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Rede von Bundeskanzlerin Merkel bei Festveranstaltung „20 Jahre Kardinal-Höffner-Kreis“

Redner:
Angela Merkel
Gehalten:
Mittwoch, 5. Juni 2013
Ort:
Berlin

in Berlin

Sehr geehrter Herr Staatssekretär, lieber Hermann Kues,
sehr geehrter Herr Weihbischof,
sehr geehrter Herr Prälat Jüsten,
sehr geehrter Herr Hake,
liebe Kolleginnen und Kollegen aus dem Deutschen Bundestag, die sehr zahlreich anwesend sind – aber das kann ja beim Kardinal-Höffner-Kreis auch nicht anders sein –,
liebe Freunde der Katholischen Akademie,
meine Damen und Herren,

als Kardinal Lehmann 1987 Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz wurde, da würdigte er seinen Vorgänger, Joseph Kardinal Höffner, mit den Worten – ich zitiere: „Die Menschen waren dankbar für eine klare Orientierung in einer verwirrten und verwirrenden Zeit.“ Diese Worte zeigen wie gut der Name von Kardinal Höffner zu Ihrem Kreis passt. Ihre Treffen und Ihre Gemeinschaft dienen dazu, sich immer wieder eigener Überzeugungen zu vergewissern, Orientierung zu finden und Orientierung zu geben. Und so verleihen Sie dem katholischen Profil im politischen Alltag – und ich sage: auch ganz speziell in unserer CDU/CSU-Bundestagsfraktion – ein Gesicht und eine Stimme.

Diesem Anspruch stellt sich der Kreis seit 20 Jahren. Deshalb möchte ich herzlich zu Ihrem Jubiläum gratulieren. Diese 20 Jahre scheinen auf den ersten Blick ja ein überschaubarer Zeitraum zu sein. Aber wenn wir uns vergegenwärtigen, was alles in diesen 20 Jahren passiert ist, dann kann man sagen, die Welt hat sich seit 1993 rasant verändert. Deutschland und Europa sind weiter zusammengewachsen. Erkenntnisse, wie die Entschlüsselung des menschlichen Genoms haben neue Grenzfragen des Lebens aufgeworfen. Die digitale Revolution ist in nahezu alle Lebensbereiche vorgedrungen. Wer kann sich heute noch eine Welt ohne Internet vorstellen? Auch die Distanz zwischen den Erdteilen hat sich im Zuge der Digitalisierung und Globalisierung gefühlt verringert. Und dieser Prozess ist noch lange nicht am Ende. Dazu kommen aktuelle Herausforderungen, wie die europäische Schuldenkreise, der demografische Wandel oder unser Weg in ein Zeitalter der erneuerbaren Energien.

Ja, „Orientierung in einer verwirrten und verwirrenden Zeit“ – diese war nicht nur in den 70er und 80er Jahren vonnöten. Jede Zeit scheint ihre Herausforderungen zu haben. Um darin nicht zu versinken, brauchen wir festen Boden unter den Füßen – verlässliche Leitlinien, Werte, Kriterien, die uns bei den vielen Entscheidungen, die wir zu fällen haben, Orientierung und Halt geben. Jeder, der aus unserer Fraktion heute da ist – Gerda Hasselfeldt, stellvertretend für die Fraktionsführung und viele andere –, weiß ja, in wie vielen Gebieten wir jeden Tag Entscheidungen zu treffen haben, wobei wir gar nicht jedes Mal von Anfang an darüber nachdenken können. Jeder muss dies in seinem Umfeld tun.

Verlässliche Leitlinien, Orientierung und Halt – vor diesem Hintergrund lässt sich die Bedeutung des Kardinal-Höffner-Kreises ermessen. Als Forum engagierter Christen geht er der grundsätzlichen Frage nach, wie eine Politik aus christlicher Verantwortung aussehen und gelingen kann. Und dies ist auch mein Thema heute Abend.

Mein Ausgangspunkt ist dabei das christliche Menschenbild. Der Mensch ist – so steht es in der Bibel – von Gott als sein Ebenbild erschaffen und zur Freiheit berufen. In unserem Grundgesetz ist dieses Menschenbild in Artikel 1 mit den Worten verankert: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Jeder Mensch ist einzigartig. Deshalb verbietet sich jedes Bestreben, Menschen nach Gutdünken zu formen – sei es durch Klonen, sei es durch Vorgabe einer bestimmten Lebensweise. Anfang und Ende unseres Lebens stehen unter einem unbedingten Schutz.

Es ist eine Frage der Menschlichkeit, jedem Einzelnen Raum zur Entfaltung zu geben, jedem Einzelnen erst einmal etwas zuzutrauen, bevor man ihm misstraut. Der Mensch ist zur Freiheit geboren – zu einer Freiheit, die mit Verantwortung für sich und für andere einhergeht. Der Theologe und Ökonom Joseph Kardinal Höffner nahm vor allem die Frage nach einer entsprechenden Wirtschaftsordnung in den Blick. Ich zitiere: „Das Sachziel der Wirtschaft besteht in der dauernden und gesicherten Schaffung jener materiellen Voraussetzungen, die dem Einzelnen und den Sozialgebilden die menschenwürdige Entfaltung ermöglichen.“ – Ich weiß nicht, ob man heute noch von Sozialgebilden sprechen würde, aber man sieht, auch die Sprache entwickelt sich. – Dieser Leitlinie folgten auch die Begründer der Sozialen Marktwirtschaft. Sie haben sich zentrale Grundsätze der katholischen Soziallehre und der evangelischen Sozialethik zueigen gemacht. Und deshalb ist die Soziale Marktwirtschaft eine Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, die Eigeninitiative und soziale Verantwortung, Gewinnstreben und Gemeinnützigkeit, privates Unternehmertum und die ordnende Hand des Staates verbindet.

Und ich brauche jetzt nicht, weil ich hier in einem Kreis gebildeter Menschen spreche, von meinem jüngsten Erlebnis des Lesens der Enzyklika Rerum Novarum, was bei mir etwas länger gedauert hat, zu sprechen. Aber hierbei habe ich erfahren, wie die katholische Soziallehre ihren Ursprung gefunden, sich fortentwickelt hat und in Deutschland glücklicherweise auch eine Heimat in Form der Sozialen Marktwirtschaft gefunden hat.

Wettbewerb soll die schöpferische Kraft entfalten zum Wohle aller Bürger. Aber was passiert, wenn die Wirtschaft ihre dienende Funktion aus den Augen verliert? Das haben wir ja gesehen, als die Finanz- und Wirtschaftskrise ihre Wirkung zeigte. Wenn Grundeinsichten der Sozialen Marktwirtschaft verloren gehen, dann schwinden die Selbstregulierungskräfte der Märkte, dann weicht Gemeinwohlorientierung der rücksichtslosen Gewinnsucht, dann steht das Wohl Einzelner über dem Wehe vieler.

Sehr eindrücklich waren dazu die Worte von Papst Franziskus. Er warnt, dass hinter der Finanz- und Wirtschaftskrise im Kern eine Krise des Menschenbildes steht. Er sieht ein Denken überhandnehmen, das – ich zitiere: „den Menschen auf ein einziges Bedürfnis reduziert: den Konsum. Und schlimmer noch, heute wird der Mensch selbst als Konsumgut betrachtet, das man benutzen und wegwerfen kann.“ – Ende des Zitats. Ich glaube, diese Worte müssen jeden aufschrecken, der sich dem christlichen Menschenbild verpflichtet sieht. Eine zentrale Lehre aus der Krise ist daher, dass wirtschaftliches Handeln ohne Zweifel Freiräume braucht, aber ohne die ordnende Hand des Staates, ohne Leitplanken, die die Politik setzen muss, Gefahr laufen kann, den Menschen zu vergessen.

Diese Balance von wirtschaftlicher Freiheit und ordnender Hand des Staates bildet den Kern der Sozialen Marktwirtschaft. Sie bildet im Grunde auch den Kern unserer vielen täglichen politischen Auseinandersetzungen – beispielsweise zwischen Arbeitnehmergruppe und PKM und zwischen den verschiedenen Flügeln innerhalb der Fraktion. Aber genau das ist es ja, was unsere Stärke ausmacht. Wir können mit einem gemeinsamen Leitbild verschiedenste Fragen untereinander austarieren und immer wieder Lösungen dafür finden.

Dies führt uns zu einer nächsten Frage, nämlich nach unserem Verständnis von Wirtschaftswachstum. Wachstum ist unerlässlich für Wohlstand. Wohlstand ist eine wichtige Grundlage für ein menschenwürdiges Leben. Menschliches Leben geht allerdings über die materielle Dimension hinaus. Wenn wir Wachstum mit Wohlstandsmehrung in umfassendem Sinne gleichsetzen wollen, dann muss der rein quantitative Wachstumsbegriff durch einen qualitativen erweitert werden. Das ist im Übrigen ein Gedanke, der die Soziale Marktwirtschaft von Anfang begleitet hat. Ludwig Erhard brachte dies auf den Punkt: „Wohlstand für alle“ – und nicht Wachstum zum Wohle Einzelner.

Aber was nun genau macht ein qualitativ gutes Wachstum aus? Wie bemisst sich Lebensqualität in einer Volkswirtschaft? Die Prioritäten mögen von Region zu Region variieren oder sich im Zeitablauf verändern, aber eines kristallisiert sich doch immer wieder heraus: Ein modernes Wohlstandsverständnis geht über materielle Aspekte hinaus. Für ein glückliches, erfülltes Leben braucht es mehr: Familie und gute Freunde, Gesundheit, eine saubere Umwelt und das eigene Engagement für eine gute Sache. Um einige Gesichtspunkte genauer herauszuarbeiten, hatte ich Experten zum heutigen Internationalen Deutschlandforum eingeladen. Denn von der Politik werden natürlich schlüssige Antworten darauf erwartet, wie Lebensqualität und Fortschritt zu erreichen sind.

Unstrittig dabei dürfte sein, dass die Familie als Keimzelle unserer Gesellschaft besondere Wertschätzung verdient. Kardinal Höffner hat einmal die Worte geprägt: „Auch der Bischof stammt aus einer Familie; und ich weiß, welche Kraft sich hier birgt. Ohne Herkunft keine Zukunft.“ Für die meisten Menschen ist Familie das Wichtigste überhaupt – ein Ort der Geborgenheit, ein Ort der Verlässlichkeit, ein Ort der Unterstützung. Dabei zeigt sich am Beispiel der Familie, was für unsere Gesellschaft insgesamt gilt: Familien sind heute vielfältiger als noch vor einigen Jahren. Aber eines ist unverändert geblieben: Familien leben vom Miteinander und Füreinander. In ihnen übernehmen Menschen dauerhaft gegenseitige Verantwortung. In unserem Programm heißt es: Eltern übernehmen für Kinder dauerhaft Verantwortung und Kinder für ihre Eltern.

In Familien werden soziale Verhaltensweisen geprägt, Werte gelebt und vorgelebt – Werte wie Verantwortung, Rücksichtnahme, Gerechtigkeit, Solidarität; Werte also, auf denen auch der Zusammenhalt unserer Gesellschaft beruht; Werte, auf die ein Staat baut, auf die er angewiesen ist, ohne sie selbst schaffen zu können. Deshalb gehören Familien und ihre Anliegen ins Zentrum der Politik, in den Mittelpunkt moderner Unternehmenskultur und in den Fokus der gesamten Gesellschaft.

Ich darf wohl sagen, dass die Bundesregierung Familien stärkt. Dabei bedanke ich mich für die Unterstützung im Parlament. Der Vorsitzende des Kardinal-Höffner-Kreises weiß ja, wovon ich spreche. Die Bundesregierung stärkt Familien, indem sie Freiräume eröffnet. Dazu gehört die Möglichkeit, nach der Geburt eine Auszeit zu nehmen – deshalb gibt es das Elterngeld. Dazu gehört die Möglichkeit, für pflegebedürftige Angehörige sorgen zu können, ohne gleich den Arbeitsplatz aufgeben zu müssen – deshalb gibt es die Pflegezeit. Dazu gehört, in jeder Lebensphase selbst entscheiden zu können, wie Familie und Beruf miteinander vereinbart werden – auch dafür haben wir die Grundlagen verbessert.

Dem Grundsatz der Wahlfreiheit, den wir aus vollem Herzen vertreten, müssen aber auch die Wahlmöglichkeiten entsprechen. Deshalb wird es ab August einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz auch für Kinder ab einem Jahr geben. Der Bund hat die Länder und Kommunen dabei sehr unterstützt – bis 2014 mit insgesamt 5,4 Milliarden Euro –, obwohl die Zuständigkeit eigentlich jenseits des Bundes liegt. Aber Familien fragen nicht nach Zuständigkeiten. Sie wollen, dass ihre Probleme gelöst werden. Sie wollen, dass wir uns zwischen unseren verschiedenen staatlichen Ebenen einigen, damit sie ihr Lebensmodell verwirklichen können. Wir müssen das in unser politisches Handeln viel mehr einbeziehen. Maria Böhmer als Staatsministerin weiß auch, wovon ich spreche. Wir müssen Lösungen finden – dafür sind wir Politikerinnen und Politiker. Die Menschen müssen ihre Wahlfreiheit leben können.

Eine andere Wahlmöglichkeit bietet das Betreuungsgeld. Damit unterstützen wir Eltern, die ihr Kind in den ersten Lebensjahren zu Hause betreuen möchten. Entscheiden sich beide Elternteile für eine Rückkehr in den Beruf, sind sie auf die Flexibilität ihres Arbeitsumfelds angewiesen. Die Lebensqualität von Familien hängt wesentlich von der frei verfügbaren Zeit ab. Deshalb wird auch der Faktor Zeit in unserer Politik eine immer größere Rolle spielen. Unsere „Charta für familienbewusste Arbeitszeiten“ und unser Unternehmensprogramm „Erfolgsfaktor Familie“ haben bereits für ein Umdenken auf vielen Führungsetagen gesorgt. Gemeinsam mit Arbeitnehmern wird nach kreativen Antworten gesucht, um familiären und beruflichen Pflichten gleichermaßen gerecht werden zu können.

Auch außerhalb der Berufswelt ist im Alltag Kreativität gefragt, um Bedürfnisse von Familien besser berücksichtigen zu können – z.B. bei Öffnungszeiten von Kinderarztpraxen, Ämtern und Behörden oder bei Nahverkehrsangeboten. Da gibt es viele praxistaugliche Beispiele, wie etwa ein Rufbus-System in Sachsen-Anhalt, das, wenn Kinder zum Beispiel in den Kindergarten oder in die Kindertagesstätte zu fahren sind, Familienbedürfnissen entgegenkommt. Vieles ist machbar. Familien spüren genau, wie willkommen sie in einer Gemeinde sind. Davon machen sie im Übrigen zum Teil auch ihre Wohnortentscheidung abhängig. Deshalb ist die Frage „Wie gehe ich mit Familien um?“ auch eine Frage der Zukunftsfähigkeit der Kommunen. Diese Frage wird angesichts unserer demografischen Herausforderungen weiter an Bedeutung gewinnen.

Offene Türen für jedes Kind muss gewiss auch unser Bildungssystem bieten. Bildung ist der Schlüssel für ein eigenverantwortliches Leben und für gesellschaftliche Teilhabe. Für uns muss es heißen: Jedes Talent zählt. Daher gilt es auch, Kindern und Jugendlichen aus schwierigen Verhältnissen unter die Arme zu greifen. Dafür haben wir Bildungs- und Teilhabepakete für Kinder aus sozial schwachen Familien entwickelt. Dafür engagieren wir uns gemeinsam mit der Wirtschaft im Rahmen des Ausbildungspakts. Und dem dient auch unsere Initiative „Bildungsketten bis zum Ausbildungsabschluss“. Denn bei Bildung gilt genau wieder das, was ich zu Familien gesagt habe. Familien wandeln unentwegt, je nach Alter der Kinder, zwischen den staatlichen Zuständigkeiten. Das interessiert sie aber nicht besonders, sondern sie möchten, dass auf die Bedürfnisse der Kinder eingegangen wird.

Es freut mich natürlich, dass wir es geschafft haben, Verbesserungen in allen Bildungsbereichen zu erreichen. Weniger Schulabgänger verlassen die Schule ohne Abschluss. Weniger Jugendliche bleiben ohne Ausbildungsplatz. Das Schulabschlussniveau steigt und die Zahl der Studienanfänger liegt auf einem Rekordniveau. Aber ich möchte auch sagen, dass, wie wir in vielen europäischen Ländern erleben, nicht alle studieren müssen. Es ist wirklich auch eine gute Fähigkeit, wenn man eine duale Ausbildung absolviert. Deshalb sind alle Bildungsabschlüsse gleichermaßen willkommen.

Das Kapitel Bildung ist aber heute kaum im Alter von 20, 25 oder auch 30 Jahren zu beenden. Das ist ein weiterer großer Unterschied zu früher. Lebenslanges Lernen erweist sich vielmehr als Kennzeichen einer vitalen Gesellschaft im demografischen Wandel. Ich finde, dies ist ein sehr wichtiges Thema, weil es eine große kulturelle Dimension hat. Wir haben Ähnliches in den neuen Bundesländern nach der deutschen Wiedervereinigung erlebt, als plötzlich Jüngere den Älteren Umschulungen anbieten konnten. Das wird künftig immer mehr zur täglichen Erfahrung. Wer sich der Digitalisierung nicht verweigern will und erklärt, dass er damit besonders modern ist, der muss sich auch darauf einstellen, dass er nur noch Jüngere findet, die besser sind als er selber. Ich mache diese Erfahrung auch dauernd, aber überlebe sie auch.

In einem Impulspapier zur chancengerechten Gesellschaft hat die Deutsche Bischofskonferenz zu Recht unterstrichen, dass sich dem Einzelnen nicht nur einmal, sondern immer wieder Wege eröffnen müssen; und das muss sich auch in der Bildung widerspiegeln. Es ist nicht so, dass man einmal nach der Kindheit die Tür aufmacht und dann geht der Weg geradeaus weiter, sondern es müssen immer wieder neue Wege möglich sein. Religionsgemeinschaften und insbesondere die Kirchen nehmen sich ja auch dieser Aufgabe an. Dass wir heute in der Katholischen Akademie sind, ist kein Zufall. Denn die Katholische Akademie ist nun wirklich ein Ort, an dem man sich dieser Aufgabe stellt. Herzlichen Dank dafür.

Religiöse Bildung allerdings geht über reine Wissensvermittlung hinaus. Sie ist eine Gewissens- und Herzensbildung. Ich glaube, es ist ganz wichtig, dass wir diese Form der Bildung nicht vernachlässigen. Dabei geht es nicht nur um den Religionsunterricht, sondern auch um eine Art Bildung für alle in der Gesellschaft. Und wer dafür Verantwortung übernimmt, der bereit ist, sich dieser Gewissens- und Herzensbildung zu widmen, gewinnt die besondere Anerkennung unserer Gesellschaft.

Kirchen bieten Heimat, sie bieten Gemeinschaft, sie geben Halt und Orientierung, sie schenken Kraft und Hoffnung. Und das macht sie für den gesellschaftlichen Zusammenhalt so wichtig und einzigartig. Es gibt Bereiche, die Politik nicht ersetzen kann. Deshalb sind wir darauf angewiesen, dass Kirchen auch das Äußerste tun, um in die Welt zu gehen und immer wieder Menschen mit Gewissens- und Herzensbildung zu überzeugen. Ich finde das sehr wichtig und möchte auch dazu ermuntern. Wir sind hier in einem ehemaligen Ostteil der Stadt. Wenn man sich anschaut, wie viele Menschen heute keinen natürlichen Zugang mehr zu Religion, zu Kirchen und zur Gewissens- und Herzensbildung haben, dann müssen wir sicherlich auch über neue Wege sprechen, wie wir Menschen erreichen können, wie ihnen die Angst davor genommen werden kann, dass sie etwas nicht wissen, dass sie vielleicht nicht so bibelkundig sind, wie die, die seit dem fünften oder sechsten Lebensjahr eine kirchliche Unterweisung erfahren, und trotzdem herzlich willkommen sind. Ich möchte uns alle dazu ermuntern.

Wenn ich vom gesellschaftlichen Zusammenhalt und von Gemeinschaft in den Kirchen spreche, dann verweise ich auch auf die vielen Menschen, die ja auch auf Netzwerke angewiesen sind und außerhalb von Familien Unterstützung brauchen. Es geht um Ältere, es geht um Alleinlebende – deren Zahl wächst bei uns in Deutschland ständig. Das steigende Durchschnittsalter, das ein Effekt des sogenannten demografischen Wandels ist, hat ja zwei Seiten. Es gibt einerseits immer mehr hilfe- und pflegebedürftige Menschen. Andererseits erhöht sich auch die Zahl derer, die lange gesund sind, die sich engagieren wollen und jenseits des Arbeitslebens noch eine lange Phase haben, in der sie sich auch in die Gesellschaft einbringen können – nicht müssen, aber können. In jedem Fall gewinnt die Lebensphase des Alters weiter an Bedeutung. Es ist eine vollständig neue Lebensphase, die wir in früheren Jahrzehnten so nicht hatten.

Und deshalb sind auch hier die Worte von Kardinal Höffner sehr wichtig, der zu bedenken gab: „Es genügt nicht, unserem Leben mehr Jahre zu geben, wir müssen den Jahren mehr Leben geben.“ Da ist natürlich jeder einzelne selber gefragt, die Lebensjahre nach dem Erwerbsleben zu gestalten. Staat und Gesellschaft können aber helfen, die Chancen zu verbessern, sich auch als älterer Mensch einzubringen. Deshalb sind die Schaffung und das Erlebnis des Bundesfreiwilligendienstes eigentlich eine der spannenden Erfahrungen in dieser Legislaturperiode. Wenn Sie mich am Ende der letzten Legislaturperiode gefragt hätten, was passieren würde, wenn es den Zivildienst nicht mehr gäbe, hätte ich gesagt, dass es eine Katastrophe wäre und nicht gelingen würde. Die Wehrpflicht wurde schon fast nur noch unter dem Aspekt betrachtet, was deren Aussetzung für den Zivildienst bedeuten würde. Und als es dann soweit war, dass wir uns entschieden haben, aus verteidigungs- und sicherheitspolitischen Gründen die Wehrpflicht auszusetzen, standen wir vor einer neuen Herausforderung. Wir haben den Bundesfreiwilligendienst geschaffen; und wir haben ihn für alle Altersgruppen geöffnet.

„Den Jahren mehr Leben geben“ – das bedeutet, dass man sich dann noch engagieren kann. Unsere Erfahrung ist, dass ausreichend viele Menschen beim Bundesfreiwilligendienst mitmachen wollen. Nicht ausreichend hingegen – ich weiß nicht, ob jemand aus dem Haushaltsausschuss da ist – ist das Geld, um alle Bewerber anzunehmen. Wir haben interessanterweise einen hohen Anteil an Menschen in höherem Alter, jenseits des klassischen Zivildienstalters, die von der Möglichkeit des Bundesfreiwilligendienstes Gebrauch machen.

„Den Jahren mehr Leben geben“ – das bedeutet aber auch, im Alter ein Leben in Würde führen zu können. Die Bundesregierung hat ein Konzept zur Förderung eines selbstbestimmten Lebens im Alter entwickelt. Es reicht von der Gesundheitsförderung bis zum altersgerechten Wohnungsumbau – im Übrigen eine Riesenaufgabe, vor der wir stehen. Denn die meisten Menschen wünschen sich, solange wie möglich in ihrer gewohnten Umgebung zu leben. Diese Themen sind Teil unserer Demografiestrategie, die Antworten auf den Wandel der Bevölkerungsstruktur bündelt. Wir haben einen breiten gesellschaftlichen Dialogprozess darüber begonnen. Und es freut mich sehr, wenn sich auch die Kirchen in diesen Prozess einbringen, denn er wird uns viele Jahre begleiten.

Wir bekommen ja oft gar nicht so richtig mit, wenn wir nicht außer Landes reisen, was woanders los ist. Als neulich der Staatspräsident von Niger bei mir war und mir erklärte, dass 75 Prozent seiner Bevölkerung unter 25 Jahre alt sind, habe ich erst mal begonnen, nachzuforschen, wie viel Prozent der Bevölkerung bei uns unter 25 Jahre alt sind. Es sind geschlagene elf Prozent. Da sehen Sie die unterschiedliche Perspektive. Wir können uns vielleicht mit einer anderen Geschichte, die ich auch schon öfters erzählt habe, trösten. Als ein Asylbewerber aus Äthiopien mit seiner Mutter telefonierte, sorgte sie sich, ob es ihm im Winter hier zu kalt sei, worauf er antwortete: Nein Mutter, damit komme ich klar; aber eines wollte ich dir noch sagen: Hier könntest du gut auf einer Bank im Freien sitzen, hier fallen Ältere nicht auf. Eine wahre Begebenheit; das habe ich mir nicht ausgedacht.

Meine Damen und Herren, wenn wir uns Gedanken über Zusammenhalt und Gerechtigkeit machen, um daraus Schlussfolgerungen zu ziehen, dann gilt dies ebenso mit Blick auf kommende Generationen. Auch sie haben einen Anspruch auf ein Leben in Würde. Sie sollten nicht weniger Chancen als wir heute haben. Die Deutsche Bischofskonferenz hatte unter Leitung von Kardinal Höffner gemahnt – ich zitiere: „Verantwortung des Menschen für die Schöpfung ist Verantwortung dafür, das Erbe zu hüten und nicht anstelle eines Gartens eine Wüste zu hinterlassen.“

In der Tat liegt es an uns, was wir unseren Kindern vererben und was wir auf Kosten der Zukunft verbrauchen – sowohl im Haushaltsbereich als auch im Bereich der Ressourcen. Es liegt an uns, wie wir wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, Umweltschutz und soziale Verantwortung in ein neues Gleichgewicht bringen. Darin liegt der Kern von Nachhaltigkeit, an der wir unser politisches und auch unser wirtschaftliches Handeln messen müssen.

Das Nachhaltigkeitsprinzip, das, in der deutschen Forstwirtschaft geprägt, in diesem Jahr übrigens 300 Jahre alt wird, bedeutet nichts anderes, als dass wir nicht über unsere Verhältnisse leben dürfen. Wir sollen nicht mehr ausgeben, als wir erwirtschaften. Damals, vor 300 Jahren, ging es um die Zukunft des Silberbergbaus. Zum Einschmelzen der Erze brauchte man Holz, was erheblichen Kahlschlag nach sich zog. Deshalb sollte nicht mehr Holz eingeschlagen werden, als nachwachsen konnte. Das dahinter stehende Prinzip leitet uns auch heute in unserer politischen Arbeit.

Die Schöpfung zu nutzen, ohne ihren Wert für künftige Generationen zu mindern – darauf zielt auch unsere Energiewende ab. Sie fußt auf dem Ausbau von erneuerbaren Energien und der Steigerung von Energieeffizienz. Wir wissen, dass wir damit einen Schritt wagen, der auch international aufmerksam verfolgt wird. Wir wissen auch, dass wir noch schwierige Diskussionen vor uns haben. Aber ich glaube, die Worte von Kardinal Höffner sollten uns ermutigen, dass wir das auch schaffen. Und ich glaube, wir können erleben, dass eine CO2-arme Entwicklung keineswegs Verzicht auf Wohlstand bedeuten muss. Wir haben es ja zum Beispiel schon geschafft, CO2-Emissionen vom Wirtschaftswachstum zu entkoppeln. Wir müssen es noch schaffen, den Flächenverbrauch vom Wachstum zu entkoppeln.

Nachhaltigkeit hat viele Facetten. Sie ist eine Querschnittsaufgabe, die jedes politische Ressort betrifft. Der Gedanke der Nachhaltigkeit wird auch weiter an Bedeutung gewinnen. Davon bin ich zutiefst überzeugt. Mit der Globalisierung wird es auch für uns alle und nicht nur für Experten der Entwicklungspolitik immer natürlicher und selbstverständlicher, dass wir unser eigenes Leben nicht denken, ohne auch auf das Leben anderer zu schauen. Wir sehen ja auch an Flüchtlingsströmen und Konflikten, wie eng wir miteinander verbunden sind. Es gibt also politische Herausforderungen zur Genüge.

Ich möchte schließen mit einem Dank an die CDU/CSU-Bundestagsfraktion dafür, dass sie sich, insbesondere Volker Kauder gemeinsam mit anderen, das Thema Christenverfolgung auf die Fahne geschrieben hat. Wir haben diese Frage zum ersten Mal auch in unsere außenpolitischen Grundsätze der Koalition aufgenommen. Das sind nicht nur Worte; diese werden auch durch praktische Arbeit gelebt. Wir fordern zu Recht ein, dass die Freiheit der Christen genauso ein Grundrecht ist, wie die Freiheit aller anderen Religionen.

Meine Damen und Herren, zum Glück befähigt der christliche Glaube nicht nur zur Freiheit in Verantwortung. Er stiftet auch Vertrauen und Zuversicht, neue Herausforderungen bewältigen und lösen zu können. Wir sind ja jeden Tag daran, das zu tun. Manch einer findet, dass manches zu langsam gehe. Manch einer findet, dass man hinterm Rücken zu schlecht übereinander spreche. Aber der gute Wille ist da; und insofern sind wir auf dem rechten Weg. Das hängt damit zusammen, dass uns ein innerer Wertekompass mitgegeben ist, an dem wir uns ausrichten und aufrichten können. Das ist ein Geschenk, das Sie und uns auch in den kommenden Jahren begleiten möge – ein Geschenk, das wir hoffentlich reichlich und richtig zu nutzen verstehen; ein Geschenk, dessen man sich nicht nur an runden Geburtstagen wie heute erfreuen soll.

Aber selbstgenügsam ist der Kardinal-Höffner-Kreis nicht; das habe ich noch nicht erlebt. Insofern wünsche ich den Mitgliedern des Kardinal-Höffner-Kreises eine glückliche Hand auch für das weitere Engagement, Politik aus christlicher Verantwortung mit uns gemeinsam zu gestalten. Recht herzlichen Dank, Hermann Kues und allen anderen Mitstreitern. Auf eine gute Zukunft, auf gute weitere 20 Jahre.

Herzlichen Dank.

Montag, 10. Juni 2013

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