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Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel anlässlich der Buchpräsentation "Philipp Rösler – Ein Porträt. Glaube. Heimat. FDP."

Redner:
Angela Merkel
Gehalten:
Dienstag, 27. September 2011

in Berlin

Lieber Michael Bröcker,

lieber Philipp Rösler,

ich danke der Katholischen Akademie dafür, dass wir hier sein können zur Buchpräsentation „Philipp Rösler – Ein Porträt. Glaube. Heimat. FDP.“

Der Autor erklärt gleich zu Beginn seines Buchs, dass im Mittelpunkt der Mensch Philipp Rösler steht und nur in zweiter Linie der Politiker. Dass es sich ohne Zweifel um eine der außergewöhnlichsten Biographien eines deutschen Politikers handelt, liegt ziemlich erkennbar auf der Hand.

Geboren 1973 in Khanh Hung, in Vietnam, gut 280 km südlich von Saigon, mitten in den Wirren des Vietnamkrieges – Philipp Röslers Leben beginnt, wie es der Autor formuliert, „ohne Geburtstag und ohne Geburtsurkunde“. Ein örtlicher Arzt legt mit Hilfe der Messung des Handwurzelknochens das Geburtsdatum auf den 24. Februar 1973 fest. Am 6. November 1973 wird Philipp Rösler adoptiert durch Uwe und Sigrid Rösler. Philipp Röslers Leben in Deutschland beginnt konkret zunächst in Hamburg. So beginnt ein ungewöhnliches Leben in Deutschland und eine der ungewöhnlichsten Politikerbiographien, die es in Deutschland je gegeben hat.

Ohne Zweifel, auch die Deutsche Einheit vor 20 Jahren hat ungewöhnliche Politiker-Biographien hervorgebracht. Wir wissen, dass seinerzeit viele Theologen und Naturwissenschaftler in die Politik gegangen sind. Auch mein eigener politischer Lebensweg war in keiner Weise vorstellbar. Deshalb, glaube ich, ist es gar nicht so schlecht, dass ich heute dieses Buch vorstellen darf. Die Ereignisse der Deutschen Einheit, mein persönlicher Lebensweg, aber auch die persönliche und politische Biographie von Philipp Rösler zeigen einmal mehr, welch ein wunderbares Land Deutschland ist, denn es eröffnet dem Einzelnen ungeahnte Chancen.

Das Buch ist in drei Kapitel gegliedert: Herkunft, Heimat, Haltung. Ich möchte die Buchvorstellung aber nicht anhand dieser Kapitel vornehmen, sondern mit Hilfe von vier markanten Sätzen, die Philipp Rösler selber gesagt hat. Ich glaube, sie helfen, den Menschen und Politiker Philipp Rösler, wie ich ihn seit zwei Jahren erlebe, näher kennenzulernen.

Der erste Satz: „Hauptsache, man wird geliebt.“ Mit diesem Satz „Hauptsache, man wird geliebt“ sagt Philipp Rösler in vier Worten alles, was ihm in seinem Leben Kraft gegeben hat und weiter Kraft gibt, was für ihn zählt: Es ist die Liebe, die bedingungslose Zuwendung, die er von seinem Vater erfährt, die er seinem Vater zurückgibt, die er in seiner Familie mit seiner Frau Wiebke und seinen zwei Kindern erlebt und, ja, die er im weitesten Sinne auch auf die Politik überträgt.

„Hauptsache, man wird geliebt“ – wenn man so fühlt und denkt, dann ist es nicht mehr wichtig, ob Heimat gleich Herkunft ist, dann ist es nicht mehr wichtig, dauernd Erwartungen von außen zu entsprechen und sich für sein Geburtsland interessieren zu müssen oder – wie Philipp Rösler es getan hat – sich mit 18 Jahren auch offiziell als Vietnamese ausbürgern zu lassen und mit Herz, Verstand und allen Papieren ausschließlich als Deutscher leben zu wollen.

Familie und Heimat sind für Philipp Rösler dort, wo der Sohn gemeinsam mit dem Vater im Offizierskasino zu Mittag isst. Familie und Heimat sind für Philipp Rösler dort, wo der Sohn vom Vater die Liebe zur Fliegerei übernimmt, früh den Segelflugschein macht und Charles Lindbergh als sein Vorbild nennt. Familie und Heimat also sind für Philipp Rösler nicht an Herkunft, an materielle Güter und ähnliche Bezugspunkte gebunden, sondern an Geborgenheit, an Zuwendung, an Liebe, Vertrauen, an ein Sich-Aufeinander-Verlassen können.

So wird auch verständlich, warum er sich zum Medizinstudium bei der Bundeswehr entschließt. Als angehender Arzt arbeitete er auf der Inneren Station des Friederikenstifts in Hannover, einem Krankenhaus der Diakonie. In diesem Krankenhaus der Diakonie erfuhr er, dass es nicht nur um körperliche Pflege von Kranken und Sterbenden geht, sondern auch um seelischen Beistand, um Sterbebegleitung, Bibelarbeit und Seelsorge. Diese Erfahrungen haben ihn, wie es der Autor schildert, dazu gebracht, sich als junger Erwachsener mit dem christlichen Glauben zu beschäftigen, sich bewusst für ihn zu entscheiden, sich deshalb im Jahr 2000 taufen zu lassen und so Mitglied der Katholischen Kirche zu werden.

Dazu der zweite Satz, der uns durch diese Buchvorstellung begleiten soll. „Der Glaube ist mein innerer Kompass“, sagt Philipp Rösler. Intensiv denkt er nach über das, was für ihn Glaube und Religion bedeuten, wenn er sagt: „Wer glaubt, gibt ja zu, nicht alles zu wissen.“ Dies ist im Übrigen eine politisch bemerkenswerte Aussage, denn von Politikern wird ja gemeinhin erwartet, alles zu wissen, oder zumindest so zu tun, als ob sie alles wüssten; wehe wenn sie offen sagen, dieses oder jenes nicht zu wissen. Zuzugeben, nicht alles zu wissen, gar auf eine höhere Instanz zu verweisen, also auf Gott, und die eigene Fehlbarkeit einzugestehen – das ist in der Politik nicht eben selbstverständlich.

Wie wichtig aber solch ein Verständnis für politisches Handeln sein kann, wie wichtig der Glaube als innerer Kompass sein kann, das wird für mich in einem weiteren Gedanken deutlich, mit dem der Autor Michael Bröcker Philipp Rösler zitiert: „Die Verfassung“ – so sagt Philipp Rösler – „schützt die Minderheit vor der Mehrheit, der Gottesbezug den Menschen vor sich selbst.“ Also das Vertrauen darauf, geliebt zu sein, und das Vertrauen auf Gott als Instanz, die über den Menschen hinaus geht und ihn vor sich selbst schützt – das markiert einen wesentlichen, wenn nicht den entscheidenden Kern des Menschen Philipp Rösler, der natürlich auch den Politiker Philipp Rösler bestimmt.

So werden jetzt manche fragen: „So einer ist bei der FDP?“ – Das ist übrigens nicht meine Frage, sondern mit exakt dieser Frage „So einer ist bei der FDP?“ zitiert der Autor einen CSU-nahen Kirchgänger nach einer Veranstaltung mit Philipp Rösler. Warum also ist Philipp Rösler Mitglied der FDP?

Antworten wir mit einem dritten Zitat von ihm: „Ich bin nicht eingetreten, weil die FDP Steuersenkungen versprochen hat.“ Nun wissen wir also, warum nicht. So fragt der Autor: „Politisches Engagement ja, aber wo?“ Dann schildert er, wie Philipp Rösler sich zunächst bei den Jusos umgeschaut habe, die ihm zu marxistisch und zu sehr in gesellschaftlich-theoretischen Diskussionen verhaftet seien. Auch die Junge Union habe er sich angeschaut; zu spießig und angepasst sei sie. Und die Grünen seien sogar noch linker als die SPD. Schließlich sei es ein Freund aus der Schülervertretung gewesen, der ihn 1991 zu einem Treffen der Jungliberalen mitgenommen habe, wo Rösler gleich gefragt worden sei, ob er Beisitzer im Kreisvorstand werden wolle, und nebenbei mit seiner Stimme sofort dazu beitragen konnte, dass genau dieser Freund nicht als Kreisvorsitzender der Jungliberalen abgewählt worden sei. Der Autor zieht das Fazit: „Die politische Karriere des Philipp Rösler beginnt somit eher zufällig und pragmatisch.“

Ich will die Vergleiche nicht überstrapazieren, doch eine gewisse Ähnlichkeit ist auch hier wieder zwischen uns beiden nicht zu bestreiten. Denn genauso wie Philipp Rösler habe auch ich mich 1989 erst einmal bei anderen Gruppierungen umgeschaut, bevor ich mich für den Demokratischen Aufbruch und dann nach der deutschen Wiedervereinigung schließlich für die CDU entschlossen habe. Und galt es bei Philipp Rösler die Abwahl eines befreundeten Kreisvorsitzenden zu verhindern, so galt es bei mir, in einem ersten politischen Impuls in der Wendezeit Computer aus den Kartons auszupacken und mich nützlich zu machen. So kann eine Mitgliedschaft durchaus „pragmatisch beginnen“, aber ist sie deshalb gleich „zufällig“? Ich meine nein – weder bei Rösler noch bei mir.

Der vorhin zitierte Satz „Ich bin nicht eingetreten, weil die FDP Steuersenkungen versprochen hat“, hilft uns deshalb auch durchaus weiter. Philipp Rösler geht es um mehr; ihm geht es um das Zusammenleben in einer freien Gesellschaft. Ihm geht es – so habe ich ihn auch persönlich immer wieder kennengelernt – um die Verantwortung des Einzelnen gegenüber seinen Mitmenschen. Statt eines starken Staates plädiert Philipp Rösler für eine starke Gesellschaft. In Fragen der Integration, auch des Schutzes von Schwachen, kennt Philipp Rösler kein Pardon, wie er zum Beispiel unmissverständlich gegen die Möllemann-Kampagne zum Ausdruck gebracht hat. Er hat damit gezeigt, dass er keine Scheu hat, Konflikte einzugehen, wenn sie eingegangen werden müssen. Er hat keine Scheu, zu seiner Position zu stehen, wenn es erforderlich ist.

Das hat seinen Preis. Der Autor schreibt, dass Philipp Rösler in den ersten Monaten seiner Arbeit als Gesundheitsminister, also im Jahr 2010, gesagt habe, dass er „realistischer, misstrauischer“ geworden sei. Und wer die letzten Wochen seines FDP-Vorsitzes verfolgt hat, der kann annehmen, dass diese Einschätzung eher noch gefestigt worden ist – „realistischer, misstrauischer“ also.

Ich darf als jemand, der die Anstrengungen wie die großartigen Chancen eines Staatsamtes und eines Parteiamtes nachfühlen kann, ergänzen: Misstrauen gehört dazu, aber Vertrauen kann belohnt werden. Ich glaube, wir haben dieses gegenseitige Vertrauen zueinander gefunden.

An dieser Stelle ein Wort zum oft diskutierten Satz des vermeintlich „netten Herrn Rösler“. Der Autor beschäftigt sich mehrfach damit und scheint den Eindruck widerlegen zu wollen. Ich halte das für unnötig; der Autor möge mir das verzeihen. Denn wer wie Philipp Rösler im Alter von nur 27 Jahren der erste Generalsekretär der FDP in Niedersachsen wird, dann im Alter von nur 29 Jahren Fraktionsvorsitzender, mit gerade einmal 32 Landesvorsitzender der FDP und mit 36 Jahren Minister für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr sowie stellvertretender Ministerpräsident des großen Landes Niedersachsen – für den ist Nettigkeit oder mangelnde Nettigkeit die falsche Kategorie, denn der ist einfach homo politicus. Der versteht das Geschäft, der weiß, was er will, der hat Höhen und Tiefen erfahren, der kann Menschen überzeugen, ob mit oder ohne Puppe als Bauchredner; man könnte auch sagen: mit oder ohne Barbiepuppe. Für den gilt der Satz, den sein Mentor Walter Hirche gesagt hat: „Wer Rösler unterschätzt, hat schon verloren.“

Damit komme ich zum vierten Zitat von Philipp Rösler. Es ist ein Satz, den Philipp Rösler selbst schon oft gesagt hat und der auch in Bröckers Buch zitiert wird. Er lautet: „Der Bambus biegt sich im Wind und Sturm, aber er bricht nicht.“ Ich meine, das sind gute Voraussetzungen für eine erfolgreiche zweite Hälfte der christlich-liberalen Koalition in dieser Legislaturperiode.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen viel Freude beim Lesen eines Buches, das – wie der Autor selbst sagt – ein „Porträt“ Philipp Röslers ist und keine ausführliche Biographie, das aus meiner Sicht aber gute Einblicke in sein Leben und Handeln bietet – und zum Schluss auch noch ein interessantes Interview mit seiner Frau Wiebke Rösler.

Herzlichen Dank.

Dienstag, 27. September 2011

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