

(WamS): Im Internet kursieren Horrormeldungen über die Nebenwirkungen des HINI-Impfstoffs. So wird der verwendete Zusatzstoff Squalen mit dem Golfkriegssyndrom in Verbindung gebracht. Was ist dran an solchen Meldungen?

Rösler: Gut; dass Sie mir die Gelegenheit geben, auf diese Kampagne zur Verunsicherung der Menschen zu reagieren. Unser Fachinstitut, das weltweit für seine Seriosität und Kompetenz geschätzte Paul-Ehrlich-Institut, ist diesen Meldungen nachgegangen und hat Entwarnung gegeben. Für Squalen liegen seit 1997 Erfahrungen aus über 40 Millionen Impfungen vor. Und es hat keine auffälligen Nebenwirkungen gegeben.

(WamS): Die von Ihnen bereits angesprochene normale saisonale Grippe scheint keine Rolle mehr zu spielen. Wurde sie von der Schweinegrippe verdrängt?

Rösler: Bislang ist die saisonale Grippe nicht in Erscheinung getreten. Erst in den letzten Tagen gab es einzelne Fälle der saisonalen Grippe. Aber auch sonst beginnt die übliche Grippesaison bei uns erst mit dem Jahreswechsel, daher kann zurzeit niemand ausschließen, dass auch die normale in diesem Winter noch auf uns zukommt.

(WamS): Ist es sinnvoll, sich gegen beide Grippe-Erreger impfen zu lassen. Was raten Sie der Bevölkerung?

Rösler: Beide Impfungen sind wichtig.

Personen, für die eine Impfung gegen die Neue Grippe A (H1N1) von der Stiko, der Ständigen Impfkommission, empfohlen wurde, sollten sich impfen lassen. Aber man sollte auch an die normale saisonale Grippe denken. Die Stiko empfiehlt die Impfung gegen die saisonale Grippe ebenfalls für Risikogruppen, wie etwa Personen über 60 Jahre und Personen mit Grunderkrankungen wegen des erhöhten Risikos für schwere, mitunter tödliche, Krankheitsverläufe. Auch diese Impfung ist für medizinisches Personal besonders wichtig, da nicht nur sie selbst erkranken können, sondern sie die Grippe auch auf vorerkrankte und damit besonders anfällige Personen übertragen können.

Die Fragen stellte Claudia Ehrenstein.

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