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Rede der Bundeskanzlerin bei Verleihung der Ehrendoktorwürde der Ewha-Frauenuniversität

Redner:
Angela Merkel
Gehalten:
Donnerstag, 11. November 2010

in Seoul

Sehr geehrte Frau Präsidentin Kim,

sehr geehrte Frau Professorin Lee

sehr geehrter Herr Reverend Sohn,

sehr geehrte Angehörige der Ewha-Frauenuniversität,

sehr geehrte Damen und Herren,

und vor allem: liebe Studentinnen,

ich habe noch nie eine Rede an einer Frauenuniversität gehalten. Das ist ein ganz neues Gefühl. Ich danke Ihnen für Ihren herzlichen Empfang und besonders Ihnen, Frau Präsidentin, für Ihre freundlichen Worte. Ich freue mich sehr, dass ich während meines Besuchs hier in der Republik Südkorea die Ewha-Frauenuniversität nun einmal selbst besuchen und kennen lernen kann.

Schon beim Lesen ihrer Geschichte war ich vom Geist dieser Universität besonders beeindruckt. 1886 ist sie als erste Bildungseinrichtung für Frauen in Korea gegründet worden. Die Gründerin, die Amerikanerin Mary F. Scranton, hatte gerade einmal eine einzige Schülerin. In einer Zeit, als die akademische Bildung zumeist den Männern vorbehalten war, hat die Ewha-Hochschule den Grundstein dafür gelegt, dass auch koreanische Frauen Zugang zum Wissensschatz ihrer Zeit erhielten. So war es möglich, dass sie an den Entwicklungen und der Modernisierung der Gesellschaft in ihrem Land teilhaben und sie mitgestalten konnten. Das war wahrlich Pionierarbeit, und zwar erfolgreiche Pionierarbeit.

Heute ist Ihre Hochschule die größte Frauenuniversität der Welt. Sie haben hohe akademische und ethische Maßstäbe, die Sie jeweils in Forschung und Lehre anlegen. Damit haben Sie die Ewha-Universität zu einer der führenden Bildungseinrichtungen in ganz Asien gemacht. Ich betrachte es daher natürlich als eine ganz besondere Auszeichnung, die Ehrendoktorwürde Ihrer Universität zu erhalten. Ich möchte mich dafür herzlich bedanken. Ich glaube, diese Ehre wird eine dauerhafte Verbindung zwischen mir und Ihrer Hochschule sein, aber damit auch ein Stück Verbindung zwischen Deutschland und Südkorea.

Meine Damen und Herren, heute Abend beginnt hier in Seoul der G20-Gipfel. Die Welt wird auf die Republik Korea schauen. Ihr Land gehört heute zu den führenden Wirtschaftsnationen. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf ist heute 80-mal so hoch wie in den 50er Jahren. Damit ist Korea ein Modell für die Länder auf der Welt geworden, die sich noch im Stadium der Entwicklung befinden. Denn Sie haben hier in Ihrem Land gezeigt, wie man aus eigener Kraft eine Demokratie aufbauen kann, die Vorbildcharakter nicht nur in der Region, sondern überall haben kann.

Dafür, dass dies gelungen ist, war von großer Bedeutung, dass die Bildung zusammen mit der Wissenschaft immer einen ganz hohen Stellenwert hatte und dass Sie gegenüber technologischen Innovationen offen waren. Aus Koreas Erfahrung lässt sich lernen, dass Bildung die wesentliche und wichtigste Ressource eines Landes ist. Das eint uns. Die Entwicklung zu einer Wissensgesellschaft spielt auch in meinem Land, in der Bundesrepublik Deutschland, eine wichtige Rolle. Viel, um nicht zu sagen, das Allermeiste hängt davon ab, ob wir offen sind für Bildung, für Forschung, für Innovation und immer wieder für neue Ideen. Davon hängt ab, ob wir in Wohlstand leben können, ob wir soziale Sicherheit garantieren können und ob wir auch kommenden Generationen Spielräume geben können. Deshalb sagen wir in Deutschland: Unser Ziel ist, dass sich jedes Talent entfalten kann.

In Deutschland sind heute die Mehrzahl der Abiturienten Frauen. Es sind auch mehr Frauen als Männer, die ein Studium erfolgreich abschließen. Aber dennoch, wenn es um den Anteil der Frauen an den Professuren geht, sind es nur noch 17 Prozent. Deshalb haben wir auch noch viel zu tun, um bei der Gleichstellung von Frauen und Männern weiter voranzukommen. Es müssen sich Strukturen und Rollenbilder verändern. Das kann nicht von heute auf morgen geschehen. Aber durch zahlreiche Maßnahmen, die wir in Deutschland ergriffen haben, um Frauen in Forschung und Wissenschaft zu fördern, setzen wir ganz gezielt dort an, wo noch Hindernisse beseitigt werden müssen.

Ich weiß, dass Sie hier in Korea ebenfalls eine solche Diskussion führen und auch die Anstrengungen in Bezug darauf verstärken, Frauen in Wissenschaft und Gesellschaft zu fördern. Erfahrungsgemäß gelingen die Veränderungen des Rollenverständnisses der Frauen dann am besten, wenn Frauen und Männer die Möglichkeit haben, Familienpflichten und Beruf erfolgreich miteinander zu vereinbaren. Das ist oft ein sehr schwieriger Weg. Auch in Deutschland haben wir darüber viele Diskussionen geführt. Ich habe eben ganz bewusst die Männer mit ins Spiel gebracht, weil man nicht erwarten kann, dass sich nur die Frauen verändern. Es muss vielmehr eine gleichmäßige Veränderung geben. Wir in Deutschland haben in den letzten Jahren zum Beispiel ein sogenanntes Elterngeld eingeführt. Dabei gibt es auch die Möglichkeit, dass Väter für einige Monate die Betreuung der kleinen Kinder im ersten Lebensjahr übernehmen. Das hat viele Diskussionen hervorgerufen. Aber es hat sich schließlich herausgestellt, dass viele Väter von einer solchen Möglichkeit Gebrauch machen.

Sie, meine Damen hier an der Ewha-Frauenuniversität, sind zusammen mit Ihren Studentinnen ja der beste Beweis dafür, was in Frauen in Korea und in anderen Ländern steckt und was daraus für die Zukunft eines Landes gewonnen werden kann. Vielfalt, die verschiedenen Begabungen, Eignungen, Ansätze und Lebenseinstellungen zusammenzubringen – das ist heute, in Zeiten zunehmender Globalisierung und internationaler Arbeitsteilung, nach meiner festen Überzeugung ein Maß strategischer Klugheit. Daher möchte ich den gut ausgebildeten und hochqualifizierten Frauen hier an der Ewha-Universität – wie auch insgesamt in Korea und Deutschland und anderswo – Mut machen, ihre eigene Form und Kultur von Führung zu praktizieren.

Ich würde gerne noch ein bisschen länger hier bleiben und mir manche Studiengänge ansehen. Ich habe in Leipzig, wie schon gesagt wurde, Physik studiert und habe das zusammen mit männlichen Studenten gemacht. Spätestens beim Nutzen der experimentellen Vorrichtungen ist es immer ein bisschen schwierig geworden, weil die Männer meistens sofort zu den Knöpfen oder zu den Lötstäben gegriffen und losgelegt haben. Ich habe erst einmal noch nachgedacht und überlegt, aber dann waren die Geräte meistens schon besetzt, manchmal auch schon kaputt. Insofern war es so, dass ich immer lieber mit einer Frau zusammen ein Experiment gemacht habe, denn dann haben wir einen ähnlichen Ansatz gehabt. Das mag bei Ihnen ein Konfliktfeld weniger sein.

Meine Damen und Herren, wir Deutschen schätzen die traditionell freundschaftlichen und vertrauensvollen Beziehungen mit Ihrem Land. Diese sind seit mehr als 125 Jahren gewachsen. Meine heutigen Gespräche mit Ihrem Präsident Lee und Premierminister Kim bestätigten mir einmal mehr, wie eng, freundschaftlich und intensiv die deutsch-koreanischen Beziehungen sind. Die heutige Verleihung der Ehrendoktorwürde drückt das natürlich auch noch einmal aus. Ich glaube, Korea und Deutschland haben ein einzigartiges Netz persönlicher Verbindungen, das uns heute die politische Zusammenarbeit und auch die wirtschaftliche Zusammenarbeit erleichtert. Ich möchte Ihnen einige Beispiele dafür nennen.

Viele Deutsche waren schon sehr früh in Ihrem Land: Franz Eckert, der Anfang des 20. Jahrhunderts Musikdirektor am koreanischen Kaiserhof war und die erste koreanische Nationalhymne komponiert hat; Richard Wunsch, der erste deutsche Arzt in Korea, der von 1901 bis 1905 Leibarzt des koreanischen Kaisers Gojong war und auch die Gründung Ihrer Universität gefördert hat; Paul Georg von Möllendorff, der bereits im 19. Jahrhundert als Vizeminister im koreanischen Außenministerium die Interessen Koreas in den Vertragsverhandlungen mit fremden Mächten vertreten hat; und Benediktiner aus dem Kloster St. Ottilien bei München, die 1909 das erste christliche Männerkloster in Korea gegründet haben.

Vor fast 50 Jahren wurde das Protokoll über die wirtschaftliche und technische Zusammenarbeit zwischen unseren Ländern unterzeichnet. Es bildete die Grundlage für die Entsendung von 5.000 koreanischen Bergleuten und 2.000 Krankenschwestern Anfang der 60er Jahre. Viele hochrangige Vertreter des heutigen Korea haben einen Teil ihrer Ausbildung an deutschen Hochschulen genossen. So wurden Sie, sehr verehrte Frau Präsidentin Kim, in den 80er Jahren an der Universität Konstanz promoviert. Herr Premierminister Kim Hwang-Sik, den ich gerade besucht habe, studierte in Marburg. Auch der Präsident Ihres Verfassungsgerichts, Herr Lee, und die Ministerin für Gleichstellung der Geschlechter und Familie, Frau Paik, haben in Deutschland studiert. Verteidigungsminister Kim Tae-Young hat seine militärische Ausbildung auch in Deutschland erhalten. Bedeutende koreanische Künstler wie der Schriftsteller Mirok Li, der Komponist Isang Yun und der Medienkünstler Paik Nam June haben in Deutschland gelebt und sich dort inspirieren lassen. Natürlich ist der Fußballer Cha Bum-kun unvergessen, der zehn Jahre lang in der ersten Bundesliga gespielt hat. – Da sieht man es einmal wieder: Die Medienkünstler und die Komponisten haben es etwas schwieriger, aber beim Fußball wissen gleich alle Bescheid.

Sie sehen also: Unsere beiden Länder verbindet eine Tradition des persönlichen Austauschs in den verschiedensten Bereichen. Diese gute Tradition – das sage ich Ihnen zu – wollen wir auch in Zukunft fördern. Ich denke, dass ein sehr guter Beitrag dazu das Programm „Working Holiday“ ist. Es gibt nämlich jungen Koreanern und Deutschen die Möglichkeit, ohne große Voraussetzungen für ein Jahr im Land des jeweils anderen zu leben und zu arbeiten. Ich möchte Sie, liebe Studentinnen, auch ganz herzlich zu diesem Programm „Working Holiday“ einladen. Das kann eine Chance sein. Wir müssen ja auch in der jungen Generation unsere Beziehungen wieder so eng gestalten, wie sie es früher waren.

Auch das Deutsch-Koreanische Forum, das 2002 hier in Seoul ins Leben gerufen wurde, führt regelmäßig Menschen aus Wissenschaft, Wirtschaft, Kultur und Politik aus unseren beiden Ländern zusammen. Die Forumsmitglieder formulieren jeweils Empfehlungen, die dann wir als Politiker bekommen und die auch in unsere Programme mit einfließen. Ich bin sehr froh, dass die ehemaligen koreanischen Studentinnen und Studenten an deutschen Hochschulen vor zwei Jahren das deutsch-koreanische AlumniNetzwerk „ADeKo“ gegründet haben, um ihre Beziehungen weiter fortzuentwickeln und nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Ich freue mich natürlich, dass gleich zwei meiner heutigen Gesprächspartner dazu gehören: Premierminister Kim gehört zum Vorstand und Sie, sehr verehrte Frau Präsidentin, sind die neue Vorsitzende des Netzwerks. Ich wünsche Ihnen dafür viel Erfolg.

Es ist aber nicht allein unsere lange Tradition des persönlichen Austauschs, die unsere beiden Länder verbindet. Auch bei vielen gesellschaftlichen Themen haben wir sehr viel gemeinsam. Wie Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg in seinem westlichen Teil hat auch die Republik Korea ein Wirtschaftswunder erlebt. Außerdem ist es in unseren beiden Ländern gelungen, einen demokratischen Rechtsstaat aufzubauen. Der Traum eines modernen Korea, das aus eigener Kraft zu den führenden Nationen dieser Welt gehört und die Welt mitgestaltet, ist für Sie Wirklichkeit geworden. Weder die jahrzehntelange Einbuße der eigenen Staatlichkeit noch die Teilung des Landes noch der furchtbare Krieg haben Korea von diesem Weg abbringen können.

Korea gehört heute zu den leistungsstarken Wirtschaften der Welt und hat ein technologisches Know-how, das es als einen der wichtigsten Wirtschaftspartner Deutschlands in Asien kennzeichnet. Deutschland seinerseits ist ein zentraler Handelspartner für Korea in Europa. Über 800 deutsche Unternehmen sind in Korea vertreten. Deutsche und deutsch-koreanische Unternehmen beschäftigen hier über 80.000 koreanische Arbeitnehmer. Aber ich sage Ihnen: Wir können auch noch mehr daraus machen. Ich bin ganz sicher und habe heute auch mit Ihrem Präsidenten und Ihrem Premierminister darüber gesprochen: Wenn wir das Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Union und Korea in Kraft treten lassen, dann werden sich die Beziehungen zwischen Deutschland und Korea noch einmal voran entwickeln. Ich glaube, dass dieses Dokument des Freihandels zwischen der EU und Korea ein Dokument ist, das das Vertrauen zeigt, das wir in offene Märkte haben. Wir wollen den freien Handel auf der Welt. Wir glauben, dass das Wachstum bringt. Deshalb setzen sich unsere beiden Länder auch gemeinsam für einen freien Welthandel und für einen Abschluss der Doha-Runde ein.

Deutschland und Korea kooperieren seit geraumer Zeit bei Schlüsseltechnologien. Wir wollen diese Zusammenarbeit ausbauen – in den Bereichen Elektronik, Mobilität und in der Informations- und Kommunikationstechnologie. Dies flankieren wir durch eine enge wissenschaftliche Zusammenarbeit. Deutsche und koreanische Forschungseinrichtungen betreiben heute bereits über 120 gemeinsame Wissenschaftsprojekte. Aber das kann durchaus noch mehr werden.

Korea investiert sehr hohe Summen in die Forschung. Mit mehr als 3,4 Prozent des Bruttosozialprodukts zählen die koreanischen Forschungsinvestitionen im Vergleich aller OECD-Staaten zu den höchsten. Wir in Deutschland arbeiten noch daran, das Ziel von drei Prozent unseres Bruttoinlandsprodukts zu erreichen. Sie sind an dieser Stelle also schon ein Stück besser.

Wir verfolgen auch sehr aufmerksam Ihre Initiative zur „Green Economy“. Ich glaube, dass Sie hiermit einen bemerkenswerten Beitrag für die ganze Welt leisten, was eine umweltverträglichere Wirtschaftsweise anbelangt. Sie investieren zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts in umweltverträglichere Wirtschaftsformen. Sie haben ein Forschungsinstitut für kohlenstoffarmes Wachstum geschaffen. Und Sie wollen einen geplanten Anteil von 20 Prozent erneuerbarer Energien bis 2050 erreichen. Hierbei befinden wir uns in einem fairen Wettbewerb. Wir wollen, dass Sie sogar noch ein bisschen mehr an erneuerbaren Energien haben.

Bei fossilen Energieträgern sind sowohl Deutschland als auch Korea stark von Importen abhängig. Deshalb ist der Ausbau erneuerbarer Energien für uns nicht nur aus Umweltgründen erfolgreich und wichtig, sondern auch wirtschaftlich und politisch sinnvoll, weil wir damit unabhängiger von Importen werden. Wir verfolgen dabei ehrgeizige Ansätze, Sie auch. Deshalb denke ich: In diesem Bereich der Umwelttechnologien könnten wir noch sehr viel enger zusammenarbeiten.

Ich freue mich, Ihnen sagen zu können, dass wir auch bei den internationalen Vertragsverhandlungen sehr eng zusammenarbeiten. Sie werden sich erinnern: Vor ungefähr einem Jahr war die Kopenhagener Klimakonferenz kein besonderer Erfolg. Wir alle waren sehr enttäuscht. Aber was den sogenannten „Copenhagen Accord“ anbelangt, im Rahmen dessen freiwillige Verpflichtungen addiert werden und wir dann schauen, ob wir dadurch das Zwei-Grad-Ziel erreichen können – also das Ziel, dass sich die mittlere Temperatur der Welt um nicht mehr als zwei Grad erhöht –, so arbeiten wir hier eng zusammen. Wir haben uns auch im Bereich der biologischen Vielfalt miteinander verständigt und gemeinsam für einen besseren Schutz eingesetzt. Ich denke, dass die Artenschutzkonferenz in Nagoya im Oktober ein richtig wichtiger und guter Erfolg war.

Wir brauchen, um gemeinsam auch international etwas erreichen zu können, im Bereich der Umwelt noch effizientere Strukturen. Deshalb glaube ich, wir sollten die Konferenz „Rio+20“, die 2012 stattfindet wird, dazu nutzen, auch bei den Vereinten Nationen in den Schlüsselbereichen Klima und Biodiversität Strukturen zu schaffen, die deren Schutz wirklich voranbringen und außerdem eine Balance in Bezug auf nachhaltiges Wirtschaften schaffen. Deshalb plädiere ich dafür, dass wir auch im Bereich der Vereinten Nationen eine Umweltschutzorganisation schaffen, damit wir schlagkräftiger auf diesen Feldern vorgehen können.

Wenn wir uns die Gemeinsamkeiten zwischen Deutschland und Korea anschauen, dann gibt es natürlich eines, das uns viel Leid gebracht hat. Das ist die Erfahrung eines geteilten Landes. Deshalb darf ich Ihnen sagen, dass wir sehr viel Verständnis und auch Mitgefühl für die schwierige Situation haben, in der sich Korea immer noch befindet. Die Einheit Koreas in Frieden und Freiheit bleibt ein Ziel. Das haben wir natürlich auch immer wieder in Gesprächen verfolgt. Ich darf Ihnen sagen: Hierbei haben Sie die volle Unterstützung Deutschlands. Ich persönlich habe die Teilung Deutschlands schmerzlich miterlebt. Ich habe bis 1990 in der ehemaligen DDR gelebt. Wir hatten vor 20 Jahren das Glück, die deutsche Teilung friedlich zu überwinden. Ich wünsche dem koreanischen Volk das gleiche Glück.

Es hat mich sehr gefreut, dass der Vereinigungsminister Ihres Landes, Herr Hyun, bei unserer Feier zum 20. Jahrestag der Wiedervereinigung Deutschlands als Ehrengast dabei war. Wir haben anlässlich dieses Tages vereinbart, dass wir in einen engen Erfahrungsaustausch eintreten wollen. Wir, die Deutschen, werden Ihnen unsere Erfahrungen gerne mitteilen, wenngleich ich glaube, dass die Trennung zwischen Südkorea und Nordkorea noch sehr viel tiefer ist, als wir es in Deutschland erleben mussten. Wir konnten zwar auch nicht von Ost nach West reisen, aber es gab Fernsehprogramme, die über die Grenze hinweg empfangen werden konnten, es gab die Möglichkeit, dass die westdeutschen Verwandten nach Ostdeutschland kamen, und es gab einen regelmäßigen Austausch von Paketen von West nach Ost. Dies ist in Korea nur in viel geringerem Umfang möglich. Das heißt also, die Menschen aus Nordkorea, die eines Tages die Freiheit erleben werden, werden einen weitaus weiteren Weg gehen müssen, um dieses hohe Gut dann auch genießen zu können. Ich darf Ihnen sagen, und das wissen wir durch die Deutsche Einheit: Man braucht ein großes Gefühl von Sympathie, man braucht sicherlich auch viel Geduld und muss sich viel darüber erzählen, wie das Leben stattfindet und was man voneinander nicht weiß.

Es geht natürlich bei einer Wiedervereinigung auch um sehr grundsätzliche Fragen, um die Privatisierung von Unternehmen und die Frage, wie man eine Gesellschaft demokratisieren kann, in der es noch keine Vereine und keine selbständigen Strukturen gibt. Als ich Anfang der 90er Jahre Jugendministerin war, habe ich das für die entsprechenden Bereiche in der ehemaligen DDR betreut. Es war gar nicht so einfach, sofort Menschen zu finden, die die Initiative ergreifen. Aber ich darf Ihnen auch sagen, dass uns das dann doch recht gut gelungen ist und dass viele Menschen in Ost und West heute unglaublich stolz auf das sind, was sie in der Zeit der Einheit miteinander geschaffen haben.

Die politische Situation in Nordkorea ist, glaube ich, für uns, aber auch für Sie nicht ganz eindeutig einzuschätzen. Die Lebenssituation der Menschen wird sich dort nach unserer Einschätzung eher verschlechtern. Aber das Nuklearprogramm Nordkoreas gibt nicht nur Ihnen in Südkorea, sondern der gesamten Weltgemeinschaft großen Anlass zur Sorge. Deshalb wollen wir auch alles dazu beitragen, was Deutschland kann, um zu verhindern, dass sich das Nuklearprogramm von Nordkorea weiterentwickeln kann.

Meine Damen und Herren, langjährige historische Verbindungen zwischen unseren Ländern sind die Grundlage unserer Zusammenarbeit in der heutigen globalisierten Welt. Heute spüren wir alle: Die Probleme dieser globalisierten Welt kann keiner allein lösen. Ob es um nukleare Nichtverbreitung, Klimaschutz, freien Welthandel oder anderes geht – wir sind immer aufeinander angewiesen. Deshalb ist internationale Kooperation das A und O wirksamer und umfassender Lösungen. Das hat sich in der Wirtschaftskrise, die wir alle durchlebt haben, gezeigt. Die G20 auf der Ebene der Staats- und Regierungschefs waren eine richtige und wichtige Antwort.

Dass wir heute bei Ihnen zu Gast sind, zeigt, mit welcher Aktivität Südkorea an diesem Prozess der G20 von Anfang an beteiligt war. Wir haben eine ganze Menge geschafft. Wir haben die internationalen Finanzregeln, die Finanzmarktaufsicht, die Bezahlungssysteme und vieles andere mehr verbessert. Südkorea konnte und kann dabei eine ganz wichtige Funktion als Mittler zwischen den entwickelten Industrieländern und den Schwellenländern einnehmen. Sie haben bei der Vorbereitung dieser Konferenz der G20-Staaten auch ganz deutlich gezeigt, dass Sie das mit großem Engagement machen.

Wir sollten aber auch nie vergessen, dass die Hälfte der Menschen auf der Welt Frauen sind. Das sieht man aber im G20-Rahmen nicht immer. Deshalb möchte ich mit den Worten Ihrer Präsidentin schließen, mit denen sie das Ziel der Ewha-Frauenuniversität definiert: „Für eine offene Gesellschaft zu arbeiten, die christliche und weibliche Werte wieder aufnimmt: Zusammenarbeit statt Konkurrenz, Gemeinschaft statt Individualität.“ Ich finde, das ist ein schönes Motto, das auch den Weg der Welt kennzeichnen sollte – einer Welt, die auf Gemeinschaft setzt und nicht auf Eigennutz.

Deshalb möchte ich Ihnen, liebe Studentinnen, für Ihre Studiengänge und auch für Ihren späteren Weg alles Gute wünschen. Lernen Sie nicht nur fleißig, sondern versuchen Sie auch, das, was Sie hier gelernt haben, in Ihrem späteren Leben anzuwenden. Versuchen Sie dann in Ihrem späteren Leben, Familie und Beruf partnerschaftlich miteinander zu vereinbaren. Es tut jedem Land gut, wenn auch viele Frauen in den führenden Positionen dabei sind.

Herzlichen Dank.

Donnerstag, 11. November 2010

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