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Rede von Kulturstaatsminister Bernd Neumann anlässlich der Eröffnung der Gedenkstätte Esterwegen

Redner:
Bernd Neumann
Gehalten:
Montag, 31. Oktober 2011
Ort:
Gedenkstätte Esterwegen

Staatsminister Bernd Neumann würdigte die besondere Aussagekraft der historischen Orte des Geschehens, die für das Gedenken unverzichtbar sind. Auch dankte er den Zeitzeugen für ihre Bereitschaft, sich den schrecklichen Erinnerungen zu stellen und sie weiterzutragen.

- Es gilt das gesprochene Wort. -

Anrede,

nach nur dreijähriger Aufbauzeit eröffnen wir heute auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrations- und Strafgefangenenlagers Esterwegen die Gedenkstätte zur Erinnerung an die 15 Emslandlager, in denen in den Jahren 1933 bis 1945 über 260.000 Menschen aus ganz Europa inhaftiert waren.

Die Gedenkstätte zeigt exemplarisch die Unerbittlichkeit und das Ausmaß der nationalsozialistischen Verfolgungsmaschinerie. Die Häftlinge mussten härteste Arbeit bei der Kultivierung der Moore leisten – sehr viele kamen dabei um. Ihr Lied, das „Lied der Moorsoldaten“ berührt über Generationen und Nationen hinweg zutiefst und ist bis heute weltweit ein Symbol des Widerstands gegen den Nationalsozialismus.

Die Gedenkstätte Esterwegen dokumentiert durch die Schilderung der Schicksale von Inhaftierten nicht nur den Terror und die Verbrechen des Lagersystems am authentischen Ort, sondern führt auch vor Augen, wie sehr die unauslöschliche Erinnerung an den NS-Terror deren späteres Leben prägte. Die Gedenkstätte zeigt sehr eindringlich, wie der lange Schatten des dunkelsten Kapitels unserer Geschichte bis in die Gegenwart reicht. Dabei war es keine leichte Aufgabe, hier einen würdigen und zugleich informativen Ort der Erinnerung und des Gedenkens einzurichten.

Vom ehemaligen Lager-Gelände war durch die Nutzung in den Jahrzehnten nach dem Krieg für andere Zwecke kaum noch etwas zu erahnen. Um den Besuchern 66 Jahre nach Kriegsende die Geschehnisse zu verdeutlichen, musste eine ganz neue Formensprache des Erinnerns entwickelt werden. Ich muss sagen: Das Wagnis hat sich gelohnt! Die Stiftung Gedenkstätte Esterwegen setzt in der Erinnerungsarbeit bundesweit gestalterische Maßstäbe – meinen Glückwunsch an die Architekten und Verantwortlichen hier im Emsland!  

Viele Kräfte haben bei der Entstehung zusammengewirkt – wobei das herausragende bürgerschaftliche Engagement, wie bei so vielen Gedenkstätten in Deutschland, ganz am Anfang stand. Etwas ganz außergewöhnliches ist es jedoch, dass sich hier seit 2007 Franziskanerinnen dem Dienst gegen das Vergessen und für die Menschlichkeit widmen; ein Zeichen dafür, wie eng hier im katholischen Emsland Glaube und gesellschaftliche Verantwortung nach wie vor verknüpft sind.

Von den 5,8 Millionen Gesamtsumme zur Errichtung der Gedenkstätte hat der Bund rund 2,5 Millionen getragen und ist damit der mit Abstand größte Einzelzahler. Ganz besonders möchte ich aber, neben den Leistungen des Landes und der großen niedersächsischen Stiftungen, das hohe Engagement des Landkreises hervorheben – nicht nur finanziell.

Lieber Hermann Bröring, Sie waren über viele Jahre bis heute als unermüdlicher Mentor für die Gedenkstätte Esterwegen tätig; dieser Einsatz eines Landrates, so kann ich Ihnen versichern, ist bei der Gedenkstättenarbeit in Deutschland eher eine Ausnahme. Ich weiß, wie viel es Ihnen auch persönlich bedeutet, dass wir heute zusammen die Gedenkstätte eröffnen können. Heute ist Ihr letzter Arbeitstag. Im Namen der Bundesregierung danke ich Ihnen für Ihren Einsatz. Sie haben sich um die Aufarbeitung der NS-Diktatur und ihrer Folgen verdient gemacht. Für Ihren nächsten Lebensabschnitt wünsche ich Ihnen alles Gute.

Meine Damen und Herren,
ich bin überwältigt davon, dass so viele Überlebende der Emslandlager die beschwerliche, weite Reise auf sich genommen haben, um hier, am Ort der Leiden und der Unmenschlichkeit – gemeinsam mit uns – zu erinnern und zu gedenken. Niemand kann – jemals und auch nur annähernd – wiedergutmachen, was Sie, die Überlebenden, erlitten haben. Sie haben zwar das Lager hinter sich gelassen, werden es aber niemals aus Ihrer Erinnerung löschen können. Wir empfinden tiefe Dankbarkeit für Ihre Anwesenheit am heutigen Tag.

Sie, lieber Henk Verheyen, gehörten zu den „Nacht-und-Nebel“-Gefangenen – einer Gruppe, von denen nur sehr wenige überlebten. Ich danke Ihnen, dass Sie nachher über Ihr Schicksal sprechen werden. Zeitzeugen wie Sie waren und sind es, die immer wieder die Brücke in die Vergangenheit schlagen. Sie waren es auch, die als erste die Erinnerung an die NS-Verbrechen im Emsland wachgehalten und gemahnt haben, die Vergangenheit nicht zu verdrängen. Nichts kann den nationalsozialistischen Terror und seine Konsequenzen für das Leben der Menschen so eindringlich vermitteln, wie Verfolgte, die ihre individuellen Erfahrungen schildern.


Ohne die Zeitzeugen wird es viel schwerer, gerade der jungen Generation begreiflich zu machen, welche Folgen Verblendung, Intoleranz, Hass und Kriegstreiberei haben können – und wie wichtig Zivilcourage und Mut sind.

Ich treffe mich mindestens einmal im Jahr mit Zeitzeugen, die in Konzentrationslagern gelitten haben. Diese Treffen bewegen mich stets sehr. Wenn die Zeitzeugen eines Tages verstummt sein werden, ist es unabdingbar, dass an authentischen Orten wie hier in Esterwegen die Vergangenheit lebendig bleibt.

Dem Erinnern an die Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes und dem Gedenken an seine Opfer kommt in der deutschen Erinnerungskultur nach wie vor eine unvergleichlich hohe Bedeutung zu – jetzt und für alle Zeiten. Es bleibt ständige Aufgabe, die Erinnerung an die Terrorherrschaft des Nationalsozialismus und den Holocaust wachzuhalten, Kausalitäten zu benennen und Schuld einzugestehen.

Die authentischen Orte nehmen einen zentralen Platz in der Gedenkstättenkonzeption des Bundes ein; für deren Erhaltung und Pflege ich die Mittel um 50 % erhöht habe. 2009 wurden die westdeutschen KZ-Gedenkstätten Bergen-Belsen, Neuengamme, Dachau und Flossenbürg in die institutionelle Förderung aufgenommen – zusätzlich zu den vier großen KZ-Gedenkstätten in Thüringen und Brandenburg. Hier in Niedersachsen hat der Bund nicht nur den Ausbau der Gedenkstätten Bergen-Belsen und Esterwegen in Millionenhöhe gefördert, sondern unterstützt derzeit auch die Einrichtung einer Ausstellung zum Lager Sandbostel im Landkreis Rotenburg/Wümme.

Zu den Gedenkstätten im ganzen Bundesgebiet kommen Erinnerungsorte wie das Haus der Wannsee-Konferenz, die „Gedenkstätte Deutscher Widerstand“ sowie die Stiftung „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“, die eng vernetzt zusammenarbeiten.

Es ist unübersehbar, dass sich die Gedenkstättenlandschaft in Deutschland im letzten Jahrzehnt bedeutend ausgeweitet hat. So werden seit rund zwei Jahren verstärkt auch Dokumentationsstätten an so genannten Täterorten gefördert, die sich mit dem Entstehen des nationalsozialistischen Terrors, seiner Ideologie und seinen Akteuren auseinandersetzen. Ich nenne als Beispiele nur die Topographie des Terrors in Berlin, die Erinnerungs- und Dokumentationsstätte Wewelsburg in der Eifel – eine ehemalige SS-Ordensburg - oder das NS-Dokumentationszentrum in München, das derzeit auf dem Gelände der ehemaligen NSDAP-Reichsleitung entsteht.

Meine Damen und Herren,
nur durch die lebendige Auseinandersetzung mit der Vergangenheit können wir zukünftige Generationen befähigen, aktiv für eine demokratische und freiheitliche Gesellschaft einzutreten, die die Minderheiten- und Menschenrechte verwirklicht und Diskriminierungen und Verfolgungen verhindert.
Die Gedenkstätte Esterwegen wird dazu einen wichtigen Beitrag leisten.

Montag, 31. Oktober 2011

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