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Rede von Kulturstaatsminister Bernd Neumann zum Start der virtuellen Ausstellung "Künste im Exil"

Redner:
Bernd Neumann
Gehalten:
Mittwoch, 18. September 2013

Durch das Projekt "Künste im Exil" werde erstmalig die unschätzbar wertvolle Arbeit zahlreicher Einrichtungen und Initiativen digital vernetzt und aus einer neuen Perspektive zugänglich gemacht, erklärte Kulturstaatsminister Bernd Neumann zum Start der virtuellen Ausstellung.

- Es gilt das gesprochene Wort.-

Anrede,

ich begrüße Sie alle herzlich!

Ich freue mich besonders, dass mit Herta Müller, Liaou Yiwu und Parastou Forouhar drei herausragende Stimmen der Literatur und der Kunst an der heutigen Präsentation hier im Bundeskanzleramt teilnehmen. Ihre Werke sprechen auf das Eindringlichste über die Schrecken von Verfolgung und Verhaftung, die Todesangst und das unaussprechliche Leid, die Menschen ins Exil treiben – leider bis auf den heutigen Tag.

Sie alle hatten Willkür, Demütigung und Verletzungen ertragen, Sie alle haben Familie und Freunde in Unsicherheit und Bedrängnis zurücklassen müssen und ihre Heimat verloren. Ich kann nur meine tiefe Bewunderung dafür ausdrücken, dass Sie sich, durch alle Schmerzen und Anfeindungen hindurch, Ihre schöpferische Kraft bewahrt haben. Eine Kraft, die Ihnen, so schreiben Sie selbst, oft in schwersten Stunden ein Anker war, der Sie am und im Leben hielt. Haben Sie vielen Dank und herzlich willkommen!

Sie, liebe Herta Müller, haben, gemeinsam mit der Else-Lasker-Schüler Gesellschaft und dem "Zentrum der verfolgten Künste" im Kunstmuseum Solingen, einen entscheidenden Anstoß für die Gründung des Netzwerks "Künste im Exil" gegeben.

Immer wieder sind Sie in Gesprächen, Artikeln und Briefen – unter anderem an mich und die Bundeskanzlerin – dafür eingetreten, dass Deutschland würdig an Vertreibung und Exil von Künstlern, Schriftstellern und Intellektuellen erinnert. Viele Künstler, Schriftsteller und auch Bundestagsabgeordnete – vor allem von CDU, FDP und SPD– haben sich Ihrer Initiative angeschlossen.

Die Bundesregierung will nun mit dem Projekt "Künste im Exil" einen wesentlichen Schritt dazu leisten, Leben und Werk exilierter Künstler und Intellektueller besser zugänglich zu machen.

Über 8.000 Kulturschaffende – Bildende Künstler, Fotografen, Schriftsteller, Architekten, Theater- und Filmregisseure, Tänzer, Schauspieler und Musiker – emigrierten aus dem nationalsozialistischen Machtbereich. Sie hinterließen nicht nur eine schmerzliche Lücke, sondern eine tiefe Wunde.

Nach dem Ende des Krieges wurde leider das Schaffen von Künstlern und Literaten, die während des Nationalsozialismus verfolgt, verfemt, entrechtet und ins Exil getrieben worden waren, hierzulande verdrängt, ja sogar teilweise vergessen.

Manche Künstlerinnen und Künstler prägten zwar durch ihre im Exil geschaffenen Werke ganze Kunstrichtungen, manche wurden international einflussreiche Stimmen wie Stefan Zweig, Lion Feuchtwanger und nicht zuletzt die Brüder Heinrich und Thomas Mann. Viele andere jedoch fanden nach dem Ende des Krieges nie mehr den Weg zurück nach Deutschland. Für Sie galt in ganz besonderem Maß, was Jean-Paul Sartre einmal so formulierte: "Ins Exil gehen heißt, seinen Platz in der Welt verlieren".

Als besonders bittere Erfahrung muss gelten, dass diejenigen, die zurückkamen, oft nicht wieder Fuß fassen konnten und als Künstler ein zweites Mal heimatlos wurden.

Umso verdienstvoller ist es, dass es sich seit vielen Jahren zahlreiche Einrichtungen und Initiativen dezidiert auf die Fahnen geschrieben haben, diesen Teil der deutschen Kultur und Geschichte aufzuarbeiten.

Von Anfang an dabei war das Literaturarchiv Marbach als Deutschlands herausragende Institution unseres literarischen Erbes. Heute sind die Vertreter zahlreicher weiterer Einrichtungen hierher gekommen, die sich am Projekt "Künste im Exil" beteiligen – ich heiße Sie sehr herzlich willkommen! Besonders nennen möchte ich Herrn Professor Raphael Groß und Cilly Kugelmann für die Jüdischen Museen in Frankfurt und Berlin.

Herzlich begrüße ich auch Jürgen Kaumkötter vom Zentrum der Verfolgten Künste im Kunstmuseum Solingen sowie Frau Dr. Ursula Seeber, Leiterin der Österreichischen Exilbibliothek im Literaturhaus Wien, sowie Herrn Dr. Rudolf Probst, den stellvertretenden Leiter des Schweizerischen Literaturarchivs – danke, dass Sie heute hierher nach Berlin gekommen sind.

Ich danke Ihnen allen für Ihr großes Engagement! Das Projekt "Künste im Exil" konnte allein durch Sie Gestalt annehmen und wird durch Sie weiter wachsen – vielen Dank!

Schon die Unterschiedlichkeit der Kunstgattungen, für die die genannten Einrichtungen stehen, zeigt, wie schwer, ja nachgerade unmöglich es sein würde, einen einzigen zentralen Ort für verfolgte Künste zu etablieren, wie es auch vorgeschlagen wurde. Dennoch war es unser fester Wille, ein Zeichen für das Gedenken an exilierte Künstlerinnen und Künstler zu setzen.

Im März des vergangenen Jahres konnte ich den Kulturausschuss des Deutschen Bundestages über die Pläne zur Einrichtung eines dezentralen Netzwerks informieren – und bin damit auf große, parteiübergreifende Zustimmung gestoßen.

Durch das Projekt "Künste im Exil" wird erstmalig die unschätzbar wertvolle Arbeit der zahlreichen Einrichtungen und Initiativen digital vernetzt und aus einer neuen Perspektive zugänglich gemacht. Der geborene Partner für ein solches Netzwerk ist die Deutsche Nationalbibliothek.

Auch in Zeiten von Verfolgung durch die Nationalsozialisten, von Exil und Emigration fanden die Werke von verbotenen und verfemten Künstlern und Autoren in der Deutschen Bücherei Leipzig eine Heimat. In Frankfurt begann die Deutsche Bibliothek zudem bald nach dem Zweiten Weltkrieg damit, das "Deutsche Exilarchiv 1933-1945" aufzubauen.

Die Deutsche Nationalbibliothek wird, das möchte ich betonen, nicht in Konkurrenz zu den Netzwerkteilnehmern treten, sondern ihr gesamtes Know-How zur Verfügung stellen. Zeitlich wird der Focus für „Künste im Exil“ zunächst auf die Zeit von 1933 bis 1945, aber dann auch auf die Emigration aus der ehemaligen DDR oder dem kommunistischen Osteuropa gerichtet. Zudem soll der Bogen zur Situation heutiger Exilkünstler gespannt werden, die in Deutschland eine Zuflucht gefunden haben.

Eine dreiviertel Million Euro hat die Bundesregierung für das Projekt in einem ersten Schritt zur Verfügung gestellt, um die Infrastruktur an der Deutschen Nationalbibliothek zu schaffen. Weitere 2 Millionen Euro fließen in die Digitalisierung von Kunstwerken in den verschiedenen teilnehmenden Einrichtungen, um die virtuelle Ausstellung aufzubauen.

Ich bin davon überzeugt, dass durch den Zugang zu den Einzelschicksalen und zentralen Themen des Exils vergessene Schätze ans Licht kommen werden und Künstlern endlich – spät genug, aber nicht zu spät – die verdiente Anerkennung zuteil wird. Darüber hinaus zeigt das Netzwerk „Künste im Exil“, wie unmittelbar Demokratie und die Freiheit der Kunst miteinander verknüpft sind.

Täglich hören und sehen wir in der Presse, dass nach wie vor überall in der Welt Schriftsteller, Künstler und Schauspieler unterdrückt werden. Viele von Ihnen sind durch Berufsverbote, Verfolgung und Bedrohung gezwungen, ihr Heimatland zu verlassen.
In Erinnerung an die schrecklichen Folgen von Diktatur, Intoleranz und Terror will Deutschland mit Nachdruck Flagge zeigen für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit.

So hat die Bundesregierung im Jahr 1999 gemeinsam mit dem deutschen PEN-Zentrum ein Stipendienprogramm für weltweit bedrohte Schriftsteller ins Leben gerufen, das mit jährlich 340.000 Euro unterstützt wird. Seither konnten wir bereits 30 Stipendiaten einen sicheren Aufenthalt in Deutschland geben.

Meine Damen und Herren,

was Sie nun gleich im Rahmen der Präsentation der heute frei geschalteten Version des Projekts "Künste im Exil" sehen werden, ist nur ein Schaufenster. "Künste im Exil" ist ein lebendiges Projekt und angewiesen auf die stetige Bereitschaft mitzumachen.

Für die Umsetzung des Projektes gilt mein besonderer Dank der Deutschen Nationalbibliothek, liebe Frau Niggemann und liebe Frau Asmus, die die Federführung und Koordination übernommen hat. Die virtuelle Ausstellung "Künste im Exil" wird, davon bin ich überzeugt – wesentliche neue Impulse bei der Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit setzen.

Mittwoch, 18. September 2013

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