Navigation und Service

Inhalt

Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel beim Jahresempfang des SOS-Kinderdorf e.V.

Redner:
Angela Merkel
Gehalten:
Freitag, 31. Mai 2013
Ort:
Grimmen

in Grimmen

Sehr geehrter Herr Professor Münder,
sehr geehrter Herr Ministerpräsident Sellering,
sehr geehrte Abgeordnete,
sehr geehrter Herr Landrat, lieber Ralf Drescher,
liebe Freunde und Förderer des SOS-Kinderdorfvereins,
liebe Kinder und Jugendliche,

zu diesem Jahresempfang konnte man ja gar nicht nicht kommen. Und so sind der Ministerpräsident und ich sogar gemeinsam von einer anderen Veranstaltung in Schwerin gekommen, um hier bei diesem Jahresempfang mit dabei zu sein.

SOS-Kinderdorf ist nicht nur eine große, sondern auch eine der bekanntesten Hilfsorganisationen in Deutschland und in der Welt. Allein das war natürlich auch schon Grund, die freundliche Einladung anzunehmen. Aber die Dorfgemeinschaft in Grimmen-Hohenwieden ist mir – und das wurde ja soeben schwarz auf weiß oder, besser gesagt, in Farbe gezeigt – seit ihren ersten Anfängen gut bekannt. – Ich vermute mal, dass der Grundstein noch zu finden wäre, aber wir wollen ihn eigentlich nicht wieder ausbuddeln. – Und deshalb möchte ich neben dem Leiter auch ganz herzlich die Bewohnerinnen und Bewohner des Dorfs begrüßen.

Es ist bemerkenswert, was seit 1998 hier entstanden ist. Ich kann mich hier ja auch gleich noch mal umschauen. In den Webtechniken werde ich nicht so eingearbeitet sein, wie das sein müsste, wenn ich die guten Geräte hier benutzen würde. Aber es gibt hier ja ausreichend viele Fachleute und Experten.

Der Name SOS-Kinderdorf täuscht vielleicht ein wenig. Kindern ein zu Hause zu bieten, ist zweifellos das Markenzeichen. Aber der Verein kümmert sich eben um sehr viel mehr. Und ich glaube, Grimmen ist dafür wirklich ein schönes Beispiel. Das Zentrum bildet natürlich die Dorfgemeinschaft für Menschen mit Lernbeeinträchtigung. Daneben – der Ministerpräsident hat es schon gesagt – gibt es auch ein Familienzentrum – das jüngste Projekt – in Grimmen-Mitte. Und es gibt seit geraumer Zeit eine integrative Kita. Dort spielen und lernen Kinder mit und ohne Behinderung – auch eine ganz wichtige Erfahrung.

Grimmen ist ein Beispiel dafür, wie vielfältig sich SOS-Kinderdörfer im ganzen Land engagieren. Es geht um Kinder, Heranwachsende oder Familien. Es geht um Menschen mit und ohne Behinderung. Es geht um Kinderbetreuung, Berufsausbildung, Krisenberatung. SOS-Kinderdörfer helfen in schwierigen Situationen, zeigen neue Perspektiven auf. Und das allerwichtigste ist: Sie zeigen Menschen, dass sie gebraucht werden, dass sie Liebe erfahren, dass man aufeinander angewiesen ist. Und das ist etwas, das man nicht in einer Aufgabenbeschreibung niederlegen kann, sondern das ist eine Einstellung, eine Haltung, ein menschlicher Blick aufs Leben. Und dafür ein ganz, ganz herzliches Dankeschön all denen, die mithelfen, dass das so geschieht und an so vielen Stellen geschieht.

Ihr Engagement reicht ja weit über die Landesgrenzen hinaus. Die internationale Hilfe ist auch ein Markenzeichen des SOS-Kinderdorfvereins. Organisationen in der ganzen Welt werden unterstützt. Und deshalb möchte ich auch daran erinnern, dass Ihre Sorge in diesen Tagen besonders dem SOS-Kinderdorf bei Damaskus gilt. Es ist noch nicht ins Kreuzfeuer der Konfliktparteien geraten, aber man hat Sorge, dass es passieren könnte. Daher will ich hier noch einmal ganz deutlich sagen: Das SOS-Kinderdorf ist eine neutrale zivile Zone, die unter allen Umständen zu schützen ist. Wir denken heute an die, die viel mehr Angst haben müssen als wir, und werden alles tun, was wir können, um ihnen zu helfen.

Syrien steht beispielhaft dafür, dass SOS-Kinderdörfer in vielen Krisen- und Armutsregionen es immer wieder auf sich nehmen, auch unter schwierigsten und gefährlichen Bedingungen zu arbeiten. Sie machen sich sozusagen nicht aus dem Staub, wenn es brenzlig wird. Das ist eine wirklich harte Arbeit; und deshalb möchte ich an dieser Stelle, auch all denen, die außerhalb unseres Landes arbeiten, unter zum Teil sehr schwierigen Bedingungen, ein herzliches Dankeschön sagen.

Das großartige Engagement der SOS-Kinderdörfer ist auch aus Deutschland überhaupt nicht mehr wegzudenken. Sie schaffen für Kinder und Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen Orte der Zuwendung und Geborgenheit. „Benachteiligung abbauen, Chancen schaffen“ – unter dieses Motto haben Sie den heutigen Jahresempfang gestellt. Das ist ein Motto, das Sie nicht nur an die Wand malen, wenn es mal einen Jahresempfang gibt, sondern es leitet Sie durch das ganze Jahr.

Alle Kinder brauchen faire Startchancen. Alle Kinder haben das Recht auf gute Entwicklungsmöglichkeiten; und zwar von Anfang an. Sie sollen nicht nur gesund heranwachsen, sondern sie sollen auch ihre Fähigkeiten entdecken und entfalten können. So wichtig und unverzichtbar das Wirken privater Organisationen wie der SOS-Kinderdörfer auch ist, es entlässt natürlich den Staat nicht aus seiner Mitverantwortung. Und diese nehmen wir als Bundesregierung, für die ich heute spreche, sehr ernst. Der Ministerpräsident hat gesagt, dass die Landesregierung alles daransetzt, dass Mecklenburg-Vorpommern sogar das kinderfreundlichste Land wird. Aus diesem Wettbewerb der Länder will ich mich heraushalten. Aber je mehr sie wetteifern, umso besser für die Kinder in Deutschland.

Wir unterstützen seitens der Bundesregierung auf vielfältige Weise Familien, die es im Leben besonders schwer haben. Wir wollen verbesserte Strukturen für Kinder, Jugendliche und ihre Eltern. Dabei ist einerseits das Thema Bildung sehr wichtig. Dazu gehört, dass diejenigen, denen das Lernen schwerfällt, möglichst frühzeitig die Hilfe und Förderung bekommen, die sie brauchen. Andererseits gilt es, Kinder- und Jugendschutz zu garantieren – in privaten und in öffentlichen Einrichtungen ebenso wie in Familien; denn leider gibt es noch viel zu viel Gewalt auch in Familien.

Dabei geht es um viele Dinge. Es geht um Maßnahmen zur Information, Prävention und notfalls auch Intervention. Es geht darum, für Kinder da zu sein, wenn etwas schiefläuft. Es geht um Beratung, verlässliche Netzwerke, klare gesetzliche Regeln. Ich will an dieser Stelle auch den Jugendämtern ein ganz herzliches Dankeschön sagen. Denn wir vom Bund können zwar viele Gesetze machen, aber wenn nicht vor Ort Menschen sind, die einen Blick für die Menschen in Not haben, dann kann vieles nicht realisiert werden.

Ob Kinderschutz, Kinderrechte oder Chancengerechtigkeit – dafür macht sich, genauso wie staatliche Institutionen, auch der SOS-Kinderdorfverein seit jeher stark; und das nicht nur mit Worten, sondern auch und vor allen Dingen mit Taten. Sie tragen viel dazu bei, dass unsere Gesellschaft ein menschliches Gesicht bekommt – ein Gesicht mit Kinderlächeln.

Für Kinder und Jugendliche ist nämlich eine Gesellschaft nur dann sozial und gerecht, wenn sie wirklich faire Chancen zur Integration bietet, wenn sie gleiche Teilhabemöglichkeiten bietet und wenn sie eine gute Bildung von Anfang an bieten kann. Und das muss eben für jedes Kind gelten – auch für die, bei denen die Eltern nicht so dafür sorgen können, oder für Kinder, die einen besonderen Bedarf an Förderung haben.

Deshalb sprechen wir, nachdem wir auch die UN-Behindertenkonvention unterzeichnet haben, über Inklusion, wenn wir uns für Menschen mit Behinderung einsetzen. Es geht darum, dass möglichst alle in die Mitte unserer Gesellschaft kommen, und nicht darum, Menschen nach Gruppen zu separieren und zwischen den Gruppen überhaupt keinen Kontakt zu haben. Wir wissen, dass es in unserer Gesellschaft solche Tendenzen gibt, nicht nur zwischen Menschen mit und ohne Behinderungen, sondern auch zwischen Jüngeren und Älteren. Wir müssen versuchen, diese Barrieren zu überwinden.

Unser Nationaler Aktionsplan zur UN-Behindertenrechtskonvention von 2011 zeigt Wege auf, wie sich dieses Ziel in eine gelebte Praxis umsetzen lässt. Da gibt es noch viel zu tun. Das habe ich auch neulich auf dem Jahresempfang des Beauftragten der Bundesregierung für Belange behinderter Menschen noch einmal deutlich gemacht. Es geht zuallererst vor allem um Aufmerksamkeit und eine innere Bereitschaft, Hindernisse abzubauen.

Vielleicht kennt der eine oder andere von Ihnen den Kinospot der Bundesregierung, in dem eine bekannte Krimi-Kommissarin verzweifelt versucht, einen Zeugen zu befragen. Dieser schweigt beharrlich. Ein Polizeikollege rät zu mehr Druck, aber der Schlüssel zur Aussage liegt ganz woanders. Der Zeuge ist nämlich gehörlos und kommuniziert nur über Gebärdensprache. Er braucht einen Dolmetscher. Die prägnante Botschaft des kurzen Films lautet: Behindern ist heilbar – also nicht die Behinderung an sich, sondern das gegenseitige Behindern im Alltag.

Wir sollten deshalb stets darauf achten, was jeder einzelne will und braucht – zum Beispiel auch beim Thema Wohnen. Manche Menschen mit Behinderungen bevorzugen einen geschützten Raum, so wie ihn diese Dorfgemeinschaft bietet. Sie brauchen Geborgenheit. Hier können sie sich darauf verlassen, dass immer jemand für sie da ist. Ein geschützter Wohnraum ist aber alles andere als ein abgeschlossener Wohnraum. Zum einen bieten sich innerhalb der SOS-Dorfgemeinschaft die Freiräume, die jeder braucht. Und zum andern bietet der SOS-Kinderdorfverein auch Trainingswohnen oder Betreutes Wohnen außerhalb der Einrichtung an. So werden Wege geschaffen vom geschützten Raum hinein in die Gesellschaft. Das Leitbild ist, dass Menschen mit Behinderung selbstbestimmt in der Gemeinde leben können. In erste Linie bedeutet dies, eine barrierefreie Wohnung zu haben. Dafür müssen wir an vielen Stellen noch die Voraussetzungen schaffen.

Beim Beispiel Arbeit ist es ähnlich. Wir brauchen Werkstätten, wie wir sie hier finden. Für viele Menschen mit Behinderung bietet sich ein solches geschütztes Arbeitsumfeld an; es bietet existenziellen Halt. Aber viele könnten sich auch auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt bewähren. Dazu brauchen sie allerdings faire Chancen. Wir müssen konstatieren, dass nach wie vor Menschen mit Behinderung seltener auf dem ersten Arbeitsmarkt erwerbstätig sind als Menschen ohne Behinderung. Dabei sind viele Menschen mit Behinderung nicht etwa geringer qualifiziert. Der Fachkräfteanteil bei schwerbehinderten Arbeitslosen ist sogar etwas höher als bei nicht schwerbehinderten Arbeitslosen.

Deshalb unterstützen wir schwerbehinderte Menschen auf dem Weg in den regulären Arbeitsmarkt. Dazu dient unsere „Initiative Inklusion“ mit einem Fördervolumen in Höhe von 100 Millionen Euro. Ich glaube, hier liegt noch ein sehr großes Aufgabenfeld vor uns. Ich habe mit unserem Beauftragten für Menschen mit Behinderungen intensiv darüber gesprochen. Einmal im Leben wird die Entscheidung getroffen, ob ein geschützter Arbeitsbereich oder offene Arbeit infrage kommt. Und allzu oft wird aber später nicht wieder der Versuch unternommen, doch noch eine Veränderung zu unternehmen. Auch hierbei geht es also immer wieder darum, neue Wege zu ebnen.

Besonders wichtig ist natürlich die Unterstützung bei der beruflichen Orientierung. Denn von ihr hängt wesentlich ab, wie der Start ins Berufsleben gelingt. Dies berücksichtigt auch unser Gesetz zur Verbesserung der Eingliederungschancen am Arbeitsmarkt. Es ermöglicht, jungen Menschen berufliche Perspektiven aufzuzeigen – und das über verschiedenste Maßnahmen wie Planspiele oder Camps zur Berufsorientierung, die auch Eltern, Lehrkräfte und Betriebe einbinden. Ziel ist dabei stets, den Zugang zum allgemeinen Ausbildungs- und Arbeitsmarkt zu erleichtern und Alternativen zum Eintritt in eine Werkstatt zu bieten.

Dabei muss jeweils entschieden werden, welche Eingliederungshilfe individuell die beste ist. Um diesen Punkt stärker zu betonen, haben Bund und Länder für die nächste Legislaturperiode eine Reform der Eingliederungshilfe vereinbart. Das wird ein dickes Brett, das wir bohren müssen. Es wird hier schon in der ersten Reihe leise gelächelt, weil vielleicht der Glaube noch ein bisschen fehlt. Aber ich glaube, wir brauchen einheitlichere Bedingungen. Wir sollten uns dabei nicht nur über Geld unterhalten, sondern vor allen Dingen auch über die Rahmenbedingungen. Der Wille und der Plan sind jedenfalls erst mal da.

Im Mittelpunkt müssen immer der einzelne Mensch stehen und die Frage, was er für ein selbstbestimmtes Leben braucht. Dabei kommt es neben guten Rahmenbedingungen vor allem auch auf persönliche Nähe und Unterstützung an – gerade auch in den Momenten, in denen man selber vielleicht nicht weiterkommt. Das ist etwas, das staatliche Institutionen eben nicht gesetzlich verfügen können, sondern das bedeutet persönliches Engagement, persönliche Arbeit, Beistand, Einfühlungsvermögen. Solches Engagement ist in seinem Wert für unsere Gesellschaft gar nicht hoch genug zu schätzen. Haben Sie deshalb ganz herzlichen Dank dafür.

Lieber Herr Fromm, liebe Bewohnerinnen und Bewohner, damit Tag für Tag in der Dorfgemeinschaft Grimmen-Hohenwieden alles rund läuft, sind viele helfende Hände gefragt. Manchmal braucht es allerdings auch schlichtweg Geld, um Dinge bewegen zu können – und wenn es zum Beispiel nur darum geht, ein Fahrrad zu reparieren. Deshalb habe ich Ihnen heute von dem, was mir als Bundeskanzlerin zur Verfügung steht, einen Scheck mitgebracht, der eine kleine Unterstützung sein soll für manches Engagement, das Sie vielleicht schon in Ihren Köpfen haben, aber noch nicht sofort realisieren können. Ich hoffe, die anderen Kinderdörfer können es verschmerzen, wenn Grimmen-Hohenwieden vom Kanzleramt heute besonders bedacht wird, denn Sie haben ja auch freiwillig Ihren Empfang hierher gelegt.

All denen ein herzliches Dankeschön, die heute hier sind, die auch zum Teil von weit hergekommen sind – zum Beispiel ein Gast aus Berlin; ich glaube, die junge Dame heißt Jacqueline. Ist das richtig? Ja, sie hatte mich gleich begrüßt. Sie vertritt die Berliner Kinder. Das ist ein hoher Anspruch. Daraufhin habe ich gleich mal gesagt, dass der Ministerpräsident alle Mecklenburgerinnen und Mecklenburger und Vorpommerinnen und Vorpommern vertritt. Aber ich will das jetzt nicht auch noch ausdehnen und sagen, wen ich alles vertrete. Das sind dann zu viele.

Auf jeden Fall ein herzliches Dankeschön dafür, dass wir heute dabei sein können. Alles Gute für Ihre Arbeit. Sie können stolz auf das sein, was sich hier seit 1998 entwickelt hat; das darf man wohl sagen.

Mittwoch, 5. Juni 2013

Seitenübersicht

Beiträge