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Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel anlässlich des Festempfangs zum 70. Geburtstag von Ministerpräsident a.D. Edmund Stoiber

Redner:
Angela Merkel
Gehalten:
Mittwoch, 28. September 2011
Ort:
München

in München  

Lieber Edmund Stoiber,

liebe Karin,

sehr geehrter Herr Rodenstock,

lieber Horst Seehofer,

lieber José Manuel Barroso,

lieber Viktor Orbán,

liebe Barbara Stamm, stellvertretend für alle Landtagsabgeordneten,

liebe Kollegen aus dem Kabinett und aus dem Deutschen Bundestag,

lieber Uli Hoeneß,

werte Festgäste,

ich möchte zu sieben Jahrzehnten erfüllten Lebens sieben kurze Bemerkungen machen.

Erstens. Dass ich hier als Ostdeutsche stehe, hat viel mit einer Überzeugung von Edmund Stoiber zu tun, die er gemeinsam mit vielen anderen, aber insbesondere mit seinem Lehrmeister Franz Josef Strauß geteilt hat: Er hat immer an die Deutsche Einheit geglaubt. In Bayern wurde immer an die Deutsche Einheit geglaubt. Das hat uns geholfen, dass wir heute zusammen sind. Danke dafür.

Zweitens. Du hast mit dem Slogan von „Laptop und Lederhose“ in einzigartiger Weise Tradition und Moderne zusammengebracht, zwischen beidem eine Brücke gebaut. Damit ist Bayern so erfolgreich geworden. Du hast etwas für deine Heimat, für den Freistaat getan. Und du hast mit dieser Kombination auch unendlich viele Fans in der Christlich Demokratischen Union gewonnen – auch das darf ich an diesem Abend sagen.

Drittens. Du hast die Marke CSU weit über die Grenze Bayerns und Deutschlands hinaus getragen. Du hast dich nie davor gescheut, zu sagen: Wir sind etwas Besonderes. Das hat sich eingeprägt. – Nicht umsonst ist José Manuel Barroso gleich nach Bayreuth geeilt. – Du hast das in Europa getan, du hast das in den Partnerregionen von Bayern getan, von Kalifornien bis Südafrika. Das hat Bayern – ich muss es angesichts von Erwin Teufel und anderen Ministerpräsidenten wie Bernhard Vogel ganz vorsichtig sagen – mindestens so bekannt wie andere Bundesländer gemacht. Wenn man weiß, dass ich aus dem Norden komme, dann ist ein solches norddeutsches Understatement schon ein ziemlich großes Lob.

Viertens. Lieber Edmund, du bist Konflikten nie aus dem Weg gegangen. Wenn dir etwas auf der Seele lag, dann hast du es auch irgendwann ausgedrückt. Du hast selbst gesagt: Wer in der Politik versucht, „everbody’s darling“ zu sein, der ist zum Schluss jedermanns Depp. Du hast dich auch nicht gescheut, als Guido Westerwelle und ich noch jünger waren, einmal auszusprechen, dass wir eher Leichtmatrosen denn Schwergewichte seien. Heute sitzen wir als Freunde vor dir. Das kann daraus werden. Danke für deine Worte.

Fünftens. Von dir kann man viel lernen: Neugierde, Hartnäckigkeit, Beharrlichkeit, Gründlichkeit und – was mich immer wieder beeindruckt; und das hat sich in den Jahren, die ich dich kenne, nicht geändert – Begeisterung für so viele Dinge. Vom Fußball ist die Rede gewesen, von der Familie inklusive Zirkusbesuch – ich glaube, das macht dir auch noch immer Spaß –, von der Forschung bis hin zu all den Fragen, die mit „Akten“ am besten beschrieben sind. Da warst du einer der begeistertsten Leser. Da ich aus tiefer Überzeugung auch gerne Akten lese, kann ich das total nachvollziehen.

Dass aus dir bei dieser Aktenliebe dann noch ein Bürokratieabbauer geworden ist, krönt die Entwicklung. Wenn man dann noch weiß, dass du uns alle ein bisschen mit deinem „3,000“ traktiert hast, als es um die Einführung des Euro ging, dann würde ich sagen, dass aus dir ein glühender Europäer geworden ist. Dankeschön. Du hast damals recht gehabt, aber heute auch.

Sechstens. Du hast immer einen Spürsinn für neue Entwicklungen gehabt. Manchmal bist du ganz unruhig geworden, wenn du gemerkt hast: Die Welt ändert sich, die Stimmungen der Menschen ändern sich. Dass dir die bayerische Wirtschaft heute diesen Geburtstagsempfang ausrichtet, heißt: Du hast immer gewusst, dass man das Geld, das man ausgibt, vorher erst einmal verdienen muss; und deshalb hast du die Wirtschaft gefördert. Aber du hast sie manchmal vielleicht auch etwas irritiert, weil du genauso darauf bestanden hast – das hat auch mit deiner Herkunft zu tun –, dass die Menschen, die hart arbeiten müssen und Sorgen haben, auch der Fürsorge bedürfen. Das war und ist gelebte Soziale Marktwirtschaft im wahrsten Sinne des Wortes; das hat Bayern so erfolgreich gemacht.

Siebtens. Lieber Edmund, unsere Wege haben sich oft gekreuzt, ziemlich häufig bei Mahlzeiten. Ich glaube, wir haben dem deutschen Frühstück mit unserem Frühstück in Wolfratshausen wieder zu mehr Achtung und Anerkennung verholfen; nicht dass das irgendwie in Vergessenheit gerät. Es war übrigens super, liebe Karin.

Wir haben auch einmal zu Mittag gegessen – ich weiß gar nicht, ob du dich so daran erinnerst wie ich –, wir beide ganz allein in gut eingerichteten Räumen in der Parlamentarischen Gesellschaft. Wir waren beide so aufgeregt, dass wir zeitweise aufstanden und um den Tisch herum gingen. Worüber haben wir uns unterhalten? Über die Gesundheitsprämie. Ich war mir natürlich total sicher, dass alle Argumente zu 100 Prozent auf meiner Seite sind, aber Edmund Stoiber war es sich eben auch. Irgendwann habe ich gesagt: Edmund, das musst du doch verstehen, das ist doch so und so und ganz rational verständlich. Er ist stehen geblieben, hat mich angeschaut und gesagt: Du bist Physikerin, aber du machst doch jetzt Politik; die Menschen in Deutschland vertrauen seit über 60 Jahren auf ein gutes Gesundheitssystem. Beides geht so einfach nicht zusammen. Lieber Edmund, obwohl ich bis heute von meinen Argumenten überzeugt bin, habe ich damals etwas verstanden. Und deshalb waren die Gespräche mit dir immer gut und immer weiterführend. Auch dafür ein herzliches Dankeschön.

Lieber Edmund, ich glaube, man darf sagen: Du hast ein erfülltes Leben und wirst es hoffentlich auch weiterhin haben. Ich wünsche dir Gesundheit und viel Schaffenskraft. Bleib unbequem, geh uns auf die Nerven – dann bist du am besten; und für alle kommt etwas dabei heraus.

Herzlichen Dank.

Mittwoch, 28. September 2011

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