Navigation und Service

Inhalt

Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel anlässlich der Jahresversammlung der Leopoldina – Nationale Akademie der Wissenschaften

Redner:
Angela Merkel
Gehalten:
Freitag, 23. September 2011
Ort:
Halle

in Halle an der Saale

 Sehr geehrter Herr Präsident, Herr Professor Hacker,

sehr geehrter Herr Ministerpräsident, lieber Reiner Haseloff,

Frau Staatssekretärin,

Frau Ministerin,

meine Damen und Herren,

werte Mitglieder der Leopoldina,

Wissenschaft lebt von einer Vielzahl von Fragen, Methoden und Disziplinen. Ich glaube, man kann sagen, die deutsche Wissenschaft zeichnet sich durch besonders reichhaltige Vielfalt aus. Dennoch gibt es nun eine Stimme, die für die deutsche Wissenschaft in ihrer Gesamtheit spricht: Das ist inzwischen die Leopoldina. Wir haben lange daran gearbeitet, dies in einem so vielfältigen Land wie Deutschland zu erreichen. Daran war weniger die Wissenschaft schuld als vielmehr Fragen, die sich mit dem Wort „Föderalismus“ verbinden. Umso schöner war es, dass es unsere Bildungs- und Wissenschaftsministerin geschafft hat, mit sanftem und etwas größerem, auf jeden Fall mit klugem Druck zum Schluss diese Nationale Akademie zu gewinnen.

Im Wirken der Leopoldina spiegelt sich die Bandbreite der Wissenschaften wider. Sie vernetzt Disziplinen und fördert Zusammenarbeit. Die Folge ist, dass Wissenschaft auch in der Öffentlichkeit mehr Gehör findet. Damit, so denke ich, ist die Leopoldina auch als wichtiger Impulsgeber in der gesellschaftlichen Meinungsbildung nicht mehr wegzudenken. Und: Die Stimme der Leopoldina wird auch über unser Land hinaus gehört. Sie repräsentiert die deutsche Wissenschaft in zahlreichen internationalen Gremien und hat von der Royal Society sogar die Rolle als Generalsekretariat für den Zusammenschluss der Akademien in der Europäischen Union übernommen. Als ich zu Besuch bei der Royal Society war, war es mir ein unglaubliches Vergnügen, diese Wertschätzung erfahren zu können.

Dort, wo zuvor eine Lücke war, agiert nun also die altehrwürdige Leopoldina als Nationale Akademie der Wissenschaften und leistet ihren Dienst in Zusammenarbeit mit der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften, der Berlin-Brandenburgischen Akademie und den anderen Akademien der Länder. Auch diese Kooperation – das spürt man – funktioniert sehr gut. Natürlich brauchen wir auch in Berlin diese eine Stimme. Das will ich ausdrücklich sagen. Das ist auch einer der Gründe, warum ich hier bin.

 

Sie haben sich eine der zentralen Fragen zu Ihrem Tagungsthema erhoben: Was ist Leben? Ich könnte jetzt sagen: Selbst Politik ist Leben, und zwar manchmal sogar ein sehr schönes. – Ich weiß nicht, ob das bei Ihnen diskutiert wird. Deshalb wollte ich das als Impuls noch hinzufügen. Es muss ja auch einen Sinn haben, warum wir als Politiker hier sind.

So facettenreich und komplex Leben ist, so unfassbar ist es in seiner Gänze. Nur Teilantworten aus unterschiedlichsten Blickrichtungen bieten die Möglichkeit einer Annäherung an dieses Thema. Die Leopoldina hat sich aber nicht abschrecken lassen. Sie haben sich Zeit genommen, Sie haben dieses Thema auf die Tagesordnung gesetzt. Und ich denke, dass Sie für ein solch umfassendes Thema auch genau die richtige Institution sind. Ein Blick ins Programm zeigt dies.

Für eine philosophisch-theologische Annäherung an die Frage zumindest des menschlichen Lebens prägte Martin Buber den Satz – ich zitiere: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“ Diese Formulierung zielt darauf, dass jeder Mensch ein Gegenüber benötigt. Das Ich braucht ein Du. Verständnis und Erkenntnis sind immer erst möglich durch ein Offensein füreinander, durch Dialog, durch Austausch von Ideen, durch Lernen von- und miteinander, durch gemeinsame Suche nach Antworten. Das gilt für Wissenschaft und Politik gleichermaßen. Für beide sind Begegnung und Dialog der Schlüssel zu Erkenntnis und Fortschritt.

Dafür gibt es viele Beispiele. Die Leopoldina selbst ist ein jahrhundertealtes Erfolgsmodell des Dialogs. Seit dem 17. Jahrhundert führen Sie als traditionsreiche Gelehrtengesellschaft die Größen der mathematischen und naturwissenschaftlichen Fachrichtungen zusammen. Heute sind es 1.400 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus aller Welt, darunter auch viele Nobelpreisträger.

Zu DDR-Zeiten hat die Leopoldina gezeigt, dass wissenschaftlicher Austausch auch über politische Gräben hinweg stattfinden kann, wenn auch unter erheblich erschwerten Bedingungen. Wer heute über die Dynamik der neuen sozialen Netzwerke im Internet staunt, sollte sich klarmachen: Die sogenannte „Scientific Community“ – früher hieß sie auch die Gelehrtenrepublik – pflegt von jeher einen leidenschaftlichen Austausch. Als hochentwickeltes Industrieland erheben wir den Anspruch, eine Wissens- und Wissenschaftsgesellschaft zu sein. Dem entspricht die Leopoldina als Nationale Akademie. Sie entspricht dem auch – Ihr Präsident hat schon darüber gesprochen –, indem sie eine beratende Funktion für Politik und Gesellschaft wahrnimmt.

Wahrscheinlich freuen wir uns als Politiker über die Existenz der Nationalen Akademie insbesondere deshalb, weil uns das die Auswahl einfacher macht, auf wen wir denn nun hören sollen. Daraus entsteht die Notwendigkeit, dass Sie Ihre Mitgliedschaft ordentlich auswählen, denn wenn wir eines Tages feststellen sollten, dass anderswo auch noch ganz wichtige Menschen sitzen, dann werden wir natürlich etwas misstrauisch werden. Fühlen Sie sich also angespornt.

Auch ich möchte Herrn Altpräsidenten Professor ter Meulen noch einmal ganz herzlich danken, weil er an der Bildung dieser Nationalen Akademie ganz wesentlich mitgewirkt hat.

Themen, in denen Politik Beratung braucht, gibt es zuhauf. Hier ist schon auf das Thema der Präimplantationsdiagnostik hingewiesen worden, bei dem die Leopoldina gemeinsam mit acatech und der Berlin-Brandenburgischen Akademie eine weithin wahrgenommene Stellungnahme abgegeben hat. Auch wenn ich mich persönlich letztendlich anders entschieden habe, hat diese Stellungnahme wesentlichen Einfluss auf die Gesamtberatung im Deutschen Bundestag gehabt. An weiteren gesellschaftlich relevanten Themen mangelt es wahrhaftig nicht – synthetische Biologie, Quantentechnologie, alternde Gesellschaft, die Frage sinkender Geburtenraten, Energieforschung und anderes mehr.

Ich möchte mich auch noch einmal dafür bedanken, dass die Zuarbeit und die Empfehlungen im Bereich der Energieforschung, die auch in die Ethikkommission für eine sichere Energieversorgung eingeflossen sind, von großem Wert waren. Sie, lieber Herr Professor Hacker, haben in diesem Gremium selbst mitgewirkt. Sie haben dort die Sicht der Wissenschaften eingebracht und gemeinsam mit den anderen Mitgliedern erfolgreich und zügig zu Ergebnissen gefunden. Ich will Ihnen versprechen, dass wir die Anregung des Monitoring sehr ernst nehmen. Wir werden in wenigen Wochen im Kabinett den Prozess des Monitoring gestalten und die Experten vorstellen, mit denen wir gemeinsam den Weg in das Zeitalter der erneuerbaren Energien gehen wollen. Denn das wird kein einfacher, kein trivialer Weg. Ihn zu gehen, bedarf einer permanenten Begleitung und gesellschaftlichen Diskussion. Ich bitte die Leopoldina, sich auch weiter einzumischen und uns auf diesem Weg zu begleiten.

Die Bundesregierung lässt sich auf vielen Gebieten von der Wissenschaft beraten. Das Thema des Klimawandels ist hier schon genannt worden. Das gilt aber auch für andere Technologiefelder. Wissenschaftliche Beratung bietet für uns immer wieder die wesentliche Grundlage für tragfähige Entscheidungen. Wir brauchen die Aufarbeitung der Fakten, wir brauchen die Zusammenstellung der Fakten, wir brauchen auch die Gewichtung der Fakten, um entscheiden zu können. Die Entscheidung kann uns niemand abnehmen, aber es ist wichtig, dass man versucht, die Gesamtheit der Wirklichkeit soweit wie möglich wahrzunehmen, bevor man sich vorschnell entscheidet.

Politik muss immer Wertungen einbringen, sie muss immer wieder versuchen, einen Ausgleich aller gesellschaftlichen Gruppen zu finden. Deshalb hängt die Entscheidung oft von mehr als allein von wissenschaftlichen Fakten ab. Aber sie sollte nicht konträr zu den wissenschaftlichen Gegebenheiten erfolgen. Das würde uns als Land ärmer machen. Deshalb bitte ich Sie, auch wenn es aus Ihrer Sicht vielleicht manchmal sehr zeitaufwendig ist: Widmen Sie sich auch weiter der Aufgabe der Politikberatung, versuchen Sie, die komplizierten Sachverhalte für uns so aufzuarbeiten, dass wir sie auch verstehen und einordnen können. Ich glaube, dass dieser Dialog auch der Wissenschaft insgesamt guttut, weil Wissenschaft letztlich auch Akzeptanz braucht. Wissenschaft muss auch einen bestimmten Stellenwert in der politischen Arbeit haben.

Meine Damen und Herren, was ist Leben? Diese Frage führt auch zur Frage nach dem Wie. Wie möchten oder sollen wir leben? Wie können wir unser Leben gestalten? Für mich und für die ganze Bundesregierung ist eines klar – das ist völlig identisch mit der Auffassung der hiesigen Landesregierung: Wir sind ein Land, das wenige Rohstoffe, jedenfalls wenige rentable Rohstoffe, hat. Insofern sind wir auf unseren Schatz – das sind die Menschen – angewiesen. Da wir eine gut entwickelte Industriegesellschaft sind, haben wir auch keine dramatisch dynamischen Märkte. Das heißt, gebraucht werden wir und interessant sind wir in einer Welt von sieben Milliarden Menschen vor allen Dingen durch die Ergebnisse unseres Forschens, Entwickelns, unserer Kreativität und ingenieurtechnischen Fähigkeiten, also durch das Gestalten neuer Produkte, durch neue Ideen und neue Erkenntnisse.

Deshalb haben wir uns trotz der Notwendigkeit der Haushaltskonsolidierung, die ja in diesen Tagen offensichtlich ist, und trotz der Schuldenbremse, die wir ins Grundgesetz geschrieben haben, parteiübergreifend ganz bewusst dazu entschlossen, in dieser Legislaturperiode jedes Jahr vier Milliarden Euro mehr für Forschung und Bildung auszugeben und damit auch ein Stück mehr Berechenbarkeit für die verschiedenen Forschungseinrichtungen zu schaffen.

Ich will hier nur stichpunktartig nennen, dass der Hochschulpakt im Bereich der Lehre von äußerster Wichtigkeit ist, nachdem jetzt die Wehrpflicht ausgesetzt wird und zum Teil doppelte Abiturjahrgänge in die Hochschulen strömen. Wir haben klugerweise, kurz nachdem wir das Kooperationsverbot ins Grundgesetz geschrieben haben, gleich mit einer Ausnahme begonnen: mit dem „Hochschulpakt I“ und dem „Hochschulpakt II“. So hilft der Bund bei der Finanzierung der zusätzlichen Studienplätze.

Eine, wie ich glaube, sehr interessante Neuheit des Bundesministeriums für Bildung und Forschung ist der „Qualitätspakt Lehre“. In den nächsten Jahren werden zwei Milliarden Euro bereitgestellt. 111 Hochschulen werden in den Genuss der Förderung kommen. Die Frage, wie an jeder Hochschule Lehre und Forschung gewichtet werden, ist ja eine der ständig diskutierten. Wir haben das BAföG erhöht und das „Deutschland-Stipendium“ geschaffen. Wir haben, was die Forschungsexzellenz anbelangt, mit der „Exzellenzinitiative“ eine erhebliche Dynamik in der Hochschullandschaft erreicht. Wir werden bis 2017 weitere 2,7 Milliarden Euro hierfür einsetzen.

Auch die Leopoldina tut immer wieder etwas, um Forschung voranzubringen. Die Initiative „Junge Akademie“, die Sie gemeinsam mit der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften unterhalten, ist ein Beispiel hierfür.

Wir fördern auch die außeruniversitäre Forschung mit dem „Pakt für Forschung und Innovation“, der mit fünfprozentigen Zuwachsraten jedes Jahr genau dieses Stück Berechenbarkeit bringt, von dem ich gesprochen habe.

Mit all dem sind wir im Augenblick so aufgestellt, dass unser deutsches Wissenschaftssystem schon zu den weltweit leistungsfähigsten gehört, allerdings auch und gerade deshalb, weil auch die Selbstbewertung innerhalb des deutschen Wissenschaftssystems sehr gut funktioniert und weil dieses System an Leistung ausgerichtet ist. Ich glaube, wir tun gut daran, dass es genauso bleibt. Wir konnten mit einer solchen Ausrichtung auch in Europa Meilensteine setzen. Mit dem European Research Council hat sich zum ersten Mal in Europa ein solches Prinzip durchgesetzt und ist inzwischen in den europäischen Mitgliedstaaten weithin akzeptiert.

Die jungen Deutschen sind willens, in die Fußspuren der Älteren zu treten. Wir haben noch nie so viele Studierende und Studienanfänger zu verzeichnen gehabt. Die Europäische Union hat uns gemahnt, dass wir nicht nur die Statistik nach Hochschulanfängern, sondern vor allen Dingen auch nach Hochschulabsolventen bewerten sollen. Leider klaffen die Zahlen noch ziemlich weit auseinander. Wenn der eine oder andere dafür Sorge tragen und bei den jungen Leuten dafür werben könnte, dass begonnene Studiengänge auch zu Ende geführt werden, so würde uns dies sehr erfreuen.

Wenn wir über Wissenschaft reden, reden wir auch über die Grundlagen unseres zukünftigen Wohlstands. Wir tragen der Tatsache, dass es hierbei um unsere Zukunft geht, unter anderem mit der „Hightech-Strategie“ Rechnung. Nicht nur, dass wir jetzt eine Nationale Akademie haben, wir tasten uns auch ganz vorsichtig an institutionelle Gebilde heran, die nach dem klassischen Föderalismusprinzip nicht so einfach zusammenkommen könnten; aber der Trend zu Kombinationen und Kooperationen von Hochschulen und Großforschungszentren ist unverkennbar und tut uns gut.

Ich habe zum Beispiel jüngst das Max-Delbrück-Centrum besucht, in dem es eine sehr spannende Kooperation zwischen der Helmholtz-Gemeinschaft und der Charité gibt. Ich glaube, wenn man auch für ausländische Studierende oder ausländische junge Wissenschaftler attraktiv sein will, dann ist eine solche Art der Kombination sehr interessant. In der Tat – Herr Professor Hacker hat es angesprochen: Wenn man dort die Sequenziermaschinen für das menschliche Genom sieht, wenn man daran denkt, dass das, was vor wenigen Jahren noch schier außergewöhnlich zu sein schien, heute schon für mehrere Tausend Euro machbar ist und in wenigen Jahren für Hunderte von Euro, so zeigt sich daran auch, dass wir dringend wieder Politikberatung durch die Wissenschaften brauchen und wahrscheinlich auch als Politiker sehr wegweisende Entscheidungen werden treffen müssen, wenn wir uns nicht sozusagen gleich in die Hand von Versicherungen und anderen begeben, sondern den Menschen wirklich Aufklärung geben wollen.

Immer sind Freiheit und Verantwortung Schlüsselbegriffe für die Wissenschaft. Letztlich – darin bin ich mir wahrscheinlich mit dem Ministerpräsidenten einig – sind die DDR und der ganze sogenannte sozialistische Block auch daran gescheitert, dass dort – in Zeiten der Wissensgesellschaften weltweit – das Denken eben nicht frei war oder zumindest das Sprechen nicht frei war und die Menschen vor dem Dilemma standen: Sollen wir uns fügen oder dürfen wir alles denken und tun und forschen, was wir wollen? Es klappt eben nicht, den Menschen aufzuspalten, sodass er am Tag ordentlich forscht und abends einfach den Mund hält, wenn ihm das politische System nicht gefällt. Das war auch ein Grund dafür, dass letztendlich der Sozialismus zusammengebrochen ist. Und die Leopoldina kann sich heute wieder in voller Pracht und Schönheit auch in Halle entfalten.

Freiheit und Verantwortung – deshalb arbeiten wir auch an unserer Wissenschaftsfreiheitsinitiative. Freiheit lebt sich natürlich noch besser in einem schönen Gebäude. Ich will nicht sagen, dass es hier im Kongresszentrum schlecht ist, habe aber Herrn Hacker gesagt: Eigentlich hat er mich ein Jahr zu früh eingeladen, denn es steht ja ein Umzug ins Haus. Nun sagt er, ich könne ja wiederkommen, aber das kann ich jetzt nicht einfach zusagen. Auf jeden Fall werde ich mir ein Foto des ehemaligen Logenhauses anschauen und vielleicht auch irgendwann einmal vorbeischauen.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie weiter gut arbeiten, Ihre spannenden Themen aufarbeiten, sich interdisziplinär gut verstehen, internationale Ausstrahlung entwickeln, uns gut beraten und auch viel Freude am neuen Haus haben werden.

Herzlichen Dank.

Freitag, 23. September 2011

Seitenübersicht

Beiträge