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Sonntag, 28. August 2011

Kulturstaatsminister Bernd Neumann im Interview mit dem Weser Kurier: "Jüngere Generationen über das Leid der Teilung informieren".

Interview mit:
Bernd Neumann
Quelle:
im "Weser Kurier"

Staatsminister Bernd Neumann sprach im Interview mit Dietrich Eickmeier und Norbert Holst über die Berliner Gedenkstättenlandschaft, die Aufarbeitung der SED-Diktatur, das Freiheits- und Einheitsdenkmal und den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses.

- Das Interview im Wortlaut. -

Weser Kurier: Man sagt uns Deutschen nach, dass wir uns mit dem Umgang mit unserer Geschichte schwer tun. Wenn Sie auf den 13. August, den 50. Jahrestag des Mauerbaus zurückblicken, muss Sie dann nicht irritieren, dass es die meisten Berlin-Besucher mehr zur Kalten-Krieg-Revue privater Veranstalter und Museumsbetreiber am Checkpoint Charlie zieht als zur Mauergedenkstätte an der Bernauer Straße?

Bernd Neumann: Es ist erst einmal wichtig, dass es in Berlin Orte gibt, die an unsere deutsch-deutsche Geschichte erinnern. Das private Museum am Checkpoint Charlie hat den Vorteil, dass es sehr zentral und an einem geschichtsträchtigen Ort liegt. Deswegen sehe ich das auch positiv. Die Gedenkstätte an der Bernauer Straße, die über die Dimension der Mauer und ihre Unmenschlichkeit wissenschaftlich fundiert informiert, liegt dagegen sicher ein Stück abseits vom Zentrum in Berlin-Mitte, aber sie steht ebenso an einem authentischen Ort, der durch den Mauerbau traurige Berühmtheit erlangte. Die Bernauer Straße wurde ja durch den Mauerbau im August 1961 brutal getrennt und stand damit auch im Focus des weltweiten medialen Interesses. Erinnern Sie sich nur an die verzweifelten Sprünge vieler Ostberliner aus den Fenstern der Häuser an der Bernauer Straße in die Freiheit. Diese von uns mitfinanzierte Gedenkstätte zählt jährlich bisher schon mehr als 500.000 Besucher, das finde ich beachtlich. Deshalb glaube ich, dass nun nach der Eröffnung der Open-Air-Ausstellung die Mauergedenkstätte Bernauer Straße ähnlich viele interessierte Besucher aus aller Welt anziehen wird, wie das Museum am Checkpoint Charlie. Das Wichtigste ist doch, dass authentische Orte erhalten bleiben, die an die Mauer, die deutsche Teilung und das unselige SED-Regime erinnern. In Berlin und entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze unterstützen wir deshalb eine Vielzahl von Einrichtungen an authentischen Orten, mit denen die Erinnerung an die deutsche Teilung wachgehalten wird.

Weser Kurier: Und es gibt weitere Pläne…

Neumann: Im September wird die Bundeskanzlerin den sogenannten Tränenpalast am Bahnhof Friedrichstraße mit einer Dauerausstellung unter dem Titel ´GrenzErfahrungen´ eröffnen - über den Alltag der deutschen Teilung. 

Die oft schmerzlichen Erfahrungen mit Abschieden und die teilweise demütigenden und schikanösen Kontrollen in dieser ehemaligen Grenzübergangsstelle der DDR haben noch viele Ost- und Westdeutsche in Erinnerung. Der Tränenpalast soll diese schmerzliche Erfahrung wach halten und jüngere Generationen über das Leid der Teilung informieren.

Weser Kurier: Berliner Politiker und Historiker, unterstützt vom früheren tschechischen Präsidenten Vaclav Havel oder Ex-US-Außenminister James Baker, fordern ein Zentrum Kalter Krieg, eine Vernetzung der verschiedenen Aspekte der Teilung am Checkpoint Charlie als eine Art Überbau der vielfältigen Erinnerungsorte. Sehen Sie eine Notwendigkeit dafür?

Neumann: Ich will nicht bestreiten, dass dieser Vorschlag einem interessanten Gedanken folgt. Und wenn sich Privatleute mit eigenem Geld einer solchen Aufgabe widmen wollen, kann man das nur begrüßen. Nur kann die öffentliche Hand nicht alles finanzieren, gerade wenn man bedenkt, was wir alles auf diesem Gebiet schon machen. Über die Thematik Kalter Krieg wird ja bereits in einer Vielzahl bestehender Einrichtungen fachlich exzellent informiert zum Beispiel im AlliiertenMuseum, im Deutschen Historischen Museum oder in der Gedenkstätte an der Bernauer Straße. Wenn also private Mittel dafür aufgebracht werden, warum nicht? Das kann die Berliner Gedenkstättenlandschaft durchaus bereichern. 

Weser Kurier: Hubertus Knabe, der Leiter der Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen, hält sogar eine Wiedererrichtung der Grenzanlagen im ursprünglichen Zustand an einer Stelle für nötig, um die ganze Monstrosität von Mauer und Todesstreifen zeigen zu können. Wie sehen Sie das?

Neumann: Die Idee, die dahinter steht ist ja ohne Frage interessant und berechtigt, nur ist das inzwischen wohl nicht mehr zu realisieren. Das hat damit zu tun, dass kurz nach dem Mauerfall am 9. November 1989 die Berliner möglichst schnell überall die Mauer und das Symbol der Teilung aus der Stadt beseitigen wollten. Zudem muss man auch akzeptieren, dass die Mauerflächen an die Grundstückbesitzer zurückübertragen wurden. Zu Recht! Und diese – von Privatleuten bis hin zu den Kirchengemeinden – wollten aus verständlichen Gründen dort keine Mauer mehr dulden und die Flächen endlich anders nutzen.

Weser Kurier: Bei Umfragen stellt sich besonders bei jungen Leuten immer wieder ein großes Unwissen über die Zeit der zwei deutschen Diktaturen im letzten Jahrhundert heraus. Was ist da schiefgelaufen?

Neumann: Da muss man differenzieren. Das Wissen über die NS-Terrorherrschaft ist auch bei der jüngeren Generation größer als über die SED-Diktatur, obwohl die eine mehr als 60 Jahre zurückliegt und die andere nur 20. Ich erinnere aber daran, dass die Aufarbeitung der NS-Zeit mit dem Holocaust und dem von Deutschland verursachten II. Weltkrieg mit über 60 Mio. Toten auch Jahrzehnte gedauert hat. Als ich 1961 mein Abitur machte, wurde das Thema Drittes Reich überhaupt nicht behandelt, so weit kam man im Geschichtsunterricht gar nicht. Man wollte teilweise auch nicht die Konfrontation mit dieser für uns Deutsche so unerträglichen Geschichte und der eigenen Schuld. Was den zeitlichen Abstand betrifft, gibt es sicherlich Ähnlichkeiten mit der Aufarbeitung der SED-Diktatur. Es mag so sein, dass unmittelbare Zeitzeugen da manches lieber verdrängen wollen. Unsere Aufgabe ist es aber, das zu verändern, diese Defizite zu beseitigen. Ich habe kürzlich zum Ärger einiger Kultusminister gesagt, dass das in erster Linie eine Aufgabe der Schulen ist. Da ist offenbar zu wenig passiert. Mit den Gedenkstätten allein kann man die Aufarbeitung nicht leisten. Da ist mehr gefragt, gerade die Schulen aber auch die Elternhäuser sind in der Pflicht. Mit den Gedenkstätten können wir durch unsere finanzielle Förderung ergänzendes Wissen fördern, die Vergangenheit ein Stück sichtbar machen und zur Aufklärung beitragen. Eine Führung durch das ehemalige Stasi-Gefängnis in Berlin-Hohenschönhausen durch einen ehemaligen Häftling hat eine ganz große emotionale Wirkung, aber sie muss eingebettet sein in die Vermittlung dessen, was eine Diktatur ist, wie ihre Machtmechanismen funktionieren. Wenn wir wollen, dass junge Leute weniger anfällig gegen Ideologien und Rattenfänger von links und rechts sind, ist so eine Herangehensweise absolut notwendig. Die Aufklärung über unsere Vergangenheit ist gleichzeitig eine Vorsorgemaßnahme für Demokratie und Freiheit.

Weser Kurier: Kein Denkmal ohne Streit. Das geplante Einheitsdenkmal schon erwähnt. Die riesige Wippe aus Stahl und Glas, die durch Menschen in Bewegung gebracht werden kann, wurde schon als „nationale Hüpfburg“ verspottet…

Neumann: Ich habe auch was von Neumanns Schaukel gelesen.

Weser Kurier: … oder als Rummelplatz der Geschichte. Wie begegnen Sie solcher Kritik?

Neumann: Ich gehe davon aus, dass wir für die Errichtung und bis zur Einweihung drei Jahre brauchen werden. Die Kritik am Entwurf nehme ich ernst, teile sie aber überhaupt nicht.

Die Mehrheit der hochkarätig besetzten, sachverständigen Jury hielt diesen Denkmalentwurf für sehr gelungen. Eine ästhetisch anspruchsvolle, große Schale, die sich mit Leichtigkeit vom Boden abzuheben scheint, kann durch Mitwirkung von Besuchern in Bewegung gesetzt werden. Bürger können etwas bewegen, wenn sie zusammenstehen. Ich finde das - bezogen auf die Friedliche Revolution und die Wiedervereinigung - künstlerisch wunderbar umgesetzt.

Es wird kein Denkmal, an dem die Leute bloß ehrfurchtsvoll vorbeigehen. Nein, im Gegenteil. Man kann in dieses Denkmal hineingehen und man kann, wenn eine bestimmte Anzahl von Menschen auf einer Seite steht, eine leichte Bewegung dieser Schale erzeugen. Das Motto des Denkmals ‚Bürger in Bewegung‘, wenn man zusammensteht, kann man was bewegen, halte ich als Symbol für die Friedliche Revolution für sehr gelungen. Und ich sage voraus, dass das Einheitsdenkmal eine weitere große Attraktion Berlins werden wird.

Weser Kurier: Stichwort Wiederaufbau des Schlosses. Wann wird mit seinem Bau denn nun begonnen und ab wann wird es als kultureller Veranstaltungsort nutzbar sein?

Neumann: Der erste Spatenstich wird 2013 erfolgen. Damit ist endgültig klar, dass gebaut wird. Der Haushaltsausschuss des Bundestags hat kürzlich die Mittel um 38 auf 590 Millionen Euro aufgestockt. Das ist ein Riesenprojekt, das 2019 eröffnet werden soll -  ein sehr ehrgeiziges Ziel. Das Schloss wird auf eindrucksvolle Weise die architektonische Mitte Berlins komplettieren. Dort, wo jetzt noch eine Leerstelle ist, wird mit dem Schloss und dem Humboldt- Forum ein städtebauliches und kulturelles Highlight von hoher internationaler Bedeutung entstehen.

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