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Rede der Bundeskanzlerin beim Neujahrsempfang der Mediengruppe M. DuMont Schauberg

Redner:
Angela Merkel
Gehalten:
Montag, 17. Januar 2011

in Berlin

Sehr geehrter Herr Neven DuMont,

sehr geehrte Frau Neven DuMont,

Herr Regierender Bürgermeister,

verehrte Kollegen aus dem Kabinett,

sehr geehrte Abgeordnete aus dem Berliner Abgeordnetenhaus und aus dem Deutschen Bundestag,

meine Damen und Herren,

ich bedanke mich ganz herzlich dafür, dass Sie mich gebeten haben, hier einige Worte an Sie zu richten. Ich beginne mit einem herzlichen Gruß für das Jahr 2011, das für uns alle ein erfolgreiches und ein gesundes Jahr sein möge. Es möge ein Jahr sein, in dem es vor allen Dingen auch der Bundesrepublik Deutschland gut geht und in dem wir unsere Entwicklungen vernünftig fortsetzen können.

Damit die öffentliche Diskussion über die Frage, wie es in einer Gesellschaft weitergehen soll, gelingen kann, ist freie Presse eine Grundvoraussetzung. Diese haben wir in Deutschland. Deshalb danken wir auch all denen – Herr Neven DuMont, Sie gehören zu all denen, die das das ganze Leben lang vertreten –, die Tag für Tag dafür sorgen. Ich möchte all die, die an den Zeitungen, die zu Ihrem Verlag gehören, arbeiten, dabei mit einschließen.

Nun habe ich von Ihnen gehört, dass die Ehrfurcht, der Respekt und die Zuneigung mir gegenüber geradezu übermäßig ausgeprägt sind; und wenn sich das nicht sofort in der Zeitung niederschlägt, dann ist das nur dem hohen Gut der Meinungsfreiheit und der Tatsache, dass ab und an auch mal etwas anderes in der Zeitung stehen muss, geschuldet. Ich werde das demütig in meine Betrachtungen mit einbeziehen und versuchen, daran zu glauben. Auf jeden Fall finde ich es gut, dass Sie sich zuerst unternehmerisch und anschließend auch mit einem Empfang in die Bundeshauptstadt getraut haben. Es ist ja nicht ganz selbstverständlich, dass eine Bundeskanzlerin anlässlich eines Empfangs eines Verlags sprechen darf, der im Wesentlichen durch regionale Zeitungen sein Geld verdient und mit ihnen die Menschen täglich zufriedenstellt.

Sie haben Ihre Reichweite erheblich ausgeweitet – in einer Zeit, die für die Zeitungen durchaus spannend ist. Ich möchte Sie dazu beglückwünschen. In Halle waren Sie sehr früh und haben damit auch Ihr Bekenntnis zur Deutschen Einheit und Ihrer Freude darüber Ausdruck verliehen. Außerdem sind Sie auch noch in Frankfurt am Main tätig, in Köln sowieso – das wissen wir alle –, und nunmehr auch in Berlin.

Was Berlin angeht, will ich einmal sagen: In dieser Stadt ist immer noch manches zu schaffen. Wenn Sie zum Beispiel eines Tages in allen Stadtteilen gleichmäßig verkaufte Auflagen haben sollten, erbitte ich mir Berichterstattung darüber. Das gehört hier sicherlich zu den schwierigsten Aufgaben, die man schaffen kann. Aber man kann auch sagen: Das angestammte Publikum ist treu. Das ist ja auch schon etwas. Es ist sicherlich eine spannende Aufgabe, zwischen Köln, Frankfurt am Main, Halle und Berlin die richtigen Worte zu finden.

Sie haben über die Pressefreiheit gesprochen und Sie haben über die Umbrüche in der Medienlandschaft gesprochen. Aufgrund dieser Umbrüche ist es durchaus wichtig, Ihnen, also denen, die Zeitungen machen, viel Erfolg zu wünschen. Das ist auch einer der Gründe, warum ich hier heute Abend gerne ein paar Worte sage.

Wir werden durch den Umbruch der Medienlandschaft zu einem veränderten Verhalten der Menschen kommen. Wenn es um unmittelbare Informationen geht, ist sicherlich das Internet sehr schnell dabei, uns diese Informationen zu liefern. Sicherlich kann auch kein Zeitungsverlag darauf verzichten, die entsprechenden Internetseiten anzubieten. Ich bin aber ganz fest davon überzeugt, dass bestimmte Teile einer Zeitung auch an Bedeutung gewinnen: die Reportage, die tiefergehende Information, die Betrachtung, die klassische Seite drei, die man heute – ich jedenfalls – mit großer Freude liest, wenn es dort Interessantes gibt, die Magazine am Wochenende, die Beilagen, durch die der Blick einfach einmal etwas tiefer gelenkt wird, jenseits der Informationsflut, die einen jeden Tag ereilt und bei der eine Gewichtung umso schwerer fällt, je vielfacher die verschiedenen Informationen sind.

Deshalb bin ich ganz fest davon überzeugt, dass es, nachdem wir uns mit den neuen und scheinbar unendlichen Möglichkeiten des Internets vertraut gemacht haben werden, auch wieder eine Bewegung geben wird, in der hinterfragt wird: Wo kommen denn eigentlich unsere Beurteilungsmaßstäbe her, woher nehmen wir die Koordinaten, in die wir all diese Informationen, die uns jeden Tag erreichen, einordnen? Dabei wird nach meiner festen Überzeugung die Zeitung ein ganz wesentliches Element sein.

In den vergangenen Jahren haben wir einen Triumph der Regionalzeitungen erlebt. Auf der einen Seite – dazu haben Sie ja eine Redaktionsgemeinschaft gegründet – wird auch über die bundesweiten und internationalen Themen Bericht erstattet. Aber was die Menschen in dieser globalisierten Welt vor allen Dingen auch interessiert, das sind Nachrichten aus ihrer Umgebung, aus ihrem Bereich, den sie überschauen – das, was jeden Einzelnen beschäftigt und was der Nachbar auch weiß. Da hat die Regionalzeitung einen unschätzbaren Wert. Deshalb haben Sie sich sicherlich auch entschieden, Regionalzeitungen zu machen, und haben so viel Spaß und so viel Freude daran.

Man kann in Ihrem Verlag beobachten, dass es auch in einem einzelnen Verlagshaus durchaus unterschiedliche Meinungen zu den verschiedensten Themen gibt. Das erwarten wir auch von Ihnen. Wenn die gebildeten Redaktionsgemeinschaften dazu führen, dass alles einheitlich wird, dann wird das die Leserinnen und Leser nicht erfreuen. Deshalb sage ich: Bekennen Sie sich zur Vielfalt. Wir freuen uns auch, dass Sie einen Beitrag zu einer vielfältigen Medienlandschaft leisten. Sie machen Zeitungen in einem umfassenden und traditionsreichen Verlag. Das Buch und die Zeitung – zwei Kulturgüter, die sich Schritt für Schritt entwickelt haben und die heute sicherlich in einem viel härteren Wettbewerb stehen, als das früher der Fall war, die aus meiner Sicht aber aus einer Kulturnation, wie sie Deutschland sein möchte, nicht wegzudenken sind.

Sie haben darüber gesprochen, dass wir uns auch darüber Gedanken machen müssen, wie wir als Land erfolgreich bleiben. Dabei ist der Diskurs, der Austausch zwischen denen, die Presse machen, die Artikel schreiben, die Nachrichten verbreiten, und denen, die Politik gestalten, natürlich eine Notwendigkeit. Das bedeutet für uns auch jeden Tag wieder ein Nachschauen: Sind unsere Gedanken schlüssig vorgebracht und kann man ihnen folgen oder welche Gegenargumente gibt es?

Ich bin der festen Überzeugung: Trotz allen Wettbewerbs verschiedener gesellschaftlicher Strukturen auf der Welt – zum Beispiel zwischen asiatischen Ländern und europäischen Ländern –, ist das hohe Gut der Meinungsfreiheit, der Meinungsvielfalt, der Pressefreiheit etwas, das uns stark macht, das uns sozusagen stählt. Alle Argumente gesehen zu haben, bevor wir eine Entscheidung fällen – das macht uns vielleicht manchmal etwas langsamer, aber führt insgesamt dazu, dass unsere Entscheidungen sehr durchdacht sind. Deshalb bin ich davon überzeugt, dass Demokratie und Vielfalt der politischen Meinungen auf der anderen Seite der Medaille eben auch die Vielfalt der Zeitungen, des Journalismus brauchen.

Ein solcher Empfang ist eine wunderbare Möglichkeit, sich auszutauschen. Ich wünsche Ihnen gute Erfahrungen in der Hauptstadt – sowohl auf der lokalen als auch auf der Bundesebene. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg. Ich wünsche all denen, die jeden Tag dazu beitragen, dass die Zeitungen erfolgreich sind und ihre Leserinnen und Leser erfreuen, eine gute Feder, die über das Blatt flitzt – heutzutage muss man wohl eher sagen: einen Computer, in den man etwas eintippt. Lesen Sie Ihre Artikel immer noch einmal gründlich durch, bevor Sie sie absenden, und wägen Sie ab, welches Gegenargument auch Ihnen entgegenschallen könnte. Denn die Tatsache, dass jeden Tag ein neues Blatt auf den Tisch muss, ist noch keine Entschuldigung dafür, dass das Blatt von heute oder von morgen etwas luschig geschrieben wäre. Aber das kann natürlich im Verlag DuMont eigentlich gar nicht vorkommen; das war also nur eine allgemeine Bemerkung.

Alles Gute zum neuen Jahr, Gesundheit und Glück. Danke schön.

Montag, 17. Januar 2011

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