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Donnerstag, 4. August 2011

Interview

Mehr Chancen für Jugendliche

Interview mit:
Ursula von der Leyen
Quelle:
in "Rheinische Post"

Mit der Alterung der Gesellschaft werden Nachwuchskräfte künftig stark gefragt sein. Qualifizierte Fachkräfte können darum auf bessere Möglichkeiten am Arbeitsmarkt hoffen. Arbeitsministerin Ursula von der Leyen sprach dazu im Sommerinterview mit der Rheinischen Post.

Ursula von der Leyen, Bundesministerin für Arbeit und Soziales Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen Foto: REGIERUNGonline/Kugler

Rheinische Post: Der Wechsel vom Familien- ins Arbeitsministerium hat Ihnen einen Verlust an Beliebtheit beschert. Bereuen Sie den Schritt?

von der Leyen: Im Gegenteil! Das Arbeitsministerium bedeutet eine Weiterentwicklung. Themen, bei denen ich im Familienministerium einen Grundstock gelegt habe, verfolge ich nun weiter. Dazu zählt beispielsweise die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die ich jetzt mit Blick auf die Bedürfnisse von Alleinerziehenden, den Fachkräftemangel und Frauen in Führungspositionen vorantreibe.

RP: Das heißt, Ihr Herz hängt aber weiter an den Themen Familie und Frauen.

von der Leyen: Mein Herz hängt an den Lebensthemen meiner Generation. Dazu gehört auch die Frage, wie sich die Arbeitswelt im Zuge des demographischen Wandels und des Fachkräftemangels verändert. Der wachsende Fachkräftemangel droht die Innovationskraft in Deutschland abzuwürgen, also müssen wir gegensteuern. Das ist die Chance für viele, die gern arbeiten würden, aber bisher außen vor waren. Wenn es uns gelingt, mehr erfahrenere ältere Menschen, qualifizierte Frauen und alle jungen Menschen in den Arbeitsmarkt zu integrieren, kann Deutschland auch in Zukunft international an der Spitze stehen.

RP: Der Fachkräftemangel macht sich schon bemerkbar: Wir stehen vor der ungewohnten Situation, dass es mehr Ausbildungsplätze als geeignete Bewerbergibt. Was müssen Sie da unternehmen?

von der Leyen: Die Jugendlichen haben in dieser Situation mehr Möglichkeiten bei der Auswahl eines Berufes. Den Unternehmen muss klar werden, dass Azubis nicht mehr im Überangebot da sind. Sie müssen auch denjenigen, die auf den ersten Blick weniger geeignet sind, eine Chance geben. Die Politik flankiert, indem wir den Übergang von der Schule in die Ausbildung erleichtern. Dazu gehört, dass kein Kind mehr die Schule ohne Abschluss verlässt. Bereits in der Schule beraten wir über Berufe und begleiten zögernde Jugendliche bis in die ersten Monate der Ausbildung, damit sie Fuß fassen.

RP: Müssen die Azubis auch besser bezahlt werden?

von der Leyen: Das wird nicht die Politik entscheiden, sondern automatisch kommen. Wo Knappheit herrscht, steigen die Preise. Die Unternehmen werden sich künftig mehr anstrengen, attraktive Angebote zu machen.

RP: Kommen die Azubis künftig aus Griechenland, Spanien oder Polen?

von der Leyen: Die Freizügigkeit des europäischen Arbeitsmarktes schafft dazu die Gelegenheit. Das wird aber nicht der Standardfall werden. Dazu sind oft die Sprachbarrieren zu hoch. Die Unternehmen werden in allererster Linie mit den Schulabgängern in Deutschland planen. Allerdings ist heute schon mancher Handwerksbetrieb im Osten froh, der eine freie Ausbildungsstelle nun endlich besetzen kann - mit einem Jugendlichen aus Polen, der Freizügigkeit in Europa nutzt und hier lernt.

RP: Für viele war es überraschend, dass trotz der Arbeitnehmerfreizügigkeit die Schwemme ausländischer Arbeitskräfte ausgeblieben ist. Ist Deutschland nicht attraktiv genug?

von der Leyen Deutschland ist attraktiv. Aber die anderen schlafen nicht. Fachkräfte werden weltweit gesucht, insbesondere die Europäer konkurrieren um Ärzte und Ingenieure. Das heißt, wir müssen deutlich machen, wie gut bei uns die Arbeitsbedingungen und Perspektiven sind.

RP: Für Fachkräfte außerhalb der EU liegen die Hürden nach wie vor hoch.

von der Leyen: Wir müssen jetzt gemeinsam in der Europäischen Union die Blue Card umsetzen, die regelt, unter welchen Bedingungen der Ingenieur aus Kanada, die Ärztin aus Israel oder der Informatiker aus Indien zu uns nach Europa kommen kann. Dabei ist es wichtig, dass sich Deutschland auch innerhalb der EU gut positioniert. Wir müssen deutlich machen, dass die Hochqualifizierten dieser Welt bei uns willkommen sind.

RP: Wie funktioniert das konkret?

von der Leyen: Wir machen mit der Blue Card die Spielregeln klar. Wir wollen keine Zuwanderung in die Sozialsysteme, sondern suchen gezielt Fachkräfte, die wir hier händeringend brauchen. Außerdem haben wir gerade für verschiedene Ingenieurberufe und für Ärzte die Regelung ausgesetzt, dass ein Arbeitgeber erst beweisen muss, dass es in Deutschland keine Fachkraft für die Stelle gibt, bevor er jemanden aus dem Ausland einstellen kann.

RP: Warum haben sie diese Vorrangprüfung Ärzte und Ingenieure, nicht aber für Pflegekräfte ausgesetzt, die dringend gesucht werden.

von der Leyen: Die Pflegebranche bildet weit unter ihren Möglichkeiten und ihrem eigenen Bedarf aus. Nur zwei Drittel der Erstausbildungen kommen aus der Pflegebranche. Ein Drittel organisiert und finanziert die Bundesagentur für Arbeit. Das gibt es in keiner anderen Branche. Die Pflegebranche muss also viel mehr Fachkräfte selbst ausbilden und das eigene Potenzial ausschöpfen, bevor sie Kräfte aus dem Ausland holt.

RP: Im Zuge der Hartz-IV-Reform wollten Sie ursprünglich eine Bildungschipkarte einführen. Verfolgen Sie die Idee noch?

von der Leyen: Ich bin fest überzeugt, dass sich langfristig eine Bildungskarte durchsetzen wird. Eine elektronische Abrechnung der Bildungsleistungen für bedürftige Kinder ist einfach sinnvoller als ein Papierwust. Eine Karte ist für die Familien leichter zu handhaben und für die Abrechnung der Leistungserbringer nützlich.

RP: Was tun Sie für die Umsetzung?

von der Leyen: Wir haben richtigerweise vereinbart, dass das Bildungspaket von den Kommunen umgesetzt wird. Wir unterstützen dabei mit Rat und Tat, und werden bei Interesse dabei helfen, Bildungschipkarten einzuführen.

RP: Bisher haben knapp 30 Prozent der Berechtigten Leistungen aus dem Bildungspaket beantragt. Wie kann das verbessert werden?

von der Leyen: Die Nachfrage muss man differenziert sehen: Angebote für Sportvereine und Mittagessen werden inzwischen sehr oft in Anspruch genommen. Nach den Sommerferien werden dann die Zuschüsse für das Schulmaterial fließen. Bei der Lernförderung hakt es noch, da müssen wir am Beginn des neuen Schuljahres besser werden. Die Eltern werden breit informiert. Und in den Jobcentern werden diejenigen direkt angesprochen, die sich bisher noch gar nicht für das Bildungspaket interessieren.

RP: Sollten alle Kinder das Bildungspaket zumindest in Teilen in Anspruch nehmen?

von der Leyen: Alle berechtigten Kinder sollen den für sie sinnvollen Teil des Bildungspakets in Anspruch nehmen. Deshalb überweisen wir jetzt nicht mehr einfach Geld, sondern bieten Leistungen an. Ob Mittagessen, Lernförderung oder Verein: Die bedürftigen Kinder sollen mitmachen. Wir müssen alle Kraft darauf konzentrieren, dass das gelingt.

Eva Quadbeck führte das Interview für die "Rheinische Post"

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