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Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel anlässlich des Festaktes "125 Jahre Erfinder des Automobils" der Daimler AG

Redner:
Angela Merkel
Gehalten:
Samstag, 29. Januar 2011

in Stuttgart

Meine Damen und Herren,

lieber Herr Zetsche,

Herr Ministerpräsident, lieber Stefan Mappus,

liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Daimler AG,

sehr geehrte Geburtstagsversammlung,

ich könnte jetzt sozusagen die Glückwünsche des Rests der Deutschen überbringen, die in dem Film gerade noch nicht persönlich zu Wort gekommen sind. Herzlichen Glückwunsch zum 125. Geburtstag des Autos und herzlichen Glückwunsch einer erfolgreichen Firma in Deutschland, nämlich Daimler. Der Name steht für Qualität und internationalen Weltruf.

Erfindungen verändern unsere Welt. Das gilt für den Buchdruck, die Dampfmaschine, die Elektrizität und den Computer. Eine der größten Veränderungen hat ohne Zweifel auch das Automobil für uns gebracht. Das war vor allen Dingen eine Veränderung, die nicht nur in das tägliche Leben fast aller Menschen eingegriffen hat, sondern die das heutige Leben bestimmt.

125 Jahre Automobil sind ein bewegender und wesentlicher Teil deutscher Industriegeschichte und auch der Industriegeschichte der ganzen Welt. In Deutschland schlug die Geburtsstunde des Automobils; das lassen wir uns nicht nehmen. Stefan Mappus hat darauf hingewiesen. Ich würde sagen: Die Geburtsstunde des Automobils war eine echte Sternstunde.

Ich bin heute sehr gerne zu Ihnen gekommen, um zu gratulieren und daran zu erinnern, dass Carl Benz vor genau 125 Jahren so weitsichtig war, ein Patent anzumelden. Wenn ich daran denke, was für einen Ärger wir heute in Europa haben, ein einheitliches europäisches Patent hinzubekommen, dann können wir uns darüber freuen, dass dies damals hier in der Region offensichtlich funktioniert hat.

Carl Benz hatte gedacht, das Dreirad wäre die zukunftsweisende Fahrweise. Was die Fortbewegungsart anbelangt, stimmte das. Dennoch hat sich dann das vierrädrige Fahrzeug von Daimler durchgesetzt. Gut, dass es, obwohl die beiden offensichtlich nicht persönlich zueinander gefunden haben, 1926 doch einen Merger gab und die ganze Sache dadurch noch viel erfolgreicher vonstatten gehen konnte.

Ich finde es wunderbar, dass Bertha Benz – ich habe gehört, ihr Mann wusste nichts davon – die erste Ausfahrt gemacht und damit die Praxistauglichkeit getestet hat. Ich möchte jetzt nicht daran erinnern, dass Frauen eventuell auch bei Daimler noch eine größere Rolle spielen könnten. Es muss ja nicht gleich der Chefposten sein. Aber vielleicht könnte man – in memoriam Bertha Benz – doch ein bisschen gucken, ob sich nicht diese oder jene Frau findet, die Liebe zum Auto hat, denn man weiß nicht, was das für die Vermarktungsstrategien Gutes bedeuten könnte.

Schon sehr früh – das habe ich heute dazugelernt – war die künstlerische Seite des Autos ausgeprägt, denn die Bekanntschaft von Daimler und Steinway ist in der Tat eine sehr interessante Liaison. So ist es mit dem Auto auch heute: Für den einen ist es ein Nutzgegenstand, für den anderen sozusagen ein künstlerischer Gegenstand. Nur in der Kombination von beidem ist die Erfolgsgeschichte des deutschen Automobils zu erklären. Da steckt viel mehr dahinter als nur ordentlich aneinandergesetzte Teile. Da ist auch – wenn man hier durch das Museum geht, fällt einem das auf – Liebe, Leidenschaft und sehr viel Träumerei mit dabei, wenn man sich überlegt, wie das Auto entstanden ist und welche Modelle Daimler geschaffen hat.

Politiker haben sich im Zusammenhang mit dem Auto des Öfteren geirrt. Kaiser Wilhelm II. ist hier schon genannt worden. Man wurde eines Besseren belehrt und kann sagen: Die normalen Menschen haben sich mit ihren Wünschen durchgesetzt. Der Wunsch nach Mobilität, der Wunsch, sich bewegen und den Radius des eigenen Lebens erweitern zu können, wird wohl nicht verloren gehen.

So wie sich herausgestellt hat, dass Chauffeure nicht immer unbedingt dabei sein müssen, sondern dass das eigene Fahren mit einem schönen Auto eine Leidenschaft sein kann, so werden wir auch noch in Zukunft neue Entwicklungen erleben. Ich habe Schwierigkeiten, mir beispielsweise vorzustellen, dass das Auto eines Tages ganz ohne Zutun des Menschen fahren wird. Aber vielleicht passiert auch das. Manche unangenehmen Sachen, zum Beispiel Einparken, können Autos wahrscheinlich bald alleine. Das könnte für manche Spezies eine echte Hilfestellung sein, nicht nur für Frauen, vermute ich.

Die Geschichte des Autos ist wirklich eine Geschichte der Innovation. Diese Innovation bezieht sich nicht nur auf einige Konstrukteure, sondern auf all diejenigen, die mit dem Auto zu tun haben. Deshalb möchte ich heute, am 125. Geburtstag des Autos, einen Dank an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, an die Facharbeiter, an die Meister, an die Ingenieure, an die Konstrukteure und an die Vermarkter richten – an all diejenigen, die Mercedes auf dieser Welt so berühmt gemacht haben.

Unsere Welt wird in diesem Jahr wahrscheinlich sieben Milliarden Menschen haben, die alle von Mobilität träumen. Das ist eine Welt mit wachsenden Märkten und wachsendem Wettbewerb. Nach einem großen Wachstumseinbruch in der internationalen Wirtschaftskrise war 2010 schon wieder ein recht gutes Jahr. Wir haben im Inland 5,5 Millionen Autos gebaut. 70 Prozent gehen in den Export. 720.000 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind in der Automobilindustrie beschäftigt. Sie ist also eine ganz wesentliche Säule unseres Wohlstands. Daran sollten sich alle erinnern, die über das Auto sprechen.

Die Automobilindustrie ist eine der forschungsfreundlichsten – das sieht man hier bei Daimler – und eine der innovativsten Industrien, weil sie weiß: Wer nichts Neues ersinnt, ist morgen oder vielleicht schon heute vom Markt verschwunden. Deshalb verfolgt Daimler eine sehr diversifizierte Strategie, wenn es um Neuerungen geht.

Gerade die Neuerungen im Antriebsbereich standen in den letzten Jahren im Vordergrund. Sie optimieren den klassischen Verbrennungsmotor. Man produziert jetzt die Mercedes B-Klasse F-Cell mit Brennstoffzellentechnologie in Serie. Daimler hat seit vielen Jahren an dieser Technologie festgehalten und sie weiterentwickelt. Ich finde es unglaublich spannend, dass wir hier nachher den Startschuss für die erste Weltumrundung mit einem brennstoffzellenbetriebenen Elektrofahrzeug erleben werden. Es ist schön, dass ein deutsches Unternehmen, nämlich Linde, zur Seite steht, denn die Infrastruktur für die Wiederauftankung der Brennstoffzelle ist noch nicht so weit entwickelt, dass man damit die Welt umrunden könnte. Aber Deutsche machen dies möglich. Die Elektromobilität wird zum Beispiel auch durch den E-Smart weiter vorangebracht.

Aber wir sollten uns nicht nur auf die Antriebstechnologien stützen, wenn wir über Innovationen sprechen. Vielmehr können wir auch beobachten, dass das Auto sozusagen eine schöne Internetbox werden kann, dass man dort in Zukunft vielerlei Elektronik bewundern kann und dass man wunderbare Innovationen hat: vom Reifen bis zur Solarzelle auf dem Dach, von den Lacken bis zu den Werkstoffen, aus denen das Auto gemacht ist. Das Auto ist nach 125 Jahren – so würde ich sagen – in einer echten Umbruchphase.

Für Deutschland geht es jetzt um die Frage: Wie wird es in 125 Jahren sein, wenn man 250 Jahre Patentanmeldung feiert? Wird das dann eine museale Veranstaltung sein oder wird Deutschland genauso vorne mit dabei sein wie heute? Um diese Frage geht es nach meiner festen Überzeugung in den nächsten zehn Jahren.

Ich habe alles Vertrauen in Baden-Württemberg, lieber Stefan Mappus, in Daimler, lieber Herr Zetsche, und in die deutsche Industrie. Jetzt spreche ich auch Herrn Wissmann an, weil er den gesamten Wettbewerb in der Branche überblicken kann. Ich habe allen Optimismus, dass Deutschland auch noch in 100 und 125 Jahren eine führende Nation sein kann, die das Auto fortschrittlich produziert. Aber dafür, meine Damen und Herren, müssen wir uns anstrengen. Dafür müssen wir neugierig auf die Zukunft sein. Dies ist vielleicht das A und O dessen, was Daimler und Benz uns lehren: niemals stillstehen, immer weitermachen, immer wieder träumen und immer wieder zu neuen Ufern aufbrechen.

Herr Oberbürgermeister, hier wurde schon auf einen Bahnhof hingewiesen, der selten so gesamtdeutsche Berühmtheit erlangt hat wie in diesen Tagen. Auch ein Bahnhof ist vielleicht ein Symbol, das wie die Weiterentwicklung des Automobils genauso notwendig ist für die Weiterentwicklung des Industriestandorts Deutschland. Dabei geht es nämlich um die Frage: Sind wir fähig, in die Zukunft zu investieren, Neues durchzusetzen und daran zu glauben? Ich glaube, da steht Deutschland vor einer großen Herausforderung. Aber wie gesagt: Ich bin optimistisch.

Wir sind ein Land, in dem das Durchschnittsalter in den nächsten Jahren steigen wird. Das ist schön und erfreulich, denn die Lebenserwartung eines jeden einzelnen Menschen steigt. Wenn wir vor 20 Jahren ein Land mit einem Durchschnittsalter von 35 Jahren waren, so sind wir heute ein Land mit einem Durchschnittsalter von 42 Jahren und werden in 20 Jahren ein Land mit einem Durchschnittsalter von 47 Jahren sein.

Nur wenn wir alle – egal welchen Alters, ob so alt wie die Kinder, die hier gratuliert haben, oder wie diejenigen, die heute Rente beziehen – fest entschlossen und bereit sind, immer wieder neugierig in die Zukunft zu schauen, werden wir das schaffen, was diejenigen vor uns geschafft haben. Das muss unsere Herangehensweise sein. Dafür müssen wir die Voraussetzungen schaffen. Das wird heute – vielleicht noch mehr als früher – in einer ganz engen Kooperation von denjenigen, die erfinden, die sich etwas ausdenken, die etwas umsetzen und die etwas produzieren, stattfinden müssen, und zwar unter vernünftigen Rahmenbedingungen, die durch die Politik geschaffen werden müssen. Das fängt damit an, dass wir die richtigen Prioritäten setzen, zum Beispiel in Bildung und Forschung. Die Bundesregierung hat sich dazu entschieden, obwohl wir auch sehr viel Kraft in solide Finanzen stecken müssen, dass wir jedes Jahr drei Milliarden Euro mehr für Bildung und Forschung ausgeben, um unsere Innovationskraft für die Zukunft zu erhalten.

In einem Bundesland wie Baden-Württemberg werden im Bereich der Bildung und Forschung ganz dezidiert Schwerpunkte gesetzt. Hier wird gesagt: Wir brauchen über 5.000 neue Lehrer – dies ist vielleicht gar nicht so sichtbar, weil man in den PISA-Studien schon gut abschneidet –, weil wir aber noch nicht gut genug sind. Denn wir sehen, was im Augenblick in der Welt geschieht und dass auch viele andere Länder auf dem Weg sind, ihren Wohlstand zu verbessern und ihre Innovationskraft zu stärken.

Wir müssen aufhören, in den klassischen Strukturen zu denken: hier der Bund, dort das Land. Baden-Württemberg hat gezeigt, wie man Universität und Großforschungseinrichtung in Karlsruhe zu einem modernen Forschungszentrum zusammenlegt. Das muss auch in Zukunft weiter unser Ansatz sein, denn die Welt wartet nicht auf deutsche Erfindungen. Die Welt freut sich zwar über deutsche Erfindungen, aber sie wartet nicht darauf. Deshalb wird es notwendig sein, dass wir in den nächsten Jahren eher einen Zahn zulegen, als dass wir uns auf unseren Erfolgen ausruhen können.

Was uns heute Abend bei Daimler präsentiert wird, ist ein gutes Beispiel dafür, dass alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, vom Facharbeiter bis hin zum Chef, wissen: Ausruhen gibt es nicht. Wir wollen dies politisch unterstützen, nicht nur durch Forschung und Bildung, sondern zum Beispiel auch durch die Plattform Elektromobilität, in der wir unsere Anstrengungen bündeln. Auch setzen wir uns beispielsweise für faire Handelsbeziehungen in der Welt und für den Schutz des geistigen Eigentums ein. Wir wissen aus unserer eigenen Geschichte, wie wichtig es ist, dass ein Patent nicht einfach umgangen werden kann. Wichtig ist auch der freie Zugang zu Rohstoffen wie zum Beispiel den Seltenen Erden, die für die Produktion von Batterien gebraucht werden.

Meine Damen und Herren, die Zeit ist voll von Herausforderungen. Jeder von uns ist gefragt. Jeder von uns wird gezwungen werden, neu zu denken und sich niemals mit dem zufrieden zu geben, wo er heute steht. Die Mittel und Möglichkeiten dafür sind nahezu unbegrenzt – durch das Internet, durch die Informationen, die wir jeden Tag bekommen können oder auch durch Weiterentwicklungen bei der Mobilität. Ich nutze diese Geburtstagsfeier dazu, um zu sagen: Ich wünsche mir ein Deutschland, das auch in den nächsten Jahrzehnten an der Spitze steht, ein Deutschland, von dessen Produkten die Menschen rund um die Welt schwärmen.

Ich gratuliere Daimler heute ganz herzlich dazu, dass Sie das, was Daimler und Benz einmal erfunden haben, gut bewahrt, weiterentwickelt und immer moderner gemacht haben. Ich wünsche Ihnen alles Gute auf diesem Weg, sichere Ihnen Unterstützung zu und sage: Gemeinsam kann Deutschland weiter ein starkes, attraktives, modernes und innovatives Land sein. Dafür sollten wir alle arbeiten.

Herzlichen Glückwunsch und herzlichen Dank.

Samstag, 29. Januar 2011

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