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Rede von Kulturstaatsminister Bernd Neumann anlässlich der Präsentation der Schutzmantelmadonna von Hans Holbein dem Jüngeren in der Michaeliskirche Schwäbisch-Hall

Redner:
Bernd Neumann
Gehalten:
Sonntag, 22. Januar 2012

In seiner Rede hob Staatsminister Bernd Neumann das Thema Kulturgutschutz hervor, bedankte sich für das Engagement von Reinhold Würth und betonte die Notwendigkeit von privatem Einsatz für Kunst und Kultur.

- Es gilt das gesprochene Wort. -

Anrede,
gern bin ich nach Schwäbisch-Hall gekommen, um heute mit Ihnen hier, im Hohenlohischen, den wertvollen Neuzugang für die Sammlung Würth zu feiern.

Lieber Herr Würth, Sie haben nicht nur ein wunderbares Meisterwerk erstanden, sondern mit dem Kauf auch Verantwortung für ein national bedeutendes Kulturgut übernommen. Dass Sie diese Verantwortung ernst nehmen und die Schutzmantelmadonna weiterhin öffentlich zeigen werden, dafür danke ich Ihnen sehr herzlich!

Man kann über Holbeins Madonna – so scheint es – nur im Superlativ sprechen: Sie ist eines der weltweit bedeutendsten Altmeistergemälde und gilt als ein Hauptwerk der Renaissance im Norden. Immer wieder wird sie in einem Atemzug mit Raffaels „Sixtinischer Madonna“ genannt und von der Bedeutung her Leonardo da Vincis „Mona Lise“ gleichgestellt. Und nun noch ein Superlativ: Den Presseberichten zufolge soll sie nun auch das teuerste Altmeistergemälde sein, das in Deutschland je verkauft wurde!

Die Summe, die hier geflossen sein dürfte, hätte wohl meine diesjährige Etatsteigerung von über 50 Millionen Euro – auf die ich schon stolz bin! – komplett aufgezehrt. So viel zu den Dimensionen, in denen wir heute bei Kunstkäufen denken müssen. Kein Wunder, dass wegen der Enge der öffentlichen Haushalte staatliche Museen häufig außen vor bleiben müssen.

Auch, wenn die öffentliche Hand hier chancenlos war, möchte ich deutlich sagen, dass es aus meiner Sicht auf Dauer nicht tragbar ist, dass viele Museen heute über keinen Ankaufstat mehr verfügen. Mein Haus springt den Museen deshalb häufig gemeinsam mit Stiftungen wie der Kulturstiftung der Länder bei, in der Sie, lieber Herr Würth, als stellvertretender Kuratoriumsvorsitzender wirken.

Ein Musterfall ist der Ankauf der „Grauen Passion“ aus der Sammlung des Hauses Fürstenberg für die Staatsgalerie in Stuttgart, für den der Bund 2007 über eine Million geben konnte. Der bedeutende andere Teil des Gesamtkonvoluts der Donaueschinger Gemälde wurde zum Grundstock der Sammlung in der Johanniterkirche hier in Schwäbisch Hall und konnte so geschlossen in Deutschland bewahrt und – was besonders wichtig ist – weiterhin gezeigt werden.

Wir müssen uns allerdings angesichts der Preisexplosion im Kunstmarkt eingestehen, dass es der öffentlichen Hand in Deutschland schlichtweg unmöglich ist, alles zu finanzieren, was vielleicht wünschenswert wäre. Kunst und Kultur brauchen auch privaten Einsatz! Die Bundesregierung hat darum in den letzen Jahren etliche gesetzliche Änderungen initiiert, die bürgerschaftliches Engagement auch steuerlich attraktiver machen.

Man kann mit etwas größerer Gelassenheit die Debatte, die im Rahmen des Ankaufs der Schutzmantelmadonna entstanden ist, bewerten, wenn wir uns klar machen, dass Kunst immer schon auch im privaten Auftrag entstanden ist, von Privatleuten gekauft und weiterverkauft, aber vor allem auch bewahrt wurde. Das gilt auch für die Holbein-Madonna. Sie wäre nie entstanden, wenn es die Liebe zur Kunst nicht gegeben hätte!

Mitten in den Wirren der frühen Reformation wurde sie vom altgläubig gebliebenen ehemaligen Basler Bürgermeister Meyer als privates Andachtsbild in Auftrag gegeben. In den folgenden fast fünf Jahrhunderten hatte sie über ein Dutzend Vorbesitzer.

Angesichts dieser bewegten Geschichte und der Einzigartigkeit eines solchen Werks wird man nachdenklich. Man kann von der Kunst besessen sein – wie Sie, lieber Herr Würth – aber: kann man sie auch wirklich besitzen? Ein Meisterwerk wie Holbeins Schutzmantelmadonna ist immer auch ein Teil eines größeren Ganzen, Teil eines nationalen kulturellen Erbes. Und hier setzt nun heute die Verantwortung des Staates ein. Wir müssen dafür sorgen, dass unser kulturelles Erbe im Land bleibt.

Dafür gibt es das „Gesamtverzeichnis national wertvollen Kulturgutes“ der Länder, das der Bund veröffentlicht. Die Liste stellt unser Kulturerbe unter staatlichem Schutz vor dauerhafter Ausfuhr und entzieht es – im gewissen Sinn – den Spekulationen des internationalen Kunstmarktes. Hätte die Schutzmantelmadonna ins Ausland verkauft werden können, wären mit Sicherheit noch ganz andere Preise ins Spiel gekommen!

Der Kulturgutschutz ist für mich ein ganz wichtiges Thema, sei es unter dem Aspekt des Erhalts, der Rückführung von Kulturgut, der Restitution oder der breiten Verfügbarkeit von Informationen. Transparenz ist dabei ein zentraler Aspekt bei der Bewahrung von Kulturgütern. Darum haben wir dafür gesorgt, dass seit 2010 das „Gesamtverzeichnis national wertvollen Kulturgutes“ für die interessierte Öffentlichkeit online zugänglich ist.

Schon 2006 habe ich anlässlich einer Tagung meines Hauses zum Thema Kulturgutschutz dafür plädiert, dass auch Kulturgut in Besitz öffentlicher Museen und nicht nur in privater Hand in die Liste eingetragen werden kann. Seit 2007 ist das der Fall. Erst kürzlich wurde die Himmelsscheibe von Nebra aufgenommen. Die Eintragung von Kulturgut auch aus Sammlungen im öffentlichen Besitz ist eine Versicherung dagegen, dass in Zeiten knapper Kassen und harter Sparvorgaben Museumsbestände zum Opfer kurzsichtiger Haushaltspolitik werden. Und, wenn immer solche Versuchungen auftreten, werde ich mich massiv dagegen wenden!

Meine Damen und Herren, lieber Herr Professor Würth,
Unternehmer wird nur, wer tatsächlich etwas unternimmt. Und das haben Sie Zeit Ihres Lebens. Mit der gleichen Kreativität, der Unverdrossenheit und dem Mut, mit dem Sie das kleine väterliche Unternehmen in einer fast beispiellosen Erfolgsgeschichte zum internationalen Marktführer Ihrer Branche ausgebaut haben, engagieren Sie sich seit Jahren auch für die Kultur.

Mit einem nicht unerheblichen Teil Ihres Vermögens haben Sie seit den 1960er Jahren bedeutende Kunstsammlungen aufgebaut, Museen in Deutschland sowie an den internationalen Unternehmenssitzen der Würth-Gruppe geschaffen und zudem 1987 eine Stiftung gegründet. Sie sagen selbst immer wieder, dass Sie sich im besonderen Maße der Erfüllung des Artikels 14 des Grundgesetzes verbunden fühlen. Dort heißt es: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen“. Den Meldungen der Medien ist zu entnehmen, dass Sie als neuer Eigentümer des Gemäldes die Möglichkeit seiner vorübergehenden Ausleihe an Museen außerhalb von Schwäbisch-Hall nicht ausgeschlossen haben!

Ich habe durchaus Verständnis dafür, dass die beiden renommierten Museen in Hessen – das Landesmuseum in Darmstadt und das Städel in Frankfurt –, wo sich das Kunstwerk immerhin 150 Jahre lang befand, da Hoffnung schöpfen!

Ich gratuliere Ihnen, Herr Professor Würth, zum neuen Glanzpunkt Ihrer Sammlung Alter Meister. Und wir alle sind dankbar, dass es mit Reinhold Würth einen Glücksfall für die Kultur gibt.

Montag, 23. Januar 2012

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