Navigation und Service

Inhalt

Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel anlässlich des Festakts "100 Jahre Fresenius"

Redner:
Angela Merkel
Gehalten:
Montag, 1. Oktober 2012
Ort:
Frankfurt am Main

Sehr geehrter Herr Krick,
sehr geehrter Herr Schneider,
Herr Botschafter,
sehr geehrte Frau Ministerin Kühne-Hörmann,
meine sehr geehrten Damen und Herren,
werte Festversammlung,

von einer Apotheke – man konnte es beim Hereinkommen sehen – zum weltweit agierenden Gesundheitskonzern – das sind 100 Jahre Fresenius in Kurzfassung. Das sind 100 Jahre einer beeindruckenden deutschen Unternehmens- und Unternehmergeschichte.

Deshalb bin ich auch sehr gerne heute hierhergekommen, denn es ist ein wirklich substanzieller Teil erfolgreicher deutscher Unternehmensgeschichte. Es ist eine Geschichte, die zeigt, wie Vorstellungen von denen, die etwas unternehmen wollen, Realität werden. Deshalb gratuliere ich allen rund 160.000 Beschäftigten ganz, ganz herzlich, dass sie Teil dieses Unternehmens sind, und wünsche alles Gute zum Geburtstag.

Es war im Jahr 1912, als Dr. Eduard Fresenius – wir haben es gehört – den Grund-stein für einen Unternehmensaufstieg legte, der seinen Namen letztlich zu einem weltweit bekannten Markenzeichen machen sollte. Hier in Frankfurt erweiterte der findige Apotheker sein Laboratorium und gründete einen kleinen Produktionsbetrieb. Zu seinen Spezialitäten zählten unter anderem Injektionslösungen und Bormelin-Nasensalbe.

Nun sieht man, was daraus werden kann. Denn heute setzt das Unternehmen weltweit Maßstäbe in der Dialyse, der Infusionstherapie und der klinischen Ernährung ebenso wie in der Medizintechnik und im Krankenhausmanagement.

Ein Wirtschaftsmagazin hat Sie für Ihre imposante Wachstumsgeschichte gewürdigt und gesagt: Das ist „die Rakete aus Bad Homburg“. Die Welt-Gruppe hat Sie dieses Jahr mit dem „TOP 500 Award“ ausgezeichnet – für „strategische Weitsicht und herausragende unternehmerische Leistung“.

Ganz offensichtlich stimmt in Ihrem Unternehmen die Chemie. Denn in Ihren Laboren scheinen Sie das Rezept gefunden zu haben, wie sich einerseits grundsolide Werte wie Qualität und Zuverlässigkeit und andererseits der Mut zum Risiko immer wieder zu einer Erfolgslösung verbinden lassen.

Hinter der Erfolgsgeschichte von Fresenius steckt neben dem Gründer und Namensgeber auch eine starke Frau: seine Ziehtochter Else Kröner – ja, bei Frauen darf immer geklatscht werden. Kurz nach dem Krieg übernahm sie die Verantwortung für den Betrieb. Das war sicherlich kein einfaches Unterfangen. Doch sie schaffte es – später dann auch gemeinsam mit ihrem Ehemann –, nicht nur den Bestand zu sichern, sondern es gelang, den mittelständischen Familienbetrieb Schritt für Schritt zu einem Unternehmen von internationalem Renommee auszubauen.

Mehr noch: Else Kröner trug nicht nur für wirtschaftliches Wachstum Sorge, sondern auch für gelebte Verantwortung. Ihr Vermögen sollte der Allgemeinheit dienen. Die daraus gegründete Stiftung widmet sich deshalb auch der Förderung der Wissenschaft. Sie unterstützt medizinisch-humanitäre Hilfsprojekte. Und die Stiftung ist als größter Anteilseigner von Fresenius auch Garant für Werteorientierung in der Unternehmenspolitik. Ich glaube, das ist ein Stück deutscher Unternehmenskultur, wie wir es an vielen Stellen finden. Dafür ein herzliches Dankeschön!

Fresenius steht exemplarisch dafür, welche Chancen die zunehmende Globalisierung bereithält – zum einen betriebswirtschaftlich, aber zum anderen auch in volkswirtschaftlicher Hinsicht. Denn der Weltoffenheit deutscher Unternehmen und ihrer internationalen Wettbewerbsfähigkeit hat unser Land einen großen Teil seines Wohlstands zu verdanken.

Schon früh hat Fresenius die Chancen der Internationalisierung erkannt und auf aufstrebende Volkswirtschaften gesetzt. Zum Beispiel begann schon in den 70er Jahren das Engagement in Brasilien, in den 80er Jahren dann das Engagement in China. Ich bedaure sehr, dass ich nachher den Film über Ihr Engagement in China nicht mehr persönlich sehen kann. Ich habe aber schon die Zusage, dass ich ihn geschickt bekomme.

Auch heute forscht, entwickelt und produziert Fresenius zwar maßgeblich in Deutschland, ist aber mittlerweile in über 100 Ländern vertreten. Von dem Engagement in den Vereinigten Staaten von Amerika haben wir bereits gehört. Ich bin sehr dankbar, dass Sie als Unternehmen so eine wichtige transatlantische Brücke darstellen. Ich glaube, davon können wir gar nicht genug haben.

Für Fresenius war der Zusammenschluss mit dem vergleichsweise größeren Unter-nehmen National Medical Care im Jahr 1996 sicherlich ein Meilenstein im Auslandsengagement. Mit rund 41 Prozent des Umsatzes und etwa 32 Prozent der Beschäftigten ist Nordamerika heute nach Europa die wichtigste Region für den Konzern.

Fresenius genießt überall einen guten Ruf – und das in allen seinen Bereichen. Traditionell steht besonders die stationäre Versorgung im Rampenlicht der öffentlichen Aufmerksamkeit: 72 Helios-Kliniken, 43.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Ich habe in meinem eigenen Wahlkreis neuerdings auch Fresenius: mit den Standorten Stralsund und Ahrenshoop. Das heißt, Sie sind sozusagen unter der ständigen Beobachtung der Wahlkreisabgeordneten Merkel. Das soll Ihnen als Verheißung gelten.

Nun sind Sie ja in einem Bereich tätig, der zunehmend an nahezu allen kontroversen Schnittstellen, die eine Gesellschaft zu bieten hat, tätig ist. Ich weiß nicht, wie das vor 100 Jahren war, aber heute ist es schön, dass Politiker überhaupt noch eingeladen werden, wenn es um das Gesundheitssystem geht. Insofern weiß ich das zu schätzen.

Bei dem Gedanken, dass Sie einhundert oder mehr Gesundheitssysteme auf der Welt kennen müssen und überall wieder den Zugang finden müssen, wie Sie sich dort engagieren können, spreche ich Ihnen meine große Hochachtung aus. Ich habe mich in meinem politischen Leben viel mit Gesundheitsreformen beschäftigt und weiß deshalb, wie schwierig es ist – Herr Dr. Schneider hat das auch dargestellt: Sie haben auf der einen Seite den Bereich, der so viel mit Sicherheit für Menschen, mit Solidarität in der Gesellschaft zu tun hat, und auf der anderen Seite den Druck, dass begrenzte finanzielle Mitteln natürlich auch Wirtschaftlichkeit erfordern.

Es geht darum, beides immer wieder zusammenzubringen – unter der großen Überschrift des Vertrauens, die ein Unternehmen wie Sie darstellen muss. Wir wissen, wie schnell solches Vertrauen verloren gehen kann. Umso mehr darf ich Sie beglückwünschen, dass Sie in 100 Jahren dieses Vertrauen weiter ausgebaut und nicht abgebaut haben. Das ist nicht so einfach.

Sie sind in einer Branche tätig, die auf der einen Seite angesichts der demografischen Entwicklung in den hochindustrialisierten Ländern, zum Teil auch in den Schwellenländern, aber auf der anderen Seite auch angesichts der wachsenden Bevölkerung der Welt von ganz besonderer Bedeutung ist. Es gibt einerseits den immerwährenden medizinisch-technischen Fortschritt, andererseits die Erwartung jedes Bürgers, die medizinische Betreuung zu bekommen, die notwendig ist. Das ist für die Politik eine Riesenaufgabe, die wir überhaupt nicht meistern könnten, wenn wir nicht Unternehmen hätten, die sich dieser Aufgabe auch verschrieben haben. Insoweit versuchen wir, Ihre Rahmenbedingungen erträglich zu gestalten.

Ich will jetzt hier nicht lange über anteilige Orientierungswerte sprechen, die ab 2013 zur Verfügung stehen werden. Ich will auch nicht daran erinnern, dass wir die Tariflohnrefinanzierung so ausgestaltet haben, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Kliniken hoffentlich auch weiter gut motiviert sind. Aber dies alles betrifft Ihre Aufgaben, die Sie täglich zu lösen haben. Das alles sind Bereiche, in denen Sie täglich Entscheidungen treffen müssen oder darauf drängen müssen, dass sie getroffen werden.

Sie arbeiten wie alle Unternehmen im Augenblick in einem nicht einfachen konjunkturellen Umfeld. Die Schuldenkrise im Euroraum prägt unsere tägliche Nachrichtenlage, aber sie prägt vor allen Dingen auch die Realität in vielen europäischen Ländern. Deutschland ist im Augenblick ein Stabilitätsanker, aber Deutschland ist mit 60 Prozent Exporten in die europäischen Nachbarstaaten und mit 40 Prozent seiner Exporte in die Eurozone natürlich auch nicht davon abgekoppelt.

Umso mehr möchte ich mich bedanken, dass Sie weiter tatkräftig Innovation voran-treiben, denn es geht im Kern – Herr Botschafter Murphy hat das auch schon gesagt – um die Frage, welche Rolle Europa und auch die Vereinigten Staaten in Zukunft in einer sich rasant entwickelnden Welt spielen werden.

Die Mitgliedsländer der Europäischen Union stellen noch etwa sieben bis acht Prozent der Weltbevölkerung. Wir produzieren heute noch etwa 25 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der Erde. Und wir haben ungefähr 50 Prozent der Sozialaus-gaben der Welt. Wenn wir dies in Europa erhalten wollen, dann ist es eine absolute Notwendigkeit, dass wir in Innovation investieren, dass wir kreativ bleiben, dass wir uns mit dem Jetzt und Heute nie zufriedengeben, sondern dass wir die Dinge vorantreiben.

Deshalb haben wir als Bundesregierung – die Ministerin hat es gesagt – in dieser Legislaturperiode pro Jahr rund vier Milliarden Euro zusätzlich im Bereich von Forschung, Entwicklung und Bildung vorgesehen – aus der tiefen Überzeugung heraus, dass wir nur dann unseren Wohlstand halten können, wenn wir bereit sind, in Neues zu investieren.

Deshalb sind wir Partner. Die Politik setzt die Rahmenbedingungen. Aber ohne Unternehmen, die daraus auch etwas machen, die damit etwas unternehmen, können wir natürlich überhaupt nicht vorankommen. Eine der großen Aufgaben ist es, Geld, das für Forschung und Entwicklung zur Verfügung gestellt wird, so einzusetzen, dass daraus dann auch wirtschaftliches Wachstum entsteht.

Ich glaube, dass unsere Hightech-Strategie im Forschungsbereich und das dazugehörige Rahmenprogramm Gesundheitsforschung der richtige Ansatz sind. Ich freue mich, dass Hessen ein Land ist, das von diesen Möglichkeiten immer aktiv Gebrauch macht und deshalb auch Standort vieler Forschungsaktivitäten ist.

Innovation im Bereich der Gesundheit bedeutet auch, die Chancen der Informationstechnologien zu nutzen. Die Kombination der klassischen Medizintechnik mit der Informations- und Kommunikationstechnologie wird eine der Antworten auf eine älter werdende Gesellschaft sein – auf eine Gesellschaft, in der die medizinische Versorgung auf Höchststand gerade in den ländlichen Räumen auch mit neuen Methoden sichergestellt werden muss. Deshalb werden wir bei unserem IT-Gipfel, den wir jährlich abhalten, auch diesem Thema einen ganz besonderen Schwerpunkt widmen.

Alles geht nur, wenn wir gut qualifizierte Fachkräfte haben. Wir haben in Deutschland viel zu tun, um Menschen davon zu überzeugen, naturwissenschaftliche, ingenieurwissenschaftliche oder technische Berufe zu erlernen. Das Thema Fachkräftemangel wird uns angesichts der demografischen Entwicklung in Deutschland in den nächsten Jahren sehr beschäftigen. Umso wichtiger ist es, dass wir Unternehmen haben, die mit uns an einem Strang ziehen und die Begeisterung für diese Berufe natürlich genauso wie für die medizinischen und helfenden Berufe wecken.

Meine Damen und Herren, Fresenius hat angesichts dessen, was man im Bereich der Gesundheit alles machen kann, eine glänzende Perspektive vor sich, denn die Erwartungen der Menschen an ihre eigene Gesundheit werden bleiben – mit Recht bleiben. Die technischen, medizinischen Möglichkeiten werden wachsen. Wir alle werden tendenziell älter. Das heißt, auch hier kommen in den nächsten Jahren viele Aufgaben auf Sie zu.

Denn es gibt ja nicht nur die technischen Fragen, die zu bewältigen sind. Es gibt auch die vielen ethischen Fragen, die mit dem Anfang des Lebens und mit dem Ende des Lebens verbunden sind. Was ich Ihnen anbieten kann, ist eine Partnerschaft zwischen Wirtschaft und Politik in all diesen Fragen, wo es notwendig ist, und da, wo es für uns beide hilfreich ist.

Deshalb wünsche ich als erstes einmal Fresenius als Unternehmen selbst eine gute Gesundheit. Ich wünsche den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine gute Gesundheit, damit sie tatkräftig für dieses wunderbare Unternehmen arbeiten können. Und ich erbitte mir, dass Sie alles für die Gesundheit in den Ländern tun, in denen Sie tätig sind.

Alles Gute, noch einmal Glückwunsch zum 100., einen schönen Abend und vor allen Dingen: Auf die nächsten 100 Jahre! Volle Kraft voraus! Herzlichen Dank!

Montag, 1. Oktober 2012

Seitenübersicht

Beiträge