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Windenergie

Nichts für Schwindelige

An einem Vormittag in Berlin-Pankow, fast 140 Meter über dem Erdboden, Sonnenschein und leichte Brise. Für Jörn-Jakob Bauditz ein Arbeitsplatz mit grandioser Aussicht. Denn der Sachverständige, der die einzige Windenergieanlage im Land Berlin inspiziert, ist schwindelfrei.

Ein Energiebotschafter arbeitet an RotorenBlättern Windenergie hat Zukunft Foto: umweltplan

Wer diesen Job machen will, darf nicht anfällig sein für zittrige Knie. "Wir müssen jährlich ein Höhenrettungstraining absolvieren und uns alle drei Jahre einer Untersuchung zur Höhentauglichkeit unterziehen", erklärt er. Im Notfall, müsse man sich auch von oben abseilen können. Die Windenergieanlage, die zum größten Teil in Magdeburg gebaut wurde, muss während der Prüfung und Wartung ab und zu still stehen. Die Checkliste ist lang. Es dauert mehrere Stunden, bis sich das Windrad wieder dreht.

Betriebssicherheit ist wichtig

"Die etwa 40 Meter langen Rotorblätter, innen und außen. Das Fundament, alle elektrischen und mechanischen Anlagen in der Gondel, das Maschinenhaus der Anlage. Alles muss auf Betriebssicherheit überprüft werden", erläutert Jörn-Jakob Bauditz. Er ist als unabhängiger Sachverständiger der 8.2 - Gruppe, einem Verbund von Ingenieurbüros, in ganz Deutschland im Einsatz. Treten irgendwo Störungen auf, muss schnell reagiert werden, damit weiter Energie erzeugt werden kann.

Nach dem Ingenieurstudium war der heutige Windradspezialist zuständig für die technische Sicherheit von Tanklagern und Tankstellen. Doch dann faszinierte ihn ein kleines Windrad in Mecklenburg-Vorpommern. Er beschäftigte sich mit dem Thema Windenergienutzung und ihm wurde klar: diese Energiegewinnung hat Zukunft. Er wollte dabei sein und etwas Neues machen. Rohstoffe wie Kohle oder Öl zur Energiegewinnung einfach nur zu verbrennen, sei kein Zustand, so Bauditz. Daraus könnte man viel besser hochwertige Industrie- und Haushaltsprodukte herstellen.

Auch in Berlin weht der Wind

Berlin war lange das einzige Bundesland ohne Windenergie. Seit 2008 dreht sich nun in Berlin-Pankow das erste Berliner Windrad. Es erzeugt etwa fünf Millionen Kilowattstunden Strom im Jahr, so der Betreiber, die Neue Energie Berlin GmbH & Co. KG. Dies entspricht dem durchschnittlichen Bedarf von etwa 1.200 Haushalten mit vier Personen.

Energiebotschafter Frank Vach Bild vergrößern Energiebotschafter Frank Vach Foto: umweltplan

Einer der Initiatoren der Berliner Windkraftanlage ist Frank Vach. Über Windkraft weiß er viel. Außerdem steigt auch er regelmäßig auf das Windrad und inspiziert die Technik seiner "Windmühle", wie er das Windrad liebevoll nennt. Es ist ein ungewöhnlicher Arbeitsplatz da oben zwischen den Rotorblättern und dem Stromgenerator. "Das macht man nicht des Geldes wegen", sagt der Windradexperte. Er beschäftigt sich mit Windkraft seit seinem Studium und er schrieb seine Diplomarbeit über Windkraft. Einige Jahre arbeitete er bei Enercon, einem der größten deutschen Hersteller von Windkraftanlagen. Dann, in der Elternzeit, plante er erste eigene Projekte. 1999 drehten sich seine Windmühlen: zwei bei Merseburg, eine bei Perleberg. Frank Vach stellte fest: "Das rechnet sich, es macht Spaß und hat Perspektive." Er gründete eine GmbH, die kleine Windkraft- und Solaranlagen in ganz Deutschland errichtet.

Beide Experten arbeiten schon lange ehrenamtlich im Bundesverband WindEnergie. Beim Bau gibt es immer wieder Probleme: Denkmalschützer klagen, Anwohner, Tourismuswerber, Vogelschützer beschweren sich. "Windkraft ist sicher nicht nur toll, aber solange wir Strom brauchen, eine gute Lösung", argumentieren die beiden. Hier bedarf es vor allem der Aufklärung und Information. Nicht selten verbringen sie mehr Zeit mit der Windenergie als mit der eigenen Familie. Doch die ist immer einbezogen.

Energiebewusst leben

Energiesparen ist ständig Thema. Jörn-Jakob Bauditz gestaltet, zum Beispiel Informationsnachmittage in der Schule seiner Kinder. Er hat es geschafft, dass sein 5-Personen-Haushalt weniger als 2.000 Kilowattstunden Strom pro Jahr verbraucht. Andere vergleichbare Haushalte liegen dagegen bei fast 5.000 Kilowattstunden. Deswegen muss sich die Familie nicht einschränken oder auf Komfort verzichten. Zertifizierten Ökostrom zu beziehen, sei eine Selbstverständlichkeit. Alltägliches vorzuleben und konsequent umzusetzen, führt bereits ohne viel Aufwand zu erheblichen Einsparungen. In den Familien wird darauf geachtet, die Türen zu schließen, das Licht auszuschalten und energiesparende Geräte anzuschaffen.

Die beiden Ingenieure engagieren sich für den weiteren Ausbau der Windenergie. Darin sehen sie für sich und unser Land eine Zukunft. Wenn genügend Anlagen vorhanden und entsprechende Netze ausgebaut wären, könnten in Kombination mit allen anderen regenerativen Stromerzeugungstechniken auch Bedarfsschwankungen ausgeglichen werden. Hilfreich wäre auch, so betonen die Experten, die großflächige Ausbreitung intelligenter Stromnetze (so genannte Smart Grid) und entsprechend steuerbarer Elektrogeräte. Das Berliner Windrad stand bisher sehr selten still. Dass das so bleibt, dafür werden beide auch künftig sorgen.

Donnerstag, 27. Dezember 2012

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