Navigation und Service

Inhalt

Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel anlässlich des Festaktes des 50. Jahrestags der Rede Charles de Gaulles an die deutsche Jugend in Ludwigsburg

Gehalten:
Samstag, 22. September 2012
Ort:
Ludwigsburg

in Ludwigsburg

Sehr geehrter Herr Präsident, lieber François Hollande,
sehr geehrte französische Freunde,
sehr geehrter Herr Ministerpräsident, lieber Herr Kretschmann,
sehr geehrte ehemalige Ministerpräsidenten dieses Landes, lieber Herr Teufel und Herr Späth,
liebe Kolleginnen und Kollegen aus den Kabinetten und aus den Parlamenten,
liebe Jugendliche,
liebe Gäste dieses Festakts,

herzlichen Dank, dass wir heute hier in dieser schönen Stadt Ludwigsburg zu Gast sein dürfen. Das hat damit zu tun, dass am 9. September 1962 der französische Präsident Charles de Gaulle an dieser Stelle vor mehrere tausend junge Deutsche trat. Tosender Beifall und laute Begeisterungsrufe empfingen ihn. Damals lag das Ende des von Deutschland entfesselten Zweiten Weltkriegs und der Katastrophe des Holocaust noch keine 20 Jahre zurück. Die daraus entstandenen Wunden waren noch längst nicht verheilt. Diejenigen, die heute unter uns sind und damals dabei waren, werden das sicherlich noch viel genauer beschreiben können.

Wie wunderbar, wie verheißungsvoll nahm sich da die Friedensbotschaft aus, die Präsident de Gaulle aussandte. Er war sechs Tage lang durch Deutschland gereist. Es war eine Reise der Versöhnung. Seinen Blick richtete Präsident de Gaulle hier in Ludwigsburg ganz bewusst nach vorne – in eine gemeinsame Zukunft der beiden Nachbarländer. Er wandte sich an die Jugend. Er bediente sich dazu ihrer Sprache – der deutschen Sprache. Schon allein das ließ ihm die Herzen zufliegen.

Seine Ansprache begann Präsident de Gaulle mit einem Glückwunsch. Er beglückwünschte seine Zuhörer zu etwas, zu dem sie selber nichts beitragen konnten. Er beglückwünschte die Anwesenden dazu, jung zu sein. Da verneigte sich vor der heranwachsenden Generation ein erfahrener Staatsmann – einer, der über viele Jahre hinweg die Geschicke seines Landes entscheidend mitbestimmt hatte; einer, der über die alten Gräben unseliger Feindschaft hinweg schritt, um einen Weg in eine gemeinsame friedliche Zukunft zu bereiten. Es war das Vermächtnis eines weitsichtigen Europäers an die Jugend der beiden Länder.

Er sagte, dass die Jungen und Mädchen im Schlosshof von Ludwigsburg gemeinsam mit ihren Altersgefährten ihr Land in den folgenden Jahrzehnten prägen würden. Er sprach interessanterweise über einen Aspekt, den man damals vielleicht gar nicht erwartet hätte. Er sprach nämlich über die Möglichkeiten der Technik, der Technologien, die die Generationen prägen würden. Er sagte den jungen Menschen: Passt auf, dass die Technik nicht über euch herrscht, sondern dass ihr die Technik zu eurem Nutzen anwenden könnt. Wenn wir uns vor Augen führen, wie wir heute leben, dann muss man sagen: Dies war eine ungeheuere Weitsicht.

Charles de Gaulle wurde in seiner Rede sehr konkret. Er sagte: Die Zukunft Europas liegt in den Händen der deutschen und französischen Jugend. Deshalb rief er sie auf, fortan feste Bande zwischen beiden Ländern zu knüpfen. Heute wissen wir: Seine Worte haben eine ganze Generation geprägt. Der politische Prozess der deutsch-französischen Aussöhnung – eingebettet in ein zusammenwachsendes Europa – erwies sich als beispiellose Erfolgsgeschichte. Die Jugend zum Träger dieser Entwicklung zu machen, war konsequent, richtig und weitsichtig.

Jugend – mit diesem Begriff verbinden wohl die meisten von uns eine Zeit, in der einem sprichwörtlich die Welt offensteht. Es ist eine Phase, in der entscheidende Weichen für das weitere Leben jedes einzelnen Menschen gestellt werden. Wir wissen: Natürlich hängt der persönliche Weg jedes Einzelnen nicht allein vom eigenen Willen, von individuellen Neigungen und Fähigkeiten ab. Selbstverständlich spielen auch politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Rahmenbedingungen eine Rolle.

Ich war zum Zeitpunkt der Rede de Gaulles acht Jahre alt. 1962 lag der Bau der Berliner Mauer nur ein Jahr zurück. Ich lebte in Brandenburg in der DDR. Damals schien Deutschlands Teilung endgültig besiegelt zu sein. Ja, es schien so, als ob die ganze Welt unwiderruflich in zwei Lager gespalten sei. Liebe Jugendliche hier heute auf diesem Platz, dass ich eines Tages zu euch als Bundeskanzlerin eines in Frieden und Freiheit wiedervereinigten Deutschlands sprechen würde, glich damals einer Utopie. Das war völlig unvorstellbar. Dieser Weg wäre ohne ein gemeinsames Europa unvorstellbar gewesen. Erst der politische Wandel der Jahre 1989/1990 ermöglichte es mir und Millionen anderen DDR-Bürgern, den Weg in die Freiheit zu gehen. Die friedliche Überwindung des Ost-West-Gegensatzes und die weitere Integration Europas öffneten ein Tor, das den Eintritt in eine Ära des Friedens, der Freiheit und des Wohlstands verhieß – auf einem Kontinent, den über Jahrhunderte hinweg immer wieder Krieg und Gewalt heimsuchten.

„Wir Europäer, wir sind zu unserem Glück vereint“ – so haben es die Staats- und Regierungschefs 2007 zum 50. Geburtstag der Römischen Verträge formuliert. Diesen Satz dürfen wir nie vergessen, wie groß ökonomische Herausforderungen auch immer sein mögen. Es bleibt gültig und wird gültig bleiben: Wir Europäer sind zu unserem Glück vereint. In diesem Bewusstsein sehen wir uns auch heute vielen Bewährungsproben gegenüber. Warum soll es unserer Generation eigentlich anders ergehen als der Generation vor uns?

Wir müssen uns um mehr Beschäftigung bemühen – gerade für junge Leute. Wir müssen den demografischen Wandel gestalten. Wir müssen den Euroraum stabilisieren und stärken. Schon diese wenigen Stichworte zeigen, vor welch großen Herausforderungen wir stehen. Besonders an der hohen Jugendarbeitslosigkeit in Europa müssen wir arbeiten. Wir wollen, dass junge Leute in Europa eine Chance haben. Deshalb werden wir daran arbeiten – Deutschland und Frankreich gemeinsam mit allen anderen europäischen Mitgliedstaaten. Junge Menschen brauchen Raum zur freien Entfaltung. Davon hängen Wohlstand und Glück einer ganzen Generation ab. Deshalb arbeiten wir an einer nachhaltigen Gesundung Europas. Wir wissen: Deutschland und Frankreich haben dabei eine ganz besondere Verantwortung. Dies leitet uns bei all dem, was wir in der deutsch-französischen Zusammenarbeit bewerkstelligen.

Das Fundament dafür haben vor 50 Jahren Präsident de Gaulle und Bundeskanzler Adenauer gelegt. Sie stehen für die Aussöhnung unserer Völker, unserer beiden Nationen, denen lange eine sogenannte Erbfeindschaft nachgesagt wurde. Welch ein schreckliches Wort: Erbfeindschaft. Die beiden Staatsmänner hingegen leitete die tiefe Überzeugung, dass es keine natürliche Feindschaft zwischen Menschen und Völkern gibt, dass die Einstellung zueinander und die Form des Miteinanders vielmehr politisch und durch die Gesellschaften gestaltet werden kann. Diese Einsicht ist so aktuell und dringlich wie eh und je. Sie gilt für uns in Europa genauso wie für das Miteinander der Völker der ganzen Welt.

Die deutsch-französische Freundschaft ist das beste Beispiel dafür, dass sich jahrzehntelange Konflikte und Ressentiments überwinden lassen. Aber es braucht den politischen Willen dazu. Und wie jede Freundschaft, so will auch die Freundschaft unserer beiden Länder stets gepflegt werden. Gute und vertrauensvolle Beziehungen sind keine Selbstverständlichkeit. Jede Generation muss stets aufs Neue dafür eintreten und die Neugier auf den anderen mit Leben erfüllen. Deshalb möchte ich mich ganz besonders bei denjenigen bedanken, die im Vorfeld dieses Ereignisses und auch im Vorfeld des Jubiläums der Unterzeichnung des Élysée-Vertrags so viel gemeinsam unternommen haben – gerade auch mit jungen Menschen aus Deutschland und Frankreich.

Heute können soziale Netzwerke, die besonders bei jungen Menschen beliebt sind, den Austausch fördern. Doch für gegenseitiges Kennenlernen und Verstehen bleiben die persönliche Begegnung und das Erlernen der jeweils anderen Sprache unverzichtbar. Hier ist das Deutsch-Französische Jugendwerk von ganz besonderer Bedeutung. Bis heute haben über acht Millionen junge Deutsche und Franzosen an den Austauschprogrammen teilgenommen. Dies ist ein nicht mehr wegzudenkendes Instrument der deutsch-französischen Zusammenarbeit. Deshalb müssen wir dafür sorgen, dass das Deutsch-Französische Jugendwerk auch in den nächsten 50 Jahren seine Bedeutung für die junge Generation behält.

Heute leben sowohl in Deutschland als auch in Frankreich viele Menschen, deren Eltern oder Großeltern aus anderen Ländern zu uns gekommen sind. Die gelebte Freundschaft unserer Nationen bezieht gerade auch junge Menschen aus diesen Familien in die deutsch-französische Freundschaft mit ein. Ihnen hilft der Austausch mit dem Nachbarland, die eigene Identität zu schärfen und als Deutsche, Franzosen und Europäer selbstbewusst den eigenen Weg zu gehen – ganz im Sinne der großen Rede von Präsident de Gaulle vor 50 Jahren.

Seine Worte sprühten vor Optimismus und Vertrauen. Er baute auf die Jugend, auf ihren Tatendrang, auf ihre Weltoffenheit und Toleranz – damit sich Frankreich und Deutschland näherkommen und damit Europa zusammenwächst. Lassen wir uns nicht nur heute, sondern auch in Zukunft von dieser Zukunftsfreude anstecken. Wenn ich die jungen Menschen auf diesem Platz hier sehe, dann kann ich nur sagen: Wir haben allen Grund dazu. Liebe Jugendliche, das Europa der Zukunft liegt in euren Händen. Vive la jeunesse franco-allemande, vive la jeunesse européenne.

Sonntag, 23. September 2012

Seitenübersicht

Beiträge