Navigation und Service

Inhalt

Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel anlässlich des Kongresses „Aussöhnung als Aufgabe ‑ Deutschlands Arbeit an den Kriegsfolgen seit 1945“

Redner:
Angela Merkel
Gehalten:
Montag, 15. Oktober 2012
Ort:
Berlin

in Berlin

Sehr geehrte Vertreter der Verbände und Landsmannschaften,
Exzellenzen,
werte Podiumsgäste,
werte Teilnehmer,

eines der schönsten Symbole für Aussöhnung und Versöhnung – vor allem darum geht es ja heute bei Ihrem Kongress – steht in der sächsischen Heimat von Klaus Brähmig. Es ist die Dresdner Frauenkirche. Ihr Wiederaufbau ist mit vielen bewegenden Geschichten verbunden, so wie mit der von Alan Smith. Der britische Goldschmied schuf in monatelanger Arbeit das große Kuppelkreuz. Diese Aufgabe zu übernehmen, war ihm ein ganz persönliches Anliegen. Sein Vater erzählte ihm vom verheerenden Angriff auf Dresden, bei dem er als Pilot im Einsatz war. Dieser Einsatz ließ ihn zeit seines Lebens nicht mehr los. Alan Smith sagte über seinen Vater: „Er wollte, dass Dresden nicht in Vergessenheit gerät.“ Der Sohn hat dann mit seinem persönlichen Beitrag zum Wiederaufbau der Frauenkirche das Vermächtnis des Vaters erfüllt. Er hätte den Auftrag für das Kuppelkreuz auch anderen überlassen können. Er war zu keiner Geste gegenüber Deutschland verpflichtet. Ohnehin hatte unser Land einst dafür gesorgt, dass sein Vater überhaupt in den Krieg ziehen musste. Und trotzdem ließ er es sich nicht nehmen, eine alte Wunde zu schließen und ein Zeichen der Freundschaft zu setzen.

Diese bewegende Geschichte steht beispielhaft dafür, dass Gräben, wo auch immer und wie breit auch immer sie sein mögen, überwunden werden können. Es ist eine Geschichte der Hoffnung auf Aussöhnung, auf ein friedliches Miteinander der Völker. Wie Menschen verschiedener Länder zueinander stehen, welche Bilder sie voneinander haben und was sie füreinander empfinden, das kann man nicht einfach bestimmen, das kann man nicht verordnen, das kann man nicht in Gesetzestexte schreiben. Ob Nationen das Leid, das sie einander zugefügt haben, hinter sich lassen und einander die Hand reichen können, ob Vergebung möglich ist, das hängt von vielen persönlichen Überzeugungen und Entscheidungen ab. Von den Leidtragenden verlangt es gewiss viel Kraft und Überwindung. Das ist für Nachgeborene, die das alles nicht selber erlebt haben, fast gar nicht zu ermessen. Deshalb sollten sie auch bei manchem, das sie beurteilen möchten, sehr vorsichtig sein. Denn wer in Frieden und Freiheit aufgewachsen ist, dem scheint das Glück von Frieden und Freiheit allzu selbstverständlich zu sein. Umso wichtiger ist es, dass wir von Generation zu Generation immer wieder aufs Neue das Verständnis für das überaus fordernde, aber unermesslich wertvolle Werk der Versöhnung zu schärfen versuchen. Und genau so verstehe ich den Titel Ihres Kongresses: „Aussöhnung als Aufgabe: Deutschlands Arbeit an den Kriegsfolgen seit 1945.“

1945 lag Europa in Trümmern. Deutschland hatte im Wahn einer nationalsozialistischen Ideologie ein Inferno ausgelöst. Es brachte mit Krieg, Zerstörung und dem Zivilisationsbruch der Schoah unsägliches Leid über die Völker Europas. Und zum Ende des Krieges schlug das Leid auf die Deutschen zurück. Viele Städte versanken im Bombenhagel in Schutt und Asche. Nach dem Krieg waren diese äußerlichen Schäden noch lange sichtbar. Es gab aber auch Wunden, die weniger offensichtlich, in der Öffentlichkeit weniger präsent waren. Doch für die Betroffenen waren sie nicht weniger gravierend, nicht weniger einschneidend.

Besonders hart war das Schicksal derjenigen, die ihre Heimat im Osten und Südosten Europas für immer verloren haben. Die einen flohen gegen Ende des Krieges vor den herannahenden Truppen der Sowjetarmee, die anderen wurden in den Folgemonaten aus ihren Städten und Dörfern vertrieben. Die Geschichten dieser Menschen wollte zunächst kaum jemand hören. Auch das muss man sich vorstellen: Sie hatten das Schrecklichste erlebt, die Heimat verloren; und keiner wollte ihnen zuhören. Nach dem Krieg waren ja viele Aufgaben gleichzeitig zu bewältigen – der Aufbau der zerstörten Städte, die Versorgung mit Lebensmitteln und Medikamenten, die Ankurbelung der Wirtschaft, die Eingliederung der Kriegsheimkehrer; und dann waren da noch die Heimatvertriebenen. Das allgemeine Bemühen, das Land rasch wieder neu aufzubauen und schreckliche Zeiten hinter sich zu lassen, verwies die Erfahrung von Flucht und Vertreibung erst einmal in eine Nebenrolle. Den betroffenen Menschen aber hatten sich Flucht und Vertreibung tief ins Gedächtnis eingebrannt. Der Verlust naher Angehöriger, der Verlust von Haus und Hof, der Verlust der Heimat, die Erfahrung von Gewalt, Folter und Vergewaltigung prägten zumeist ihr ganzes Leben.

Nach 1945 stellten die Väter und Mütter des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland Demokratie und Menschenrechte in den Mittelpunkt des neuen Staatswesens. Sie nahmen eine neue Friedensordnung in Europa, ja, ein vereintes Europa in den Blick. Krieg und Blutvergießen sollten künftig ausgeschlossen sein. Mir ist das in diesen Tagen noch einmal besonders bewusst geworden, als mich auf einer Regionalkonferenz jemand fragte: Wohin gehen wir denn jetzt eigentlich in Europa, was ist das Ziel? – Dazu habe ich gesagt: Die Väter und Mütter des Grundgesetzes haben das in einen Satz gepackt: „Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen, von dem Willen beseelt, als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen (…).“ Das war der Auftrag, an dem wir heute noch arbeiten. Unter jenen, die zu Hause, in dem Deutschland, in das die Heimatvertriebenen Zuflucht nahmen, alle Kriegsfolgen zu beseitigen hatten und gleichzeitig die Aufgabe der Integration der Heimatvertriebenen hatten, gab es Menschen, die ein Grundgesetz geschaffen haben mit einer klaren Vision, wohin sich die Dinge bewegen sollten. Natürlich erwuchs aus den millionenfachen Gräueltaten bis 1945 für Deutschland eine immerwährende Verantwortung. Wir stehen heute zu dieser Verantwortung; und wir wissen, dass wir nur so eine gute Zukunft gestalten können.

Der Neuanfang für Flüchtlinge und Vertriebe – ich sagte es schon – war in der Regel schwierig. Die Menschen zeigten durchaus Hilfsbereitschaft und Mitmenschlichkeit, aber angesichts des allgegenwärtigen Mangels sahen viele in den Flüchtlingen und Vertriebenen auch eine zusätzliche Last. Wenn man sich überlegt, dass es nicht um Hunderttausende, sondern um Millionen Menschen ging, dann kann man auch erahnen, was das für eine Integrationsaufgabe war. Dass sie trotzdem gelang, gehört zu den großen Leistungen und Errungenschaften der deutschen Nachkriegsgeschichte. Wenn wir heute unsere Aufgaben sehen, dann sind sie sicherlich groß, aber wir dürfen nicht vergessen, dass vor uns auch schon manches zu leisten war.

Es kam noch hinzu, dass sich die Haltung der jungen Bundesrepublik fundamental von derjenigen in der ehemaligen DDR unterschied. Im Osten Deutschlands war das Thema Flucht und Vertreibung im Grunde tabu. Es verbot sich, darüber öffentlich zu sprechen. Vertriebene wurden beschönigend zuerst Umsiedler und dann ehemalige Umsiedler genannt. Wer heute einen Wahlkreis in den neuen Bundesländern hat, in dem ein großer Teil der Bevölkerung aus diesen vermeintlichen Umsiedlern, also aus Vertriebenen, stammt – wie zum Beispiel bei mir in Vorpommern –, der weiß, was da alles unterdrückt wurde, aber was dann in den letzten 22 Jahren auch an Aufarbeitung geleistet wurde. Es gab zwar auch in der DDR materielle Hilfen durch Zuweisung von Wohnraum oder zum Teil auch von Land – sogenannte Bodenreformgrundstücke. Vor allem aber integrierten sich die Vertriebenen selbst, indem sie auch die allgemeinen agrarpolitischen Programme nutzten oder sich als Arbeiter in den Betrieben eine neue Existenz schufen.

In der Bundesrepublik hingegen bekam das Thema einen völlig anderen Stellenwert als in der DDR. Das Grundgesetz enthielt von Anfang an eine klare Aussage zur Volkszugehörigkeit. Ein 1949 eigens geschaffenes Bundesministerium befasste sich in den ersten 20 Jahren der Bundesrepublik mit den Anliegen der Vertriebenen, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigten – eine Arbeit, die heute dankenswerterweise im Bundesinnenministerium, politisch auch in der Fraktion und natürlich im Verband geleistet wird. Das weiß Erika Steinbach. Hier bei uns in der politischen Arbeit hat die Vertriebenenarbeit nach wie vor ein Zuhause, um das ganz klar zu sagen. Es wurden mehrere gesetzliche Regelungen zum sogenannten Lastenausgleich erlassen. Sie dienten der Eingliederung und Entschädigung. Der Bogen spannte sich vom Soforthilfegesetz 1949 bis zur Verabschiedung des Vertriebenenzuwendungsgesetzes im wiedervereinten Deutschland. Das Bundesvertriebenengesetz von 1953 enthielt langfristige Regelungen für Vertriebene, Aussiedler und später auch Spätaussiedler.

Meine Damen und Herren, wir haben auch jene im Blick, die trotz ihrer deutschen Wurzeln in den Staaten Ost- und Südosteuropas geblieben sind. Viele von ihnen mussten nach dem Krieg Nachteile und Strafmaßnahmen hinnehmen. Heute sind sie oft wichtige Ansprechpartner und Brückenbauer zwischen unseren Nationen, auch unter nach wie vor recht schwierigen Verhältnissen. Deshalb haben sie unsere Unterstützung verdient.

Bisher sind insgesamt fast 4,5 Millionen Menschen als Aussiedler oder Spätaussiedler zu uns nach Deutschland gekommen. Seit Anfang der 90er Jahre sind die Zahlen deutlich zurückgegangen. Ein Grund dafür ist sicher, dass sich die Lebensverhältnisse in den jeweiligen Ländern seit dem Ende des Kalten Krieges spürbar verbessert haben. Aber es gab immer wieder tragische Fälle von Familientrennungen. Deshalb haben wir im vergangenen Jahr eine neue Härtefallregel verabschiedet. Sie ermöglicht, Ehepartner und Abkömmlinge in den Aufnahmebescheid von Spätaussiedlern nachträglich einzubeziehen. Das ist eine sehr pragmatische und praxisbezogene Regelung. Es war dieser Bundesregierung ein wichtiges Anliegen.

Gleichzeitig richten wir den Blick verstärkt auf die Integration von Spätaussiedlern. Denn wer freiwillig seine alte Heimat verlässt, braucht viel Kraft und Zeit, um an einem neuen Ort heimisch zu werden – sowohl diejenigen, die im Erwerbsleben einigermaßen Fuß fassen wollen, als auch die Kinder, die zu uns nach Deutschland kommen. Vor allem diejenigen, die unsere Sprache noch nicht gut beherrschen, brauchen wirklich unsere Unterstützung. An dieser Stelle möchte ich ein ganz herzliches Dankeschön dafür sagen, dass der Bund der Vertriebenen, die Landesverbände und die Landsmannschaften immer hilfreich zur Seite stehen. Obwohl man eigentlich in der eigenen Landsmannschaft schon genug Arbeit hat, ist doch vieles hierbei geleistet worden. Ganz herzlichen Dank.

Besonders großen Respekt habe ich vor dem Beitrag zur Versöhnung der Völker Europas, denn er ist ein wichtiger Baustein im Werk der europäischen Verständigung und dauerhaften europäischen Einigung. Wir fördern als Bundesregierung seit langem entsprechende Initiativen von Einrichtungen der Vertriebenen oder von Trägern, die mit ihnen verbunden sind. Wir handeln dabei im Einklang mit dem erklärten Willen des Deutschen Bundestags. Ich möchte beispielsweise nur an den entsprechenden Beschluss der Abgeordneten auf Antrag der Koalitionsfraktionen von 2010 erinnern.

Viele Flüchtlinge und Vertriebene haben schon früh Kontakte in die Heimat geknüpft. Das war alles andere als selbstverständlich – vor vielen Jahren auch viel, viel schwieriger als heute – und verdient alle Hochachtung. Denn im Hintergrund steht ja immer die Geschichte von Gewalt und dem Zwang, Hab und Gut aufgeben zu müssen, der vertrauten Umgebung den Rücken kehren zu müssen, sich von Angehörigen, Freunden, Nachbarn trennen zu müssen, mit geringer Aussicht, sich überhaupt noch einmal wiederzusehen. Das ist ein Verlust, den man nicht in Mark oder Euro und nicht in Pfennig oder Cent kompensieren kann. Keine materielle Leistung kann Heimat ersetzen. Was bleibt, ist die Erinnerung. Für diese Erinnerung muss es einfach Raum geben – nicht nur zu Hause in der eigenen Familie, sondern auch in der Gesellschaft.

Ich glaube, dass in den vergangenen Jahren ein wichtiger Bewusstseinswandel eingetreten ist. Wir haben heute eigentlich kaum mehr unsachliche Grabenkämpfe, sondern wir haben gelernt, genauer zuzuhören. Dadurch erschloss sich mehr und mehr die Dimension, die die Geschichten von Einzelschicksalen und die Geschichte von Flucht und Vertreibung für unser Land haben. Wir spüren, dass das Interesse daran gewachsen ist. Ich glaube, Erika Steinbach hat als Präsidentin mit vielen anderen einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet. Die Medien haben zum Teil mit sehr interessanten Beiträgen über Einzelschicksale reagiert. Diese Beiträge haben ein Millionenpublikum gefunden, das sich dafür interessiert hat. Es ist also nicht so, dass das Thema die Menschen nicht interessiert. Man muss es nur einfach auch zu den Menschen bringen. Ich finde, da ist vieles gelungen.

Auch die Wissenschaft hat sich des Themas intensiver als früher angenommen. Da gibt es eine Vielzahl von gelungenen Ausstellungen. Mit Erika Steinbach habe ich vor einem halben Jahr die Trilogie „HeimatWEH“ in Berlin eröffnen können. Sie führt die bisherigen Einzelausstellungen „Die Gerufenen“, „Erzwungene Wege“ und „Angekommen“ zusammen. Ich habe sie sehr gerne gemeinsam mit Erika Steinbach eröffnet. Die Ausstellungen unterstreichen – egal, ob man Flucht und Vertreibung erlebt hat oder nicht –: Flucht und Vertreibung sind ein Teil unserer gemeinsamen Geschichte. Wer diesen Teil verdrängt, wer ihn leugnet, wer davon nichts wissen will, verleugnet ein Stück der eigenen Identität. Ich glaube, dass das inzwischen weitgehend anerkannt ist und dass wir den Tatsachen ins Auge sehen. Dass wir im Zusammenhang mit Vertreibung Unrecht auch Unrecht nennen, das ist etwas, gegen das sich heute kein manifester Widerstand mehr regt. Das ist das Ergebnis der Arbeit derer, die auch in Zeiten, als das nicht so einfach war, unermüdlich den Weg geebnet haben. Ein bisschen ist es so wie bei der Deutschen Einheit: Es gibt Durststrecken; und dann stellt sich immer die Frage: Glaube ich an das, was ich vertrete, auch wenn ich noch nicht die Mehrheit habe, oder glaube ich nicht daran?

Diesen Weg zu gehen, hat sich gelohnt. Wir wollen nun in Berlin ein sichtbares Zeichen gegen das Unrecht von Vertreibungen setzen. Diese Idee hat ihre Zeit gebraucht; jeder, der daran beteiligt ist, weiß das. Aber jetzt ist ihre Umsetzung zum Greifen nah. Ich hoffe, dass wir noch in dieser Legislaturperiode einen symbolischen Akt vornehmen können. Inzwischen liegen die ersten Pläne der Architekten zum Um- und Ausbau des Deutschlandhauses vor, ebenso die Konzeption für die zukünftige Arbeit sowie die Leitlinien für die geplante Dauerausstellung. Die Stiftungsgremien arbeiten eng zusammen. Das ist ja auch schon mal etwas und war nicht immer so. Deshalb danke ich allen, die in der und für die Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung mitwirken. Sie haben eine schwierige Aufgabe übernommen. Immer wieder ist zwischen sehr unterschiedlichen Sichtweisen zu vermitteln, um gemeinsame Lösungen zu erreichen. Das verlangt nicht nur Sachkenntnis, sondern auch viel Einfühlungsvermögen und Fingerspitzengefühl.

In welchem Geist wir die Aufarbeitung unserer gemeinsamen Geschichte vornehmen, spiegelt sich, wie ich finde, besonders gut im folgenden Satz der Stiftungskonzeption wider: „Unrecht hat in der Geschichte oft zu neuem Unrecht geführt, doch schafft früheres Unrecht – auch wenn es noch so groß war – keine rechtliche oder moralische Legitimation für neues Unrecht.“ Wenn man emotional betroffen ist, ist das schwieriger zu akzeptieren, als man auf den ersten Blick denkt. Deshalb ist dies ein sehr weiser Satz; ein Satz, der von Zukunftsfähigkeit zeugt. Enge nationale Sichtweisen treten diesseits und jenseits der Grenzen mit einem solchen Satz in den Hintergrund. Stattdessen rückt das erlittene Leid der Menschen in den Vordergrund. Nicht das, was uns trennt, sondern das Gemeinsame, das Verbindende wird betont. Das ist eine außerordentlich wichtige Botschaft für die Vertriebenen und ihre Nachfahren. Es ist im Grunde auch für alle Europäer eine wichtige Botschaft, denn die Wege in Europa haben sich ja auf unterschiedlichsten Bahnen immer wieder gekreuzt, auf denen auch unendlich viel Unrecht geschehen ist.

Über lange Zeit hinweg nahm die deutsche Kultur mit ihren regionalen Eigenheiten einen selbstverständlichen Platz im Osten Europas ein. Die Ansiedlung deutscher Bauern und Handwerker begann schon im Mittelalter und setzte sich dann über Jahrhunderte fort. Wenn wir daran denken, dass Katharina die Große vor knapp 250 Jahren mit ihrem Einladungsmanifest viele deutsche Landsleute nach Russland holte, dann wissen wir, dass wir heute noch mit den Folgen zu tun haben, was uns aber gar nicht mehr so bewusst ist. Wir sprechen zwar heute auch wieder über Fachkräftemangel – darum ging es ja damals im Kern –, aber dann mit umgekehrtem Vorzeichen. Allerdings haben wir in den Hugenotten ja auch ziemlich viele Fachkräfte gefunden, gerade hier in der Berliner Region, die hier geholfen haben, aus dem Sacktuch herauszukommen und Seide als Kleidung, als Stoff kennenzulernen.

Aber zurück zum Osten Europas: Noch heute finden sich im östlichen Europa viele Spuren der Deutschen. Sie haben dort ein vielfältiges Erbe hinterlassen. Und dieses Vermächtnis zu bewahren und zu erforschen, das hat sich die Bundesregierung zur Aufgabe gemacht. Da ist es gut, dass es seit 1990 leichter ist, sich über die Grenzen hinweg auszutauschen und anzunähern. Viele Institutionen und viele Menschen nutzen diese Chance. Ich bin ganz fest davon überzeugt, dass sich das lohnt. Es lohnt sich, sich für eine europäische Erinnerungskultur einzusetzen. Die kulturelle und wissenschaftliche Zusammenarbeit verbindet uns quer über den Kontinent. Dadurch wächst das Bewusstsein für gemeinsame Wurzeln ebenso wie für gemeinsame Werte und Ziele. Der polnische Staatspräsident Bronisław Komorowski rief letztes Jahr in seiner Berliner Rede in Erinnerung: „Europa ist nicht nur ein geografischer, sondern vor allem ein kultureller Begriff.“

Inzwischen sehen einige Städte, gerade in Polen und Tschechien, auch in ihrer deutschen Geschichte wieder eine Bereicherung ihrer Identität. Mit Erinnerungstafeln, Festivals und vielem anderen pflegen Breslau und Danzig das reiche kulturelle Erbe. Gleiches gilt etwa auch für das Collegium Bohemicum in Tschechien. Vielerorts finden sich Andenken an deutsche Dichter, Wissenschaftler und andere herausragende Persönlichkeiten. Gedenksteine, Gedenkgottesdienste oder die Pflege deutscher Friedhöfe erinnern an eine gemeinsame Vergangenheit. Auch viele Kulturschaffende, der Deutsch-Tschechische Zukunftsfonds, das Deutsch-Polnische Jugendwerk – sie alle stellen sich in den Dienst der Verständigung und des gegenseitigen Kennenlernens. Ich freue mich, dass es so viele Gesten in unseren Nachbarländern gibt. Ein friedliches und gedeihliches Miteinander setzt immer Partner voraus, die sich aufeinander einlassen.

Auch wenn die beiderseitige Versöhnungsarbeit viele gute Früchte trägt und unsere Beziehungen zu unseren mitteleuropäischen Nachbarn nie besser waren als heute und wir in der Europäischen Union und in der Nato eng zusammenarbeiten, so will ich doch nicht darüber hinwegsehen, dass es natürlich auch noch viel harte Arbeit zu tun gibt. Es ist nicht so, dass überall nur die guten Beispiele im Mittelpunkt stehen, sondern es gibt an einigen Stellen immer noch eine sehr dünne emotionale Basis. Man kann sich leicht Verletzungen zufügen. Es gibt schnell mal ein Missverständnis. Ich finde, darüber sollten wir nicht hinwegsehen; das gehört auch dazu. Aber es gibt eben auch viele Beispiele dafür, dass man mit Geduld immer wieder aufeinander zugeht und Brücken baut; und diese sollte uns ermutigen. Meine Damen und Herren, ich weiß, dass es auch Themen gibt, zu denen wir noch keine Lösungen haben. Das will ich hier nicht verschweigen; ich will sagen, dass ich heute zu diesem Kongress auch keine mitbringen konnte. Aber Sie sollen auch nicht denken, dass ich unter Vergesslichkeit leide; ich lese die Briefe, die ich bekomme, und kenne die Diskussionen.

Dennoch möchte ich sagen, dass die eingangs erwähnte Dresdner Frauenkirche ein Stein gewordener Auftrag ist, sich stets für Verständigung unter den Völkern einzusetzen. Die Frauenkirche ist ja in vielerlei Hinsicht ein Symbol. Sie ist ein Symbol dafür, dass man über lange Zeit, wie die Dresdner das getan haben, etwas hütet und nicht vergisst. Sie war ein Ort, zu dem man, obgleich sehr unwahrscheinlich, dass dort jemals wieder etwas entstehen könnte, immer wieder hingegangen ist. Sie ist Teil dessen, was uns Deutsche ausmacht, zum Beispiel dass wir über jede Frage erst einmal streiten – in diesem Fall darüber, ob sie wieder aufgebaut werden oder so bleiben soll, wie sie ist. Ich finde es richtig, dass wir uns für den Wiederaufbau eingesetzt haben. Und sie ist für mich ein wunderbares Beispiel dafür, dass aus vielen kleinen Steinen dann doch ein wunderschöner Bau werden kann. Auch das war ja am Anfang nicht klar. Nicht alles war staatlich finanziert. Es hat aber eine große, breite zivile Bewegung gegeben, um dieses Werk zu vollenden. Wenn ich heute dort bin, finde ich es immer wieder wunderschön, dass das Stadtbild von Dresden wieder eine Kontur bekommen hat, die es ohne Frauenkirche so nicht hatte.

Im Altarraum der Kirche steht ein sogenanntes Nagelkreuz von Coventry. Deutsche Bomber zerstörten 1940 die Kathedrale in der englischen Stadt. Aus drei Zimmermannsnägeln der Ruine des Gotteshauses wurde erstmals ein Nagelkreuz geschaffen. Es gilt seitdem als Zeichen der Vergebung, Versöhnung und des Neuanfangs. Eine der Bitten der Versöhnungslitanei, die in der Ruine der Coventry-Kathedrale allwöchentlich gebetet wird, lautet: „Unsere mangelnde Teilnahme an der Not der Gefangenen, der Heimatlosen und Flüchtlinge – Vater, vergib!“

Ich glaube, in den vergangenen Jahren haben wir Schritt für Schritt gelernt, das Schicksal der Flüchtlinge und Vertriebenen besser wahrzunehmen. Bei allem gelegentlichen Streit, bei allem Ringen um den richtigen Weg zwischen Rückschau und Gestaltung unserer gemeinsamen Zukunft – der Umgang mit den Kriegsfolgen und insbesondere mit Flucht und Vertreibung hat sich geändert. Er ist sensibler und, ich meine, auch selbstverständlicher geworden. Das sind gute Voraussetzungen, um wirklich Versöhnung zu erreichen und Zukunft zu gestalten. Das ist ein Anliegen, das uns alle eint.

Deshalb noch einmal, lieber Klaus Brähmig, herzlichen Dank für Ihr Engagement. Egal, welche Themen sonst um uns herum tosen, es wird nicht vergessen. Das ist auch ganz wichtig im Blick auf das Alter vieler Vertriebenen, die ihre Heimat verloren haben. Da kann man nicht sagen, wir kümmern uns in zehn Jahren darum, sondern das muss man jeden Tag wieder tun. Aussöhnung als Aufgabe – das muss jeden Tag gelebt werden. Diejenigen, die hier versammelt sind, sind wahrscheinlich diejenigen, die das jeden Tag ein Stück weit tun. Dafür noch einmal herzlichen Dank. Herzlichen Dank für die Einladung. Wir bleiben in einem engen Kontakt.

Montag, 15. Oktober 2012

Seitenübersicht

Beiträge