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Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel anlässlich des Neujahrsempfangs der Deutschlandstiftung Integration

Redner:
Angela Merkel
Gehalten:
Mittwoch, 18. Januar 2012
Ort:
Berlin

in Berlin

Sehr geehrter Herr Professor Burda,
Herr Fürstner,
liebe Maria Böhmer und
Vertreter der Parlamente,
liebe Frau Mohn,
liebe Familie Doğan,
Exzellenzen,
werte Anwesende,

das ist in der Tat eine sehr bemerkenswerte Abendveranstaltung, an der wir heute teilnehmen – ein Empfang, der deutlich macht, wie breit das Thema Integration inzwischen in der Gesellschaft verankert ist. Hier sind große Medienhäuser, wenn ich das so sagen darf, vertreten; Herr Burda, Frau Springer, Frau Mohn, die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten, die privaten sicherlich auch, türkische Medien – und eben auch solche Vertreter, die sich für das Thema Integration engagieren, das, wie es sich zeigt, als eine breite gesellschaftliche Aufgabe angenommen wird.

Wenn man über die Zukunft unserer Gesellschaft nachdenkt, dann sieht man, dass einige Dinge relativ unumstößlich sind: Wir werden wohl weniger werden – vielleicht später einmal wieder mehr, aber erst einmal werden wir in den nächsten Jahren weniger –, wir werden im Durchschnitt älter – das merkt man nicht nur am 60. Geburtstag von Uli Hoeneß, der sicherlich noch bis zum 61. unentwegt Gratulationen erhält; von meiner Seite aus natürlich auch längst geschehen –, wir werden aber auch vielfältiger in unserer Gesellschaft. Diese Vielfalt als Chance anzunehmen, das ist eine der wichtigen Aufgaben für unsere Gesellschaft.

Deshalb haben wir, als ich 2005 Bundeskanzlerin wurde, eine Entscheidung getroffen, die sich bewährt hat. Wir haben das übergreifende Thema Integration, das etwas mit allen Bereichen der Gesellschaft zu tun hat, im Bundeskanzleramt sozusagen angesiedelt, um damit Integration auch politisch einen bestimmten Stellenwert zu geben.

Wir haben dann unter anderem die Integrationsgipfel initiiert. Ich erinnere mich sehr gut daran, was für eine freudige Stimmung beim ersten Integrationsgipfel herrschte und wie betreten ich dann aber geschaut habe, als jemand mit Migrationshintergrund, der uns allen als Schauspieler eigentlich schon ein bisschen bekannt war, erklärte: „Schauen Sie mal, ich würde so gern auch mal einen Bürgermeister oder einen Vorstandsvorsitzenden spielen, aber solche Rollen sind für mich hier in diesem Lande nicht vorgesehen. Ich bin immer entweder Opfer oder Täter. Aber dazwischen bleibt für mich eigentlich nicht viel übrig.“ – Daran sehen wir, dass sich etwas ändern muss, wenn wir an unsere Gesellschaft der Zukunft denken.

Die Integrationsgipfel sind inzwischen sozusagen Bestandteil unseres Arbeitens. Sie haben im Übrigen die Bereitschaft aufgezeigt, selbst in einem komplizierten föderalen System, wie es die Bundesrepublik Deutschland nun einmal ist, von der Kommune über die Länder bis zum Bund gut zusammenzuarbeiten. Es gibt inzwischen eine Integrationsministerkonferenz auf Länderebene. Wir werden auf dem Integrationsgipfel Ende Januar auch sehr viel klarere, präzisere Integrationspläne verabreden, um Integrationsfortschritte auch messen zu können, was Professor Burda eben ansprach, weil es ganz wichtig ist, dass man nicht immer nur hier ein Modellprojekt macht und dort ein Modellprojekt macht, sondern bestimmte Dinge einfach auch flächendeckend stattfinden.

Wir haben von Anfang an gewusst: Wir brauchen Menschen, die bereit sind, das ganze Thema zu transportieren. Darüber hatten wir auch einmal mit dem Verband der Zeitschriftenverleger gesprochen. Daraus ist doch tatsächlich nicht nur ein schönes Abendessen mit ein paar Absichtserklärungen geworden, sondern etwas richtig Konkretes. Deshalb möchte ich Herrn Professor Burda danken, deshalb möchte ich Herrn Fürstner danken, der zwar im Verband jetzt nicht mehr aktiv dabei ist und den Staffelstab übergeben hat, der aber gesagt hat: Bei der Deutschlandstiftung Integration mache ich weiter. Ich möchte auch allen danken, die bei der Stiftung mitmachen – Kai Diekmann, Uli Hoeneß und allen anderen.

Wir haben für die Projekte jetzt einen richtig guten Schub bekommen. Da hierbei der Sport eine zentrale Rolle spielt, bin ich auch sehr dankbar dafür, dass wir gerade im Fußballbereich – die Bundesliga und viele andere sind heute hier ja auch vertreten – noch einiges vorhaben. Das darf ich, glaube ich, schon sagen, zumal ich irgendwo gelesen habe, dass die Akteure selbst dazu auch schon etwas gesagt haben.

Ich möchte mich zum Beispiel auch bei der Telekom bedanken, die immer wieder bereit war, die medialen Fragen gerade im Hardwarebereich ein bisschen nach vorne zu bringen. Ich hoffe, dass dies – die Anwesenheit der Familie Doğan deutet ja darauf hin – auch gerade in einem Land, aus dem sehr viele Migranten kommen, in der Türkei, Wellen schlagen und seine Verbreitung finden wird.

Wir stehen heute Abend hier zusammen, um all denen, die sich für das Thema interessieren, zu sagen: Gute Ideen sind willkommen, wenn es zum Beispiel wie der Stiftung um die Sprache geht. Die Beherrschung der Sprache ist der Schlüssel zur Teilhabe; das haben wir oft gesagt. Dennoch sind wir immer wieder zum Teil zwar angenehm überrascht, wie toll manche die Sprache beherrschen, und trotzdem manchmal auch traurig darüber, wie schwer es manchen fällt, sich zu artikulieren. Viele lernen die Sprache durch ihre Kinder; auch das ist natürlich eine schöne Sache.

Wir wollen mit der Unterstützung der Stiftung – ich bin ja nur jemand, der in der Stiftung gar nicht selbst agiert, sondern der sich darüber freut, wie hier agiert wird; aber wir arbeiten Hand in Hand – den Menschen Mut machen, die deutsche Sprache zu lernen, sich ausdrücken, damit in unsere Gesellschaft eintauchen und dann in dieser Gesellschaft auch mit gestalten zu können. Dieser Abend deutet darauf hin, wie breit die Unterstützung für ein solches Vorhaben ist. Wir haben noch viel Arbeit vor uns; man darf sich das auch nicht schönreden. Die einen lernen immer besser, während sich andere Gruppen immer schwerer tun, für die die Eintrittsbarriere immer noch hoch ist.

Deshalb hoffen wir ja, dass gerade auch durch Sport Verbindungen geknüpft werden für die, die es noch nicht so gut können. Denn wenn man einmal Mut gefasst hat, dann – das weiß jeder – geht es oft ganz gut voran. Aber dieses Mutfassen, dieser entscheidende Schritt, der ist schwierig. Professor Burda hat darauf hingewiesen: Wir müssen dabei auch die Sprache derer treffen, die wir treffen wollen. Dabei kommt es auf die Verbindung von Aktion und Information und Zugang an.

Die Stiftung hat sich auch zur Aufgabe gemacht, über die Homepage auch auf andere interessante Initiativen hinzuweisen. In unserer Gesellschaft gibt es gemeinhin viele interessante Projekte, von denen viele lokal oder regional ausgerichtet sind. Akteure oder Interessenten aber kennen sich untereinander zumeist nicht, sie wissen nicht genau, wohin oder an wen sie sich wenden können. Da bietet das Internet natürlich eine wunderbare Möglichkeit, sich besser zu vernetzen, Kontakte zu knüpfen und sich besser kennenzulernen.

Ich möchte deshalb ganz deutlich sagen: Danke all denen, die sich bereit erklären, bei einem solchen Projekt mitzumachen. Danke auch dafür, dass wir heute hier bei Bertelsmann sein dürfen. Danke, Professor Burda und allen, die in der Stiftung aktiv sind, dass Sie Ihre Zeit dafür geben. Ich glaube, dass wir uns auch über etliche Erfolge werden freuen können. Herr Fürstner, Sie haben das Ganze immer wieder vorangebracht. Ich freue mich, heute Abend hier zu sein. Ich wünsche uns weiterhin gutes Gelingen. Vielleicht kann ja aus solch einem Empfang eine Tradition werden. Dann könnten wir immer wieder Bilanz ziehen und hinterfragen: Wo stehen wir, was haben wir erreicht und was müssen wir noch schaffen?

Integration wird nur funktionieren, wenn wir neugierig bleiben, wenn wir offen für andere bleiben. Integration ist keine Einbahnstraße. Sie erfordert das Engagement derer, die zu uns gekommen sind, die Lust auf Deutschland haben, aber sie erfordert genauso die Bereitschaft derer, die hier schon lange leben, neugierig zu sein auf andere Erfahrungen, auf andere Kulturen, auf andere Lebensweisen und auf andere Zugänge. Die Erfahrung lehrt: Am erfolgreichsten sind die Länder, die weltoffen sind.

Deutschland hat eine lange Erfahrung mit Zuwanderung. Wenn wir hier in Berlin in diesem Jahr besonders an Friedrich den Großen denken: Bevor die Hugenotten zu uns kamen, waren die Kleiderstoffe ziemlich kratzig, die Lebensmittel waren auch nicht von allzu hoher Qualität. Wir haben immer dazugelernt, wenn Menschen zu uns kamen. Das will Deutschland auch weiter tun, damit es auch weiter erfolgreich sein kann.

In diesem Sinne: Ein herzliches Willkommen allen, die zu uns gekommen sind. Herzlichen Dank allen, die für diese Stiftung arbeiten. Und uns allen noch einen schönen Empfang.

Donnerstag, 19. Januar 2012

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