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Laudatio von Kulturstaatsminister Bernd Neumann anlässlich der Verleihung der Berliner Friedensuhr an Willi Lemke

Redner:
Bernd Neumann
Gehalten:
Dienstag, 8. November 2011
Ort:
Atrium der Deutschen Bank, Berlin

Staatsminister Bernd Neumann ging in seiner Laudatio auf das Leben und Wirken von Wilfried "Willi" Lemke ein und würdigte die Vergabe der Berliner Friedensuhr als Symbol für bürgerliche Selbstverantwortung.

- Es gilt das gesprochene Wort. -

Anrede,

ich habe gern die Aufgabe übernommen, zur Verleihung der „Berliner Friedensuhr 2011“ an Willi Lemke die Laudatio zu halten. Uns verbindet ein langes Stück gemeinsamen Weges – sportlich, politisch, vor allem aber auch menschlich.

Die Berliner Friedensuhr ist eine international geachtete Auszeichnung für Menschen, die sich bei der Überwindung von Mauern zwischen Völkern und Nationen, Konfessionen und Kulturen verdient gemacht haben.

Die Friedensuhr erinnert an den Mauerfall hier in Berlin. So präsent dieses Ereignis zweifellos ist: Wir haben uns daran gewöhnt, die Veränderungen in Folge des Durchbruchs von 1989 für alltäglich, für allzu selbstverständlich zu halten – ein freies und geeintes Deutschland, ein offenes und demokratisches Europa (trotz aller aktuellen Turbulenzen), unübersehbare Fortschritte bei der Durchsetzung von Frieden und Menschenrechten – mindestens in Europa.

Doch wir werden immer wieder daran erinnert, dass Frieden und Freiheit stets neu errungen werden müssen. Mit der Durchsetzung von Menschenrechten und der Freiheit der Kunst und der Meinungsäußerung steht es weltweit leider nicht überall zum Besten, auch wenn die Aufbruchsstimmung im Nahen Osten zeigt, dass sich Menschen nicht beliebig lange unterdrücken und gängeln lassen.

Der Schlüssel aller gesellschaftlichen Veränderungen ist, dass sich Bürger aktiv einsetzen und nicht darauf vertrauen, dass es der „Staat“ oder sonstige Institutionen schon richten werden. Die Vergabe der Berliner Friedensuhr ist für mich ein solches Symbol für bürgerliche Selbstverantwortung. Mir gefällt vor allem, dass es sich dabei um eine private Initiative handelt. Sie ging zunächst von Jens Lorenz aus, dem Schöpfer der Uhr, dann auch vom Berliner Komitee für UNESCO-Arbeit.

 

Die Vergabe der Friedensuhr ist nur ein Teil des Engagements, das vom Berliner Komitee für UNESCO-Arbeit ausgeht. Das Komitee vermittelt die allgemeinen Ziele und Aufgaben der UNESCO in Bildung, Wissenschaft und Kultur, aber ein Teil seiner Aktivitäten steht dabei auch in direktem Bezug zur Kulturförderung des Bundes.

Ich denke hier an die UNESCO-Weltkulturerbestätten, von denen sich mit der Museumsinsel, den preußischen Schlössern und Gärten und der Siedlung der Berliner Moderne allein drei in dieser Region befinden. Hier bildet die Arbeit des Komitees eine wertvolle und unverzichtbare Unterstützung der Förderung des Bundes. Ich denke aber auch an den Bereich der kulturellen Bildung, für den Sie sich ebenfalls einsetzen. Dass all dies ehrenamtlich geleistet wird, ist nicht hoch genug einzuschätzen. Stellvertretend für die vielen Aktiven des Komitees sage ich Ihnen, liebe Frau Dr. Reich, herzlichen Dank für Ihren Einsatz.

Meine Damen und Herren,
zwischen Willi Lemke und mir gibt es zunächst eine Gemeinsamkeit im Lebenslauf. Wir haben beide ein Lehramtsstudium absolviert und sind dann in der Politik gelandet.
Während dies bei mir mehr oder weniger direkt geschah, gibt es bei ihm bemerkenswerte Stationen, mit denen ich nicht aufwarten kann.

Sein Ziel war es immer, so schreibt Willi Lemke selbst in seinen Lebenserinnerungen mit dem Titel „Ein Bolzplatz für Bouaké“: „Ich wollte Konflikte immer durch Kompromisse, nie durch Gewalt lösen, auch nicht gegen Sachen. Mein Ziel war es, unsere Republik sozialer und gerechter zu gestalten, das stand bei mir im Vordergrund – und das will ich heute immer noch, jetzt nur im internationalen Maßstab.“

Wichtig war Willi Lemkes Wirken für einen Fußballverein, mit dem uns beide eine innige Beziehung verbindet. Nach einer Tätigkeit als Geschäftsführer der SPD Bremen, war Willi Lemke von 1981 bis 1999 Manager des SV Werder Bremen, dessem Aufsichtsrat er bis heute vorsitzt. Er hat dabei eine Ära geprägt, die im Grunde bis in die Gegenwart reicht.

Umtriebig, ideenreich, kommunikationsfreudig und mit einem besonderen Organisationstalent ausgestattet, verhalf er dem Verein in wenigen Jahren zu einem wirtschaftlich bemerkenswert soliden Fundament, so dass Willy Brandt ihn einmal als „ein wunderbares lebendes Beispiel“ dafür rühmte, „dass auch Sozialdemokraten hervorragend mit Geld umgehen können“. So in Wikipedia über Lemke nachzulesen.

Große Erfolge – Meisterschaften und Pokalsiege auf nationaler wie internationaler Ebene – fallen in diese Zeit. Lemke steht aber nicht nur für denkwürdige Europapokalabende im Weserstadion, für sportlichen und wirtschaftlichen Erfolg, sondern vor allem auch für Menschlichkeit, verlässliches Handeln und Kontinuität im hektischen und mitunter fragwürdigen Geschäft des Profifußballs. Dass er als Manager des SV Werder Bremen auch humanitäre Hilfsprojekte organisierte, war für Willi Lemke eine Selbstverständlichkeit. Sein „Credo“ – „nicht nur zuschauen, sondern selbst anpacken“ – zeichnete ihn immer aus.

In dieser Zeit engagierten Willi und ich uns auch fußballerisch aktiv im sogenannten „Freundeskreis des SV Werder“, der wöchentlich in der Sporthalle des SV Werder trainiert. Im Buch von Willi Lemke heißt es dazu auf S. 44 „Mit unserem Freundeskreis, zu dem auch Rudi Assauer und Bernd Neumann, heutiger Staatsminister für Kultur und Medien bei Bundeskanzlerin Angela Merkel, gehörten, waren wir privat in einem Bus nach Warnemünde gereist. Wir wollten uns ein paar schöne Tage am Strand und im legendären Neptun-Hotel machen. Schon vor unserer Abreise hatten wir die Idee gehabt, endlich auf den deutsch-deutschen Sportkalender zu pfeifen. Einmal musste dies doch möglich sein.

Und tatsächlich sollte es wohl das erste Spiel außerhalb des offiziellen Sportkalenders sein, wahrscheinlich auch das letzte, denn wenige Monate später fiel die Mauer. Das, was ich damals als Student nicht geschafft hatte, wurde jetzt Wirklichkeit. Die Stasi bekam natürlich Wind davon und unternahm Einiges, um die sportliche Begegnung zu verhindern. Doch ohne Erfolg, und es lief auch gar nicht schlecht für die Amateure aus dem ‚Hotel der Spione‘. 2:1 endete das Spiel für Bremen, wobei ich das zweite Tor erzielte mit einem Volleyschuss in die linke untere Torhälfte – unhaltbar.“

Lieber Willi, nach dieser Schilderung könnte man auf hohes fußballerisches Können und Begabung bei Dir schließen – na ja, um ehrlich zu sein, Du warst mit Deiner explosiven Schnelligkeit doch eher ein begabter Leichtathlet als ein Fußballer. 1999 zog es Willi Lemke zurück in die Politik. Wir hatten in Bremen eine Große Koalition. Der damalige Bremer Bürgermeister Henning Scherf schlug ihm vor, Senator für Bau und Umwelt zu werden, was bei Lemke nicht auf Begeisterung stieß.

Es kam dann aber anders, wie Lemke in seinem Buch selbst schildert: „Einige Zeit später … rief Scherf mich an: ´Bernd Neumann will das Bildungs- und Wissenschaftsressort nicht übernehmen. Traust du dir das zu?` Dieses Ressort gefiel mir schon besser". Lieber Willi, wir handelten dann beide – Du als präsumtiver Bildungssenator und ich in meiner Eigenschaft als CDU-Landesvorsitzender – die Koalitionskompromisse zum Bereich Bildung aus. Als Du später aufgrund des politischen Erbes von Deinen Vorgängern manchmal vor zum Teil unlösbaren Problemen standest, musste ich mir immer anhören: „Du hast Schuld, dass ich Bildungssenator bin!“.

Obwohl uns politisches Einiges trennt, muss ich im Nachhinein sagen, dass dies für Bremens Schulen eine glückliche Entwicklung war. Du hast den Aspekt der Erziehung in der Schule zum sozialen und solidarischen Verhalten genauso wie den der Leistung und des Leistungswettbewerbes wieder in den Vordergrund gerückt.

Meine Damen und Herren,
Willi Lemke hat das Amt des Senators für Bildung und Wissenschaft acht Jahre lang hervorragend ausgefüllt, und ich konnte dadurch Kulturstaatsminister werden.
Vor schwierigen Entscheidungen wich er nie zurück und bewies zugleich seine Gabe, im Dialog Brücken zu bauen. Bei aller Erfolgsorientierung: Menschliche Qualitäten zeigen sich nicht zuletzt im Umgang mit Niederlagen. Das gilt für den Sport, aber auch für die Politik.

So, wie Lemke in den 80er und 90er Jahren die Auseinandersetzung mit seinem Widerpart Uli Hoeneß bei Bayern München immer fair geführt hatte, ging er auch sportlich mit der Entscheidung der SPD-Mitglieder um, die nicht ihn, sondern Jens Böhrnsen 2005 zum neuen Bürgermeister Bremens bestimmten. Lemke bewies einmal mehr, dass Fairness und Loyalität zu seinen Tugenden zählen, und amtierte bis 2008 als Senator für Inneres und Sport.

Drei Vorbilder haben Willi Lemke nach eigenen Aussagen geprägt: Willy Brandt, Uwe Seeler und Albert Schweitzer. Die ersten beiden Namen können beim Blick auf Lemkes Vita nicht überraschen. Die Rolle Albert Schweitzers wird dagegen erst seit kurzem auch in der öffentlichen Wahrnehmung verständlich. Seit drei Jahren ist Willi Lemke Sonderberater des UN-Generalsekretärs für Sport im Dienste von Entwicklung und Frieden. Diese Bezeichnung mutet zunächst etwas abstrakt an; das Amt wird von Lemke aber sehr konkret ausgefüllt.

Er vertritt die Vereinten Nationen bei Sportveranstaltungen und vermittelt bei Konflikten zwischen Staaten und Organisationen des Sports. Vor allem aber setzt er sich für Vorhaben ein, die über den Sport denjenigen eine Perspektive eröffnen, die sonst kaum welche haben, den Menschen, die zu den „Ärmsten der Armen“ zählen. Afrika – der Kontinent Schweitzers – spielt dabei eine zentrale Rolle. Lemke unterstützt Projekte in Südafrika oder Kenia, aber auch in Malaysia oder den Palästinensergebieten mit hohem persönlich Einsatz und großer Empathie. Willi Lemke ist kein Funktionär! Er verkörpert Mitmenschlichkeit und – ja, so muss man es wohl sagen – Nächstenliebe auf eine ganz und gar authentische und auch mitreißende Art.

Die Vielfalt der Ansatzpunkte entspricht dabei Lemkes unermüdlichem Temperament: Es geht um die Gleichberechtigung der Geschlechter, um die Chancen für behinderte Menschen, um Gesundheit – beispielsweise in der HIV-Prävention – und um Konfliktlösungen in Krisengebieten. Ich möchte an dieser Stelle nur kurz auf das Projekt des „Bolzplatzes für Bouaké“ eingehen, dem namengebenden Projekt im Titel seiner Lebenserinnerungen. Bouaké ist eine Stadt in der Republik Elfenbeinküste – einem Land, das seit vielen Jahren vor allem durch politische Unruhen auf sich Aufmerksam macht.

Die Geschichte ist aus meiner Sicht in mancher Beziehung paradigmatisch für das Wirken Willi Lemkes. Zwangsbeglückung ist seine Sache nicht. Willi Lemke weiß aus Erfahrung: Nur dort, wo der Wille vorhanden ist, selbst etwas ändern zu wollen, kann Hilfe auch wirklich fruchten. In Bouaké gab es schon eine begeistert angenommene Judoschule, die von Jungen wie Mädchen besucht wurde – die Saat für den Sport als Mittel der Verständigung war also bereits gelegt. Und Willi Lemke hat umgehend die Chance ergriffen, die sich vor Ort bot – auch dies Gespür für das Mögliche zeichnet ihn aus.

Geradezu unnachahmlich ist es, wie Lemke den Kommandeur der Blauhelmmission dazu bewegen konnte, schließlich nicht nur einen Trainingsplatz für seine Soldaten, sondern auch einen Bolzplatz für die örtliche Jugend anzulegen – quasi als Beweis für die friedensstiftende Aufgabe der Truppen. Den Kommandeur sprach er so an: „Herr Kommandeur, hätten Sie es mit Ihrem Mandat nicht leichter, wenn Sie den Menschen hier helfen würden? Wenn Sie mit Ihren gewaltigen Fahrzeugen schwer bewaffnet durch die Straßen fahren, verbreiten Sie nur Angst und Schrecken.


Wenn Sie aber einen Bolzplatz für die Kinder bauen, vielleicht auch ein kleines Jugendhaus oder eine Wasserleitung in die Judohalle legen, dann zeigen Sie der Bevölkerung, dass Sie ihr wirklich helfen wollen. Mit solchen Dingen werden Sie nicht Zielscheibe von Rebellenangriffen, sondern vielmehr respektiert.“
Hier zeigt sich ein weiterer Charakterzug von Willi Lemke: sein taktisches Gespür, immer gepaart mit Fairness und der Achtung vor der Persönlichkeit des anderen. Ihm liegt an Kommunikation, nicht an Konfrontation; das habe ich an Willi Lemke immer sehr geschätzt.

In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung beschreibt Willi Lemke seine Aufgabe so: „Ich bewege mich in einer Welt, in der Sport einen ganz anderen Wert hat. Oft fehlt das schulische Angebot, das Dach überm Kopf, jede Perspektive. Da gibt es Jugendlichen vielleicht ein wenig Halt, wenn sie, wie bei einem Projekt in Südafrika, einmal in der Woche unter Anleitung von Fachleuten trainierten. Ich habe mich in Malaysia in Grund und Boden geschämt, als ein etwa zehnjähriger Junge sagt: Er möchte sich herzlich bedanken, dass er hier zur Schule gehen könne.


120 Flüchtlingskinder aus Birma hockten in einem kleinen, stickigen und elendig stinkenden Raum auf dem Fußboden, es gab keine Stühle, keine Tische, keine Wandtafel, gar nichts. Die Kinder in ihrer Hoffnung auf ein besseres Leben zu bestärken, ihnen Gemeinschaftserlebnisse durch den Sport zu ermöglichen, das ist meine Aufgabe. Dafür brauche ich keinen Komfort. Ich habe keinen Fahrer, fahre viel mit Bus und Bahn und übernachte auch nicht in Fünf-Sterne-Hotels. …

Der Job macht mir unendlich viel Spaß, weil ich am Ende meiner beruflichen Laufbahn etwas tun kann, worin ich noch einmal einen ganz besonderen Sinn sehe. Wissen Sie, ich habe ja 18 Jahre lang Fußball organisiert, im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Ich habe gedacht, der Moment mit der Meisterschale auf dem Rathausbalkon sei die Krönung in meinem Leben. Mit zunehmendem Alter setzt man andere Prioritäten. … Auf meinen Reisen für die UN habe ich sehr viel Leid und Elend gesehen. Es befriedigt mich, wenn ich dort ein bisschen helfen kann.“

Meine Damen und Herren,
der Preis des Berliner Komitees für UNESCO-Arbeit wird als Friedenspreis an Persönlichkeiten verliehen, die auf Grundlage der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ der Vereinten Nationen zur Überwindung von Mauern zwischen Rassen, Klassen, Völkern, Nationen, Kulturen, Ideologien, Konfessionen, Parteien und Menschen exemplarisch beigetragen haben.

Die Liste der bislang mit der Berliner Friedensuhr ausgezeichneten Persönlichkeiten spricht für sich. Willi Lemke gehört in diesen Kreis – nicht nur, aber vor allem auch auf Grund seines Einsatzes für Verständigung, Entwicklung und Integration durch den Sport. Das Potenzial des Sports hat Lemke selbst sehr treffend charakterisiert: „Sport ermöglicht Kommunikation ohne Sprache und ist so für alle Menschen verständlich. Und Sport gibt den Menschen weltweit die Möglichkeit, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Mir ist kaum etwas anderes bekannt, das so etwas vermag.

Egal aus welchem gesellschaftlichen System wir stammen, welchem Glauben wir anhängen, welcher Ethnie, welchem Geschlecht wir angehören, wie alt wir sind, welche Hautfarbe wir haben, in welcher Kultur wir aufgewachsen sind, ob mit Behinderung oder ohne – Sport verbindet uns und erfüllt somit eine wesentliche gesellschaftspolitische Funktion".

Meine Damen und Herren,
Willi Lemke verkörpert die Erfüllung dieser Potenziale des Sports wie kaum ein anderer und ist deshalb ein würdiger Preisträger der Berliner Friedensuhr 2011. Ich danke Herrn Lorenz und dem Berliner Komitee für UNESCO-Arbeit. Sie haben aus meiner Sicht eine hervorragende Wahl getroffen. Dem Preisträger gilt mein herzlicher Glückwunsch!

Dienstag, 8. November 2011

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