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Rede von Kulturstaatsminister Bernd Neumann anlässlich des Kongresses „Aussöhnung als Aufgabe. Deutschlands Arbeit an den Kriegsfolgen seit 1945“

Redner:
Bernd Neumann
Gehalten:
Montag, 15. Oktober 2012

In seiner Rede betonte Kulturstaatsminister Bernd Neumann die Aufgaben der insgesamt sieben vom Bund geförderten Landes- und Spezialmuseen, die das Kulturerbe der Deutschen im östlichen Europa für jedermann erfahrbar machen: "Sie verstehen ihre Arbeit als zukunftsorientierte Aufgabe. Das Bewahren der Erinnerung an eine für immer verlorene Lebenswelt bestimmt den einen Teil der Ausstellungsaktivitäten. Ziel ist zunehmend aber auch, den Blick zu öffnen für ehemals deutsche Provinzen und Siedlungsgebiete, in denen durch ihre heutigen Bewohner Kunst und Kultur in einer ganz eigenen Weise geprägt werden. Der BKM investiert bewusst in die Zukunftsfähigkeit dieser Museen und ihrer Aufgaben."

- Es gilt das gesprochene Wort. -

Anrede,

ich begrüße es außerordentlich, dass sich die CDU/CSU-Fraktion des Themas „Deutschlands Arbeit an den Kriegsfolgen seit 1945“ mit einem eigenen Kongress angenommen und in die Perspektive der Aussöhnung gestellt hat. Als Kulturstaatsminister bin ich mit verschiedenen Aspekten dieser Arbeit befasst, deren brückenbildende, vermittelnde Wirkung für mich außer Zweifel steht.

Ich erwähne hier eingangs nur die Gedenkstättenförderung des Bundes, die ebenfalls von meinem Haus betreute Aufgabe der Kulturgüterrückführung sowie selbstverständlich die Kulturförderung des Bundes nach § 96 Bundesvertriebenengesetz.

Die Folgen des Zweiten Weltkrieges durchdringen in vielfacher Hinsicht nach wie vor die politischen Landschaften in Deutschland und Europa. Wie kann es nach einem verheerenden Krieg dieses Ausmaßes, den Verbrechen unter dem Nationalsozialismus und dem Zivilisationsbruch des Holocaust auch anders sein?

Die Kriegsfolgen trafen Deutsche in den damaligen Ostgebieten des Deutschen Reichs und in den Siedlungsgebieten des östlichen Europa besonders hart: Die Meisten mussten fliehen oder wurden gezwungen, ihre angestammte Heimat aufzugeben. Ich selbst habe das als Flüchtling aus Elbing in Westpreußen am eigenen Leibe erlebt. In dem von Knappheit beherrschten, ausgezehrten Nachkriegsdeutschland wurden Flüchtlinge oftmals nicht mit offenen Armen empfangen.

Mich beeindruckt das Lebensbejahende, das trotz allem in vielen Schilderungen dieser Jahre zum Ausdruck kommt. Hans Graf von Lehndorff schrieb unter dem Datum des 12. April 1945 in sein „Ostpreußisches Tagebuch“: „Wie Jona in des Fisches Bauch komme ich mir vor und kann es mit dankerfülltem Herzen erwarten, wo er mich wieder an Land spucken wird. Das zweite Leben hat begonnen... mein Gebet geht um nichts anderes mehr als um ein Fünkchen Humor und um ein offenes Auge für alles, was noch kommen mag.“

Diese Offenheit und der Wille zum Neuanfang zeichnete viele Flüchtlinge und Vertriebene aus. Das kann ich auch von meinen Eltern sagen. Unter widrigen Bedingungen vollbrachten die Flüchtlinge einen bewundernswerten Kraftakt und trugen maßgeblich zum Wiederaufbau des Landes und der deutschen Gesellschaft bei. Auch heute zeigen viele noch außergewöhnliches ehrenamtliches Engagement, knüpfen Kontakte zur alten Heimat, schließen neue Partnerschaften mit unseren östlichen Nachbarn.

Ohne ihre Sorgfalt und Mitwirkung – z. B. im Rahmen von Heimatsammlungen – wären der Erhalt und die Pflege unseres deutschen Kulturerbes ungleich schwieriger. Den Vertriebenen in der DDR war es verboten, sich zu ihrem Vertreibungsschicksal zu Wort zu melden oder gar zu organisieren. Unter der ideologischen Zwangsjacke des Kommunismus gab es dafür keinen Platz. Seit der Wiedervereinigung trägt der Bund aktiv dazu dabei, das Wissen um die Kultur und Geschichte der Vertriebenen in den neuen Ländern wieder „aufzuforsten“.

Zusätzlich zu den bereits vorhandenen Einrichtungen in Westdeutschland, die sich dem deutschen Kulturerbe in Osteuropa widmen, entstanden in den neuen Bundesländern das Schlesische Museum in Görlitz, das Pommersche Landesmuseum in Greifswald und auch das Deutsche Kulturforum östliches Europa in Potsdam.

Die insgesamt sieben vom Bund geförderten Landes- und Spezialmuseen machen das Kulturerbe der Deutschen im östlichen Europa für jedermann erfahrbar. Sie verstehen ihre Arbeit als zukunftsorientierte Aufgabe. Das Bewahren der Erinnerung an eine für immer verlorene Lebenswelt bestimmt den einen Teil der Ausstellungsaktivitäten.

Ziel ist zunehmend aber auch, den Blick zu öffnen für ehemals deutsche Provinzen und Siedlungsgebiete, in denen durch ihre heutigen Bewohner Kunst und Kultur in einer ganz eigenen Weise geprägt werden. Der BKM investiert bewusst in die Zukunftsfähigkeit dieser Museen und ihrer Aufgaben. Der Ausbau und die Modernisierung des Ostpreußischen Landesmuseums in Lüneburg und seine Erweiterung um eine deutschbaltische Abteilung stehen unmittelbar bevor.

Das Westpreußische Landesmuseum Münster wird in Kürze in das ehemalige Franziskanerkloster in Warendorf umziehen, verbunden mit einer umfassenden Modernisierung der Dauerausstellung, was mich als gebürtigen Westpreußen auch ganz persönlich freut.

Eine hervorragende Ergänzung der Museumsarbeit bilden die auf dem Gebiet der kulturellen Vermittlung tätigen Kulturreferentinnen und -referenten. Zugleich sind sie in besonderer Weise Ansprechpartner und Förderer von kulturellen Projekten der Landsmannschaften. Für diese spezielle Aufgabe wurden die Etats der Kulturreferenten 2006 zweckgebunden um 180.000 Euro jährlich erhöht. Die Kulturreferentinnen und -referenten leisten eine ausnehmend ideenreiche kulturelle Bildungs- und Jugendarbeit.

Sie sind damit bereits an vielen Schulen fester Bestandteil des Jahresprogramms. In ihren Bezugsregionen im östlichen Europa verfügen sie über ein fest geknüpftes Netzwerk von Kooperationspartnern. Geradezu sinnbildlich für den Erfolg des grenzüberschreitenden europäischen Ansatzes erscheint mir die Tatsache, dass drei Kulturreferentinnen aus Polen stammen. Die Kulturreferate haben sich so außerordentlich bewährt, dass ihre zunächst befristet geschaffenen Stellen 2009 verstetigt werden konnten.

Nach außen wahrnehmbare Leuchtzeichen sind naturgemäß Maßnahmen zum Erhalt deutscher Bau- und Kulturdenkmäler. Beispielhaft erwähne ich die Sanierung der Marienkirche in Chojna, dem früheren pommerschen Königsberg bei Stettin, oder die Restaurierung des mittelalterlichen „Jerusalem-Hospitals“ unweit der weltberühmten Marienburg im polnischen Malbork.

Im vergangenen Jahr war ich Zeuge einer besonders schönen „Synergie“ von deutschem Kulturerbe und heutiger Nutzung, als die Peter-Maffay-Stiftung im rumänischen Radeln ihr „Kinderhaus Rumänien“ eröffnete – benachbart und in Verbindung zur historischen Kirchenburg, deren Erhalt von meinem Haus gefördert wird. Ich meine, plastischer ist kaum zum Ausdruck zu bringen, dass unser deutsches Kulturerbe im östlichen Europa in Gegenwart und Zukunft eine überbrückende und aussöhnende Wirkung entfalten kann.

Ein großer Teil der von uns geförderten Kulturprojekte wird in Kooperation mit Partnern aus unseren östlichen Nachbarländern durchgeführt. Längst hat sich dort die Erkenntnis durchgesetzt, dass das kulturelle Erbe der Deutschen in engem Bezug zur eigenen Kultur- und Gesellschaftsgeschichte steht. Bei meinen verschiedenen Reisen nach Osteuropa und Gesprächen mit meinen Amtskollegen z. B. in Warschau, Budapest oder im rumänischen Radeln – auch bei Begegnungen mit der Bevölkerung vor Ort – habe ich mich davon überzeugen können, dass ein großes Interesse an Zusammenarbeit vorhanden ist.

Bezeichnenderweise sind die im Ausland eingerichteten und von uns finanzierten Stiftungsprofessuren für deutsche Kultur und Geschichte ein Erfolgsmodell: Sämtliche Lehrstühle an den Universitäten in Olmütz (Tschechien), Klausenburg (Rumänien) und Fünfkirchen/Pécs (Ungarn) wurden nach Auslaufen der Stifterphase mit einheimischer Finanzierung fortgeführt.

Doch da ist noch mehr: Von Deutschen geprägte Kultur und Geschichte im östlichen Europa mit all ihren Verschränkungen bilden einen Ansatzpunkt für die Herausbildung einer europäischen Erinnerungskultur, das nicht mehr in nationalen Mustern verhaftet ist. Sie hat europäische Relevanz. Diese Sichtweise wird von unseren osteuropäischen Partnern geteilt.

Heutzutage wird dieses gemeinsame Erbe ganz selbstverständlich in grenzüberschreitenden Kooperationen bewahrt, erforscht und vermittelt. Um mit dem bekannten ostpreußischen Schriftsteller Arno Surminski zu sprechen: „Wir müssen wissen, woher wir kommen, damit wir erfahren, wohin wir gehen.“

Das Kulturerbe der historischen deutschen Ost- und Siedlungsgebiete hat mittlerweile einen festen Platz in unserer Erinnerungsarbeit. Mehr als das: Dieses Erbe lebt! Denn junge Deutsche zeigen vermehrt Interesse, nicht aufgrund eigener Herkunft – das auch –, sondern aus wachsender historischer Neugier heraus.

Unsere Fraktion hat diese Entwicklung aufgegriffen und in dem Antrag „60 Jahre Charta der deutschen Heimatvertriebenen“ unter anderem auf die Bedeutung der Förderung wissenschaftlichen Nachwuchses hingewiesen. Es ist vor diesem Hintergrund als großer Erfolg und als Bestätigung unserer Bemühungen zu werten, dass mein Ressort seit 2011 an der Forschungsinitiative des Bundes partizipiert. Dies unterstreicht die wissenschaftspolitische Aktualität und gesellschaftliche Relevanz des Themenfeldes.

Mein Haus hat daraus ein Akademisches Förderprogramm aufgelegt, mit dem insbesondere Nachwuchswissenschaftler und innovative Projekte gefördert und die Thematik an den Universitäten verankert werden soll. Von 2011 bis 2014 stehen dafür im Schnitt 800.000 Euro jährlich zur Verfügung.

Die Resonanz auf die bisherigen Projektausschreibungen im Rahmen des Programms ist überwältigend: Es gingen weitaus mehr Anträge ein, als gefördert werden konnten; viele neue Kooperationspartner konnten gewonnen werden. Zudem hat der BKM zwei Juniorprofessuren ausgeschrieben; den Zuschlag erhielten die Universität Tübingen und die TU Berlin.

Das Modell der Juniorprofessuren ist besonders erfolgversprechend, da es in der heutigen, reformgeprägten Universitätslandschaft gut angenommen wird. Ziel ist die Schaffung von Forschungsschwerpunkten, die in der Universitätsstruktur verankert sind und selbstbewusst den Fokus auf die Geschichte und Kultur der Deutschen im östlichen Europa legen.

Offenbar wirkt der BKM damit beispielgebend. Ich freue mich zu hören, dass in Bayern von Landesseite über die Einrichtung vergleichbarer Juniorprofessuren nachgedacht wird. Dies alles stimmt erwartungsvoll. Das Akademische Förderprogramm hat das Potenzial, zu einem Motor der Wissenschaftsförderung nach dem Bundesvertriebenengesetz zu werden, bei dem mit durchaus überschaubaren Mitteln viel bewirkt werden kann. Dieses erfolgreiche Programm muss unbedingt auch nach 2014 fortgesetzt werden!

Die so eben diskutierte „Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ wird die bestehende Kultur- und Wissenschaftsförderung des Bundes nach dem Vertriebenengesetz sinnvoll ergänzen. Als Vorsitzender des Stiftungsrates freue ich mich besonders, dass in diesem Jahr mit dem erfolgreichen Abschluss des Architektenwettbewerbs und der einvernehmlichen Verabschiedung der Ausstellungskonzeption zwei Meilensteine gesetzt wurden.

Die Tageszeitung „Die Welt“ hat das Konzept als „großen Schritt für bessere Nachbarschaft und gegenseitiges Verständnis“ gewertet. Die auch sonst erfreulich positive Berichterstattung im In- und Ausland verdeutlicht, dass die Konzeption auf breite Akzeptanz stößt und als ausgewogen empfunden wird. Ich bin stolz darauf, dass dieses gelungen ist.

Ich danke an dieser Stelle besonders den sechs Mitgliedern des Bundes der Vertriebenen im Stiftungsrat für ihre kompetente und vertrauensvolle Mitarbeit; aber auch den Vertretern des Deutschen Bundestages, wie Klaus Brähmig und Stephan Mayer! Dem Stiftungsrat stand ein prominent besetzter internationaler Wissenschaftlicher Beraterkreis unterstützend zur Seite.

Stellvertretend für diese danke ich den anwesenden Professoren, dem Vorsitzenden Stefan Troebst und Professor Norman Naimark. Aber eines möchte ich an dieser Stelle ausdrücklich feststellen: Ohne die Initiative und Beharrlichkeit der Vorsitzenden des Bundes der Vertriebenen und MdB-Kollegin Erika Steinbach gäbe es dies alles nicht! Deshalb sage ich Dir, liebe Erika, ein herzliches Dankeschön für Deinen langjährigen, engagierten Einsatz.

Durch den Umbau des Deutschlandhauses erhält die Stiftung an historischem Ort und in bester Lage einen zeitgenössischen Museumsbau mit mehr als 3.000 Quadratmetern Nutzfläche, der in der Berliner Gedenkstättenlandschaft keinen Vergleich zu scheuen braucht. Ihnen, lieber Herr Professor Kittel, als dem Direktor der Stiftung, wünsche ich bei Ihrer Stiftungsarbeit weiterhin viel Erfolg.

Meine Damen und Herren,
abschließend möchte ich darauf hinweisen, dass ich den Etat zum Erhalt und zur Pflege des Kulturerbes der Deutschen im östlichen Europa in meiner Amtszeit von 13 Mio. auf 17 Mio. Euro erhöht habe. Ich bin davon überzeugt, dass dieses Geld gut investiert ist! Denn es geht um nichts weniger als einen bedeutenden Teil unserer Geschichte und unserer deutschen und europäischen Identität.

Montag, 15. Oktober 2012

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