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Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel auf einer Festveranstaltung zum 65. Geburtstag von Elmar Brok

Redner:
Angela Merkel
Gehalten:
Montag, 23. Januar 2012
Ort:
Berlin

in Berlin

Lieber Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung, lieber Hans-Gert Pöttering,
verehrte Kolleginnen und Kollegen aus dem Deutschen Bundestag, aus den Parlamenten,
lieber Franco Frattini – wir freuen uns ganz besonders, dass du heute hier bist –,
Exzellenzen,
meine Damen und Herren,

ich möchte die Begrüßung von Hans-Gert Pöttering nicht wiederholen, aber die Bandbreite der Anwesenden deutet schon auf einiges hin, was Elmar Brok außer der Tatsache, dass er ein Urgestein Europas ist, auszeichnet. Dass der DGB-Vorsitzende hier ist, zeigt, dass du eigentlich auch gern – jedenfalls in unseren politischen Kreisen – der Arbeiterführer Europas genannt wirst. Du bist nämlich der Vorsitzende der Arbeitnehmervereinigung der EVP. Ich weiß noch, wie ich einmal gestutzt habe, als mir bewusst wurde, dass du dich außer für Europa auch noch für die CDA engagierst, und ich eine Weile gebraucht habe, dies in meinem Kopf zusammenzubekommen. Aber immerhin, irgendwie habe ich es geschafft.

Außerdem deutet die Anwesenheit von Lothar de Maizière darauf hin, dass euch zumindest Brandenburg sehr eint und du ein Herz für Brandenburg hast. Da ich in diesem Bundesland, als es noch nicht so genannt werden durfte, aufgewachsen bin, eint uns dies natürlich auch zu dritt.

Du bist Schalke-Fan, um das auch gleich vorweg zu sagen, bevor wir zu den eigentlichen Dingen kommen. Und wenn sich manchmal einer über deine kraftvollen Presseerklärungen erregen sollte, muss man unbedingt noch auf den journalistischen Hintergrund hinweisen, den du hast. Hermann Gröhe und ich haben immer große Freude an dem, was du uns sagst.

Dies alles sind Dinge, die dich auszeichnen. Aber zurück zum Eigentlichen: Dass wir heute über zehn Jahre Euro und gleichzeitig über Elmar Broks 65. Geburtstag sprechen, deutet darauf hin, dass beides etwas miteinander zu tun hat. Die heutige Veranstaltung lenkt die Aufmerksamkeit auf deine Lebensleistung genauso wie auf unsere gemeinsame Währung in weiten Teilen der Europäischen Union.

Wir erinnern uns: Vor zehn Jahren gingen die Menschen in Deutschland, Frankreich, Spanien – in insgesamt zwölf europäischen Staaten damals – erstmals mit dem Euro einkaufen. Das Buchgeld, das es schon eine ganze Weile gab, war zum Bargeld geworden. Und ich sage aus Überzeugung und sicherlich mit dir in Übereinstimmung: Die Idee einer gemeinsamen Währung war damals so richtig, wie sie es heute ist. Sie ist ein logisches Bindeglied unserer Volkswirtschaften, die natürlich schon durch den Binnenmarkt sehr eng miteinander verflochten sind, aber die durch den Euro, sozusagen ohne Rückkehrmöglichkeit, noch stärker vereint wurden. Das war ein ganz wichtiger Integrationsschritt. Wir alle wissen: Europa kommt nur nach vorn, wenn wir immer wieder Integrationsschritte gehen.

Binnenmarkt und Euro gehören also zusammen. Durch beides ist Europa für die Menschen konkret erfahrbar geworden. Manchmal kommentieren wir dies auch kritisch, wenn wir an manche Binnenmarktregelung denken. Als der Binnenmarkt Realität wurde, war ich gerade Umweltministerin. Ich kann mich noch daran erinnern, wie es war, als die Menschen nach ein paar Jahren bemerkten, wie das mit der Umweltverträglichkeitsprüfung ist und was da alles in Brüssel – ich sage nur: Flora-Fauna-Habitat – verabschiedet wurde.

Elmar Brok hat sich auf seinem Weg in und für Europa immer dafür eingesetzt, dass es mehr Transparenz und mehr Bürgernähe gibt, dass Europa für jeden begreifbarer wird. Hans-Gert Pöttering und du, ihr habt ja fast zur selben Zeit eure Arbeit im Europäischen Parlament aufgenommen. Ihr seid sozusagen Abbilder der Entwicklung des Europäischen Parlaments zu einem wirklich emanzipierten Parlament. Und ich glaube – auch wenn heute Elmar Brok im Mittelpunkt steht; man möge es mir verzeihen –, ihr beide habt gleichermaßen darauf hingewirkt, dass ja nie vergessen wurde, dass aus dem Europäischen Parlament überhaupt erst ein richtiges Parlament werden musste. Das Europäische Parlament war bis 1979 ja nur eine parlamentarische Versammlung, es gab bis dahin keine direkte demokratische Legitimation. Neben den Rat aus den gewählten Regierungen der Mitgliedstaaten trat 1979 dann also ein Parlament mit gewählten Abgeordneten. Dadurch gab es eine doppelte Legitimation der Europäischen Union. Diese weiter auszubauen, hat den Weg Elmar Broks sehr stark gekennzeichnet.

Wir sehen das zum Beispiel daran, dass er als Vertreter des Europäischen Parlaments am Entstehen des Vertrags von Maastricht mitgewirkt hat. Sicherlich, einen breiten Raum nahmen die Bestimmungen zur Schaffung einer Wirtschafts- und Währungsunion ein. Aber nicht zu vergessen ist, dass der Vertrag mit seinem Inkrafttreten 1993 auch die Kompetenzen des Europäischen Parlaments ausgeweitet hat. Das Parlament wurde Mitgesetzgeber, wenn auch erst einmal nur in einigen ausgewählten Bereichen. Und es erhielt endlich Kontrollmöglichkeiten, wie sie einem demokratisch gewählten Parlament gebühren. Darauf hatte man doch recht lange warten müssen – von 1979 bis 1993; ein langer Kampf.

Der Maastricht-Vertrag war ein wichtiger Meilenstein in der Geschichte der Europäischen Union, aber natürlich längst noch nicht das Ende des europäischen Einigungsprozesses. Die europäische Integration – das müssen wir sehen und verstehen – bleibt eine Daueraufgabe, ein Dauerprozess. Wenn Europa einmal stillsteht, wird Europa nicht mehr erfolgreich sein.

So kündigte sich auch nach „Maastricht“ bald weiterer Reformbedarf an. Wieder war Elmar Brok an zentraler Stelle an langwierigen Verhandlungen beteiligt. Diese mündeten schließlich in den Verträgen von Amsterdam und Nizza. Diese weiteten die Mitentscheidung des Europäischen Parlaments auf fast alle Politikbereiche aus. Ausgenommen blieben nun nur noch Agrar- und Innenpolitik sowie Justiz. Besonders wichtig war damals, dass sich auch die Mitwirkungsrechte der Europaabgeordneten bei der Einsetzung der Kommission verbesserten. Fortan war ihre Zustimmung für die Ernennung eines neuen Kommissionspräsidenten erforderlich, was inzwischen alle zu beachten wissen.

Aber auch nach dem Vertrag von Nizza war rasch klar, dass sich das Rad institutioneller Reformen weiterdrehen musste. Ich erinnere im Übrigen daran: Der Weg nach „Nizza“ dauerte relativ lange; und Elmar Brok zeichnete sich damals durch hohe Steher- oder Sitzqualitäten, auf jeden Fall durch hohe Anwesenheitsqualitäten aus. Ich erinnere mich noch relativ gut daran. Er ließ auch nicht davon ab, Unzulänglichkeiten von „Nizza“ auch so zu benennen, wie man sie benennen musste.

Vor allem die EU-Osterweiterung brachte völlig neue Herausforderungen mit sich. Lieber Elmar Brok, du hast Europa nie als kleinen, feinen, exklusiven Club verstanden. Nein, dir war es ein ganz wichtiges Anliegen, und das vom ersten Tag auf dem Weg zur Deutschen Einheit und vom ersten Tag der Umwälzungen in Mittel- und Osteuropa an, auch denjenigen Ländern eine europäische Perspektive aufzuzeigen, die in Zeiten des Kalten Kriegs durch den Eisernen Vorhang vom europäischen Projekt abgeschnitten waren. Sie sollten schnellstmöglich dazugehören.

Du hast deshalb schon unmittelbar nach dem Fall der Mauer einen entsprechenden Entschließungsantrag des Europäischen Parlaments vorbereitet. Du hast dich im Volkskammerwahlkampf 1990 engagiert, schließlich der neuen und erstmals demokratisch legitimierten DDR-Regierung den Weg nach Brüssel gewiesen und später dann für die anderen Länder mitgekämpft.

Zugleich ist es dir gelungen, den Prozess der deutschen Wiedervereinigung mit viel Fingerspitzengefühl auch europapolitisch zu begleiten. Und wir wissen alle noch, dass die Deutsche Einheit damals keine Selbstverständlichkeit war. Ich will an dieser Stelle noch einmal an den Satz erinnern, den wir alle auch von Helmut Kohl unendlich oft gehört haben und der es auf den Punkt gebracht hat: „Deutsche Einheit und europäische Einheit sind zwei Seiten derselben Medaille.“

Schließlich hast du als EP-Hauptberichterstatter die historische Osterweiterung der EU begleitet, vorangetrieben und dich damals wie auch heute immer wieder dafür eingesetzt, dass nicht Schluss ist, sondern wir weitere Partnerschaften gründen. Ich glaube, die östliche Partnerschaft entspricht auch in etwa dem, was du dir unter einem Europäischen Wirtschaftsraum II vorgestellt hast – vielleicht noch nicht ganz, aber es ist ein Nukleus dafür.

Europa erlangte mit dem Beitritt der Staaten aus Mittel- und Osteuropa natürlich eine völlig neue Dimension. Wir schickten uns an, einen Verfassungsvertrag zu erarbeiten. Das gelang zunächst nicht. Aber Europa verharrte damals nicht in einer Schockstarre. Es ist sehr, sehr wichtig, dass es in dieser kritischen Phase Elmar Brok zu verdanken war, dass er immer wieder den Dialog mit den Bürgergesellschaften gesucht und versucht hat, mit den Menschen über Europa zu sprechen. Wir gelangten dann über Umwege zu einer Einigung über den Vertrag von Lissabon.

Du hattest bereits im Konvent zum Verfassungsvertrag intensiv mitgearbeitet. Dabei sind zwei Dinge an dieser Stelle zu erwähnen. Das eine ist, dass du hellsichtig und weitsichtig schon damals verlangt hast, dass auch die Einhaltung des Stabilitäts- und Wachstumspakts beim Europäischen Gerichtshof eingeklagt werden kann. Damit bist du damals relativ brüsk von den Vertretern der Regierungen abgewiesen worden. Wir sind jetzt gerade beim Anlauf Nummer zwei, um in diese Richtung voranzuschreiten. Es gestaltet sich aber auch jetzt noch sehr schwierig. Wir können daran ermessen, wie weit es noch ist, um wirklich zu einer Fiskalunion zu kommen.

Und das andere ist: Du hast – daran erinnerte ich mich, als ich Valéry Giscard d’Estaing einmal traf – in sehr harter, klarer Aussprache den Präsidenten des Verfassungskonvents kritisiert, weil du sozusagen zum Kämpfer, auch zu einem sprachlichen Kämpfer wirst, wenn man dem Parlament Rechte beschneiden will. Du hast dich dann so artikuliert, dass man dich sogar in Schutz nehmen und sagen musste: Er hat das Richtige gemeint; in der Sprache vielleicht ein bisschen übertrieben, aber das Anliegen ist vollkommen berechtigt.

Wir haben dann nach den Rückschlägen beim Verfassungsvertrag und bei der Frage „Darf Europa eine Hymne haben, darf Europa eine Flagge haben?“ – Jean-Claude Juncker würde an dieser Stelle sagen: Beides hat sie. Doch wir dürfen es nicht sagen – den etwas pragmatischeren Weg zum Vertrag von Lissabon gewählt. Und damit war es geschafft: Heute ist das Europäische Parlament gleichberechtigter Mitgesetzgeber in allen Politikbereichen. Allerdings: Elmar Brok wäre nicht Elmar Brok, wenn er nicht argwöhnisch darauf achten würde, dass all die damit verbundenen Möglichkeiten extensiv genutzt werden.

Er hat natürlich auch beim Aufbau eines Diplomatischen Dienstes der Europäischen Union mit Argusaugen darüber gewacht, dass die Staats- und Regierungschefs nicht etwa durch die Hintertür zu viel Einfluss haben und das Parlament in irgendeiner Weise an den Rand gedrängt werden könnte. Ich habe ihn damals beruhigt und gesagt: Elmar, ihr bezahlt doch die Leute, ihr habt doch die Hand drauf, das haben wir doch verstanden; bleib ganz ruhig, es wird alles ordentlich geteilt. Aber sicher ist sicher, sagt er in solchen Fällen und fragt lieber noch fünfmal nach.

Meine Damen und Herren, das Europäische Parlament ist also in allen Politikbereichen gleichberechtigt. Nahezu alle Verträge der EU mit anderen Staaten bedürfen der Ratifikation durch das Europäische Parlament. Das heißt, die doppelte Legitimation der Europäischen Union durch den Rat und das Europäische Parlament ist inzwischen zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Und das ist wirklich auch den Parlamentariern der ersten Stunde zu verdanken. Elmar Brok war immer an der Spitze mit dabei.

Ein Europa, das zusammenwächst – das hat Elmar Brok immer wieder gesagt –, bedeutet für jeden eine Chance, sei es in beruflicher, wirtschaftlicher oder gesellschaftlicher Hinsicht. Und ich glaube, wir sind uns einig: Bis wir zu einer wirklich europäischen gesellschaftlichen Öffentlichkeit kommen, haben wir immer noch einen langen Weg zurückzulegen. Sehr stark werden unsere täglichen europäischen Diskussionen noch von nationalen Gegebenheiten bestimmt. Deshalb wird es ganz wichtig sein, dass wir auf unserem Weg weitergehen.

Als ich über die Bilanz unserer deutschen Ratspräsidentschaft im Juni 2007 im Europäischen Parlament gesprochen habe, erwähnte ich ein afrikanisches Sprichwort, das ich hier gern noch einmal wiedergeben möchte, weil es etwas darüber aussagt, was auch Elmar Brok sehr wichtig ist: „Wenn du schnell vorwärtskommen willst, dann gehe alleine. Wenn du weit gehen willst, dann gehe zusammen.“ Genau dies beherzigen wir auch in der augenblicklich ja nicht ganz einfachen Situation, die wir in Europa mit dem, was gemeinhin Schuldenkrise genannt wird, haben. Es ist völlig klar: Diese Krise werden wir nur alle gemeinsam bewältigen können. Wir werden sie auch nicht von heute auf morgen bewältigen können, weil die Gründe für diese Krise über viele Jahre gelegt wurden. Deshalb können wir sie auch nur schrittweise wieder abbauen.

Von der Schuldensituation, die wir heute haben, hin zu einer Stabilitätsunion ist es durchaus ein weiter Weg. Aber wir sind auch schon ein ganzes Stück vorangekommen. Wir sind uns inzwischen bezüglich der Analyse der Krise einig. Ein wesentlicher Punkt ist eine übermäßige Staatsverschuldung, ein zweiter die unterschiedliche Wettbewerbsfähigkeit der Euro-Mitgliedstaaten. Beide Probleme hängen eng zusammen, beide müssen daher zusammen gedacht und angegangen werden. Genau daran arbeiten wir. Deshalb werden wir uns jetzt auch verstärkt der Frage der Wettbewerbsfähigkeit, des Wachstums und der Eindämmung der Arbeitslosigkeit zuwenden.

Zum anderen hat die Krise grundlegende Mängel in der Konstruktion der europäischen Wirtschafts- und Währungsunion offenbart. Man hat früher, bevor die entscheidenden Beschlüsse zum Euro gefasst wurden, sehr viel über eine politische Union diskutiert. Man hat dann den Euro eingeführt und interessanterweise viele Jahre über das, was mit politischer Union eigentlich gemeint ist, nicht mehr gesprochen – es kam die Osterweiterung, es kam der Lissabon-Vertrag, vorher gab es aber auch die Rückschläge beim Verfassungsvertrag –; man hat das Ganze, jedenfalls war es so in der deutschen Diskussion, ruhen lassen. Jetzt aber ereilt uns dieses Thema wieder mit voller Macht.

Ich muss ganz ehrlich sagen: Es ist aus meiner Sicht die große Aufgabe der nächsten Jahre, auf dem Weg der politischen Union vorwärtszukommen. Das wird nicht einfach, weil wir jetzt neben Binnenmarktfragen noch an Bereiche herankommen, die auch nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts in Deutschland Kernbestand nationaler Politik sind – Sozialpolitik, Arbeitsmarktregelungen, die Überwachung der Budgets –, was in Zukunft ein Mehr an Europa und nicht ein Weniger an Europa verlangen wird.

Wir haben in den letzten Monaten und den vergangenen beiden Jahren eine Menge geschafft. Ich will hier die EFSF nennen. Ich will die Arbeiten am dauerhaften Stabilitätsmechanismus, ESM, nennen. Wenn wir vor drei Jahren gesagt hätten „Passt mal auf, ihr arbeitet bald an einem permanenten europäischen Stabilitätsmechanismus, der eine halbe Billion Euro umfasst“, dann hätte man uns ein bisschen komisch angeguckt und gesagt: Das glaubt ihr doch wohl selbst nicht. Heute aber ist es unser täglich Brot, dass wir daran arbeiten. Hinzu kommt: Die Länder sind eine Vielzahl von Selbstverpflichtungen eingegangen, die sich auch im Euro-Plus-Pakt darstellen.

Wir, Elmar Brok und ich, haben durchaus kontroverse Diskussionen geführt, weil er ein Kind der Gemeinschaftsmethode ist, die ich – das gebe ich dir als Geburtstagsgeschenk hier zu Protokoll – schätze, achte, liebe. Für alles, was europäische Kompetenzen anbelangt, ist die Gemeinschaftsmethode die Grundlage, wobei ich manchmal den Eindruck habe: Das muss man eigentlich morgens immer einmal wiederholen, um anschließend als Staats- oder Regierungschef noch weiter nationale Politik machen zu dürfen. Aber wir sind natürlich auch in Bereichen, in denen Kompetenzen nicht vergemeinschaftet sind, gerade auch im Rahmen einer Währungsunion dazu verpflichtet, harmonischer zusammenzuarbeiten, enger zusammenzurücken.

Ausdruck dessen ist der Euro-Plus-Pakt, der von Elmar Brok etwas argwöhnisch beobachtet wurde. Da tritt natürlich hinzu, dass wir die Koordination nicht schon auf der Grundlage der Gemeinschaftsmethode vornehmen können, wenn es sich um nationale Zuständigkeiten handelt. Aber Elmar Brok hat – das unterstreiche ich hier noch einmal ausdrücklich – richtigerweise immer darauf geachtet, dass kein Nebenklub entsteht, sondern dass das Europäische Parlament und die europäischen Institutionen, wo immer es geht, mit einbezogen sind. Er hat mir auch immer wieder erklärt, wie das bei der Euro-Gruppe geregelt ist und dass man daraus sehr gut Analogien ableiten kann.

Deshalb wurde jetzt, da wir ja keine andere Möglichkeit haben, als einen Fiskalpakt außerhalb der EU-Verträge zu gestalten – mit der Hoffnung, ihn eines Tages in die Verträge überführen zu können –, auch eine Methode gewählt, bei der Repräsentanten des Parlaments bei den Verhandlungen anwesend sind, um nationale Schuldenregelungen zu verabreden und die Einhaltung dieser Schuldenregeln nunmehr auch durch den Europäischen Gerichtshof überprüfen lassen zu können.

Die Fatalität der Termine brachte es mit sich, dass Elmar Brok mich letzte Woche anrief und sagte, es sei dringend, und ich dachte: Oh je, was ist jetzt passiert? Und Elmar Brok fragte: Wo soll ich Montagabend sein? Ich sagte: Bei der Konrad-Adenauer-Stiftung. Er: Ja, Montagabend ist aber Vertragsverhandlung zum Fiskalpakt. Was sagst du – wo muss ich sein? Ich sagte: Ich bitte dich, du kannst von mir nicht verlangen, dass ich in deiner Abwesenheit eine Laudatio auf dich halte; das wäre zu viel der Freundschaft.

Deshalb freuen wir uns, dass Elmar Brok heute bei den Verhandlungen eine ehrbare Vertretung durch Herrn Cohn-Bendit gefunden hat, was ihn bei aller Freundschaft mit einer gewissen Unruhe erfüllt hat, ob das denn gut geht. Aber ich habe gesagt: Elmar, du wirst Mittel und Wege finden, um vorzubereiten, dass heute Abend nichts Schlimmes passiert; und ich werde dir dabei auch behilflich sein. Er ist also bei uns und trotzdem laufen die Verhandlungen zum Europäischen Fiskalpakt recht gut. Auch hierbei soll wieder unser Prinzip sein: Jeder, der mitmachen möchte, darf und soll mitmachen. Wir wollen keinen Closed Shop der Euro-Mitgliedstaaten, sondern wir wollen allen ein Angebot unterbreiten.

Das, was wir derzeit in Europa erleben, hat nicht nur mit Schulden und mangelnder Wettbewerbsfähigkeit zu tun. Es hat auch etwas damit zu tun, wie viel Vertrauen diejenigen, die außerhalb Europas sind, zu Europa haben. Da müssen wir selbstkritisch sagen: Manches dauert sehr lange, manches ist nicht so verbindlich, wie es sich angehört hat. Die Geschichte des Stabilitäts- und Wachstumspakts ist nicht gerade ein Paradebeispiel dafür, dass wir es mit unseren Verpflichtungen immer ernst meinen.

Ich erinnere daran, dass die Staats- und Regierungschefs im Jahr 2000 richtigerweise eine Vision ausgedrückt haben, als sie sagten: Europa soll bis zum Jahr 2010 der wettbewerbsfähigste Kontinent der Welt sein. Wir müssen heute sagen: Dass wir es nicht geschafft haben, kann man so nicht sagen, aber wir müssen weiter daran arbeiten. Deshalb ist das Ringen um verbindliche Zusagen zum Stabilitäts- und Wachstumspakt, zu mehr Wettbewerbsfähigkeit, zu Innovation und Forschung nicht etwas, das sich Deutschland überlegt hat, um anderen möglichst schwierige Stunden zu bereiten, sondern nach meiner tiefen Überzeugung ist es der Schlüssel dazu, dass wir weltweit wirklich erfolgreich werden. Deshalb werde ich auch weiter um Verbindlichkeit kämpfen. Darin weiß ich mich mit vielen im Europäischen Parlament und auch im Deutschen Bundestag einig. – Gunther Krichbaum ist gerade hier; nicht dass wir jetzt über den Deutschen Bundestag hinweggehen und nur noch vom Europäischen Parlament die Rede ist. – Wir müssen aufpassen, sonst kann Deutschland nicht mehr erfolgreich sein und Europa ebenfalls nicht.

Also, Verbindlichkeit und Vertrauen müssen wir wiedererwerben. Deshalb ist es ganz wichtig, dass Elmar Brok immer darauf achtet, dass gerade auch die transatlantischen Beziehungen sehr eng sind. Du hast seit langem die Vision, dass wir eine Freihandelszone, eine transatlantische Wirtschaftsgemeinschaft ohne Zollbarrieren schaffen könnten. Ich glaube, gerade jetzt, nachdem sich die Doha-Runde der Welthandelsorganisation so schwierig gestaltet, sollten wir diese Initiative noch einmal ins Auge fassen. Elmar Brok weiß, dass gute Ideen manchmal eine lange Umsetzungsdauer haben.

Meine Damen und Herren, lieber Elmar Brok, wir hatten im Jahre 2007, als wir hier in Berlin 50 Jahre Römische Verträge feierten, das unvergessliche Ereignis, dass die Staats- und Regierungschefs und viele Vertreter Europas, der Präsident des Europäischen Parlaments und der Kommission hier bei uns waren und wir als Symbol der Einigung Europas die Möglichkeit hatten – man hätte sich das 50 Jahre vorher nicht vorstellen können –, in Berlin am Brandenburger Tor zu feiern.

Ich habe damals in meiner Rede gesagt: „Wir sind zu unserem Glück vereint.“ Das war ein Teil der Erklärung damals zum 50. Jahrestag der Unterzeichnung der Römischen Verträge. Wir sind einerseits zu unserem Glück vereint. Wir wären andererseits nicht glücklich, wenn wir nicht vereint wären. Wir sind aber zu unserem Glück vereint. Ich glaube, auch heute, 2012 – jetzt haben wir fast den 55. Jahrestag –, ist es wichtig, sich dies immer wieder in Erinnerung zu rufen.

Du bist über zehn Jahre älter als die Römischen Verträge, lieber Elmar Brok. Trotzdem bist du genauso ein Produkt europäischen Erfolgs. Du hast selbst an allen Ecken und Enden mit großem Elan, mit großem Optimismus, mit immer wiederkehrender Lust und immer wiederkehrendem Engagement dazu beigetragen. Bleib so, wie du bist: ein bisschen unbequem, ein bisschen misstrauisch manchmal, wenn es um nationale Institutionen geht, und ein großer Freund Europas. Danke für deine Arbeit.

Dienstag, 24. Januar 2012

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