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Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel anlässlich des BMW-Festaktes "Wir bauen die Zukunft"

Redner:
Angela Merkel
Gehalten:
Freitag, 5. November 2010

in Leipzig

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident, lieber Stanislaw Tillich,

sehr geehrte Frau Gouverneurin,

sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,

sehr geehrte Herren Reithofer und Erlacher,

liebe Gäste dieser Eröffnungsveranstaltung,

vor allen Dingen auch liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter,

ich glaube, dass wir alle vor einem Jahr nicht gedacht haben, dass wir in Deutschland schon 2010 wieder ein Wirtschaftswachstum haben, das wahrscheinlich bei mehr als drei Prozent liegen wird, und dass die Arbeitslosenzahl auf unter drei Millionen sinken wird. In diesen erfreulichen Zahlen zeigt sich, dass der Industriestandort Deutschland stark ist. Das, was wir heute hier erleben, ist ein Teil dessen, was die Stärke unseres Industriestandorts Deutschlands ausmacht. Sie ist im Grunde das Ergebnis unzähliger Anstrengungen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, verantwortlicher Entscheidungen auf Arbeitgeberseite und Rahmenbedingungen der Politik. Das ist gelebte Soziale Marktwirtschaft in Deutschland.

Der Rundgang soeben hat mich davon überzeugt: Leipzig gehört mit BMW zur Spitzenklasse der Automobilstandorte in Deutschland. Hier ist in den letzten Jahren wirklich Einzigartiges entstanden. Als ich eben Herrn Reithofer fragte, ob man denn nach wie vor mit den getroffenen Entscheidungen zufrieden sei, hat mich sein „Ja“ nicht verwundert – es wäre wahrscheinlich ohnehin kein „Nein“ gekommen –, aber die Art und Weise, in der er „Ja“ sagte, war so überzeugend, dass ich wirklich glaube: Leipzig und Sachsen können stolz sein. Die Bayern können das vertragen und sind, glaube ich, inzwischen auch froh, in noch einem anderen Freistaat produzieren zu können.

Heute startet eine neue Investition – 400 Millionen Euro. Das ist für die Region Leipzig eine gute Nachricht. „Wir bauen die Zukunft“ – dieses Motto haben Sie sich gegeben. Die Investition bedeutet Zukunft für viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer und ihre Familien; 800 neue Arbeitsplätze sind eine gute Botschaft. Auszubildende haben die Chance, in neuen Ausbildungsgängen erfolgreich die Weichen für ihre berufliche Zukunft zu stellen. Zukunft wird hier auch technologisch geschaffen. Herr Reithofer hat uns das ja eben mit dem „Megacity Vehicle“ sehr eindringlich aufgezeigt. Ich bin ein bisschen neidisch, dass sich der Oberbürgermeister schon das Nummernschild für das erste Auto bestellt hat. Ich würde sagen, das zweite sollte nach Sachsen und das dritte dann bitte nach Berlin gehen.

Wir haben hier gesehen, dass in naher Zukunft ein alltagstaugliches Elektrofahrzeug mit einer Fahrgastzelle aus Carbonfaser – einem Hightech-Werkstoff, der bisher vor allem für Flugzeuge und Rennwagen gebraucht wurde – entstehen wird. Es ist also auch eine gute Nachricht, dass auch die Werkstofftechnologie eines Tages im Massenmarkt Platz greifen wird.

Die Mobilität von morgen bewegt schon heute sehr viele. Wir sehen, dass wir neue Antworten auf das finden müssen, was uns weltweit umtreibt. Die Weltbevölkerung, heute knapp sieben Milliarden, wird bis zum Jahr 2050 schätzungsweise auf neun Milliarden anwachsen. Wenn wir wollen, dass alle am Wohlstand dieser Erde teilhaben können, dann müssen wir neue Wege finden. Das heißt nicht, dass wir im Wachstum nachlassen müssen, dass wir beim Wohlstand abspecken müssen, sondern es bedeutet, dass wir nachhaltiger produzieren müssen. Das, was wir hier heute anstoßen, ist genau so etwas.

Europa wird, was die Bevölkerungszahl anbelangt, eher schrumpfen als wachsen. Umso wichtiger ist es, dass wir innovativ bleiben, dass wir in einem harten, weltweiten Wettbewerb an der Spitze der neuen Technologien stehen und dass wir unseren Beitrag als klassischer Automobilstandort auch für das Automobil der Zukunft leisten können.

Wir wissen, dass wir mit endlichen fossilen Rohstoffen leben und dass wir uns neue Technologien überlegen müssen. Die Automobilindustrie als Schlüsselbranche war und ist ein wichtiger Auftraggeber und Innovationstreiber. BMW zeigt hier heute, dass es dabei eine führende Rolle einnimmt. Wir wollen natürlich erreichen, dass ein möglichst großer Teil der Wertschöpfung und Produktion in Deutschland bleibt. Ich weiß, wie hart der Wettbewerb ist. Umso wichtiger ist es, dass Sie sich hier mit dieser Investition auch für die Zukunft verpflichten.

Wir haben – Herr Reithofer hat es gesagt – eine Zielmarke ausgegeben: Eine Million Fahrzeuge, die elektrisch angetrieben werden, bis zum Jahr 2020. Ich sehe hier heute zum allerersten Mal, dass das richtig Gestalt annimmt. Ich finde den Weg, ganz neu zu denken, sehr spannend und sehr interessant. Ich glaube, ohne mich mit Wirtschaftsprognosen auszukennen, dass der Ansatz, sich ein völlig neues Fahrzeug auszudenken, sehr zukunftsfähig ist, weil eine Schwäche Deutschlands ja gerade darin liegen könnte, nur an die alten Traditionen anzuknüpfen und keinen qualitativ neuen Sprung zu wagen. Sie hier wagen es aber; und das finde ich sehr ermutigend.

Mit der Elektromobilität bieten sich natürlich völlig neue Chancen – nicht nur für die Automobilindustrie, sondern nicht zuletzt auch für die Chemieindustrie und die Energiewirtschaft. Deshalb haben wir auch Anfang Mai die Nationale Plattform Elektromobilität ins Leben gerufen, um die maßgebenden Akteure aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik näher zusammenzubringen. Ich möchte mich bei Herrn Reithofer ganz herzlich dafür bedanken, dass BMW an die Sache herangeht und nicht als erstes nach Subventionen ruft, sondern nach einer vernünftigen Koordinierung eines völlig neuen Zugangs, den wir politisch sicherstellen wollen.

Wir setzen also auf Vernetzung und Kooperation. Wir brauchen Innovationsallianzen und Arbeitsteilung. Man sieht auch am Beispiel des „Megacity Vehicle“, wie verzweigt die Produktion ist. Deshalb ist eine Gouverneurin aus den Vereinigten Staaten von Amerika hier. Denn die Carbonfaser kommt aus Moses Lake im Bundesstaat Washington. Sie haben dort also eine zukunftsfähige Materialproduktion, von der auch wir profitieren; das schafft auch wieder gute Beziehungen. Früher war es so, dass Deutschland und Amerika insbesondere durch Soldaten miteinander verbunden waren, die in der Nachkriegszeit unsere Beziehungen sehr geprägt haben. Wir haben viel Hilfe von den Vereinigten Staaten von Amerika erfahren. Heute müssen wir unsere Nähe durch neue Kooperationsformen untermauern. Ich denke, dabei ist das Werk in Moses Lake ein gutes Beispiel für deutsch-amerikanische Beziehungen.

Die Weiterverarbeitung der Carbonfaser erfolgt dann in Wackersdorf. In Landshut werden Bauteile und Komponenten gefertigt. Schließlich wird in Leipzig alles aus den einzelnen Mosaikteilen zusammengebaut. Sie haben an der Leichtigkeit, mit der die Kinder und die Auszubildende das Viertel-Auto hier hereingetragen haben, gesehen, was diese Faser leisten kann und damit an Kompensation für schwere Batterien mit sich bringt. Das ist ein sehr wichtiger Schritt.

Voraussichtlich werden insgesamt mehr als 1.000 Arbeitsplätze entstehen, die zeigen, dass wir in einer Zukunftsbranche gemeinsam vorankommen. Wir hören jetzt auch immer mehr gute Nachrichten – neulich von einem Elektroauto, das schon ganze 600 km zurückgelegt hat, ohne Strom nachzutanken. Insofern hoffe ich, dass wir in der Batterietechnologie wieder aufholen werden. Ich finde nämlich, es ist für ein Land, das Anfang des 20. Jahrhunderts in der Elektrochemie weltweit ganz vorne mit dabei war, fast ein bisschen ehrenrührig, dass wir jetzt überall neue Lehrstühle für Elektrochemie schaffen müssen. Aber besser jetzt als gar nicht. Insofern glaube ich, dass wir das auch wieder aufholen können.

Ich habe mich gestern bei einem mittelständischen Unternehmen in Baden-Württemberg, bei der Firma Manz, noch einmal sehr intensiv danach erkundigt, ob wir den Rückstand aufholen können. Dort wurde mir gesagt: Wenn es gelingt, in Deutschland nicht nur eine neue Produktion von Autos zu verankern, sondern hier auch die Batterien zusammenzubauen, dann wird das einen Schub für die gesamte Entwicklung bringen, sodass wir auch hierbei wieder Teil der Weltspitze sein werden.

Innovationen werden in Unternehmen, aber auch in Hochschulen und Forschungseinrichtungen geboren. Der Staat kann hierbei Hilfe leisten. Wir haben uns seitens der Bundesregierung sehr bewusst dafür entschieden, auf Forschung und Innovation zu setzen. Trotz aller Sparprogramme gibt es einen Zuwachs im Bereich der Bildung und Forschung und auch klare Zusagen in Bezug auf Planbarkeit, was die Ausstattung unserer Forschungsinstitutionen, den Hochschulpakt und vieles andere mehr anbelangt. Ich glaube, gerade der Freistaat Sachsen hat nicht nur in Leipzig, sondern auch an vielen anderen Stellen gezeigt, wie man als noch etwas jüngeres Bundesland doch ganz schnell in die Spitze deutscher Produktion vorstoßen kann.

Unsere Spitzenstellung in Wissenschaft und Innovation zu sichern, bedeutet natürlich auch, dass wir wettbewerbsfähige Ausbildungsgänge haben. Ich glaube, in der Kombination von Studienmöglichkeiten in Deutschland und der dualen Ausbildung haben wir eine Basis, um wirklich auch weltweit mit dabei zu sein.

Politik will günstige Rahmenbedingungen schaffen – etwa über die Rohstoffstrategie bis hin zur Frage der Marktzugänge überall auf der Welt. Wenn ich an manche aufstrebende Länder denke, dann müssen diese immer wieder an freien Handel, an die Einhaltung des Patentrechts und des Prinzips des geistigen Eigentums erinnert werden. All das sind Aufgaben, die von Wirtschaft und Politik gemeinsam gelöst werden können.

Das, was hier entwickelt wird, kann die Politik natürlich nicht allein schaffen. Innovation, Kreativität, Spaß an der Arbeit – ich habe den Eindruck gewonnen, dass das alles hier vorhanden ist. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind mit Sicherheit stolz, wenn sie heute nach Hause gehen und sagen: Hier entsteht ein gutes Stück Zukunft.

Ich freue mich, dass ich heute dabei sein konnte. Herzlichen Glückwunsch, Herr Reithofer. Herzlichen Glückwunsch, BMW mit allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Freitag, 5. November 2010

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