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Rede von Kulturstaatsminister Bernd Neumann anlässlich des Festakts zum 100. Gründungsjubiläum der Deutschen Nationalbibliothek

Redner:
Bernd Neumann
Gehalten:
Dienstag, 2. Oktober 2012

In seiner Rede ging Staatsminister Bernd Neumann auf die Geschichte der beiden Häuser in Leipzig und Frankfurt am Main ein. Er hob den Bestand als einen wahren Schatz des Wissens und der Geschichte hervor und wies auf den herausragenden Beitrag zum Aufbau des virtuellen Museums „Künste im Exil“ und "Deutsche Digitale Bibliothek" hin.

- Es gilt das gesprochene Wort. -

Anrede,

„Eine Bibliothek ist nicht etwa eine Lagerstätte für tote Buchstaben. Die alten Ägypter nannten sie ‚Haus des Lebens‘“. Mit diesen Worten würdigte Bundeskanzler Helmut Kohl vor 15 Jahren den Neubau der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt. Hier in Leipzig, im Großen Lesesaal, können wir heute gemeinsam das 100-jährige Bestehen dieses „Haus des Lebens“ feiern, des Gedächtnisses der deutschen Kulturnation!

Die Deutsche Nationalbibliothek wurde in einer Zeit des Aufbruchs und auch der Krisen gegründet, am Ausgang des so genannten „langen 19. Jahrhunderts“, das aus historischer Sicht von der Französischen Revolution bis zum Ersten Weltkrieg dauerte. Es war das Jahrhundert des Bürgertums und des Nationalstaats, aber auch der Demokratiebestrebungen in ganz Europa, an dessen Ende die Welt endgültig in die Moderne eintrat.

Die Deutsche Nationalbibliothek spiegelt die Besonderheiten der deutschen Geschichte wider wie kaum eine zweite Institution unseres Landes. Deutschland war kein Zentralstaat, und es waren immer wieder Private, die sich für die Gründung einer Nationalbibliothek stark machten.

So wurde bereits 1843 in einer Eingabe an die Preußische Akademie der Wissenschaften gefordert, man solle nach französischem Vorbild von jedem gedruckten Werk ein Exemplar in einer Deutschen Nationalbibliothek aufbewahren. Es war niemand Geringeres als Jacob Grimm, der als Gutachter der Akademie die Eingabe mit der Begründung abschlägig beschied, es gäbe bereits genug Bibliotheken im Land!

Nach der Reichsgründung 1871 scheiterte die Einrichtung einer zentralen Reichsbibliothek zunächst an den föderalen Strukturen. Erst rund vierzig Jahre später erfolgte – wiederum auf private Initiative – der Anstoß zur Gründung einer solchen Bibliothek.

Wir verdanken der Beharrlichkeit der damaligen Vertreter des Börsenvereins der Deutschen Buchhändler die Schaffung der Deutschen Bücherei mit Sitz hier in der Verlagsstadt Leipzig. Es waren also Ihre Vorgänger, lieber Herr Skipis, die Deutschland letztendlich dieses Geschenk einer Nationalbibliothek machten!

Am 3. Oktober 1912 unterzeichneten das Königreich Sachsen, die Stadt Leipzig und der Börsenverein der deutschen Buchhändler den Gründungsvertrag. Ab dem 1. Januar 1913 sammelte die so genannte Deutsche Bücherei alle Erzeugnisse des gesamten Buchhandels im deutschen Sprachgebiet – also auch die Österreichs und der Schweiz.

Auch, wenn später noch weitere Sammelgebiete hinzu kamen, ist die Sammlung aller Druckerzeugnisse der deutschsprachigen Verlagsproduktion bis heute die Kernaufgabe der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Deutsche Bücherei etablierte sich nach der Gründungsvereinbarung rasch und erhielt alsbald große Anerkennung, war aber auch von den wechselnden politischen Verhältnissen geprägt. So war ihre Existenz in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts durch finanzielle Schwierigkeiten stark gefährdet. Ab 1923 beteiligte sich schließlich das Deutsche Reich mit 40 Prozent der Kosten, und mitten im 2. Weltkrieg – im Jahr 1940 – übernahm der Staat die Finanzierung ganz.

Mit der deutschen Teilung wurde die Deutsche Bücherei in Leipzig allein von der DDR vereinnahmt. Die Teilung machte die Erfüllung des übergreifenden Sammelauftrags fast unmöglich. In der Bundesrepublik entstand dann die „Deutsche Bibliothek“ in Frankfurt als Pendant zu ihrer Schwester in Leipzig. Mit gleicher Hingabe gingen die beiden Häuser – wenn auch getrennt – ihrer Aufgabe nach.

Erst durch die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten, die wir am morgigen Tage zum 23. Mal feiern, kamen die Bibliotheken zusammen. Am 3. Oktober 1990 wurde ein Direktor für beide Häuser bestellt.

Dann musste ein gemeinsamer Name gefunden werden. Mein Vorschlag damals war natürlich Deutsche Nationalbibliothek! Nach intensiven Diskussionen mit den Ländern – und nach hinhaltendem Widerstand von Bayern und Berlin – wurde 2006 durch Gesetzesnovelle die Bezeichnung Deutsche Nationalbibliothek festgelegt. Durch alle Wirren der Zeitläufte hielt die Deutsche Nationalbibliothek stets an ihrem Auftrag fest, Gedrucktes und Publiziertes zu sammeln, zu bewahren und für die Benutzung bereitzustellen.

Wir haben es der verantwortungsvollen Arbeit der Mitarbeiter zu verdanken, dass wir heute von einem fast 27 Millionen Medieneinheiten umfassenden Bestand sprechen dürfen, der in den Magazinen bewahrt wird– ein wahrer Schatz des Wissens und der Geschichte.

Meine Damen und Herren,
die Direktoren beider Bibliotheken aus der damaligen Zeit sind heute anwesend. Meine Herren, als Generaldirektoren haben Sie lange Jahre die Verantwortung für diese Schatzhäuser des Wissens getragen. Sie haben das gemeinsame Haus Deutsche Nationalbibliothek so gut bestellt, so dass es nach der Wiedervereinigung rasch zu einer Einheit werden konnte. Deshalb heute ein herzliches Dankeschön an Professor Klaus-Dieter Lehmann und Professor Helmut Rötzsch!

Meine Damen und Herren,
auch in Zeiten von Verfolgung durch die Nationalsozialisten, von Exil und Emigration fanden die Werke von Künstlern und Autoren in der Deutschen Bücherei Leipzig eine Heimat. In Frankfurt begann die Deutsche Bibliothek zudem bald nach dem Zweiten Weltkrieg damit, das „Deutsche Exilarchiv 1933-1945“ aufzubauen. Darüber hinaus wird jetzt unter Verantwortung der Deutschen Nationalbibliothek ein virtuelles Museum „Künste im Exil“ aufgebaut, für das ich zusätzlich zur jährlichen Zuwendung von 42,3 Millionen Euro, 750.000 Euro zur Verfügung stelle.

Es wird dazu beitragen, an das Werk und Schicksal zahlloser verfolgter, vertriebener oder gar vergessener Künstler zu erinnern und zukünftige Generationen für dieses Thema zu sensibilisieren. Das Thema „Künste im Exil“ ist gerade in Deutschland mit seiner doppelten Diktaturvergangenheit von großer Bedeutung!

Meine Damen und Herren,
Information gilt als Schlüsselressource des 21. Jahrhunderts. Bibliotheken als Informationslieferanten par excellence stehen deshalb vor der Aufgabe, ihre Rolle in der Informationsgesellschaft neu zu definieren. Denn dieser Wandel birgt durchaus auch Gefahren. So spricht man mittlerweile von einer „Informationsexplosion“.

Wo früher das Ende einer Büchersuche mit dem letzten Karteikasten eines Zettelkatalogs absehbar war, sind wir heute mit der kaum überschaubaren digitalen Welt konfrontiert.
Die Aufgabe des Bibliothekars wird also zukünftig darin bestehen, dem Nutzer Wege durch das Informations-Dickicht aufzuzeigen.

Gerade im Hinblick auf diese Zukunftsaufgaben hat die Deutsche Nationalbibliothek beeindruckende Erfolge aufzuweisen. Sie hat einen entscheidenden Beitrag zur Verwirklichung der Deutschen Digitalen Bibliothek – für die der Bund bislang über 11 Millionen Euro zur Verfügung gestellt hat – und der Europäischen Digitalen Bibliothek geleistet.

Diese beiden umfassenden Portale für die deutsche und europäische Kultur und Wissenschaft stellen einen wesentlichen Schritt dar, um viel mehr Menschen den Zugang zu unseren Kulturgütern zu eröffnen. Wir werden im Haushalt 2013 weitere beträchtliche Mittel zur Digitalisierung bereitstellen, bei deren Vergabe die Deutsche Nationalbibliothek unser Partner ist.

Liebe Frau Niggemann, Sie spielen im nationalen und internationalen Kontext eine Vorreiterrolle in diesen wichtigen Zukunftsfragen und haben nicht zuletzt in ihrer Zeit als Vorsitzende der Europeana-Stiftung viel Ehre für Deutschland eingelegt!

Einen Meilenstein konnten Sie zudem mit der Fertigstellung des 4. Erweiterungsbaus in Leipzig setzen, den wir im vergangenen Jahr eingeweiht haben und für den der Bund 60 Millionen Euro zur Verfügung gestellt hat. Auch die Integration des Deutschen Musikarchivs und die Eröffnung der neuen Dauerausstellung des Deutschen Buch- und Schriftmuseums möchte ich erwähnen. Ich danke Ihnen sehr für Ihren Einsatz und Ihre Tatkraft, und ich wünsche der Deutschen Nationalbibliothek weiterhin viel Erfolg!

Dienstag, 2. Oktober 2012

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