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Freitag, 2. Dezember 2011

Namensbeitrag

PISA-Studie: Ein heilsamer Schock für das Bildungssystem

von:
Annette Schavan
Quelle:
Handelsblatt

In der letzten Pisa-Studie schneidet Deutschland besser ab als vor zehn Jahren. Das sei aber kein Grund für Selbstzufriedenheit, schreibt Bundesbildungsministerin Annette Schavan in einem Namensbeitrag für das "Handelsblatt".

Als am 4 Dezember 2001 die erste Pisa-Studie veröffentlicht wurde, war vielfach von einem „Schock" die Rede. Zehn Jahre später lässt sich feststellen: Dieser Schock war heilsam und hat dem deutschen Bildungssystem gutgetan. Das zeigt sich an den Ende 2010 veröffentlichten neuesten Pisa-Ergebnissen: In Mathematik und den Naturwissenschaften liegt Deutschland inzwischen deutlich über dem OECD-Schnitt, auch bei der Lesefähigkeit haben wir uns spürbar verbessert.

Besonders erfreulich ist, dass vor allem schwächere Schülerinnen und Schüler deutlich aufgeholt haben und die Anzahl der Schulabbrecher zurückgegangen ist. Die Bildungspolitik hat konsequent gehandelt: Frühkindliche Sprachförderung ist  inzwischen anerkannter Standard. Verstärkte Ganztagsangebote haben nicht nur die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, sondern auch den Zugang zu Bildungschancen verbessert.

Der Fortschritt ist messbar. Bund und Länder haben in den vergangenen Jahren eine Reihe von Instrumenten eingeführt, die die Leistungsfähigkeit  unseres Bildungssystems immer wieder testen. Ich nenne nur das 2003 gegründete Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen. Seit 2006 legt ein wissenschaftliches Expertenteam einen nationalen Bildungsbericht vor, der flächendeckend Stärken und Schwächen in allen Bildungsbereichen untersucht. Gute Bildungsforschung bringt uns voran. Wo Leistung messbar wird, entsteht für die Länder, aber auch für die einzelnen Schulen, der Ansporn, entweder einen hohen Standard zu halten oder deutliche  Anstrengungen zur Qualitätsverbesserung zu unternehmen.

Dennoch: Der zehnte Jahrestag von Pisa ist kein Grund, sich selbstzufrieden zurückzulehnen. Der Schwung, den diese internationale Vergleichsstudie ausgelöst hat, darf nicht erlahmen. Denn die Herausforderungen an unser Bildungssystem sind groß.

Im Zeitalter der Globalisierung wird von Deutschland verlangt, im internationalen Wettbewerb schneller und innovativer zu sein als andere.  Dazu passt es nicht, dass Lehrer, Eltern und Schülern zunehmend über Mobilitätshindernisse klagen. Pro Jahr ziehen 80000 Schülerinnen und Schüler innerhalb Deutschlands um. Schon deshalb brauchen wir mehr Vergleichbarkeit der Bildungsstandards und Schulabschlüsse zwischen den Ländern. Ein wichtiger Schritt ist die Vereinbarung einiger Länder, sich auf den Weg zu einem Deutschland-Abitur zu machen. Und es sollte auch ohne jeglichen Verlust an föderaler Eigenständigkeit möglich sein, die etwa 100 Schulbezeichnungen in Deutschland deutlich zu reduzieren.

Föderalismus kann nicht bedeuten, dass jeder macht, was er will, sondern dass Vergleichbarkeit ermöglicht wird. In einem funktionierenden und lebensnahen föderalen System nimmt jede Ebene ihre ureigene Verantwortung wahr: die Kommunen mit ihrer besonderen Bürgernähe und ihrer Rolle als Schulträger, die Länder mit ihrer Kultushoheit und schließlich der Bund. Die Bürgerinnen und  Bürger erwarten zu Recht, dass die verschiedenen staatlichen Ebenen angesichts der besonderen Herausforderungen gut zusammenarbeiten.

Was Vergleichbarkeit und Qualitätssteigerung angeht, verspreche ich mir viel von der Idee, nach dem Vorbild des Wissenschaftsrates einen mit Experten besetzten Bildungsrat einzurichten. Dieses Gremium könnte auf Grundlage neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse Vorschläge zur Verbesserung unseres Bildungssystems machen. Damit würde der durch Pisa geförderte stärkere  Dialog von Bildungspolitik und Bildungsforschung eine weitere feste Verankerung bekommen.

Auch der demografische Wandel stellt uns vor große Herausforderungen. Er macht es heute  wichtiger denn je, dass jedes Kind die bestmögliche Bildung erhält und kein Talent verloren geht. Noch immer ist der Zusammenhang zwischen Herkunft und schulischer  Leistung zu groß. In der Bildungsrepublik darf es aber nicht darauf ankommen, woher jemand kommt, sondern darauf, wohin er will und welche Persönlichkeit er oder sie ist. Der zu erwartende starke Rückgang der Schülerzahlen sollte deshalb keinen politischen Verantwortungsträger in Versuchung führen, bei der Bildung zu kürzen. Im Gegenteil: Die sogenannte demografische Rendite muss im Schulsystem bleiben und  vor allem zur Verbesserung der Chancengerechtigkeit eingesetzt werden.

Von Pisa ist ein Schub für die Bildungspolitik, für das Engagement von Lehrern, für die Motivation von Eltern und Schülern ausgegangen. Nicht minder wichtig für ein gutes Bildungssystem sind darüber hinaus Akteure der Bürgergesellschaft, die sich für die Vermittlung von Wissen und Werten, von sportlicher und kultureller Bildung mitverantwortlich fühlen. Die erste Dekade nach Pisa hat vor allem zu einem erfolgreichen Aufbruch an den Schulen geführt. Für die zweite Dekade wünsche ich mir, dass unsere Gesellschaft Bildung nicht allein als Aufgabe staatlicher Einrichtungen betrachtet, sondern sie zu ihrer ureigenen Sache macht.

Bundesministerin für Bildung und Forschung Annette Schavan für das Handelsblatt.

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