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Rede von Kulturstaatsminister Bernd Neumann anlässlich der Festveranstaltung zur Wiedereröffnung des „Forum Willy Brandt Berlin“

Redner:
Bernd Neumann
Gehalten:
Dienstag, 19. Juni 2012

"Die Eröffnung heute ist ein wichtiger Tag für Berlin und für die Erinnerung an einen großen Staatsmann!", so Kulturstaatsminister Bernd Neumann in seiner Rede.

- Es gilt das gesprochene Wort. -

Anrede,
für Willy Brandt war es die Erfüllung eines Lebenstraums, den Fall der Berliner Mauer und die deutsche Einheit noch zu erleben, als – wie er es formulierte – „zusammenwuchs, was zusammengehörte“ – mittlerweile ja auch ein geflügeltes Wort. Es ist daher durchaus symbolträchtig, dass das „Forum Willy Brandt“ seine neue Heimat Unter den Linden, in Sichtweite des Brandenburger Tors gefunden hat. Die Eröffnung heute ist ein wichtiger Tag für Berlin und für die Erinnerung an einen großen Staatsmann!

Bis vor zwei Jahren hatte die 1994 gegründete Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung ihren Sitz im Rathaus Schöneberg. Auch für diesen Ort sprach einiges. Dort begann Willy Brandts Karriere im Nachkriegsdeutschland als Politiker, die ihn zu einem Staatsmann nicht nur von nationaler Bedeutung, sondern von internationalem Format werden ließ.

Dort hatte er neun Jahre – von 1957 bis 1966 – seinen Amtssitz als Regierender Bürgermeister, von dort aus führte er die Stadt durch die großen Krisen des Berlin-Ultimatums und des Mauerbaus. Und nicht zuletzt empfing er dort am 26. Juni 1963 Präsident John F. Kennedy, dessen Rede das Rathaus Schöneberg weltweit zu einem Symbol für das geteilte Berlin werden ließ.

Doch die Erfahrung der letzten Jahre zeigte, dass der Ausstellung der Willy-Brandt-Stiftung am Standort Schöneberger Rathaus nicht die gebührende Aufmerksamkeit zuteil wurde. 15.000 Besucher pro Jahr – was an anderen Orten eine Erfolgsgeschichte sein mag, ist für Berliner Verhältnisse einfach zu wenig! Es war darum ein Anliegen, dass ein attraktiverer und einfacher zugänglicher Ort gefunden wurde – insbesondere auch mit Blick auf die vielen ausländischen Besucher Berlins, für die die alte und neue Stadtmitte der Hauptanziehungspunkt ist.

Als Sie, lieber Herr Thierse, vor nunmehr drei Jahren die Idee an mich herantrugen, den Sitz der Stiftung nach Berlin-Mitte, in eine gerade frei gewordene Bundesliegenschaft zu verlegen, habe ich das gerne unterstützt – ideell und vor allem auch finanziell. Die Besucherentwicklung zeigt, dass der Umzug gut und richtig war:

Die Besucherzahl hat sich bereits fast verzehnfacht, von 15.000 auf über 100.000 im Jahr – und das sogar ohne die Dauerausstellung, die wir heute erst mit diesem Festakt hier in der Französischen Friedrichstadtkirche eröffnen. 643.000 Euro an Bundesmitteln sind in die Einrichtung der neuen Ausstellung geflossen, zudem haben wir die jährliche institutionelle Förderung der Stiftung um rund 330.000 Euro auf rund 1,5 Mio. Euro erhöht.

Damit ist die Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung die am finanziell höchsten ausgestattete der fünf Politikergedenkstiftungen. Das hängt auch damit zusammen, dass sie die einzige Einrichtung ist, die über zwei Standorte verfügt. Vor kurzem konnte ich mich im Willy-Brandt-Haus in Lübeck davon überzeugen, wie spannend Zeitgeschichte vermittelt werden kann.

Das Engagement des Bundes bei den fünf Politikergedenkstiftungen, für die mein Ministerium jährlich insgesamt rund 5 Mio. Euro zur Verfügung stellt, dokumentiert die Überparteilichkeit, mit der Persönlichkeiten gewürdigt werden, die für die Geschichte unseres Landes stehen – sie sind Gott sei Dank nicht Spielball der Politik und wechselnder Mehrheiten.

Meine Damen und Herren,
Politik wird im Wettbewerb von weltanschaulichen Überzeugungen, von Macht, von Interessen und Strukturen beeinflusst. Sie wird aber auch – daran kann kein Zweifel herrschen – durch Persönlichkeiten aktiv gestaltet, die dadurch selbst geschichtsmächtig werden.

An solche bedeutenden Politiker zu erinnern, ist eine herausragende staats- und kulturpolitische Aufgabe, die der Bund mit seinen Politikergedenkstiftungen erfüllt. Otto von Bismarck, Friedrich Ebert, Theodor Heuss, Konrad Adenauer und Willy Brandt: Diese Staatsmänner sind historische „Schlüsselfiguren“; sie haben Weichen gestellt und Herausragendes und Bleibendes von nationaler und internationaler Bedeutung geleistet.

Jeder von ihnen hat damit in seiner Zeit – wie übrigens auch alle anderen Bundeskanzler – unverzichtbare Grundlagen für unser Staats- und Gemeinwesen gelegt – und nicht zuletzt auch dafür, dass wir heute in einem geeinten und friedlichen Europa leben können.

Dies gilt in besonderem Maße für Willy Brandt. Er musste miterleben, wie seine Stadt, wie Deutschland geteilt wurde. Nie hat er sich damit abgefunden. Helmut Kohl hat es in seinem bewegenden Nachruf auf Willy Brandt am 17. Oktober 1992 so formuliert: „Willy Brandt hatte keine Scheu, das Wort Vaterland in den Mund zu nehmen. Er gehörte zu einer Generation, die in einem Deutschland aufwuchs, das nicht geteilt war.

Für ihn blieb die Einheit der Nation deshalb auch in den Jahrzehnten der staatlichen Trennung eine Realität.“ Willy Brandt wollte immer auch mit Blick auf die Deutsche Einheit Brücken bauen – über Stacheldraht, Schussanlagen und Mauern hinweg. Die „Politik der kleinen Schritte“ und des „Wandels durch Annäherung“ hat etwas in Bewegung gesetzt, das letztendlich dazu führte, die Wiedervereinigung Deutschlands zu ermöglichen.

Anlässlich des 10-jährigen Bestehens der Kulturstiftung des Bundes, das wir am Freitag in Halle gemeinsam mit der Bundeskanzlerin feiern, ist daran zu erinnern, dass es Willy Brandt war,
der schon 1973 in seiner Regierungserklärung die Gründung einer nationalen Kulturstiftung forderte – damals ein visionäres Projekt, dessen Verwirklichung fast unvorstellbar schien. Sie entstand dann aber schließlich doch im Jahre 2002 – nach fast dreißig Jahren zähen Ringens.

Meine Damen und Herren,
Willy Brandts Lebensweg vermittelt auf ganz besonders eindringliche Art und Weise, dass Demokratie keine Selbstverständlichkeit ist, sondern dass sie errungen, gelebt, gestaltet und auch verteidigt werden will. Ich freue mich, dass diese Botschaft nun am neuen Standort des Forum Willy Brandt vor allem auch an junge Menschen weitergegeben werden kann.

Mein besonderer Dank gilt den Gremien der Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung – dem Kuratorium, dem Vorstand mit dem Vorsitzenden Karsten Brenner und dem Internationalen Beirat – und natürlich allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Stiftung in Berlin und Lübeck. Ich wünsche weiterhin viel Erfolg!

Dienstag, 19. Juni 2012

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