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Rede von Kulturstaatsminister Bernd Neumann anlässlich der Eröffnung der Ausstellung "Wir sind das Volk: Freiheitsbewegungen in der DDR 1949-1989"

Redner:
Bernd Neumann
Gehalten:
Mittwoch, 4. November 2009
Ort:
Ahnensaal des Rastatter Schlosses

In seiner Rede in der Erinnerungsstätte für die Freiheitsbewegungen in der deutschen Geschichte des Bundesarchivs in Rastatt ging Bernd Neumann auf die Wichtigkeit der Auseinandersetzung mit der DDR-Vergangenheit ein und erinnerte daran, wie schwer es war, Freiheit, Demokratie und Einheit in Deutschland zu erringen und fest zu verankern.

- Es gilt das gesprochene Wort. -
 
Anrede,
das Jahr 2009 ist ein außerordentliches Jahr für uns Deutsche: Wir feiern den 20. Jahrestag des Mauerfalls und das 60-jährige Bestehen der Bundesrepublik. Diese Jubiläen geben uns Anlass, uns umzusehen und das Vergangene in Bezug zur Gegenwart zu setzen. Dabei müssen wir uns immer unserer historischen und politischen Verantwortung für Krieg und Gewaltherrschaft bewusst sein: in wenigen Tagen werden wir der Pogromnacht am 9. November 1938 gedenken. Ein knappes Jahr später entfesselte Deutschland mit dem Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg. Die dann folgenden sechs Jahrzehnte bilden eine beispiellose Epoche in der deutschen Geschichte.

Sie ist – allerdings in den ersten 40 Jahren begrenzt auf die Bundesrepublik, die sich aus den drei vormaligen westlichen Besatzungszonen gebildet hatte – gekennzeichnet durch ein Zusammenleben in Frieden, in einer stabilen, freiheitlichen Demokratie, in einem funktionierenden rechtsstaatlichen System mit weitreichenden materiellen Sicherheiten. In diesem Jahr können wir nun stolz sein auf insgesamt 60 Jahre Bundesrepublik, davon 20 Jahre wiedervereint. Doch sollten wir über unserer Freude nicht vergessen, wie schwer es war, Freiheit, Demokratie und Einheit in Deutschland zu erringen und fest zu verankern.

Es ist die Aufgabe der „Erinnerungsstätte für die Freiheitsbewegungen in der deutschen Geschichte“ – hier im Bundesarchiv in Rastatt – uns auf die Vorgeschichte unserer heutigen Gesellschaftsordnung aufmerksam zu machen, uns daran zu erinnern, wie viele Anläufe nötig waren und wie viele Menschen ihr Leben für unsere Freiheit geopfert haben. Trotz vieler mutiger Freiheitskämpfer in der Vergangenheit konnte sich die Demokratie in Deutschland lange nicht aus eigener Kraft durchsetzen und sich auf Dauer etablieren. Erst der Zusammenbruch nach dem Zweiten Weltkrieg half den freiheitlichen Hoffnungen und Sehnsüchten endgültig zum Durchbruch, wenn auch erst einmal nur in einem Teil unseres Vaterlandes.

Die Erinnerungsstätte Rastatt veranschaulicht dieses jahrhundertelange Ringen der Deutschen um Freiheit und Einheit. Nach dem Willen ihres Gründers Gustav W. Heinemann ist es ihr Auftrag, „bestimmte Bewegungen in unserer Geschichte, die unsere heutige Demokratie vorbereitet haben, aus der Verdrängung hervorzuholen und mit unserer Gegenwart zu verknüpfen“. Der Besucher soll hier erkennen, dass das Grundgesetz von 1949 eigenständige deutsche Wurzeln hat und wir heute an eine demokratische Tradition anknüpfen, die älter ist als 60 Jahre Bundesrepublik. Erst nach 1945 wurden die Revolutionäre des 19. Jahrhunderts zunehmend als das begriffen, was sie waren: Vorkämpfer unserer heutigen Gesellschaftsordnung. Die zurückliegenden Freiheits- und Einheitsbewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts gehören zu den positiven Kapiteln der Deutschen Geschichte, die es eben auch gab.

Nun feiern wir in diesem Jahr noch ein zweites Jubiläum: 20 Jahre Mauerfall. Friedliche Revolutionäre in der DDR haben im Herbst 1989 die SED-Diktatur und wenig später die Mauer zu Fall gebracht. Sie haben sich durch ihr mutiges Aufbegehren gegen Unfreiheit und Bevormundung ein Leben in Freiheit und Demokratie erkämpft, noch dazu ohne jedes Blutvergießen – friedlich. Welch ein Finale des 20. Jahrhunderts, das geprägt war von zwei Weltkriegen, der NS-Terrorherrschaft, dem Holocaust und der SED-Diktatur!

Die friedliche Revolution von 1989/90 hat die Wiedervereinigung Deutschlands in Frieden und Freiheit möglich gemacht. Sie ist das erfolgreichste und glücklichste Kapitel der deutschen Demokratiegeschichte. Sie hat Wirklichkeit werden lassen, wovon die Demokraten von 1848/49 geträumt haben: Einen Rechts- und Verfassungsstaat in nationalen Grenzen, der die Freiheitsrechte aller Deutschen schützt.

Von besonderer Bedeutung ist, dass sich die deutsche Einheit in Übereinstimmung mit unseren europäischen Nachbarn vollziehen konnte und damit auch die Spaltung Europas überwunden wurde. Dazu beigetragen haben auch die Solidarnosc in Polen, die Öffnung der ungarisch-österreichischen Grenze, die Treue der Vereinigten Staaten und der Reformkurs von Michael Gorbatschow. Und schließlich war es auch das beherzte Handeln von Helmut Kohl und das Vertrauen, das er in Ost und West genoss.

Wenn wir wollen, dass unsere Bürgerinnen und Bürger trotz manch enttäuschter Erwartungen zur Demokratie stehen und von ihren Vorzügen überzeugt sind, müssen sie – gerade wenn sie jünger sind – wissen, was es heißt, in einer Diktatur zu leben. Besonders alarmierend ist, wie wenig unsere Jugendlichen von der SED-Diktatur und ihrer Menschenfeindlichkeit wissen. Zahlreiche aktuelle Studien belegen eine erschreckende Unkenntnis. So ist nach einer Untersuchung der Humboldt-Universität von Gymnasiasten und Gesamtschülern fast ein Drittel der Auffassung, dass die Stasi ein Geheimdienst war, wie ihn jeder demokratische Staat heute auch besitzt, 34 Prozent wissen nur noch, dass die Berliner Mauer von der DDR gebaut wurde und 38 Prozent, dass die DDR eine Diktatur war.

Diese erschreckenden Aussagen stehen in einem Zusammenhang mit zunehmenden Tendenzen, die DDR zu verklären und zu verharmlosen. Wenn DDR-Kochbücher, DDR-Kartenspiele, DDR-Musik-CDs den Markt erobern, so mag das oberflächlich als ein Beleg dafür gelten, dass es in der DDR einen Alltag gab, in dem sich einzelne so gut wie möglich einzurichten versuchten. Bei näherem Hinsehen erkennen wir deutlich die Gefahr, dass solche Entwicklungen die DDR ein Stück verklären, indem sie den Käufern suggerieren, es hätte sich doch gut leben lassen, damals in der DDR.

Ich bin dem Bundesarchiv, namentlich Ihnen, lieber Herr Professor Weber, dankbar, dass Sie mit der neuen Ausstellung in der Rastatter Erinnerungsstätte einen Ort der Auseinandersetzung mit der DDR-Vergangenheit geschaffen haben, der Unrecht klar benennt und den Freiheitskampf als solchen erfahrbar macht. Was mir darüber hinaus besonders wichtig ist: Die Erinnerung an 40 Jahre DDR ist keine allein ostdeutsche Angelegenheit. Hier, im Südwesten Deutschlands, war die Grenze zur DDR weit entfernt – räumlich und auch mental. Doch die Geschichte der DDR darzustellen und aufzuarbeiten ist eine gesamtdeutsche Aufgabe.


Wir müssen dafür Sorge tragen, dass das Wissen über beide Epochen deutscher Geschichte die Bereitschaft schafft, sich aktiv für Freiheit und Demokratie  einzusetzen. Und wir müssen gerade den Jüngeren jene positiven Traditionen in der deutschen Geschichte aufzeigen, an die es anzuknüpfen gilt, auf die wir stolz sein können. Nur so können Einigkeit und Recht und Freiheit für alle Zeiten bewahrt werden. Dem Bundesarchiv danke ich für sein Engagement und wünsche der erweiterten Rastatter Ausstellung viele interessierte Besucher.

Mittwoch, 4. November 2009

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