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Mittwoch, 22. Dezember 2010

Ohne Weihnachten würde uns allen etwas fehlen

von:
Angela Merkel
Quelle:
in "DIE ZEIT"

Bundeskanzlerin Angela Merkel geht in einem Gastbeitrag in der "Zeit" auf die gesellschaftliche Bedeutung des Weihnachtsfestes ein: "Der Glaube an die Geburt des Gottessohnes gibt uns die Kraft, die Augen vor unseren Problemen nicht zu verschließen, freudig auf das zu schauen, was wir schon geschafft haben, und vorzusorgen für diejenigen, die nach uns kommen."

Weihnachten ist und bleibt für mich ein Zeugnis lebendigen Glaubens in unserer Gesellschaft. Wir singen und beten in Gottesdiensten. Wir treffen uns mit Freunden und Familienangehörigen; manche von ihnen sehen wir nur dieses eine Mal im Jahr. Wir beschenken uns und wollen uns gegenseitig eine Freude machen. Zu Hause und in der Öffentlichkeit umgeben wir uns mit Symbolen rund ums Fest. Ohne Weihnachten würde letztlich uns allen etwas fehlen - ob wir nun an die Geburt des Gottessohns glauben oder nicht.

Im Bundeskanzleramt haben wir in diesem Jahr einen großen Herrnhuter Stern aufgehängt. Der Herrnhuter Stern, der in vielen öffentlichen und privaten Gebäuden leuchtet, erinnert uns alle an den Stern von Bethlehem. Er wies auf die Krippe hin, in der das Kind lag, von dem uns die Bibel erzählt und dessen Geburt wir an Weihnachten feiern. Das Bild dieses in einem armseligen Stall geborenen Kindes zeigt uns die Verletzlichkeit des Menschen, unsere eigene Verletzlichkeit. Mit ihr waren wir auch im zurückliegenden Jahr immer wieder konfrontiert. In Afghanistan bezahlten Soldaten mit dem Leben für die Sicherung unserer Freiheit. Wir brauchten Monate, um die von Menschen selbst verursachte Ölpest im Golf von Mexiko unter Kontrolle zu bringen. Ein Vulkanausbruch zwang uns eine Zeit lang, unser Leben zu verlangsamen, weil Flüge nicht mehr möglich waren. Spekulative Gier und die Tatsache, dass wir jahrelang über unsere Verhältnisse gelebt haben, erforderten einen einzigartigen Kraftakt zur Stabilisierung des Euro. Die Verletzlichkeit des Menschen zeigt sich auch und besonders an den widerwärtigen Fällen sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche.

Wenn wir an Weihnachten dennoch zu Recht Freude und Zuversicht spüren, dann aufgrund der ermutigenden Tatsache, dass der Mensch in der Lage ist, Dinge zum Besseren zu wenden. Fatalismus ist für mich keine Antwort auf Herausforderungen. Er bietet keinen Schutz vor den Risiken unserer Verletzlichkeit. Vielmehr sind wir aufgerufen, uns zu mühen. Dazu sind wir nicht nur fähig, der Mensch hat auch den Auftrag dazu. Der Glaube an die Geburt des Gottessohns gibt uns die Kraft, die Augen vor unseren Problemen nicht zu verschließen, freudig auf das zu schauen, was wir schon geschafft haben, und vorzusorgen für diejenigen, die nach uns kommen.

Hoffnung und Zuversicht sind Voraussetzung dafür, trotz des Risikos der Verletzlichkeit überhaupt ein Problem angehen und bewältigen zu können. Wenn keine Hoffnung mehr da ist, dann wird es auch nichts damit, Schwierigkeiten zu überwinden. Hoffnung und Zuversicht stellen sich umso mehr ein, je mehr der Mensch darauf vertraut, dass es auch etwas jenseits des uns bekannten Lebens gibt. Was wäre die Geburt Christi ohne seine Auferstehung, die ihn zum Erlöser für uns alle macht? So geben uns Glaube und Hoffnung die Kraft, unsere Gestaltungsfreiheit, die immer auch auf Mitmenschen bezogen ist, in Demut zu nutzen - in dem Wissen, auch Fehler begehen, aber daraus lernen zu können.

Eine Gesellschaft hält dann zusammen, wenn ihre Mitglieder Grundwerte und Vorstellungen von einem guten Leben teilen. Das kann Politik nicht erzeugen, geschweige denn einfach verordnen. Vorstellungen von einem guten Leben werden besonders in der Keimzelle der Gesellschaft, in der Familie, ausgeprägt, etwa durch die Art, wie Eltern ihre Kinder erziehen und ihnen zeigen, wie sie ihr Leben gestalten können. Hier wird der Keim gelegt für Wertvorstellungen, die später auch im Freundes- und Bekanntenkreis gelebt und vermittelt werden können - vor allem als Nächstenliebe, als Solidarität, die uns schwierige Situationen gemeinsam überwinden lässt. Liebe kann man nicht einfordern. Liebe empfängt man und gibt man; ein glücklicher Mensch ist der, der dies mehrmals am Tag und oftmals in seinem lieben erfährt und lebt.

Die Quelle für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft liegt also in den Wertvorstellungen des Einzelnen. In diesen spiegeln sich die Freude wider, sein Leben und seine Umwelt gestalten zu können, der Wille, solidarisch zu sein, und die berechtigte Erwartung, Hilfe zu empfangen, wenn sie gebraucht wird. An diesem Fundament des Zusammenhalts müssen wir gemeinsam immer wieder arbeiten. Das Wissen darum müssen wir von Generation zu Generation immer gegenwärtig halten. Deshalb ist die Geschichte von der Geburt des Kindes in Bethlehem zeitlos. Und deshalb dürfen wir auch in herausfordernden Zeiten voller Zuversicht sein. In diesem Sinne wünsche ich allen ein frohes und gnadenreiches Weihnachtsfest.

Von: Angela Merkel

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