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Rede von Kulturstaatsminister Bernd Neumann anlässlich des Abendessens mit ehemaligen KZ-Überlebenden

Redner:
Bernd Neumann
Gehalten:
Montag, 22. April 2013

Das Abendessen fand auf Einladung des französischen Botschafters in Berlin statt. In seiner Rede betonte Staatsminister Bernd Neumann: "Wir werden die Erinnerung auch in der Zukunft, insbesondere im Hinblick auf die nachfolgenden Generationen, aufrecht erhalten, nicht zuletzt, um die Bedeutung von Toleranz, Freiheit und Menschenrechten als unabdingbare Grundfeste unserer Demokratie immer wieder neu zu begreifen."

- Es gilt das gesprochene Wort. -

Anrede,
es bewegt mich immer wieder sehr, wenn ich die Gelegenheit habe, mit Überlebenden von Konzentrationslagern zusammenzutreffen. Ich suche diese Gelegenheiten. So erinnere ich, verehrte Frau Dr. Chalut, Präsidentin des Internationalen Ravensbrück-Komitees, an unsere erste Begegnung im Juli 2007 in der Gedenkstätte Ravensbrück, dann an unser Treffen 2010 im Bundeskanzleramt und ich freue mich, Sie heute hier in der Französischen Botschaft wiederzusehen.

Ebenso herzlich begrüße ich Roger Bordage, den Präsidenten des Internationalen Sachsenhausen-Komitees. Wir sind uns zum letzten Mal im April 2012 in der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen begegnet zur Präsentation der dort neugestalteten Freiflächen.

Ich bin mir bewusst, dass die Feierlichkeiten zum Gedenken an die Befreiung der Konzentrationslager kräfteraubend sind – physisch, aber auch emotional –, und ich weiß es deshalb umso mehr zu schätzen, dass heute Abend circa 20 Überlebende aus den ehemaligen Konzentrationslagern Sachsenhausen und Ravensbrück anwesend sind. Das ist für uns eine große Ehre.

Lieber Herr Botschafter, wir haben uns im vergangenen Sommer über das Thema Aufarbeitung und Versöhnung in einem sehr anregenden Gespräch ausgetauscht. In diesem Jahr feiern wir den 50. Jahrestag des Elysee-Vertrags, der unsere Beziehungen insbesondere auch auf kulturellem Gebiet wieder neu belebt und beflügelt. Auch die ernsten Themen bleiben nicht außen vor, und so freue ich mich, dass Sie die Initiative zu diesem Empfang ergriffen haben.

Vier Jahre ist es nun her, dass Sie, verehrte Madame Chalut, sowie der Ende 2009 verstorbene Pierre Gouffault mit den anderen Präsidenten der Internationalen Häftlingskomitees das Vermächtnis der Überlebenden im Anschluss an die Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus im Deutschen Bundestag am 27. Januar 2009 an Bundestagspräsident Prof. Lammert feierlich überreicht haben. Dieses Vermächtnis der KZ-Häftlinge ist ein sehr eindringlicher Appell an Staat und Gesellschaft, und ich kann Ihnen versichern, dass er Gehör findet!

Für die Bundesregierung kommt dem Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus in der deutschen Erinnerungskultur eine unvergleichlich hohe Bedeutung zu – jetzt und für alle Zeiten.
In besonders nachdrücklicher Erinnerung ist mir das Zusammentreffen in Berlin gut ein Jahr später, im April 2010, geblieben.

Damals wurde bundesweit der 65. Jahrestag der Befreiung der Konzentrationslager begangen, und ich hatte alle Präsidenten der Internationalen Häftlingskomitees zu einem Gespräch ins Bundeskanzleramt eingeladen.

Damals sprachen wir sehr intensiv und offen darüber, auf welche Weise das Vermächtnis der Überlebenden in der Gedenkpolitik des Bundes lebendig gehalten werden kann. Dabei waren wir uns einig darüber, dass den KZ-Gedenkstätten in Deutschland dabei herausragende Rolle zukommt. Sie sind authentische Orte des Erinnerns an die Opfer der Verbrechen des Nationalsozialismus und sie sind Orte des Lernens zugleich und müssen als solche gepflegt und bewahrt werden.

Sie, Frau Chalut und Herr Bordage, mahnten bei unserem Treffen im Jahr 2010 beispielsweise an, dass die in der DDR-Zeit in der Gedenkstätte Sachsenhausen errichtete große Mauer beseitigt werden müsse, da sie die gesamte historische Perspektive verfälsche. Ich freue mich, dass Ihrem Wunsch entsprochen und das Problem gelöst wurde. Auch Ihre Mahnung, dass das Erinnern an die Opfer der so genannten “Euthanasie“ verstärkt werden müsse, wurde beherzigt.

Letzten August konnten wir die gemeinsam mit dem Land Brandenburg finanzierte Gedenkstätte für die Opfer der Euthanasie-Morde in Brandenburg an der Havel einweihen. Im Juli dieses Jahres wird mit dem Bau des T4-Denkmals begonnen, das mitten in Berlin am Tiergarten ebenfalls an diese Menschheitsverbrechen erinnert.

Meine Damen und Herren,
auch die wissenschaftliche und pädagogische Arbeit der Gedenkstätten auf modernstem Stand ist unverzichtbar – vor allem, da eines Tages die Stimmen der Überlebenden verstummen werden, die bis heute eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart schlagen.

Im Vermächtnis der Überlebenden heißt es: “Unsere Reihen lichten sich. Die letzten Augenzeugen wenden sich an Deutschland, an alle europäischen Staaten und die internationale Gemeinschaft, die menschliche Gabe der Erinnerung und des Gedenkens auch in Zukunft zu bewahren und zu würdigen.“

Für die Bundesrepublik Deutschland bleibt dieses dauerhafte Aufgabe und Verpflichtung. Die Einrichtung der neuen Hauptausstellung der Gedenkstätte Ravensbrück, die gestern eröffnet wurde, dokumentiert dieses. Aber selbst die umfassendste Ausstellung kann nur ein schwaches Abbild jenes Grauens geben kann, das die Häftlinge in den Lagern durchlitten.

Wir werden die Erinnerung auch in der Zukunft, insbesondere im Hinblick auf die nachfolgenden Generationen, aufrecht erhalten, nicht zuletzt, um die Bedeutung von Toleranz, Freiheit und Menschenrechten als unabdingbare Grundfeste unserer Demokratie immer wieder neu zu begreifen.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche uns allen einen Abend mit vielen anregenden Gesprächen.

Dienstag, 23. April 2013

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