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Rede von Kulturstaatsminister Bernd Neumann anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „Napoleon und Europa. Traum und Trauma"

Redner:
Bernd Neumann
Gehalten:
Donnerstag, 16. Dezember 2010
Ort:
Kunst- und Ausstellungshalle, Bonn

In seiner Rede in der Bonner Kunst- und Ausstellungshalle betonte Staatsminister Bernd Neumann: "Napoleon gehört nicht nur zu Frankreich. Er ist vielmehr ein Teil unserer gemeinsamen europäischen Geschichte. Wir müssen ihn heute jenseits von Vorurteilen und nationalen Stereotypen betrachten und hinterfragen, und genau dies leistet die Ausstellung ´Napoleon und Europa. Traum und Trauma´."

- Es gilt das gesprochene Wort. -

Anrede,

Deutschland und Frankreich sind historisch auf vielfältige Weise miteinander verbunden und heute wichtige und tonangebende Partner im neuen Europa. Es ist fast so etwas wie ein Beleg für dieses Aussage, dass Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel und der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy, die beiden Schirmherren der Ausstellung „Napoleon und Europa“, heute aufgrund eines gemeinsamen Termins mit allen EU-Länderchefs nicht hier sein können, weil sie in Brüssel die Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise bewältigen wollen. Darum heiße ich Sie zur Eröffnung hier in Bonn gerne im Namen der Bundesregierung willkommen.

Neben der Wirtschaft spielt vor allem auch die Kultur eine zentrale Rolle in der Beziehung der europäischen Staaten. Das gilt insbesondere für Frankreich und Deutschland. Im Februar dieses Jahres haben darum mein französischer Amtskollege Frédéric Mitterrand und ich beim deutsch-französischen Ministerrat in Paris beschlossen, im Rahmen der Agenda 2020 dem gemeinsamen deutsch-französischen Kulturraum in Europa noch mehr Gewicht zu verleihen. Diesem Ziel dienen u.a. die bessere Vernetzung bei der Digitalisierung unseres Kulturerbes sowie eine Fülle von Kooperationsprojekten in Bereichen wie Film und zeitgenössischer Kunst. Auch die Ausstellung, die wir heute Abend eröffnen, gehört dazu.

Nun ist Napoleon auf den ersten Blick nicht unbedingt die erste Wahl, wenn man eine geeignete Gallionsfigur für gute deutsch-französische Beziehungen sucht! Mit Sicherheit ist er eine der ambivalentesten Herrschergestalten der Neuzeit: Er gilt als Totengräber des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation – zugleich war er entscheidender Geburtshelfer des entstehenden Deutschlands. Unter der Herrschaft Napoleon Bonapartes wurden in der historisch kurzen Zeitspanne zwischen 1799 und 1815 die Ideen der französischen Revolution und der Aufklärung nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa verbreitet. Mit dem Code Napoléon legte er den Grundstein für die, unser Demokratieverständnis prägenden, rechtsstaatlichen Prinzipien. Mit dem im Zuge seiner Eroberungen erwachenden Nationalbewusstsein und der nachfolgenden Entstehung von Nationalstaaten wurde aber gleichzeitig auch ein Keim für die aus nationalistischen Auswüchsen erwachsenden späteren kriegerischen Auseinandersetzungen gelegt.

Bei den Zeitgenossen folgten auf die hohen Erwartungen, die von den Idealen der Französischen Revolution getragen wurden, die tiefen Enttäuschungen von aggressiver Eroberungspolitik und Machtanspruch: es folgte auf den Traum das Trauma. Das empfanden vor allem jene besonders schmerzlich, die große Hoffnung in ihn gesetzt hatten. So beschloss Beethoven, seine 3. Sinfonie, die „Eroica“, entgegen seinem Plan doch nicht Napoleon zu widmen, nachdem dieser sich selbst zum Alleinherrscher gekürt hatte. Dennoch verarbeitete Beethoven in seinem Werk die Spannung zwischen französischen Revolutionsidealen und deutschem Patriotismus – und schuf damit ein Stück europäischen Kulturerbes.

Bis heute sind die Urteile über den „Empereur des Français“ ebenso widersprüchlich und zahlreich wie die über ihn erschienenen Werke. Darum bleibt die Auseinandersetzung mit Napoleon Bonaparte auch heute aktuell – und zeigt jeweils andere und auch neue Facetten. Dabei gehört Napoleon nicht nur zu Frankreich. Er ist vielmehr ein Teil unserer gemeinsamen europäischen Geschichte. Wir müssen ihn heute jenseits von Vorurteilen und nationalen Stereotypen betrachten und hinterfragen, und genau dies leistet die Ausstellung „Napoleon und Europa. Traum und Trauma“. Sie veranschaulicht erstmalig in umfassender Weise nicht nur die Person und Taten Napoleons, sondern vor allem auch die von ihm ausgelösten Entwicklungen in Politik, Wirtschaft, Verwaltung, Wissenschaft und Kultur.

„Napoleon und Europa“ setzt die Reihe der großen internationalen kulturhistorischen Themenausstellungen der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland fort. Es sind solche Ausstellungen, die ihren hervorragenden Ruf begründen, und die die Kunst- und Ausstellungshalle zu einem gesuchten internationalen Kooperationspartner machen. So wird die Napoleon-Ausstellung anschließend vom Musée de l'Armée in Paris übernommen und damit die erste umfassende Napoleon-Ausstellung in Frankreich seit über 40 Jahren sein.

Es gibt nicht viele Häuser in Deutschland, die die Kapazität haben, kulturhistorische Großausstellungen wie diese zu realisieren. Sie sind Markenzeichen und ein Alleinstellungsmerkmal der Kunst- und Ausstellungshalle. Was mich aber vor allem freut, ist die Tatsache, dass hier an frühere Erfolge angeknüpft wird. Das Flaggschiff der Kulturpolitik des Bundes hier in Bonn, dass wir mit jährlich 16 Millionen Euro fördern, befindet sich wieder in sicherem Fahrwasser. Es waren keine einfachen Zeiten, in denen wir aufgrund berechtigter Monita des Rechnungshofes tätig werden mussten.

Deshalb möchte ich mich an dieser Stelle herzlich bedanken bei dem Team um Dr. Fleck und Dr. Spieß – zum einen für den erfolgreichen Konsolidierungskurs, zum anderen dafür, dass sie gleichzeitig zu neuen Ufern aufbrechen. Ich danke Ihnen, lieber Herr Dr. Fleck, sowie den beiden Kuratoren, für diese Napoleon-Schau, die den großen Wurf wagt und damit der guten Tradition der Kunst- und Ausstellungshalle gerecht wird.

Donnerstag, 16. Dezember 2010

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