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Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel anlässlich des Neujahrsempfangs der Landesregierung von Sachsen-Anhalt

Redner:
Angela Merkel
Gehalten:
Donnerstag, 27. Januar 2011

in Magdeburg

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident, lieber Herr Professor Böhmer,

sehr geehrter Herr Bullerjahn,

sehr geehrter Herr Haseloff,

lieber Herr Ministerpräsident Tillich,

lieber Herr Ministerpräsident a.D. Vogel – bei Ihnen könnte man ja fast „Ministerpräsident mult.“ sagen –,

liebe Frau Staatsministerin Cornelia Pieper,

lieber Hans-Gert Pöttering,

meine Damen und Herren,

die Versammlung hier zeigt schon, dass etwas Besonderes im Gange sein muss. Dieser Neujahrsempfang ist auch ein ganz besonderer. Ich bin gern hierher gekommen. Ich war neulich schon beim Neujahrsempfang der Industrie- und Handelskammer und konnte mich von der außerordentlichen Funktionsweise des Kabinetts überzeugen – ordentlich aufgeteilte Redezeiten und Erfolgsbilanzen, keinerlei Sticheleien trotz heißer Zeiten. Das schafft man, glaube ich, fast nur in Sachsen-Anhalt; und ich glaube, den Menschen gefällt das auch. Dass das so ist, trägt die Handschrift des Landesvaters.

Lieber Herr Böhmer, ich bin beauftragt worden, wenig zu sagen, was mit Ihnen persönlich zusammenhängt, weil es ja ein Empfang der Landesregierung ist. Aber wenn man bei der Landesregierung ist, darf man, glaube ich, auch dem Landesvater gratulieren: Alles Gute zum 75. Geburtstag. Auf der überreichten Briefmarke war auch einer Ihrer genialen Sprüche zu lesen: Neben „Wir werden das Kind schon schaukeln“ „Wir stehen früher auf.“ Jeder, der aus dem Osten stammt, weiß, was damit gemeint ist. Die im Westen haben es vielleicht auch schon gemerkt. Es ist jedenfalls ein besonderes Gütezeichen.

Ich habe Herrn Böhmer weniger als Landesvater erlebt, als vielmehr – jetzt muss ich kurz in die Parteiniederungen abschweifen – in Präsidiumssitzungen der Christlich Demokratischen Union. Wenn es einmal drunter und drüber ging – beispielsweise ob man sich mit der Frage beschäftigen soll, den Eltern die Last des Frühstückmachens abzunehmen oder nicht, ob man das nicht erst einmal den Eltern beibringen oder doch direkt den Kindern helfen sollte –, dann saß Herr Böhmer immer mit verschränkten Armen da, hat sich das eine Weile angehört und irgendwann gesagt: Ihr werdet auch noch merken, was zu tun ist, um aus dem Gröbsten zu helfen.“ Dann folgten immer gute Tipps.

Lieber Herr Böhmer, Sie stehen eigentlich stellvertretend für viele, wenn ich das so sagen darf, die 1989/90 ihr Leben vollkommen verändert haben. Eigentlich bestand für Sie keine dringende Notwendigkeit, etwas ganz Neues anzufangen. Ich vermute, Sie waren gern Arzt; und man hört, Sie waren auch ein hoch anerkannter Arzt. Aber es ist gelungen, Sie für die Politik zu begeistern. Ich habe gehört, damit hatten sogar einige, die auch hier sind, etwas zu tun. Er hat sich überreden lassen – was er nicht immer tut; es muss sich also um einen wirklich guten Tipp gehandelt haben – und hat sich dann mit Leib und Seele, mit Herz und Verstand der Politik verschrieben. – Ich bin eben bei der „Magdeburger Volksstimme“ gewesen und habe gesagt: auf eine unglaublich nachhaltige Art. Die Nachhaltigkeit bemerkt man fast immer erst im zweiten oder dritten Augenblick. Im ersten Augenblick hört sich bei ihm alles ganz einfach an: kurze Sätze, sehr logisch und damit auch unabwendbar, ruhig; allerdings ist das alles dann eben auch immer mit der Nachfrage verbunden: Was ist daraus geworden? Ein gewisses Maß an Effizienz eben.

Wenn man ihn besser kennt, weiß man, dass dahinter eine tiefe Verwurzelung in Werten steckt. Wittenberg ist sein Zuhause. Luther mag auch ein bisschen prägend gewirkt haben, der in seiner Schrift „Die Freiheit eines Christenmenschen“ sagt: „Ein Christ ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christ ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ Vielleicht hat das auch Herrn Böhmer geprägt. Denn Sie haben ja oft auch einen Zug zur Strenge an sich – ich würde es einmal als gütige Strenge bezeichnen.

Sie haben neulich in einem Interview gesagt: „Wenn wir die Höhe von Sozialleistungen zum einzigen Maßstab machen, an dem politisches Handeln gemessen wird, dann bekommen wir ein großes Problem. Unser Ziel muss der selbstbewusste, auch für sich selbst verantwortliche Bürger sein.“ Ich glaube, damit haben Sie Sachsen-Anhalt geprägt. Deshalb ist es ja auch so schön, dass man heute über Rückholaktionen von ehemaligen Sachsen-Anhaltinern sprechen kann, dass man die Probleme beim Namen nennen kann, aber eben auch das, was gelungen ist, und dass Sie den Menschen in diesem Land immer deutlich gemacht haben, dass es die Menschen sind, die etwas bewegen. – Deshalb wahrscheinlich auch der kleine Zettel in den Kabinettsitzungen, denn wenn man draußen unterwegs war, müssen die Dinge, die man zusagt oder derer man sich annehmen will, hinterher auch in Erfüllung gehen.

Da ich heute gemeinsam mit dem Wirtschaftsminister bei Dow Chemical war und wenn ich auch keinen Klebstoff, so doch tiefgreifende Eindrücke mitgebracht habe, darf ich sagen, dass die Menschen in Sachsen-Anhalt inzwischen ihre Heimat und auch ihre Entfaltungsmöglichkeiten haben. Wenn man die jungen Menschen sieht, die gerade ihre Ausbildung beendet haben – Jungen und Mädchen, die Elektrotechniker, Verfahrenstechniker oder Chemikanten, wie es heutzutage heißt, geworden sind –, dann kann man stolz sein auf das, was in diesem Land geschieht, dann darf man sagen: Das ist die Basis, auf dem Weiteres wachsen kann. Wenn man den amerikanischen Chef hört, der darüber spricht, wie die Erfahrungen sind, wie stolz man auf dieses Unternehmen ist – das gibt es in Sachsen Anhalt, das gibt es aber auch in anderen neuen Bundesländern –, dann muss ich sagen: Das ist ein wunderschönes Gefühl.

Mir ist auch ein englisches Buch überreicht worden: „Wie es Deutschland macht“. Da sind die Erfahrungen von Dow Chemicals in Schkopau und anderen mitteldeutschen Standorten stark mit eingeflossen, was die Berufsausbildung, was die Frage der Sozialen Marktwirtschaft anbelangt, das Zusammenarbeiten von Betriebsräten und Unternehmensführungen. All das wird dort als gutes Beispiel beschrieben, wie auch schwierige Zeiten überbrückt werden können, so wie es uns auch bei der internationalen Wirtschaftskrise gelungen ist. Da zeigt sich, dass das auch über unsere Landesgrenzen hinweg seine Wirkung entfaltet.

Liebe Landesregierung, ich wünsche Ihnen viel Erfolg. Es ist hier von Unternehmensbilanzen und Amortisierungszeiten gesprochen worden. Ich will dazu jetzt nichts weiter sagen, werde mich schon gar nicht einmischen. Herr Bullerjahn hat ja heute Abend gesagt, was ihn hier hält: nämlich ein schönes Amt.

Ich will nur sagen: Sachsen-Anhalt wünsche ich, dass es weiter auf seinem Weg gehen kann. Man darf zumindest sagen, dass diese Landesregierung Sachsen-Anhalt nach vorn gebracht hat. Deshalb einen herzlichen Glückwunsch an den Landesvater und auch an alle anderen, die die Geschicke dieses Landes gestalten. Allen Gästen, die heute Abend hierher gekommen sind, einen schönen Abend.

Ich darf vielleicht in aller Namen noch sagen: Lassen Sie, lieber Herr Professor Böhmer, es sich gut gehen, schauen Sie mit einem streng-gütigen Blick auch auf das Weitere. Öffentliche Ratschläge werden Sie sowieso nicht geben; das ist nicht Ihre Sache – nur, wenn es ganz nötig war, haben Sie manchmal was gesagt; das will ich nicht verhehlen. Sie haben eine nachfolgende Generation von jungen Politikern, egal welcher Partei, sicherlich so geformt, dass sie wissen, worum es geht: sich um das Wohl des Landes zu kümmern, um die Menschen im Lande. Und wenn man das tut, hat man den ganzen Tag voll zu tun.

In diesem Sinne Ihnen alles Gute, Gesundheit, Gottes Segen. Herzlichen Dank, dass ich hier sein durfte.

Donnerstag, 27. Januar 2011

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