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Rede des Staatsministers Bernd Neumann anlässlich der Eröffnung des Erinnerungsortes Topf & Söhne

Redner:
Bernd Neumann
Gehalten:
Donnerstag, 27. Januar 2011
Ort:
Erfurt

In seiner Rede in Erfurt betonte Kulturstaatsminister Bernd Neumann, dass die Eröffnung des Erinnerungsortes Topf & Söhne in besonderer Weise dem Sinn des Gedenktages an die Opfer des Nationalsozialismus gerecht wird.

- Es gilt das gesprochene Wort. -

Anrede,

jedes Jahr gedenken am 27. Januar Menschen auf der ganzen Welt der Opfer des Nationalsozialismus. Heute vor 66 Jahren wurde das Konzentrationslager Auschwitz befreit. In der Gedenkstunde des Deutschen Bundestages heute Morgen hat der niederländische Bürger Zoni Weisz, dessen ganze Familie in den Konzentrationslagern Auschwitz und Mittelbau-Dora ermordet wurde – nur weil sie Sinti waren – sehr bewegend gesprochen.

Vor dieser Gedenkstunde hatte ich die Ehre, mit ehemaligen Häftlingen der Konzentrationslager Buchenwald und Mittelbau-Dora zu sprechen – das hat mich erneut tief bewegt. Ich bin Ihnen von Herzen dankbar, dass Sie zum Teil von weit her hier nach Erfurt gekommen sind, um an unserer Gedenkstunde teilzunehmen.

Meine Damen und Herren,
dem Gedenken an die Opfer der nationalsozialistischen Verbrechen kommt in der deutschen Erinnerungskultur eine unvergleichlich hohe Bedeutung zu – jetzt und für alle Zeiten. Dazu hat sich die Bundesregierung mit dem Gedenkstättenkonzept von 2008 klar bekannt. Die besondere Aussagekraft der authentischen Orte ist für die Aufarbeitung der NS-Diktatur unverzichtbar. Aus diesem Grund hat mein Haus im vergangenen Jahr die westdeutschen KZ-Gedenkstätten Bergen-Belsen, Dachau, Neuengamme und Flossenbürg in die institutionelle, also in die dauerhafte Förderung aufgenommen – zusätzlich zu den vier großen KZ-Gedenkstätten in Thüringen und Brandenburg.

Natürlich war es richtig und auch verständlich, dass sich das Gedenken in der ersten Zeit nach dem Krieg auf die Konzentrationslager als Schauplätze der grauenerregenden Menschheitsverbrechen der Nationalsozialisten konzentrierte. Zunehmend stellten und stellen sich aber auch intensivere Fragen nach den Tätern. Wer waren die Täter? Was waren ihre Motive, die sie zu solch unmenschlichen Taten veranlassten? Auf die Fragen können wir eindringliche Antworten an Orten wie diesem hier in Erfurt finden.

Darum hat der Bund gemeinsam mit dem Freistaat Thüringen die Einrichtung des ursprünglich bürgerschaftlich initiierten Erinnerungsorts Topf & Söhne mit erheblichen Mitteln finanziert. Er gehört zu den Dokumentationsstätten zur Geschichte der Täter wie die im vergangenen Jahr eröffnete Wewelsburg und die „Topographie des Terrors“ in Berlin. In Bayern fördert der Bund das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände und auch das Memorium Nürnberger Prozesse. Derzeit im Aufbau befindet sich das NS-Dokumentationszentrum München.

Diese Täterorte zeigen die Verstrickung einer ganzen Gesellschaft in die nationalsozialistischen Verbrechen. Topf & Söhne ist dabei Täter- und Opferort zugleich, denn auch Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene mussten in der Produktion von Verbrennungsöfen für die Konzentrationslager arbeiten.

Ohne erkennbares Zögern standen die Ingenieure von Topf & Söhne der SS mit Rat und Tat bei der Organisation des Massenmords zur Seite. Sie installierten Entlüftungsanlagen in den Gaskammern von Auschwitz, die eine schnellere Entgasung und damit auch eine schnellere Abfolge der Tötungen ermöglichen sollten. Dabei erhielten die Mitarbeiter der Firma Topf & Söhne durch ihre Tätigkeit im Vernichtungslager Einblick in die Verbrechen.

Ohne Auftrag, aus freien Stücken, erfanden Ingenieure der Firma noch effizientere Vorrichtungen zur Beseitigung von immer mehr Menschen. Sie eilten mit ihren Entwürfen den Anforderungen der SS weit voraus. Sie waren weder nur „Rädchen im Getriebe“ noch bloße „Schreibtischtäter“. Zudem handelten sie nicht auf Befehl und nicht unter Zwang. Sie wussten genau, wozu die von ihnen entwickelte Technik diente. Die Geschäftsbeziehungen zur SS hätten ohne gravierende Konsequenzen abgebrochen oder eingeschränkt werden können.

Als Motivation schien ausreichend, dass Ausrottung und Massenmord staatlich gewollt waren, angeblich den Interessen Deutschlands dienten und dass es um technische Herausforderungen ging, die den Ehrgeiz der Ingenieure anstachelten. „Wir haben nichts gewusst“ – diese Aussage gilt für Viele eben nicht.

Die Besucher des Erinnerungsortes Topf & Söhne sollen mit Fragen nach den Motiven der Täter und den möglichen Schlussfolgerungen konfrontiert werden. Wie und in welchem Umfang kann und muss der Einzelne für sein Tun und Handeln auch gesellschaftlich Verantwortung übernehmen? Der Ingenieur trägt eben auch für die moralischen Folgen seiner technischen Leistung Verantwortung.

Der Imperativ der persönlichen Verantwortung gilt – man kann sie nicht delegieren. Nicht zuletzt ist die moralische Richtschnur des Einzelnen im Alltag die Grundlage für jede Form der Zivilcourage. Aus diesem Grund glaube ich, dass die Eröffnung des Erinnerungsortes Topf & Söhne in besonderer Weise dem Sinn des heutigen Gedenktages an die Opfer des Nationalsozialismus gerecht wird. Ich wünsche möglichst viele, vor allem junge Besucher, um Lehren aus der Geschichte von Topf & Söhne zu ziehen.

Donnerstag, 27. Januar 2011

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